‘Avatar – Aufbruch nach Pandora’ – Film von James Cameron
6. Februar 2010
Es gab ein paar gute Gründe dafür, weswegen ich diesen Film gerne sehen wollte. Zum Einen war ich natürlich gespannt auf den neuen Film von James Cameron, denn ‚Titanic’ fand ich zu seiner Zeit recht gelungen. Zum Anderen war ich natürlich auch neugierig auf den hochgelobten 3D-Effekt. Und als ich dann noch von einigen Bekannten hörte, dass der Film ganz gut sein sollte, habe ich meinen Hintern in Bewegung gesetzt, um ihn dann drei Stunden in einen Kinosessel zu drücken. Mit der Brille auf der Nase natürlich.
Und? Bin ich jetzt irgendwie geläutert? Wohl kaum.
Bevor ich aber von meinem Ärger erzähle, den ich heute empfand, als ich an den Film dachte, will ich die guten Seiten nicht unerwähnt lassen.
Diese 3D-Technik ist (noch) ganz interessant, erst recht, wenn sie in so schönen Bildern daherkommt. Das Land auf dem Planeten Pandora ist wunderschön; leuchtende Pflanzen, schillernde Tiere in allen Farben und Formen, der Urwald bei Nacht voller Leben und Leuchten, oder die fliegenden Berge – das alles ist ein Augenschmaus, ich glaube, auch ohne 3D-Effekt schön anzuschauen, mit, aber sicherlich noch eine Spur schöner… Auch die dort ansässigen Wesen mit ihren weit auseinanderstehenden Augen und den schillernden Sommersprossen sind schön anzusehen. Die Phantasie der Macher hat sich hier aufs Genüsslichste ausgetobt. Der Gedanke, dass sich die Einwohner mittels ihres Zopfes mit anderen Lebewesen verbinden können, ist schön und einleuchtend. Und die friedliche Welt, in der man achtungsvoll und naturverbunden miteinander lebt, ist ein Idyll, wie man es sich gern gefallen lässt.
Und weil nichts sein darf, was sein kann, kommen natürlich die bösen Menschen daher, um, nachdem sie die Erde komplett ausgebeutet haben, nun ein neues Ziel zur Zerstörung zu finden.
Womit wir bei den Problemen, die ich mit diesem Film habe, angelangt sind. Erst einmal hatte ich gedacht und gehofft, dass Cameron nicht das niedrigste Niveau der plattesten Plattheiten auffährt. Aber leider: weit gefehlt.
Die Welt, in die ein ehemaliger und jetzt querschnittsgelähmter Marineoffizier durch DNA -Mischtechnik in intakter Gestalt der Ureinwohner eintauchen darf, und die wir nun sozusagen durch seine Sicht erleben, ist natürlich in ihrer Fülle und mit ihrer Philosophie schlicht und ergreifend paradiesisch. Und bitte zeigt mir den, der Lust hat an der Zerstörung einer solchen Welt!!! Ich meine, in Wirklichkeit! Virtuell setzt sich ja jeder Hans und Franz mit seinen Gewaltphantasien auseinander, und spielt, vielleicht eine karthatische Wirkung erhoffend, sein Gewalt-Computerspiel, ergötzt sich an Morden in Fernsehfilmen oder lenkt sich sonst wie von den Schönheiten des Lebens ab (interessant in diesem Zusammenhang fand ich aber, dass der Held im Grunde genommen seine angeschlagene Statur bei seinem virtuellen Flug auf tollen Drachenwesen komplett verdrängen konnte – das ist ja ein sehr aktuelles Bild, denn genau das ist das Muster, in das in gewisser Weise auch der Kinobesucher rutscht).
Und genau so kann man jetzt schön in den Kinosessel furzen und muss mit ansehen, wie das Idyll zerstört wird. Klar, das Gute siegt ja irgendwie immer, jedenfalls im Film.
Mit anderen Worten: das Muster ist uralt und mehr als abgegriffen. Die Bilder sind schön, letztendlich aber auch nichts anderes als seichtester Ethno-Kitsch. Und Welten kann man auch anderswo zerstören, wenn auf der Erde nichts mehr zu holen ist.
Tja. Ich musste dann unweigerlich an die Indianer denken, die im Grunde nach genau dem gleichen Schema niedergemetzelt worden sind, um nur eine der Million fiesesten Ungerechtigkeiten zu erwähnen, die auf diesem Planeten passiert sind. Der Grund, wie es zu diesem Desaster kommen konnte, ist mittlerweile reflektiert und so platt wie eine Kinoleinwand: man hat sich nicht mit der Kultur der anderen auseinandergesetzt.
Heute ist es denn schicker, sich mit den Opfern zu identifizieren, da hat man wenigstens einen handfesten Feind! Und dann kommt er noch mit so bösen Waffen daher, wie in diesem Film! Und ich sag Euch, das gibt ein Gemetzel, oh ja! Und dann geht der Film auch noch richtig lang, drei Stunden! Da schafft man wenigstens sein Popcorn ganz auf!
Was ich sagen will: Mich stört ungemein diese Verlogenheit, mit der dieses uralte Thema hier aufgegriffen wird, um die Menschen zu unterhalten. Und wenn man nach drei Stunden aus dem Kino wankt, hat man nur wieder für drei Stunden versäumt, die eigene Welt zu retten.
Ich finde es unglaublich, mit welcher Borniertheit die Amis sich immer mal wieder eines solchen Themas annehmen. Könnten das die Deutschen auch? Der Holocaust ist wohl noch nicht lang genug her… und wer redet heute noch von den Indianern??
Mir hat dieser Film so was von nichts gebracht. Diese Art von Unterhaltung ist nichts für mich. Ich kann eben auch nicht vergessen, dass ich in einem Land lebe, in dem die Regierung durchsetzt, die Verträge der Atomkraftwerke noch zu verlängern. Aber um ein Idyll im Kino soll man dann bangen? Aber die Kampfmaschinen sahen echt cool aus, was?
Am besten, Ihr begrabt mein Herz an der nächsten Biegung des Flusses. Ach nee – besser nicht. Da steht nämlich ein Atomkraftwerk.
‘Fräulein Smillas Gespür für Schnee’ – Film von Bille August
5. Februar 2010
Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass die Rätselhaftigkeit in diesen unseren Zeiten eine zunehmende Rolle einnimmt, da heute die geheimsten Geheimnisse nur allzu offen und übers Internet allzeit bereit zum Abruf stehen. Das kann schon sein. Und in diesem Sinne trifft der Film sicherlich den heutigen Zeitgeist, auch wenn es schon ein Weilchen her ist, dass der Film im Kino lief. Aber in einem modernen Haushalt nimmt der Anachronismus durch die Verfügbarkeit der Medien ja nun mal deutlich zu, und insofern ist es vernachlässigenswürdig, dass heute nicht mehr 1997 ist.
Egal.
Die Ästhetik des Films und die Schroffheit des Fräulein Smilla stehen in einem spannungsvollen Gegensatz. Die Handlung allerdings steht zu gar nichts.
Es fängt wie gesagt alles rätselhaft an: Fräulein Smilla, von Beruf Eis-Expertin (vielleicht deshalb oft so frostig?) findet einige vielleicht gar nicht so weit hergeholte Widersprüche bei dem Absturz des kleinen Inuit-Nachbarjungen vom Dach. Die Polizei hat die Auffälligkeiten vielleicht nicht sehen wollen oder dürfen. Alle schauen über die Widersprüche hinweg oder wollen nicht sehen, dass der Tod des Jungen kein Unfall war. Fräulein Smilla, die schöne Heldin, hat daraufhin alle Hände voll zu tun, die Wahrheit ans Licht zu bringen, denn ihr lag etwas an dem Jungen. Und damit deckt sie langsam aber sicher das Verbrechen auf, das hinter dem Sturz vom Dach steht. So weit ist dies ja ein alt bekanntes Muster eines Krimis.
Ich bin ja nun wirklich ein Krimi-Muffel, und es stinkt mir, dass die Motive oft in irgendwelchen hanebüchenen Geschichten münden, die zwar irgendwie schlüssig, aber dann doch derart an den Haaren herbeigezogen sind, dass die meinigen sich dabei nur sträuben können. Nein, nein nein!!! Muss man denn jeden Mist dulden??
Je länger der Film dauerte, desto blöder fand ich ihn. Erstmal mag ich wie schon oft betont die Anhäufung von Leichen nicht. Musste ich hier aber mal wieder ertragen. Dann war die Kulisse manchmal scheußlich dämlich, beispielsweise in Form der vermeintlichen Styropor-Eisschollen, durch die das Schiff in Richtung Grönland trieb. Am Ende, der ‚Show-Down’: einfach nur doof. Total ausgedacht, zu viele Leichen, irgendwie voll dumm. Habe gehört, dass das Buch um Längen besser sein soll, und eigentlich habe ich es mir hervorgekramt, um es doch irgendwann einmal zu lesen.
Komisch, dass ich diesen Film im Nachhinein so furchtbar schlecht finde: Als ich ihn vor drei Tagen geguckt habe, fand ich ihn eigentlich ganz gut, und auch damals, als ich ihn mir im Kino angesehen hatte, fand ich ihn ganz schön und spannend.
Tja. Vielleicht verblöde ich langsam doch. Was keine Kunst wäre, wenn es nur solche Filme gäbe…
‘Der Pianist’ – Film von Roman Polanski
1. Februar 2010
Dass dieser Film gerade jetzt auf Deutschlands Fernsehprogrammen ausgestrahlt wird, hat natürlich etwas mit dem Gedenktag am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zu tun. Und es ist gut, ihn gesehen zu haben, wenn das auch hart, sehr hart, fast unerträglich war. Aber das ist lächerlich. Wir können nur so unglaublich dankbar und froh sein, in ruhigen Zeiten zu leben, fernab von Massenvernichtungen und programmatischen Erniedrigungen.
Wie es wirklich und wahrhaftig in dieser Zeit war, wie sie geschmeckt, gerochen, wie sie sich angefühlt hat, werden wir ganz sicherlich nicht im Entferntesten je begreifen. Und ein Film kann nur ein billiger Abklatsch der Wahrheit, der Wirklichkeit sein. Wenn dieser aber einem schon total nahe geht, wie stünden wir dann vor den wahren Ereignissen, hätten wir sie an eigenem Leib erfahren?
Ich weiß eigentlich wenig über die Kriegszeiten und über den Holocaust, auch wenn ich mit meinem Wissen wahrscheinlich gut im Durchschnitt liege, als gebildete Deutsche mit Abitur und Megisterabschluss, die auch mal Israel besucht hat. Aber wie es war, 1939, als die Deutschen in Polen einmarschiert sind, was das hieß für die Polen und natürlich erst recht für die Juden, ins Warschauer Ghetto umziehen zu müssen, das habe ich mir niemals wirklich vorgestellt. Dieser Film bringt das nahe, schmerzhaft. Er hat mir weh getan, aber ich wollte auch sehen, wissen, wie es den Juden erging. Diese grauenhaften Erniedrigungen, die Todesangst als ständigen Begleiter neben Hunger und Trauer, müssen schlimm gewesen sein, noch tausendmal schlimmer als dieser harte Film vermitteln kann. Und er ist mit Abstand der härteste Film über den Holocaust, den ich gesehen habe. Massenexekutionen werden gezeigt, sterbende, elende Menschen, Erniedrigungen, Gemeinheiten, alles wird ganz unverblümt und offensichtlich dargelegt.
Der Pianist, nämlich Wladyslaw Szpilman, hat eine Menge Glück gehabt in all dem Unglück, das ihm zusammen mit den polnischen Juden (und natürlich auch den Juden anderer Nationalitäten, die vom Holocaust betroffen waren) widerfahren ist. Die Stationen seiner Leidensgeschichte sind schrecklich, und ich weiß nicht, welche der Episoden am wenigsten unerträglich war. Alles wurde nur immer noch schlimmer, wobei die Qualen abwechseln von der der Erniedrigung, zur Trauer und Verzweiflung, der Angst, des Hungers und der Einsamkeit. Alles ist furchtbar. Hart und schonungslos erzählt der Film davon, und das ist gut so. Wir dürfen nichts davon vergessen!
Der Film erzählt auch, wenn auch nur verhalten, von den Menschen, die halfen. Zuerst natürlich von den Juden, die Widerstand leisteten, aber auch von anderen Menschen, die versuchten, zu helfen. Eines wird sehr deutlich: Das Helfen war schwer und sehr gefährlich! Man musste schon eine Menge Schneid haben, und Mut, für einen Juden einzustehen. Für mich sind diese Menschen wirkliche Helden (Wilm Hosenfeld , der Szpilman in den letzten Kriegstagen versteckt hielt, soll auch hier nicht unerwähnt bleiben!).
Aber in diesem Film ging es nicht um diese Helden, Roman Polanski konzentriert sich ganz und gar auf die Opfer, auf dieses Opfer, das dem Tod mehr als zehnmal von der Schippe gesprungen ist – ein Wunder, wirklich!
Adrien Brody, den ich vor kurzem in dem Spaßfilm ‚Darjeeling Limited’ gesehen habe, spielt seine Rolle toll. Nur die letzten Szenen, die nach dem Krieg, als alles vorbei war, waren merkwürdig. Vielleicht, weil so furchtbar normal? So undenkbar harmlos nach all dem, was vorher war?
Der Film war sehr hart, und es hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass es mir heute nicht besonders gut geht. Aber das ist in Ordnung. Dieser Film ist wichtig und muss unbedingt sein, auch wenn er weh tut.
‚Der Vorleser’ – Film von Stephen Daldry
1. Februar 2010
Selten hat es mich so gefuchst, einen Film im Kino verpasst zu haben! Einen Film von Stephen Daldry – dessen ‚Billie Elliot – I will dance’ schon ein derart anrührender, schöner Film war (und ‚The Hours’ war auch so großartig!), mit Kate Winslet, die mich immer wieder überzeugte, in ‚Heavenly Creatures’ genauso wie in ‚Titanic’, in ‚Vergiss mein nicht!’ und ‚Wenn Träume fliegen lernen’ und natürlich in ‚Zeiten des Aufruhrs’ und mit Bruno Ganz, den ich immer wieder gern, aber viel zu selten in durchweg guten Filmen sehe und in einer kleineren Rolle Karoline Herfurth, die ich seit ‚Im Winter ein Jahr’ für eine der ganz großen Schauspielerinnen halte. Und dann: Verpasst!
Doch dank des neuen DVD-Players und meines Liebsten, der mir den Film auf DVD zu Weihnachten geschenkt hat, konnte ich dies Versäumnis nun nachholen
.
Die Handlung fand ich zuerst furchtbar aufgesetzt und merkwürdig, es war fast schleppend, wie die Affäre des ungleichen Paares erzählt wurde, aber dann, ab der Mitte des Filmes, bekam alles Hand und Fuß. Es sind so viele verschiedene emotionale Verwicklungen, die hier zur Sprache kommen: die Trauer, verlassen worden zu sein, scheinbar grundlos, abrupt; die Scham, die eigene Schwäche zu verbergen; dann die Scham und der Schreck, zu erkennen, mit wem man es zu tun hatte; und die Trauer über das Unrecht im großen und im kleineren Stil, das toleriert werden muss – anderes kann und darf nicht toleriert werden – und eine aus diesen Verwirrungen – oder auch nicht – resultierende Resistenz, die eigenen Gefühle anzuerkennen und leben zu können.
Ich muss nicht oft bei einem Film weinen, aber bei diesem war es so weit (mein Schatz hatte dann aber schon zwei Taschentücher vollgeheult). Diese Emotionen, diese Tragik – und das auch wieder auf ganz vielen verschiedenen Ebenen – rührte mich sehr. Und auch die arme Frau, die einfach nicht verstanden hatte, welches Unrecht sie denn nur begangen hatte – denn schließlich hatte sie ihren Job gut zu machen, war in ihrer ganzen Konsequenz überaus tragisch. Eigentlich könnte man fast denken, dass das gar nicht angehen kann – aber auch die Eichmann-Protokolle halten die Diensttreue und Pflichteifrigkeit fest bei gleichzeitigem weißen Flecken auf der emotionalen Landkarte. Es muss wohl etwas dran sein, dass solche Verhaltensweisen möglich sind (wie gern würde ich schreiben ‚waren’, aber bestimmt ist dies heute ebenso denkbar – Angst regiert die Welt…!)..
Kate Winslet hat mich auch diesmal überzeugt, genauso wie David Kross und alle anderen. Der Film hat mich an- und aufgerührt. Und jetzt bin ich natürlich neugierig geworden auf die Vorlage von Bernhard Schlink, dessen Roman ja immerhin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Und laut Filmstarts.de soll das Buch noch besser als der Film sein…
‘Darjeeling Limited’ – Film von Wes Anderson: zum zweiten mal…
25. Januar 2010
Also, dieser Film ist super! Ich habe ihn ja schon mal vor 2 Jahren gesehen (damals im Kino), siehe hier, aber beim zweiten Mal fand ich ihn nun noch schöner. Diesmal fand ich aber, dass die drei Brüder nicht so unverändert ihr Leben nach ihrer ’spirituellen Reise’ fortsetzen. Alle drei haben etwas Entscheidendes dazugewonnen, nämlich: Brüder, mit denen man durch dick und dünn gehen kann.
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Die Stimmung ist einfach großartig in dieser schrägen Drama-Komödie. Ich habe das sehr genossen.
‚Tannöd’ – Krimi von Andrea Maria Schenkel
19. Januar 2010
Nachdem ich den Film gesehen habe, war ich nun auch auf das Buch neugierig… obwohl es ja ein Krimi ist!
In der Tat ist dieser Krimi ganz anders aufgezogen als einer, wo ein Kommissar ermittelt und so. Vielmehr besteht er aus vielen kleinen Versatzstücken, die aus Aussagen der Dorfbewohner bestehen und ihrer jeweils ganz persönlichen Meinung über das Geschehen. Doch die Perspektive wechselt auch, und mal schaut man jemandem über die Schulter, der ermordet wird, aber auch mal dem Täter. Trotzdem ist das Werk irgendwie homogen. Die Sprache der Ortsbewohner erinnert an die Sprache in einem Volksstück, ist ganz urtümlich und auf jeden Fall umgangssprachlich, was das Ganze so persönlich und authentisch macht.
Der Mörder wird offiziell in diesem Buch nicht zur Rechenschaft gezogen. Die Geschichte geht ja auf ein wirklich geschehenes Verbrechen zurück, das wohl nie aufgeklärt wurde. Wenn das so ist, unterscheidet sich der Roman dazu. Auch im Film wird angedeutet, wer der Mörder ist, genauso dezent und verschwiegen, wie im Buch, das war gut übertragen, fand ich.
Am Ende bleibt schon das Entsetzen. Im Dorf wurde viel gemunkelt. Aber Munkeln ist das Eine, das Andere ist die grausame Wahrheit….
- und die bezieht im Grunde genommen das ganze Dorf mit ein. Eigentlich wird der Mörder nicht nur durch eine Person gedeckt, aber selbst wenn nur durch eine, ist es schon schlimm genug bei der Menge von Leichen! Sicher, es war eine Tat im Affekt, aber der Täter kann – darf – beim besten Willen nicht unentdeckt bleiben. Er bleibt es aber, und das wirft ein bestimmtes Licht auf die Gleichgültigkeit der Nachbarn und deren Abneigung gegen die Bewohner des Hofes, wiewohl damit doch wohl nicht die ganze Sippschaft gemeint sein kann (denn, und so fragen sich ja einige im Dorf auch, was haben die Kinder mit den Untaten des Patriarchen auf dem Hof zu tun?? Obwohl… eigentlich wird das auch gesagt; wenn sie selbst zwar keine eigene Schuld auf sich geladen haben, sind sie aber doch Produkte einer Schuld).
Das Buch war gut zu lesen, es ist eine ganz dicht erzählte, raffiniert aufgesetzte Geschichte, das hat mir gut gefallen!
Es ist mal wieder interessant, dass der Krimi wohl – wenn ich jetzt mal Gerüchten glauben darf – erstmal von den größeren Verlagen abgelehnt wurde. Keiner traute sich, so einen ‚abseitigen’ Krimi, der in kein Klischee passt, zu verlegen. Nur ein kleiner Verlag in Hamburg traute sich (Nautilus). Und das zu Recht, denn 2007 erhielt Frau Schenkel für dieses kleine Buch den ersten deutschen Krimipreis! Er sei ihr herzlich gegönnt! Und 2008 erhielt sie ihn wieder, diesmal für ihren zweiten Roman ‚Kalteis’. Den haben wir auch im Haus, und den reihe ich jetzt wohl mal ein in das Regal der ‚baldmöglichst zu lesenden Bücher’…
‘August Macke – ganz privat’ – Ausstellung im Kunsthaus Stade
17. Januar 2010
Ha – am letzten Tag der Ausstellung schafften wir es doch tatsächlich bis nach Stade, um die kleine, feine Ausstellung zu besuchen, aber auch Stade daselbst.
Die ausgestellten Werke waren nicht seine wichtigsten Werke (wie ich fand), gaben aber trotzdem einen guten Einblick in seine Entwicklung als Maler, und das war sehr aufschlussreich. Macke ist im Grunde genommen Autodidakt, der sich von anderen Künstlern hat anregen lassen – das fand ich wirklich sehr beeindruckend. Ich glaube, er das Gymnasium abgebrochen, da bin ich aber nicht sicher. Aber auf jeden Fall hat er sein Kunststudium nicht zuende gebracht. Die Akademie brachte ihn nicht weiter.
Aus eigenem Antrieb hat er dann weitergemacht, sich mit den zeitgenössischen philosophischen Texten auseinandergesetzt und mit der Kunst natürlich erst recht. Man sieht die Einflüsse in seinen Bildern sehr, von Matisse, von Corinth, von Cezanne. Interessant war, dass sich Macke nicht allein auf Malerei und Zeichnungen konzentriert hat, sondern auch Interesse an Webkunst hatte und an anderer kunsthandwerklicher Gestaltung wie Stickerei oder Porzellanmalerei. Faszinierend, dass er sozusagen seinen eigenen inneren Bauplan in harter Arbeit verfolgte – was muss das für ein (selbst-)disziplinierter Mensch gewesen sein?
Ich weiß nicht, wie er letztendlich sich und seine Familie durchbrachte – ich denke, da waren wohl ein paar Gönner im Spiel. Was ja auch gut war, bei diesem Schaffensdrang!
Trotzdem: Ich habe ja nun gerade ‚Die Eismalerin’ gelesen, über die junge Isländerin, die ein Kunststudium absolvieren durfte, aber dann an den Realitäten scheitert, und klar, in meinem Kopf vergleiche ich diese beiden: Macke, der es geschafft hat, sich selbst auszubilden, eine begüterte Frau zu heiraten und der durch Europa reisen konnte, und dagegen die arme Karitas (die natürlich fiktiv ist), die vielleicht einen Tick später ihr Schicksal erlitt. Noch Fragen? Es ist schon klar, wer sehr, sehr viel Glück in seinem viel zu kurzen Leben hatte, und wer es weitaus schwerer hatte, und es ist eben nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch des Geschlechts.
Von Elisabeth Macke sind denn auch Arbeiten zu sehen, Gesticktes beispielsweise, angefertigt nach den Vorgaben ihres Mannes. Sie hat das gut gemacht, keine Frage.
Nein, da ist kein Vorwurf gegen August Macke versteckt. Er hat wunderbare Bilder gemalt und ist dann leider schon mit 27 Jahren in den ersten Kriegsmonaten des ersten Weltkriegs gefallen. Wen die Götter lieben…
Der Weg nach Stade hat sich gelohnt, allein schon wegen der Ausstellung, die eben nicht sehr groß war und damit für Sohnemann, acht Jahre, erträglich. Aber auch Stade selbst hat uns gut gefallen, obwohl es verschneit, kalt und ungemütlich war. Die Bomben des 2. Weltkriegs haben die Stadt verschont, und es gibt ganze Straßenzüge voller uralter Häuser und heimeliger Atmosphäre. Die Stader waren auch recht gesprächig, was ich ja von der anderen Elbseite her nicht so kenne. Aber so sind wir von verschiedenen Leuten (Kellnerin, Kioskverkäuferin, ABM-Stadtführer) angesprochen und in nette Gespräche verwickelt worden. In einem Punkt waren sich alle einig: Wir sollen noch mal im Sommer wiederkommen, dann ist die Stadt noch schöner!
Was wir gerne tun wollen.
Die Ausstellung geht jetzt erstmal nach Freiburg und dann nach Bonn.
‚Die Eismalerin’ – Roman von Kristín Marja Baldursdóttir
16. Januar 2010
Dies ist eine sensible Geschichte über ein Frauenschickal in Island zwischen 1900 und 1940. Uff, klingt das langweilig! Dabei ist das Thema hier spannend und mitreißend erzählt und ist eigentlich immer noch aktuell, irgendwie. Auch wenn heute keine Frau mehr schwanger in einer ärmlichen Torfhütte überleben lernen muss.
Die verwitwete Mutter setzt den Plan, all ihren fünf Kindern eine Schulbildung angedeihen zu lassen, zielstrebig um. Sie gibt ihr Leben in den Westfjorden dafür auf, denn dort gibt es keine Schulen. Die drei Töchter stehen im Mittelpunkt der Geschichte, besonders aber Karitas, die jüngste Tochter. In Akureyri entdeckt eine wohlhabende Dame Karitas’ Talent und finanziert ihr eine Ausbildung zur Malerin.
Aber Island ist nicht bereit für ihre Begabung, und so scheitert sie zunächst an solchen Dingen wie die Liebe. Ihre schnelle Schwangerschaft verbaut ihren Plan, sich ein Atelier zu mieten. Stattdessen heißt es, ein ärmliches Leben an der Seite (oder eben auch nicht) eines Fischers zu führen, der aber meistens sowieso nicht da ist. Wie sie davon träumt, zu malen hat er den Traum von Reichtum und einem tollen Boot. Mit Nebensächlichkeiten wie schlechten Kochtöpfen gibt er sich nicht ab, und ihm ist es auch egal, wenn seine Frau nicht melken kann, obwohl das im Alltag eigentlich ziemlich hilfreich wäre. Beide haben den Kopf in den Wolken.
Natürlich ist es die Frau, der dann aber die geballte Realität um die Ohren fliegt – sie hat die Kinder bekommen, und sie ist für sie verantwortlich! Während ihr Mann dem Geld und den Fischen nachjagt und schließlich nur noch durch Abwesenheit glänzt.
Schließlich findet sie irgendwo eine Nische, in der sie ihre eigene bescheidene Integrität wiederfindet, um ihre Kinder – oder wenigstens doch einige davon – großzuziehen. Aber ihre Persönlichkeit scheint gebrochen zu sein.
Ich konnte mich gut in diese Lage hineinversetzen, etwas zu wollen, neben dem Alltag, aber es einfach nicht zu können, weil das Verständnis in der näheren Umgebung komplett fehlt, und weil eigentlich auch gar keine Zeit und Raum dafür da ist (ich erinnere nur an Virginia Woolf: Ein Zimmer für mich allein…). Es sind nicht einfach ihre Träume, die hier zerbrechen, vielmehr droht auch sie selbst mit zu zerbrechen. Gerade als sie beginnt, folgenschwere Entscheidungen zu treffen, holt sie die Vergangenheit ein, und so bleibt es bis auf die letzte Seite spannend, wie es mit ihr weitergeht.
Ich fand ganz toll, dass die Autorin Naturerleben und den Romanfortgang miteinander verknüpft hat, ganz herausragend war Karitas’ ‚Entscheidungswanderung’ auf den Gletscher. Die Natur verändert den Menschen und bringt ihn zu sich selbst, könnte man vielleicht sagen, weißnicht. Es ist jedenfalls toll geschrieben.
Was mir auch gefallen hat, sind die vielen Prosagedichte, die aber vielmehr Beschreibungen von Motiven der Bilder, die Karitas gemalt hat, sind, und wie Inseln in dem Buch herausschauen. Es ist wie das musische Ich, die Gabe, die immer wieder vorwitzig herausschaut und zeigt, wozu die musische Seele trotz aller Not fähig ist.
Das Buch hat mir jedenfalls 1000mal besser gefallen als ‚Möwengelächter’ von der selben Autorin. An den Roman erinnere ich mich fast nicht mehr. Aber die ‚Eismalerin’ hat mich sehr beeindruckt. Das ist auch ein Buch, von dem ich glaube, dass ich bei einem zweiten Durchlesen noch einiges Neues entdecken werde.
Es war vielleicht reine Nostalgie, die meinen Schatz bewog die Doppel-DVD mitzubringen, und es war auch wirklich gemütlich, sich den Vierteiler an vier Frühabenden anzuschauen!
Wilder Western – das Klischee wurde erst hoch, dann wieder runtergerappelt: Wilde Schießereien, harte Burschen, verschlagene Typen, schöne Frauen und Schnaps, Schnaps, Schnaps – das ist der Stoff, aus dem die frühkindlichen Träume geschnitzt sind!
Sicher war das keine hohe Unterhaltung, aber doch spannend genug, mindestens oder erst recht für unseren Sohn, der hier ganz schön mitgegangen ist.
Aber auch wenn die DVD ab sechs Jahren freigegeben ist, ich werde mich wohl nie daran gewöhnen können, dass ein Mord (hier der von Indianer Joe an den Arzt ausgeführte) trotzdem gezeigt und dabei natürlich mal wieder total verharmlost wird. Aber das ist ja nun mal mein persönliches Problem, das ich mit Krimis eben so habe, ich mags einfach nicht.
Und das Kind, das ertrunken ist – das ist eine von ganz wenigen Szenen, die ich noch aus meiner eigenen Kindheit erinnere, auch wenn es mir keine – jedenfalls nicht, dass ich wüsste – Alpträume gemacht hat. Irgendwie finde ich aber, dass da so eine Grenze erreicht sein sollte.
Ich finde es nicht in Ordnung, dass solche Dinge in einem Film gezeigt werden, der für recht kleine Kinder zugelassen ist!
Allerdings muss ich gestehen, dass ich überlegt habe, meinem Sohn diese schlimmen Fotos vom Erdbeben auf Haiti nicht unbedingt vorzuenthalten. Und die sind ja noch viel, viel schlimmer, nicht zuletzt, da dies (leider) keine Fiktion ist.
Aber wo verläuft heute eigentlich die Grenze? Die Mattscheibe bringt einfach alles auf die selbe Dimension. Wir, die es hier warm und trocken haben, brauchen doch eine Menge Vorstellungsvermögen, um zu abstrahieren, wo die virtuelle Welt aufhört und die reale beginnt. Alles ist auf die selbe Ebene heruntergeschraubt und wird von der selben Position (Fernsehsessel) aus betrachtet. Erst kommen die Nachrichten, und dann der Krimi. Und dann blablabla.
Schließlich geht man ins Bett und schläft gut. Nein. So will ich nicht leben!
Jetzt bin ich furchtbar abgeschweift, sorry!
Mein Sohn hat den Film trotz alledem verkraftet, und sogar seine sensible Mutter.
Ich fand toll, wie Roland Demongeot und Marc di Napoli die beiden Hauptdarsteller verkörperten. Besonders mochte ich Roland Demongeot, der zeigte da wirklich Talent. Ich habe ihn gegoogelt, aber gar nichts gefunden, komisch. Marc di Napoli jedenfalls ist Maler geworden.
Ich mochte die Stimmung in dem Film, ich fand auch köstlich, wie ungeschickt man z.T. damals gedreht hat oder wie schlecht die Kulissen waren. Ist eben eine Produktion von 1968!
Aber alles in allem war es eben gemütlich und absolut tauglich für kalte, dunkle Winternachmittage, die ich mit den beiden liebsten Männern der Welt auf einem zu kleinen roten Sofa vor der Glotze zubrachte.
Und: der Film hat mich verdammt neugierig auf die zwei Bücher von Marc Twain gemacht.
‚Soul Kitchen’ – Film von Fatih Akin
11. Januar 2010
Das ist nun schon Akins vierter Film, und endlich! diesmal! war ich rechtzeitig, um ihn zu sehen! Und es hat sich gelohnt!
Auf ‚Gegen die Wand’ war ich schon wirklich neugierig, aber irgendwie waren die Kinos im Absetzen des Filmes schneller als ich – und das, obwohl der Film wohl, was ich so gehört habe, gut beim Publikum angekommen ist. Für Szene-Komödien bin ich verhärmte Alte zwar bestimmt nicht das Zielpublikum, aber ich fand den Film wirklich sehr witzig, nicht zuletzt durch die schöne Atmosphäre, die in dem Film vorherrscht. Schade, fast, dass man nie in einem piekfeinen Restaurant den Koch so zu sehen bekommt, der auf den hehren Wunsch, die Gaspacho aufgewärmt zu kriegen mit einem Messer im Tisch antwortet! Das hatte schon was!
Die alles andere als piekfeine ‚Soul Kitchen’, irgendwo da drüben in Wilhelmsburg, hatte allerdings auch eine zutiefst unheimlich-heimelige Ausstrahlung.
Tja, und die Schauspieler ließen sich wohl alle nicht lange bitten, als Fatih Akin zum Mitmachen aufgerufen hat. Selbst kleine feine Röllchen wie die vom Lebensmittelkontrolleur (besetzt mit Jan Fedder), der Steuereintreiberin (Catrin Striebeck) oder der Großmutter (die wunderbare und viel zu früh gestorbene Monica Bleibtreu) sind so detailfreudig und temperamentvoll gespielt, dass einem die Augen übergehen. Den legendären Adam Bousdoukos habe ich zwar nie in seinem eigenen Restaurant in Altona erlebt, aber spielen tut er großartig, erst recht zusammen mit seinem Filmbruder Moritz Bleibtreu. Interessant als Typ waren auch Pheline Roggan und Anna Bederke. Und mich treibt die Frage um, ob es den Knochenbrecher-Kemal eigentlich wirklich in Ottensen gibt?
Also, für mich als Hamburgerin war dieser Film allein schon wegen des Lokalkolorits ein Muss; aber selten habe ich so herzlich in einer Komödie lachen können.
Ein feiner Film! Und bestimmt nicht der letzte, den ich mir von Fatih Akin anschaue!