Die Reihe, in der dieses Buch erschienen ist, verfolgt ein klares Ziel: Auf spannende und unterhaltsame Weise jugendlichen Leserinnen (ab 12 Jahre) die englische Sprache nahe zu bringen. Und das erreicht dies Buch auf alle Fälle!

Schlüssig motiviert kommunizieren die Zwillinge Elaine und Laura – kurz Ella – mal in deutsch, mal in englisch. Mit den italienischen Gastschülern müssen sie sich ohnehin auf englisch unterhalten, und so fällt es nicht schwer, den ständigen Sprachenwechsel in dem Buch zu akzeptieren. Mir fiel er kaum auf, ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt! Und weil das Buch packend geschrieben ist, macht man den Wechsel auch gerne mit, zumal der englische Wortschatz auf den vorgegebenen Altersstand abgestimmt ist.
Das Buch hatte einen unglaublichen Sog; ich mochte es kaum aus der Hand legen, um das  Rätsel um den  alles könnenden Luca, in den sich beide Mädchen verliebt haben, auf die Spur zu kommen.
Auch wenn ich nicht zur Zielgruppe gehöre, wiewohl mein Englisch sehr rudimentär ist, habe ich den Roman gern gelesen. Auch mit den englischen Passagen bin ich gut zurechtgekommen, habe aber sehr viele von den auf jeder Seite angegebenen Vokabelübersetzungen in Anspruch genommen. Wie gesagt, mein Englisch ist ziemlich eingeschlafen!
Ich kann mir gut vorstellen, dass auch Mädchen in dem Alter ab 12 dieses Buch verschlingen werden. Und das übt das Englisch auf sehr unterhaltsame Weise!

Der Film hatte mich schon neugierig gemacht auf diesen Text, der unter genauso tragischen wie schwierigen Umständen entstand. Und es ist ein starker Text.

Bauby wurde mit Mitte vierzig (oder noch nicht mal) aus seinem Alltag gerissen, als er nach einem Gehirnschlag aus dem Koma erwacht und außer seinem linken Augenlid nichts mehr bewegen kann: Er erleidet das sogenammte Locked-In-Syndrom. Der Körper ist im Grunde genommen nur dank der Technik noch am Leben, aber der Geist ins ganz da und wach und arbeitet weiter wie bisher.

Ich mag mir nicht ausmalen, wie ich mich in so einer Situation verhalten würde, aber ich hätte wahrscheinlich nichts Besseres zu tun als vor Selbstmitleid zu zerfließen. Bauby aber findet zusammen mit seinen Therapeutinnen einen Weg der Kommunikation: Durch Vorsagen des Alphabets in der Reihenfolge der Häufigkeit des Vorkommens in der französischen Sprache und ‚Abnicken’ mit dem linken Augenlid entsteht ein unwahrscheinlich starkes Stück Prosa, vielleicht eines der schönsten, die ich überhaupt in letzter Zeit gelesen habe.

Bauby lässt sich und seinen Geist nicht unterkriegen; er schildert seinen Alltag, die tristen Sonntage, vom Verzicht; aber vor allem erzählt er von der unendlichen Freiheit des Geistes, der sich nicht einsperren lässt, sondern durch den Antrieb seiner Phantasie fliegt wie ein leuchtend bunter Schmetterling, der sich niemals einfangen lässt. Mit seiner Vorstellungsgabe erreicht er vielleicht mehr, als er sonst als Chefredakteur der ‚Elle’, jemals hätte erreichen können. Dort ist er ‚nur’ die Karriereleiter hochgeklettert. Doch jetzt fliegt er über aller Köpfe hinweg und lässt seine Gedanken tanzen. Freilich in minimalistischer Form, das Buch ist auch nicht sehr dick, dafür aber komprimiert und intensiv.
Er erzählt von anderen Menschen, einem Bekannten, der einmal als Geisel festgehalten wurde, was auch eine Art ‚Locked In’ war. Oder er erzählt von seiner Wallfahrt mit einer Ex-Freundin, und wie sie an den Rollstuhlfahrern und sonstigen Versehrten gedankenlos vorbeigezogen sind… Er erzählt seine Geschichte aus einem ganz besonderen Blickwinkel, den man als tragisch bezeichnen muss, aber mit so viel Humor, dass es mich sehr gerührt hat.
Noch immer spucken mir einige seiner Schmetterlinge im Kopf herum; es ist ein ästhetisches Buch, und kein Aufschrei, sondern ein Appell zum Leben. Besser gleich, noch besser: sofort.

Man weiß ja nie, was kommt.
Aber selbst wenn: Wenn der Geist noch fliegen kann, was ist dann verloren?

Meine erste Lektüre von Marcel Proust liegt schon ewig zurück, fast schon ein Viertel Jahrhundert! Damals bin ich bis ungefähr zum 4. Band gekommen. Jetzt dachte ich, lese ich es noch mal, warum nicht?
Und bin zur Frage gekommen: Warum?
Die „Suche…“ ist eine wirklich faszinierende Lektüre. Die Sätze sind gewöhnungsbedürftig lang, verschlungen, ausführend, ausufernd, wunderschön, wenn auch manchmal unverständlich, wenn man sich nicht sehr konzentriert. Ich weiß nicht, damals ist mir die Lektüre wohl leichter gefallen… Ich hatte mit dem ersten und dritten Teil vom Band 1 einige Schwierigkeiten, wahrscheinlich, weil so wenig an konkreter Handlung passiert! Proust beschreibt den Wohnsitz seiner Tante, das Personal, die Umgebung, die Schwierigkeiten, die er beim Einschlafen hatte, wenn seine Mutter ihm den Gutenachtkuss verweigerte, weil Besuch – Monsieur Swann – gekommen ist. Die Beschreibungen sind faszinierend, ganz bestimmt! Und doch musste ich oft eine oder zwei Seiten zurückblättern, weil ich den Faden verloren habe… Es ist Literatur, die seine Zeit braucht! Dann lässt es sich in den Stimmungen und Beschreibungen schwelgen. Aber es passiert in diesen Teilen nicht besonders viel, und das war wohl das Problem, das ich mit dem Text hatte…
Anders erging es mir mit dem zweiten Teil des Buches, ‚In Swanns Welt’: Hier gibt es eine konkrete Handlung, einen Protagonisten, der einer Kokotte verfällt. Wie er das macht, und wie sich das anfühlt, wird hier in aller Ausführlichkeit beschrieben (und dennoch, bildet dieses Kapitel sozusagen einen Mikrokosmos von den anderen Teilen, die von dem Ich-Erzähler noch ausufernder geschildert werden). Und das war toll, nachvollziehbar irgendwie, wie Monsieur Swann in den Sog von Odette gerät und nicht mehr hinausfindet, aufgeht in einem Gefühl, das ab irgendeinem Zeitpunkt eigentlich nicht erwidert wird. Ganz nahe und greifbar wird die Eifersucht beschrieben und das ewige Sich-Selbst-Etwas-Vormachen, und das ist wirklich faszinierend.

Eine Passage – natürlich und zu Recht – eine berühmte Passage muss ich hier noch erwähnen: Wie schön beschreibt er in Teil 1 sein Erlebnis, als er sich durch den Verzehr einer Madeleine zusammen mit einer Tasse Holunderblütentee an seine Kindheit erinnert! Das gehört zu einer der Sternstunden der Literatur schlechthin, es ist so feinsinnig und ästhetisch beschrieben wie selten etwas. Eine filigrane Erinnerung steigt hoch aus einer Tasse Tee. Wie schön!

Was ich ebenfalls sehr mochte, war die Beschreibung der Gesellschaft, in der sich Monsieur Swann zusammen mit seiner Geliebten Odette aufhält. Das ist eine derartig gelungene Karikatur der damaligen Gesellschaft, der Neureichen, die nichts anderes tun, als in ihrem gesellschaftlichen Leben aufzugehen und dabei absolut hohl sind wie ein Glas, das besser schnellstens wieder mit Champagner gefüllt werden sollte, da anders diese innere Leere nicht zu ertragen ist. Madame Verdurin mit ihrer ganzen Borniertheit, und der Arzt, der zu jeder Zeit immer die unpassendsten Bemerkungen macht, das ist einfach köstlich beschrieben!

Mag sein, dass ich nicht mehr so ausdauernd bin. Fakt ist, dass mich das Buch oft trotz der sehr schönen Passagen oft sehr ermüdet hat. Vielleicht lese ich den zweiten Band, demnächst, irgendwann, irgendwann demnächst vielleicht. Jetzt nehme ich mir erstmal eine Pause. Vielleicht für länger, noch mal 25 Jahre, vielleicht auch nicht. Man wird sehen. Lesen kommt schließlich von Lust. Finde ich.

Wir mögen die Skulpturen von Niki de Saint Phalle sehr, weswegen wir auch vor zwei Jahren den Tarot-Garten in der Toscana besucht hatten. Und nun gibt es diese feine, übersichtliche Ausstellung in der Reithalle vom Schloss Gottorf *.

Groß ist sie wirklich nicht, die Ausstellung, aber sie war deshalb so interessant, weil sie einen guten Querschnitt durch ihr künstlerisches Werk zeigt. Angefangen von Gemälden, die aus einer absoluten Frühzeit stammen über die Schießbilder, mit denen sie für Aufruhr sorgte, und ihre Skulpturen, aus vielen kleinen Plastikteilen zusammengesetzt, bis hin zu ihren Nanas und einigen Vorentwürfen zum Tarotgarten war jede Phase so interessant wie intensiv. Die Schießbilder beeindrucken durch eine gewisse Rohheit. Ich kann mir vorstellen, dass das Machen, welches ja mit der Flinte in der Hand eine gewisse Brutalität beinhaltet, ein ganz guter Akt der Befreiung war. Ihre Biographie war wohl auch nicht ganz glatt, und sie musste sich wohl erst einmal einige psychische Belastungen ablegen, um so frei arbeiten zu können, wie sie es dann tat. Viel Aufarbeitung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse hat sie geleistet, und war mit Sicherheit auch eine Ikone der Frauenbewegung, bis ihre Nanas schließlich auch zu deren Maskottchen wurden (wenn nicht explizit, dann aber doch implizit). Es ist ein langer Weg, ein weiblicher Weg, den sie zurückgelegt hat, um so frei ihre mehr oder weniger fröhlichen Figuren zu erschaffen, wie die Nanas. Aber Leben und Tod gehören untrennbar zusammen, und bei aller Lebensfreude spielt die Auseinandersetzung mit dem Tod eine große Rolle in ihrem Werk.

Leben. Das bedeuten diese Werke für mich. Und wenn ich das Gefühl habe, dass mich Kunst wirklich in meinem tiefsten Inneren berühren könnte und mich zu einem Umdenken bewegen könnte, dann ganz sicherlich durch solche bunte, lebensfrohe, ästhetische Botschaft, die ihre Kunst transportiert.

Hannover ist das nächste Stichwort. Ich muss einmal nach Hannover! Erst hier habe ich erfahren, dass im Sprengel Museum viele Exponate von Niki de Saint Phalle zu finden sind (in Hamburg dagegen: kein Einziges?? Oder?? Selbst der Entwurf zur Gestaltung des Spielbudenplatzes ist ja nicht realisiert worden, das wäre nicht passiert, wenn ich damals Bürgermeisterin gewesen wäre, das schwöre ich!!!), dazu eine Grotte und einige Nanas an der Straße.

Das Schloss Gottorf hat mir übrigens auch gut gefallen. Da gab es noch mehr interessante Ausstellungen. Den Barock-Garten allerdings fand ich schaurig, dafür gibt es im nahen Volkskundemuseum eines der niedlichsten Kaffees, die ich kenne…

Wir werden wiederkommen.

* Die Ausstellung endet am 28.6.09

Auch dieser Film – wie mindestens die letzten beiden – ist eine echte Entdeckung: spannend und intensiv.

In einer szenisch ineinander verschachtelten Handlung rätselt man, was hier (vermeintliche) Realität, was Fiktion ist. Beides greift sehr künstlerisch ineinander, es werden Bezüge hergestellt aus der ‘echten’ Geschichte zu der erfundenen. Das sorgt für ein filmlanges Rätselraten, das aber nicht ermüdet, denn dafür sind die Szenen einfach zu spannend und intensiv.

Mit Fiktion und Realität wird hier auf allen Ebenen gespielt: Wie real ist noch ein Internet-Chat? Was gehen einen die Leute wirklich an, die im Internet über Konferenzschaltung bei laufender Web-Kamera ihre Meinung zum Besten geben? Simon beispielsweise wandert in einer Szene, der Diskussion folgend, in die Küche, um sich etwas zu essen zu holen. Das hat beinahe etwas von einem passiven Fernseh-Verhalten, jedenfalls hat es eine komplett andere Qualität als eine Diskussionsrunde mit den Teilnehmern zusammen in einem Raum. Die Farge nach Wahrheit stellt sich auch, als eine Frau ihre Großmutter vor die Kamera holt, um ihre in den Arm eingravierte KZ-Nummer zu zeigen, und wird prompt genauso halbvirtuell von einem Mann beantwortet, dessen Gravur heißt ’six million lies’. Wirklicheit und politische Auslegung liegen nahe beieinander…

Und das ist natürlich das Thema, um das es in dem Film geht: was bedeutet es, wenn ein Moslem seine nicht-muslimische, schwangere Verlobte mit einer Bombe ins Flugzeug setzt und sie für den Anschlag opfern will? Wie würde man sich fühlen, wenn man genau dieses Kind wäre, das dann doch geboren wird, weil der Anschlag rechtzeitig vereitelt wurde? Was macht es mit jemandem, wenn nur schlechte Meinungen auf jemanden niederprasseln? Das sind wirklich schwierige Themen, und ich habe wirklich selten einen Film gesehen, bei dem die Grenzen von Wirklichkeit, Emotion und Auslegung/Fiktion so dicht beieinander liegen.

Nicht nur um politsiche Dimensionen geht es auch in dem Vater-Sohn-Konflikt. Der Sohn hat kein Selbstbewusstsein, weil sein Vater ihn verachtet, und sein Weg als Versager ist dadurch schon vorgrammiert – self-fulfilling prophecy nennt man das. Und es gehört wohl eine Menge Rückrat – und vielleicht ein Ritual, wie Simon es durchführt – dazu, sich von den vorgefassten Meinungen bzw. Auslegungen, die schließlich die eigene Ansicht bestätigen (geschickt von der eigenen Erinnerung manipuliert), zu befreien. Simon schafft es, sich von der schlechten Meinung des Großvaters über seinen Vater zu distanzieren. Sein Onkel hat da schon größere Probleme, wirklich unabhängig zu werden.

Dieser Film war eine echte Entdeckung. Atom Egoyan, den muss ich mir merken.

Der Sonntag war verregnet, und wir hatten einen Durchhänger. Und auf meine Frage, was wir denn heute machen wollten, kam meinem Sohn die rettende Idee: ‘Wir könnten ins Kino gehen!’ Und das war ein wirklich guter Einfall, weil auch ein wirklich guter Film lief, wie sich dann herausstellte.

Willi Weitzel reist um die Welt, auf der Suche nach Abenteuern und eben besagter Wunder. Und findet sie: In Australiens Regenwald bei den Ameisen und Flughunden, in Kanada bei den Eisbären, in Tokio im U-Bahnhof und anderswo, und in der Wüste auf dem Motorrad. Es sind kleine Geschichten, die aber unglaublich sympathisch daherkommen, und die einfach Spaß machen. Egal, ob er sich von seiner uralten Nachbarin Frau Klinger auf den Geschmack bringen lässt, die Wüste zu besuchen, ob ihm ein Flughund das Bein hochklettert, oder er irgendwo in Tokio, verlorengegangen, seinem einzigen Zufallsbekannten begegnet und ihm sogleich erleichtert um den Hals fällt, alles ist irgendwie total nett. Die Leute, die mit ihm vor der Kamera stehen, wirken wie er authentisch. Klar ist der Film inszeniert, aber die Stimmung, die zwischen den Akteuren herrscht, ist es nicht, oder doch nicht weiter spürbar.

Ich habe es Willi sofort geglaubt, dass er in Kanada total glücklich war, einem Eisbär (der allerdings betäubt war, anders geht es ja nicht) übers Fell fahren zu können. Genauso schön war seine Freude über den kleinen Flughund, den er zu einem Flughundkrankenhaus brachte, um ihn wieder aufzupäppeln, oder sein Staunen über die Baukünste der australischen Ameisen. Der Film ist nicht nur witzig und auch spannend und vielleicht ein klitzekleines bisschen lehrreich, er ist vor allem atmosphärisch dicht.

Besonders schön waren die Szenen mit Michael Martin beim Durchqueren der Wüste mit einem Motorrad; wie gesagt, der Film zeichnet sich durch die schön gezeichneten zwischenmenschlichen Begegnungen aus.

Ja, es war ein durchweg sympathischer Film, natürlich für das Zielpublikum Kind. Und mein Sohn fand den Film ebenso spannend und mitreißend wie wir. Es war die beste Idee für diesen Sonntag gewesen. Und wenn wir mal irgendwann (wieder) einen Fernseher haben werden, ist schon klar, welche Sendung sich unser Sohn anschauen wird: Willi will’s wissen!

Im Vordergrund der Ausstellung standen Degas’ Skulpturen von Tänzerinnen, sie waren von ihm mehr als Studien gedacht, er selbst hatte sie nicht oder nur zum kleinsten Teil in Bronze gießen lassen. Die 14-jährige Tänzerin, ca. 1 m hoch (oder höher???) aber doch. Und natürlich war ihm wieder einmal ein Skandal sicher. Die Sehgewohnheiten waren eben noch nicht so weit. Damals konnte man nicht schauen, was heute genossen wird. Ich fand die Skulpturen toll. Die Kleinode waren meist nur ca. 30 cm hoch, aber die Figuren waren sehr präzise gearbeitet, wenn auch nicht voll ausgearbeitet. Es kam Degas ja auch nicht darauf an, jede Hand und jeden Finger zu modellieren, es ging ihm vielmehr um die Figur, den Körper, die Spannung, die Muskeln. Und das allein war schon aufregend zu sehen.

Diese kleinen Figuren zeugen, so will ich darin sehen, von der Liebe. Und zwar von der Menschenliebe. Degas ging es nicht um irgendein gängiges Schönheitsideal, weswegen er sich der damals herkömmlichen Darstellung von perfekten Menschen verweigerte. Ihm ging es um den Alltag, der den Menschen (ver-)formt, mitnimmt, prägt. Degas hat die Sonntage nicht interessiert. Er wollte den Werktag, und er wollte die Menschen zeigen, wie sie wirklich sind. Ich finde, in dieser Ausführlichkeit und Genauigkeit, wie er es betrieben hat, ist das eine Liebeserklärung! Das interessant zu finden, was für andere nebensächlich ist! Nicht das Feierliche suchen, sondern das Alltägliche, eben im wahrsten Sinne des Wortes ‘hinter die Kulissen schauen’! Ist schon interessant, dass sich Degas so sehr für das Bühnenleben, aber hinter den Kulissen, interessierte, und vielleicht kann man das auch wirklich als Motto seiner Kunst betrachten. Nicht das Schauspiel interessierte ihn, aber das, was sich dahinter verbirgt.

Späte Werke (Lithografien und Gemälde) sind neben den Skulpturen ausgestellt, und es ist schon interessant, wie genau Degas die Stimmung in seinen Bildern eingefangen hat, und wie liebevoll er sich den Details widmete. Ich bewundere immer wieder, wie jemand es schafft gegen den Strom zu denken und zu arbeiten, sich damit harscher Kritik auszusetzen, anstatt das zu tun, was doch so einfach wäre: mit der Masse mitzuziehen.

Nur die Pferdeskulpturen, die fand ich nicht so dolle. So dünne Beine, irgendwie spackelig und schief… Aber es sollten ja auch (nur) Studien sein.

Dies ist ein ganz besonderer Film – in vieler Hinsicht! Wo gibt es eine so ungebremste Bilderflut, so viele Gefühle – glückliche, beängstigende, traurige und vor allem gemischte(!) – wo wechselt sich der Wahnsinn des brutalen indischen Alltags in den Slums von Mumbay in wahnwitzigem Tempo ab mit einer filmischen Märchenwelt, wo alles gut ist? Das gibt es nicht alle Tage, deshalb ist dies ein echter Ausnahmefilm!

Allein schon die Aufnahmen aus den hintersten und schmutzigsten Winkeln Mumbays sind großartig: die bunten Bilder von dem Leben in den Gassen; der Schmutz, der Lärm, die Lebendigkeit sind bei allem Elend doch auf ihre Weise wunderschön. Durch die Kameraführung – es wurde z.T. mit einer Digicam gefilmt – kommt man diesem Leben in den Slums sehr nahe. Beinahe könnten diese Bilder berauschend sein, wenn sie nicht gleichzeitig so traurig stimmten, nachdenklich machen und sensibel für schlimmste Elendzustände – was einen da nur herausreißt, ist die Gewitztheit der Jungens, sich in diesem Chaos zurechtzufinden und etwas daraus zu machen. Und ich fürchte wirklich, da steckt so viel Realität darin, das mir eine Gänsehaut nach der nächsten über den Rücken läuft. Dazu die Kraft der Liebe, unwirklich bis zum Gehtnichtmehr – aber was ist das für ein Kontrast zu dem Elend! Dadurch wird sie denn vielleicht doch wieder glaubwürdig. Der Mensch braucht etwas, an dem er sich festhalten kann…

Und dann das Spiel. ‘Wer wird Millionär?’ Spannend aufgebaut, zieht es mit seinen Fragen einen roten Faden durch Jamals Leben – mein Kompliment geht auch an den Drehbuchautoren Simon Beaufoy, der es hier geschafft hat, die Geschichte schlüssig und spannend anhand des Spieles durchzukomponieren, das ist großartig! Allein das große Verhör, das neben dem Spiel ebenfalls rahmengebend ist, (erinnert übrigens an ‘Die üblichen Verdächtigen’, denn auch dort ist das Verhör die Grundlage, die Geschichten zu erzählen – allerdings erzählt Jamal hier die vermeintlich wahre seines Lebens) erzeugt Spannung. Der Polizist kann sich nicht vorstellen, dass ein Slumdog wie Jamal die Fragen tatsächlich beantworten konnte und vermutet einen Trick. Doch Jamal kann aus seiner Biographie heraus belegen, dass er die Antworten wusste. Nur die zweite Frage, vielleicht für einen Inder die Leichteste (was steht unter dem indischen Staatswappen? Antwort: Nur die Wahrheit siegt), kann Jamal nur durch Benutzung seines Publikumjokers richtig beantworten. Auch das ist mehr als schlüssig: Er hat in den Slums alles andere gelernt, aber nicht, dass es die Wahrheit ist, die siegt!

Doch auch wenn es ein britischer Film ist, weil von einem Briten gedreht, ist er doch durch und durch indisch. Nicht nur sind es alle Darsteller, sondern zudem wird auch Bollywood zitiert, und so wird der Plot auf die absolute Spitze getrieben, vielleicht ja nach indischer Manier? Das gefällt vielleicht nicht jedem. Ich habe es als Persiflage gelesen, und das Ganze dann als ein Märchen aus einer Nacht 2001… Und das finde ich ganz stimmig. So wie der Film mit seinen Themen in den schlimmsten Abgrund verdorbener Seelen stürzt, schwingt er sich zum anderen wie Phönix aus der Asche empor und schwirrt einem nur so um den Kopf.

Ich mochte das sehr. Dieser Film hat mich berührt, unterhalten und in Atem gehalten. Super!

Harter Tobak ist dieses Buch… erst recht, da es sich um wirklich Erlebtes handelt, auch wenn man am liebsten möchte, dass es nie passiert ist.
Die Frau, die das schreibt, ist wohl Anfang dreißig, als in Berlin die Sieger des Krieges, hier: die Russen, einfallen. Sie benehmen sich so, wie sich Armee schon oft vorher und oft nachher benommen hat: nämlich als absolute Herrscher, für die die Besiegten nicht einen Pfennig wert sind. Die Frau, die das erlebt, ist überdurchschnittlich gebildet, hat im Verlag gearbeitet, ist vielleicht Photografin, Zeichnerin oder beides gewesen und hat die Welt bereist. Nun lebt sie alleinstehend, ohne Familie und Freund (der die Beziehung mehr oder weniger den äußeren Zwängen gehorchend abbrach, oder zumindest die Verbindung unterbrach…), kann ein wenig russisch, und ist wie viele der Frauen in Berlin schutz- und hilflos diesen Menschen ausgeliefert. Was das heißt, ist ja wohl klar: Vergewaltigungen ohne Ende! Die paar Notgemeinschaften reichen nur hin, dass man gemeinsam auf Essensjagd geht, ansonsten harrt  und hält man aus. Was kann man sonst tun? Die Frau übernimmt aufgrund ihrer Russischkenntnisse eine gewisse Sonderstellung, da sie des öfteren zu Vermittlungsgesprächen in der Nachbarschaft hinzugezogen wird. Schutzlos ist sie dennoch. Sie rettet sich, oder versucht es zumindest, indem sie versucht, sich einen Major anzulachen, um als ‘Freiwild’ tabu zu sein. Und das gelingt manchmal, manchmal aber auch nicht.

Es ist ein erschütterndes Buch. Erst recht, weil sich die Frau trotz der Strapazen die Besetzer so genau anschauen kann und genau erkennt, dass zwar die meisten der Männer bei den Eroberungs- und Raubzügen durch die Gemeinde beteiligt sind, aber im Grunde  genommen nicht mehr als ganz ‘normale’ Bauerntölpel sind, die sich überhaupt erst Mut antrinken müssen, um die Skrupel über Bord zu werfen und sich von den primitivsten Trieben leiten zu lassen. Sie erkennt auch die Intelligenz einiger der Russen, genießt manchmal einen intellektuellen Disput. Kurz: Sie schaut sich die Menschen an, beinahe objektiv, obwohl das in ihrer Lage einen Widerspruch bedeutet. Dafür wird sie zu oft geknechtet und gedemütigt. Fast übermenschlich, aber wahrscheinlich nur deshalb, weil sie ihr Urinnerstes einfach ganz weit weggeschlossen hat, aus Selbstschutz, um seelisch in dieser Zeit nicht draufzugehen. Ein Selbstschutz, der eine Unmenge von Kraft und Intelligenz kostet, und der dann und wann vielleicht auch ‘zu gut’ funktioniert… Als ihr Freund wiederkommt, zeigt sich die tiefe Kluft zwischen den unterschiedlichen Kriegserlebnissen, die man sich beim Freund vorstellen kann, sie berichtet nichts davon. Vollkommen befremdet ist er von der Art Galgenhumor, den sie und ihre Not-Kameradin, eine Witwe, gegenüber ihren Vergewaltigungen an den Tag legen…. Vielleicht ja auch, weil es ihm wie Gefühllosigkeit vorkommen muss, was doch blanker Selbsterhaltungstrieb ist….

So folgen auf die kargen Tage die fetten, wenn auch voller Erniedrigungen und Degradierungen, dafür bringen die Schänder Lebensmittel mit. Doch ’alles geht vorüber’…; was dann folgt, ist Hunger, Hunger, Hunger…

Dieses Buch ist ein wertvoller Bericht von einer weiteren grausamen Seite des Krieges. Das Los der Zivilisten, der Frauen, die zuhause zurückbleiben, ist hier akribisch dokumentiert und ebenso erschütternd wie das Gebahren der Siegerhelden, egal wo auf dieser Welt. 

Zudem ist es gut geschrieben, fast zu gut… Ich war des öfteren versucht, das Buch wegen seiner literarischen Qualität zu loben, aber irgendwie geht das nicht, finde ich. Es ist eben keine Fiktion, nichts Ausgedachtes, nein, es sind wirklich erlebte Greuel! Das kann nicht, darf nicht Literatur sein. Und doch gehört es zu einer ganz eigenen Kunstform, ob es nun will oder nicht. Dieses Buch lebt, auch im künstlerischen Sinne. Auch wenn mir das ganz merkwürdige Gefühle bereitet.

Es ist vielleicht nur eine kleine Ausstellung, aber mit großartigen Gemälden und Skizzen eines großen Künstlers!

Mich hat die Farbigkeit der Gemälde sehr angesprochen, die Farbwahl spricht eine deutliche Sprache: Hier ist nichts gebremst oder zurückgehalten, und mit der realen Farbigkeit hat sie gleichwohl nichts zu tun. Ein ganz neuer Rhythmus entsteht  in jedem einzelnen Werk, und vielleicht hat dieser Rhythmus, nach dem das Gemälde tickt, ja auch etwas mit der Persönlichkeit zu tun, die hier als Modell fungierte? Auch die Zeichnungen haben ihren ganz eigenen Reiz durch die absolute Einfachheit und den sicheren Sitz eines jeden Striches, das ist faszinierend. Die Bilder sprechen eine Zeichensprache, in der nur das Wesentliche festgehalten wird, während alles andere gar nicht erst zu Wort kommt.

Interessant fand ich auch den uralten Film, in dem Matisse beim Zeichnen gezeigt wird: in Zeitlupe wird gezeigt, wie der Pinsel seinen Weg aufs Papier ’sucht’; erst wird knapp vor der Leinwand versucht, den wahren Strich zu finden, bevor er dann gesetzt wird, dann aber perfekt!
Auch schön war der Entstehungsprozess eines Gemäldes festgehalten, das in seinem Ablauf eine komplette Veränderung sowohl des Bildaufbaus als auch des Themas (bei immer dem selben Motiv) erfuhr. Es ist so, als ob das Bild sich den Weg gesucht hat, um zu entstehen…

Ich bin ziemlich froh, dass ich die Ausstellung noch besuchen konnte, denn leider endet sie schon bald.