Immer schon haben mich die Bilder Caspar David Friedrichs begeistert. Ich erinnere mich, wie uns in der 7. Klasse Bilder von ihm im Kunstunterricht gezeigt wurden; später habe ich mit 14 Jahren ein Landschaftsbild aus einem Kalender von Josef Anton Koch aufgehängt, das ich sehr geliebt habe. Daran lässt sich ja schon meine Affinität zu Landschaftsmalereien ablesen. Bei jedem Besuch in der Hamburger Kunsthalle (jedenfalls in dem alten Teil) kann ich nicht umhin, wenigstens kurz vorm ‚Eismeer’ stehen zu bleiben, oder einen längeren Blick auf den ‚Sturzacker’ zu werfen.
Als ich ungefähr Anfang der 90er Jahre Rügen und Greifswald bereiste, erinnerte mich die Lichtstimmung – und natürlich die Natur – immer wieder an Friedrichs Bilder. Klar, dass meine Freundin Sandra V. – die ich an dieser Stelle herzlich grüße – und ich nach unserer Rückkehr in Berlin (dort studierten wir damals) gleich einen Abstecher ins Schloss Charlottenburg machen mussten, um diesen Eindruck zu überprüfen. Und: es stimmte. Das Licht, die Natur, die Impressionen hat Caspar David Friedrich so genau eingefangen, dass wir allein davon schon völlig beeindruckt waren.
Nein, grinse nicht in Dich hinein, wissender Leser! Ich weiß heute natürlich, dass wir einem Trugschluss erlagen, weiß heute auch, dass Friedrichs Bilder viel weniger Landschaftsmalerei sind, als angenommen. Aber egal, ehrlich. Sie ‚funktionieren’ als solche auch, was die Genialität dieser Gemälde ja noch mehr steigert.
Überhaupt bedaure ich sehr, dass ich mich viel zu selten in Naturbetrachtungen ergehe. Auch eine Entdeckung, als ich in der Ausstellung war: Da muss ich erst in die Innenstadt von Hamburg fahren und mich vor ein Gemälde, das eine Naturdarstellung zeigt, stellen, um zu merken, wie sehr es mir fehlt, mich in der Natur zu bewegen bzw. Natur ‚in natura’ auf mich wirken zu lassen! Wenigstens (was mir momentan bleibt) liebe ich meinen leidlich gepflegten Garten; erfreue mich an der Farbenpracht der Blüten und dem Werden und Vergehen der Blätter, liebe die fliegenden Besucher durch ihre Farbenpracht (Schmetterlinge), Gesumme und Gebrumme (Bienen, Hummeln etc.) und vergegenwärtige mir immer wieder, dass ich Wunder auch in nächster Nähe finden kann…

So gut wie jedes Gemälde von Caspar David Friedrich hat einen Sog, der den Betrachter in das Bild hineinzieht. Meistens finden sich Figuren in Rückenansicht, die dabei sind, die Landschaft in sich aufzunehmen. Und schon ist es fast so, dass ich mich neben den Betrachter im Bild stellen, ihm stumm die Hand drücken möchte und mit ihm das Bild genieße, das sich vor uns auftut.
Aber es bleibt ja nicht beim Betrachten der Natur als Erquickung der Seele; Caspar David Friedrich hat im Grunde genommen einen Gottesdienst nach dem nächsten gemalt. Seine Naturdarstellungen weisen über sich selbst hinaus zu einer höheren, wenn nicht gar anderen Daseinsform, einer Utopie vielleicht, oder einen Trost auf eine bessere Welt, schlimmstenfalls im Jenseits.
Um das zu erklären, will ich kurz auf drei Bilder näher eingehen. Bist Du noch da, lieber Leser? Gut. Vielleicht wird es ja jetzt erst interessant für Dich.

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Das erste Bild ist der Mondaufgang am Meer von 1822: Drei Menschen sitzen wie verzaubert durch den Anblick des Mondes, des glitzernden Wassers und der Boote in den Bann geschlagen auf einem Stein am Ufer. Der Mond ist schon aufgegangen und verwandelt das Meer in eine silbrig bis golden glitzernde Fläche. Am Horizont wird das Licht zu einem hellen, waagerechten Strich. Eigentlich kann das gar nicht sein, dass der Mond seinen Schein auf einer ganzen Linie dort verteilt, oder? Wie dem auch sei, zwei Shiffe kommen, so scheint es, auf die Betrachter zu.
Diese sitzen im dunkelsten Teil des Bildes – und dies ist schon Programm: er symbolisiert das Diesseits mit all seiner Dunkelheit, Schwere und Last. Die Figuren aber starren unverwandt auf die Schiffe und in die Helle des Mondes. Jetzt muss man wissen, dass nicht nur Caspar David Friedrich mit der Darstellung des Mondes einen Verweis auf Jesus gemalt hatte (dank der sehr informativen Audioführung habe ich das gelernt); das Licht am Horizont – in der (unerreichbaren) Ferne – verspricht, irgendwann besserer Zeiten aufbrechen zu lassen. Und die Schiffe scheinen wie zwei Boten aus dem Jenseits zu sein, die für die Menschen im Hier und Jetzt Nachrichten aus einer anderen Welt bringen. Die dunkel-lila Wolken haben sich um den Mond herum parabelförmig aufgehellt. Auch dies ist ein Zeichen, ein Hinweis auf die Unendlichkeit der Schöpfung und ewigen Präsenz Gottes: Die Form der Parabel entsteht durch die ständige Annäherung an die Unendlichkeit. Niemals wird sie zu einem Ende finden, niemals ankommen
Diese hochspirituelle Aussage, die durch die politische Aussage – es gibt keine Erfüllung im diesseitigen Leben – noch vertieft wird, findet sich in fast allen seiner Gemälde wieder. Selbst in einem Gemälde, in dem ‚nur’ eine Tannengruppe dargestellt wird, gibt schon die Komposition, z.B. die Tannenspitzen als Pfeilrichtung nach oben, einen Hinweis auf das Göttliche, Allgegenwärtige. Das sagen die Kunsthistoriker, und durch die Konsequenz dieser Aussage in seinen Bildern scheint mir das plausibel.
Wegen dieses politischen Aspektes hatte es Caspar David Friedrich denn auch nicht immer leicht. Seine zweite Lebenshälfte war gepträgt von der Aberkennung des Wertes seiner Bilder. Wenn er zuerst Riesenerfolge hatte, wurden ihm später keine einflussreichen Aufgaben mehr anvertraut. Zu seinem Lebensende hin verkaufte er viele Bilder nach Russland und starb in Armut, sein Werk wurde erstmal vergessen, wie das ja immer wieder vorkommt bei genialen Künstlern.

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Das zweite Gemälde ist das Eismeer, ca. 1823 gemalt. Eine Katastrophe wird hier dargestellt, und doch scheint sie wie eine Marginalie. Zunächst wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die ineinander verschobenen Eisschollen gezogen, da ist ein Aufbirsten und –brechen, das schon in dem ständigen Ineinanderverkeilen der Diagonale einige Dramatik in sich birgt. Die vielen Spitzen und Dreiecke scheinen mir sagen zu wollen: ‚Guck nach oben, suche Deine Rettung woanders, hier gibt es sie nicht!’ Das mag um so mehr stimmen, als dass man nach genauerem Betrachten endlich das Wrack sieht, klein – jetzt wird die Dimension der Eisschollen erst bewusst – das von den riesigen Eisteilen gerade zermahlen wird. Das Schicksal der Menschen auf diesem Schiff ist vielleicht unbedeutend und unscheinbar im Vergleich zu der übermächtigen Naturgewalt
Ein Bild zum Zittern, wie ich finde. Und dann erfuhr ich in der Ausstellung noch folgendes: Als Caspar David Friedrich 13 Jahre alt war, brach er ins Eis ein. Sein Bruder Christoffer (12 Jahre) kam bei seinem erfolgreichen Rettungsversuch ums Leben. Selbst wenn man zu Caspar David Friedrichs Zeiten sicherlich nicht im Entferntesten an Psychologie dachte, nehme ich doch an, dass dieses Ereignis nicht nur in diesem Gemälde – wenn aber doch hier durch die Wahl des Themas besonders – vom Maler beleuchtet wurde. Wer weiß, wie sein Leben – und sein Schaffen – sonst verlaufen wäre.
Interessant fand ich, dass er mit 14 Jahren Zeichenunterricht bekam, also als 6. von 10 Kindern eine herausragende Förderung erhielt. Ich denke nicht, dass Caspar David Friedrich mit diesem Bild eine autobiografische Intention verfolgte. Dennoch schwingt etwas von diesem Ereignis in diesem Gemälde mit.

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Das dritte Bild ist ‚Grabmale alter Helden’: Zu diesem fällt mir immer ein Gedicht von Hölderlin ein: ‚Der Winkel von Hahrdt’:

Friedrich Hölderlin (1770-1843): Der Winkel von Hahrdt (erschienen ca. 1804)
Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig.
Da nämlich ist Ulrich
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,
Ein groß Schicksal
Bereit, an übrigem Orte

Keine Ahnung, was der hier genannte Ulrich (gemeint ist Ulrich von Württemberg) da angestellt hatte. Doch scheint mir dieses Gemälde, die Natur mit den überdimensionalen Gräbern bestückt (am unteren Zentrum sieht man zwei Figuren, die neben den Grabmälern winzig klein erscheinen) eine historische Aufladung zu erfahren. Wie unmotiviert sie in der Landschaft stehen!
Übrigens typisch für Caspar David Friedrichs Bilder ist, dass es ihm niemals um eine naturgetreue Abbildung der Landschaft ankam. Da konnte er eben mal schnell einen Berg direkt an die Ostseeküste setzen. Die oft gemalte Ruine Eldena (nahe Greifswald gelegen und übrigens immer noch so ähnlich ausehend wie auf seinen Gemälden) könnte denn auch mal in einem Gemälde vorkommen, das laut Titel eine Landschaft im Riesengebirge ist. Aber gerade deshalb scheint mir die Assoziation zu dem Hölderlin-Gedicht, das übrigens schlappe zehn Jahre vor dem Gemälde entstand, nicht abwegig: Die Natur wird mit Bedeutung aufgeladen und weist weit über sich selbst hinaus. Und der Mensch kann folgen – allerdings nur in seinen Gedanken.

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