Vor 10 Jahren waren wir so angetan von dem Münsterschen Projekt, Skulpturen über die Stadt zu verteilen, dass wir sie auch dieses Jahr auf keinen Fall verpassen wollten. Und zu Recht: es hat sich auch dieses Jahr wieder gelohnt. Zwar gab es diesmal ‚nur’ ca. 34 neue Skulpturen, aber da sich Münster ja von einigen der Skulpturen aus den letzten Jahren nicht trennen konnte, gibt es wirklich viel zu sehen.
Dennoch, aus organisatorischen Gründen, haben wir nicht alle neuen Skulpturen sehen können – wir hätten einfach mehr Zeit mitbringen müssen. Denn schließlich muss man ja zwischen den Skulpturen auch ganz schön viel laufen.
Für mich war ein zentrales Thema das Raum-Nehmen. Uns werden andauernd Räume genommen, wie kürzlich z.B. im Hamburger Schanzenpark durch den Bau eines Hotels im alten Wasserturm. Öffentlicher Raum, der von den Bewohnern der Stadt dringend gebraucht wird (weil sowieso schon rar), wird verscherbelt und den Bürgern damit entzogen. Mit welchem Recht?

Auf diese Problematik gehen einige der Skulpurenkünstler ein. Das wohl frechste Werk ist das von Annette Wehrmann, die am idyllischen Aasee, dem Jogger- und Hundebesitzerparadies Münsters, eine fiktive Baustelle eingerichtet hat, auf der ein Wellnesscenter mit Hotelkomplex errichtet werden soll.

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Natürlich lacht man darüber, jetzt, belacht auch das schlecht gemalte Schild mit jener Ankündigung (Wehrmann konnte übrigens in der Grundschulzeit schon besser malen, ich weiß das, weil ich mit ihr in die selbe Klasse gegangen bin ;-) ) – aber sicher nur so lange, wie dies kein reales Projekt ist… Man fragt bitte mal betroffene Bürger von ähnlichen, realen Verlusten öffentlicher Räume….!
Auf dies zielt für mich auch das Stück Hecke von Rosemarie Trockel, das sie ebenfalls am Aasee platzierte. Auch hier wird einfach die Sicht auf den See genommen, als würde sie in einen privaten Vorgarten fallen können. Typisch deutsch, solche dichten Hecken; hier wirken sie wie eine Festung. Allerdings mit Schlitz, damit man doch wenigstens weiß, was einem entgeht – oder ist er als Schießscharte gedacht? Vielleicht kann man dies aber auch als ‘lebende Skulptur’ deuten, eine, die mal nicht aus Stein ist, sondern den Lebensverhältnissen ausgesetzt – aber nein, dieser Ansatz sagt mir nicht zu, ich glaube, ich bin einfach zu ‘heckengeschädigt’.

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Auch die Schnur, die Mark Wallinger über Münsters Innenstadtbereich spannte, lässt viele Interpretationsmöglichkeiten zu. Ist es vielleicht eine sichtbar gewordene Linie auf einem Stadtplan? Gibt es auch hier einen Plan, beispielsweise zur Umgestaltung? Und überhaupt: Wo ist die Schnur? Wir mussten ganz schön suchen, um sie zu finden, es ist wie ein dezenter Hinweis auf einen großen Plan. Und hinterher heißt es dann: es lag doch alles im Rathaus aus! In diesem Fall können wir aufatmen: Die Schnur ist ‚zum Glück’ ‚nur’ Kunst. Uff! Der Kunstführer verweist bei diesem Objekt auf einen anderen Zusammenhang, nämlich den der Dazugehörigkeit jener, die sich in dem Kreis befinden. Ich kann mich mit dieser Auslegung nur schwer anfreunden, da ich diese Linie in dem Kontext der anderen Objekte sehe.
Aber vielleicht verhält sich auch alles ganz anders. Vielleicht befinden wir uns auf einer Ebene, in der die alten Wertvorstellungen und das öffentliche Stadtgefühl eine Ebene unter uns, in der Erde verschüttet liegen. Oder wie kommt sonst der Kirchturm von 1860 in die Erde, ein Zeichen dafür, dass unter der Stadt Münster eine andere Stadt begraben lag? – So impliziert sich mir das Objekt von Guillaume Bijl, der diesen vermeintlichen Kirchtum vermeintlich freigelegt hat.
… Und plötzlich stehen die alten Zwinger wieder auf den Treppen der Stadtbibliothek (von Martha Rosler aufgestellt), in der früher die verwesenden Körper der Wiedertäufer den öffentlichen Blicken preisgegeben wurden… die Vergangenheit, holt sie uns ein?
Und nun treten wir sowohl diese alten Werte als auch diese alten Schändlichkeiten mit Füßen, wenn wir auf uns auf dieser Stadt, heute, bewegen, wenn auch nur in unseren Köpfen.

A propos Treten: Das Kunstobjekt von Guy Ben-Ner erschließt sich uns nur, wenn wir uns kräftig in die Pedale legen: Ein Video wird nur durch den Pedalantrieb in Bewegung gesetzt, dafür kann man sowohl Tempo also auch Richtung bestimmen. Wenn es einem lieber ist, lässt man es rückwärts laufen, und auch dann ergibt sich der Sinn, wenn auch ein anderer. In diesem Videofilm besuchen ein Vater (das ist der Künstler daselbst) mit seinen beiden Kindern ein Museum (ich glaube, das Picasso-Museum in Münster). Dort finden sie verschiedene Fahradkunstwerke, z.B. den zum Stier umgedeuteten Sattel mit Lenkstange von Picasso oder das Readymade ‚Fahrad-Rad’ von Duchamp und einem anderen Fahrrad-Objekt, mit dem man tretend ein Bild malen kann (vielleicht auch Duchamp? weißnicht). Und sie beginnen (herrlich respektlos), aus den einzelnen Kunst-Versatzstücken ein Fahrrad zusammen zu montieren, um damit… – ja was wohl? die Natur Münsters, aber auch die aktuelle Kunst in dieser Stadt fahrend zu entdecken. Hat das alte Kunstwerk ausgedient? Wird es in die Natur entlassen, um dort den Zweck zu erfüllen, die Menschen zur Kultur zu bringen? Nun, wem dies nicht gefällt, lässt den Film falsch herum laufen, und schon landet das Fahrrad wieder im Museum…
Auf die instrumentalisierte Raumnahme nimmt ein anderes Kunstwerk Bezug: Hier hat Andreas Siekmann diese scheußlichen Plastikskulpturen, die in den Einkaufszonen vieler großer Städte (in Hamburg ist es der Wasserträger) aufgestellt werden und höchstwahrscheinlich zur verkünstelten Attraktivität von Fußgängerzonen beitragen sollen (das funktioniert dann das ganze Jahr über, nicht nur zur Vorweihnachtszeit, in der man sich des Duftes gebrannter Mandeln nicht entziehen kann…), einfach mal zu einem riesigen Kneuel verknüllt: Kunst zum Wegwerfen.

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Nach den Wünschen der Förderer des Konsums sind denn auch allerhand Dinge verboten:

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Ja, es gab viel nachzudenken, viel zu entdecken in diesem Jahr. Eine bunte, lebendige, anregende Ausstellung, die wieder viel Spaß gemacht hat. Meine Füße tun immer noch weh. Aber gelohnt hat es sich wirklich!

Die offizielle Site zur Skulpturenausstellung ist hier.

Die Highlights im ersten Teil (Hubertus-Wald-Forum): Max Beckmann, Lyonel Feininger, T. Lux Feininger, Paul Klee, auch ein Werk von Otto Dix. Und was für Gemälde! Max Beckmanns Bilder, die einen ganzen Raum für sich hatten, waren allein schon ein Erlebnis. Zum Einen hat Beckmann die Stimmung am Meer phantastisch eingefangen, doch hat er zum Anderen gleichzeitig seine Stimmungen in seine Kompositionen eingebracht. Wenn die Linien nicht gerade sind auf seinen Werken, zieht es Einem beim bloßen Hinschauen schon fast den Boden unter den Füßen weg, das Meer ist unruhig, doch die Position des Betrachters ist alles andere als sicher. Besonders krass: das kleine Bild namens ‚Bullauge’: Es ist der Blick aus einem Bullage auf das Meer und ein Schiff am Horizont. Doch dieser hat eine beträchtliche Schräge, das kann eigentlich nur die Perspektive aus einem sinkenden Schiff sein…

Lyonel Feininger habe ich nochmal neu für mich entdeckt: Seine Gemälde sind auf das Wesentliche konzentriert und dabei hochästhetisch.

Beeindruckend fand ich das Gemälde ‚Totes Meer’ von Paul Nash: statt eines Seestückes im klassischen Sinne besteht das Meer aus lauter Flugzeug-Wrackteilen des zweiten Weltkrieges. Doch das habe ich erst bemerkt, als ich genauer hinguckte. Im Übrigen erinnert das Bild an Caspar David Friedrichs ‚Eismeer’. Nur diesmal war es nicht die Natur, die für Zerstörung sorgte, sondern die Menschen, die den Krieg führten und die nunmehr kaputten Flugzeugteile generierten. Vieles Zeitkritische spiegelte sich in den Bildern wieder, beispielsweise auch in den Bildern von Franz Radizwill, der neben der Ursprünglichkeit von Natur(gewalt) auch die Faszination der technisierten Welt thematisiert und kritisiert: Die Gefahren der technischen Errungenschaften sind nicht wirklich absehbar.

Max Ernsts Seegemälde stimmten mich nachdenklich: auf dem einen ist ein Floß mit einem undefinierbaren rosafarbenen Ungeheuer unterwegs zu einem Sonnenkreis. Berührt hat mich sein Bild ‚Golfstrom’: ein aus Sand gebasteltes vogelartiges Wesen schwebt über einem blauen Feld, in dem sich Linien zu einem Kreis verschlingen oder besser: sich kreisartig aneinander vorbeibewegen. Es berührte mich seltsam, es ging etwas Unheilvolles von diesem Bild aus, und es erinnert mich an die unheilvolle Zukunft, wenn dieser Golfstrom, wie befürchtet, sich verlagern und für uns keine Wärme mehr übrig haben wird.
Ich mochte auch die Bilder von Joachim Ringelnatz, wenn ich an ihn denke, werden bei mir immer Kindheitserinnerungen wach. Die ‚Hafenkneipe’ gibt ein feines Bild von Hamburgs Hafenszene wieder, da schlägt mein lokalpatriotisches Herz gleich höher. Und weil es so schön war, kommt hier das Gedicht zum Bild:

Hafenkneipe von Joachim Ringelnatz

In der Kneipe ‘Zum Südwester’
Sitzt der Bruder mit der Schwester
Hand in Hand.

Zwar der Bruder ist kein Bruder,
Doch die Schwester ist ein Luder
Und das braune Mädchen stammt aus Feuerland.

In der Kneipe ‘Zum Südwester’
Ballt sich manchmal eine Hand,
Knallt ein Möbel an die Wand.

Doch in jener selben Schenke
Schäumt um einfache Getränke
Schwer erkämpftes Seemannsglück.

Die Matrosen kommen, gehen.
Alles lebt vom Wiedersehen.
Ein gegangener Gast sehnt sich zurück.

Durch die Fensterscheibe aber träumt ein Schatten
Derer, die dort einmal
Oder keinmal
Abenteuerliche Freude hatten.

Und dieser Schatten könnte ein Mann mit einem Hund sein – oder eine Meerjungfrau mit Fischflosse???

Der zweite Teil der Ausstellung umfasst dann Werke von Künstlern ab der Pop-Art. So gab es einige wunderbare Arbeiten von Roy Lichtenstein zu sehen, auch ein Seestück, das nicht in seiner berühmten Comic-Manier kreiert wurde, sondern wunderbar leichte Pinselstriche – eine phantasische Komposition.
Besonders beeindruckend waren die Räume mit Werken von Gerhard Richter und Anselm Kiefer. Richters Seelandschaften, die zunächst wie unscharfe Fotos vom Meer wirken, tragen bei näherem Betrachten durchaus apokalyptische Züge. Sei es die Brücke, die über einen Fluss führt und durch die Schräge (das ganze sieht aus wie ein schief aufgenommenes Foto) gar nicht wahr sein kann, da der Meeresspiegel, würde er sich zurechtlaufen, die Brücke überspülen würde. Auch ist das Ende der Brücke nicht auf dem Bild zu sehen. Unwohlsein ergriff mich beim Anschauen. Ebensolches stellete sich ein in dem Gemälde, in dem er das Meer malte, darüber Wolken. Doch beim längeren Hinsehen stellte sich auch hier heraus, dass der Himmel aus dem Meer auf dem Kopf gemalt bestand. Bedrückend: Die Welt auf diesem Bild ist nicht das, was sie zunächst scheint.

Dann der Raum mit Anselm Kiefers Seestücken: Seine Collagen mit Blei-Versatzstücken wirkten schwer und bedrückend. Auf einem Bild, das mich besonders beeindruckte, stand folgender Satz:

Von den Verlorenen gerührt, die der Glaube nicht trug, erwachen die Trommeln im Fluss.„ 

Das Bild selbst erinnerte mich an die ‘Toteninsel’ von Arnold Böcklin.
Kiefers Gemälde strahlten für mich etwas Bedrohliches aus: die Umweltzerstörung wird uns einmal Kopf und Kragen kosten, so mahnen sie vielleicht.

Ähnlich kritisch wurde sich in den Videoinstallationen mit dem Meer auseinandergesetzt. Das Werk von Bruce Connor, der im Video den Atombombentest auf dem Bikin-Atoll festhielt, ist natürlich besonders beängstigend: Die Ästhetik der Explosion steht im krassen Gegensatz zur zerstörerischen Kraft der Bombe. Nur: das eine sehen wir, und das andere wissen wir….

Es ist mal wieder eine gelungene Ausstellung, die die Kunsthalle da konzipiert hat.

Das ‚unverdünnte Leben’ ist nicht bekömmlich, genießt man zuviel davon – diesen Eindruck kann man schnell gewinnen, wenn man sich diese phantastische Ausstellung ‚Geisterbahn und Glanzrevue’ mit den Aquarellen und Gouachen von Otto Dix anschaut. Otto Dix hatte die Begabung, die Monstren, die die Seele der Menschen begleiten, mitzumalen. Diese Monstren lassen den Menschen lebenshungrig in die Abgründe des menschlichen Daseins hinabsteigen, um dort die Gier nach Abenteuer, Lust und Zerstreuung zu befriedigen.

Besonders phantastisch fand ich die Reihe der Matrosenbilder: diese verzechten und verlebten Gesichter erzählen allein schon von den großen Abenteuern, die sie in fernen Ländern und mit verkommenen Frauen erlebt haben. Es ist, als wäre die sexuelle Freiheit ein Idealzustand! Doch verschweigt Dix nicht den Preis, den die Menschen für dieses Leben bezahlen: der Verfall ist ihnen schon ins Gesicht geschrieben.
Ebenso den Dirnen oder lebenshungrigen, in den zwanziger Jahren wahrscheinlich noch als ‚leicht’ betitelten Mädchen: die einen geben ihren Körper her für den schnöden Mammon und verkaufen doch gleichzeitig ein Stück ihrer Seele; die anderen suchen das Abenteuer.

Der Antrieb mag sein, dem tristen Alltag zu entfliehen: zu wenig lebenswertes Leben? Doch die Abgründe von Erfahrung, was vormals Sehnsucht hieß und nun leibhaftigen Einfluss genommen hat, zeichnen schmerzhafte Striche in die Gesichter der Menschen.
Otto Dix hat es meisterhaft verstanden, diese Prozesse in seinen Bildern einzufangen. Seine Selbstbildnisse sprechen die gleiche Sprache: auf einigen der ausgestellten stellt er sich als jemand dar, der das, was er sieht, eigentlich lieber nicht sehen will, so verzerrt und unglücklich schaut er aus dem Bild.

Heiter, phantastisch und wahrhaft Abenteuer versprechend ist das Bilderbuch, das er für seinen Stiefsohn malte: Da gibt es schießende Indianer, tiefe Schluchten unterhalb eines ausbrechenden Vulkanes, fliegende Tiere und Gebilde vom Drachen über Flugzeuge bis hin zum Storch mit einem Frosch im Schnabel; eine sagenhafte Unterwasserwelt und vieles mehr.

Obwohl mir Otto Dix’ Werk bekannt war, wie ich jedenfalls dachte, habe ich ihn durch diese Ausstellung noch einmal ganz neu entdeckt.

Was ist dies für ein Buch? Memoiren eines Mittfünfzigjährigen, Historischer Rückblick auf die Rezeption einer Stadt oder einfach eine Liebeserklärung? Ich glaube, letztes trifft es am Besten, wiewohl noch viel mehr in diesem vielschichtigem Buch steckt.

Orhan Pamuk ist in Istanbul am Bosporus groß geworden und lebt nun wieder in den Pamuk Apts., in denen er auch große Teile seiner Kindheit verbrachte. Und er zeigt in diesem Buch, wie sehr er und seine Persönlichkeit mit der Stadt verwoben sind, nämlich untrennbar. Da ist zunächst der ‚hüzün’ zu nennen, das ist die melancholische Stimmung, die keinem Istanbuler fremd ist. Während Flaubert gemutmaßt hat, dass Istanbul, diese Perle von Stadt,  in hundert Jahren zur Weltstadt würde, ist es aber ganz anders gekommen: Mit Zusammenbruch der osmanischen Herrschaft verwandelte sich diese reiche, durch wunderschöne Bauwerke sich hervorhebende Stadt in ein Zentrum, das nunmehr von Armut und Verfall geprägt ist. An allen Ecken und Enden kann man die Glanzzeit noch erahnen, doch präsenter ist das Stadium des Verfalls. Bei diesem Anblick stellt sich dann also das melancholische ‚hüzün’ ein.
Orhan Pamuk hat sich diesem Gefühl oft hingegeben, es scheint ein Wesenszug von ihm zu sein, der durch die Stadt noch seine Verstärkung fand.
Hinzu kommt das Westliche in Istanbul. Seine Eltern, dem Großbürgertum zugehörig, lebten eine verhaltene islamische Lebensweise (Orhan Pamuk hatte als Kind den Eindruck, dass die Religiosität eher den Armen vorbehalten sei) und waren in ihrem Denken und Handeln dem Westen verpflichtet. Insofern rezipiert Pamuk auch die Perspektiven von westlichen Schriftstellern und Journalisten auf Istanbul bzw. die Perspektiven von Türken, die aber auch Rückgriff auf die westlichen Blicke nahmen.
Interessant mal wieder: der Blick auf die Nähe scheint nur durch Distanz möglich.

Das Buch ist stimmungsvoll, dazu angereichert mit vielen Fotos von der Stadt, wie Orhan Pamuk sie sieht bzw. als Kind sah. Er schreibt seine autobiografischen Teile so nachvollziehbar, dass sie ganz greifbar werden. Und gleichzeitig führt er intellektuelle Diskurse über den Anblick der Stadt durch andere Autoren (das war mir dann etwas zu trocken). Die Seelenzustände des Heranwachsenden waren mir deutlich näher.

Komisch, beim Lesen habe ich mich zum Teil an ‚Die Asche meiner Mutter’ von Frank McCourt erinnert, ein ja grundgegensätzliches Buch beinahe. Während Orhan Pamuk ein Kind des Großbürgertums war und die Familie trotz der Konkurse seines Vaters noch immer genügend Geld besaß um die beiden Söhne auf das englischsprachige Gymnasium zu geben und zum Studieren ins Ausland zu schicken (Pamuk hat in Istanbul studiert, lebte aber danach in Amerika), geht es bei Frank McCourt um das nackte Überleben, das letzte Stück Brot und einen Fetzen zum Anziehen.
Während Frank McCourt seine Lebensgeschichte in lebendige, üppige Bilder packt und unglaublich lebhaft und leicht erzählt, fasziniert Pamuks Lebensgeschichte durch die ruhigen klaren Bilder, die er in poetische Worte steckt. Aber beiden ist gemeinsam, dass sie wie auch immer zu leiden hatten: Der eine wegen des fehlenden Geldes und der Vernachlässigung durch den Vater, der andere wegen des Überfluss des Geldes, das ihn in Kreise brachte, mit denen er sich nicht identifizieren konnte oder wollte.
Wie hätten sich die Autoren entwickelt, wären sie vertauscht worden? Ein blödes Gedankenspiel, ich weiß. Andererseits wieder nicht so blöd vielleicht bei der Frage nach dem ‚literarischen Nährboden’…

Na gut, zurück zur Sache (ich liebe Bloggen, weil man hier mal ausschweifen darf, erst recht, wenn man ein Motto hält wie ich!!!): Ich mochte das Buch sehr, es ist mir nicht langweilig geworden, über Istanbul zu erfahren (zwischendurch wurde ich mal etwas müde, als die Diskurse über die Rezeption Istanbuls ausschweifend wurden) und über Orhan Pamuk, der zunächst Maler werden wollte. Ich bin froh, dass er Schriftsteller wurde und uns dieses und andere schöne Bücher geschenkt hat.
Wenn ich mal wieder in Istanbul sein sollte, werde ich diese Stadt sicher mit anderen Augen betrachten. Damals, ich war Mitte der 80er mal dort, habe ich mich über die vielen Holzhäuser gewundert wegen der Brandgefahr. Und Pamuk hat es bestätigt: Seine Kindheit war voller Anblicke auf brennende Häuser…

Was steht an im August?

1. August 2007

Mhm, mal überlegen. Vielleicht wird ja mal zur Abwechslung das Wetter besser? Dann vielleicht auch mal im Liegestuhl abhängen? Oder statt auf Achse zu sein, lieber selber etwas zu Papier bringen… Tja, das wäre was. Solange das aber nicht geht, weil Muse weg oder Sonne, oder beides, habe ich folgendes vor: Ich möchte unbedingt in die Otto-Dix-Ausstellung im Bucerius Kunstforum. Am Ende des Monats planen wir auch dieses Jahr einen Ausflug zur Dokumenta nach Kassel, und natürlich wollen wir auch die Skulpturenausstellung in Münster nicht verpassen. Die hat uns vor 10 Jahren so gut gefallen!

Kinomäßig möchte ich eigentlich immer noch ‚Das Mädchen, das die Seiten umblättert’ sehen, habe aber die Befürchtung, dass ich wohl mittlerweile wirklich zu spät sein werde. Wer geht auch mit? Keineahnungweißnicht, und allein gehe ich nicht so gern ins Kino. Interessiert hatte mich auch ‚Als der Wind den Sand berührte’, bin aber sehr skeptisch, ob ich es auf die Reihe bekomme. Der Ausschnitt, den ich neulich im Kino als Ankündigung sah, wirkte viel versprechend. Ebenfalls ‚Dunkelblau, fast schwarz’ und ‚Shoppen’. Ich habe aber fast den Verdacht, dass ich gar nicht ins Kino gehen werde.

Momentan kann man mich noch Orhan Pamuks ‚Istanbul’ lesen sehen. Damit bin ich aber fast durch, Bericht folgt. Welches Buch dann an die Reihe kommt, weiß ich noch nicht, das überlasse ich mal meiner Leselaune, und die ist unberechenbar. Ich tendiere stark zu Jon Kalman Stefanssons ‘Das Licht auf den Bergen’, das ist der dritte Teil einer Trilogie. Der erste Teil war wirklich gut, den zweiten fand ich allerdings so grottenschlecht, dass ich mir eine Leseblockade eingehandelt habe. Wäre ich nicht so begeistert vom ‘Knistern in den Sternen’ gewesen, hätte ich das sicher nicht überlegt. Aber so… Es zieht mich auch nochmal zu ‘Rot ist mein Name’  von Orhan Pamuk, eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Na, mal sehen.

Ansonsten bin ich heute tatsächlich traurig, denn im letzten Monat sind einige bedeutende Künstler gestorben. Ich trauere besonders um George Tabori wegen seines menschlichen feinen Humors, um Ulrich Mühe, weil er uns in ‚Das Leben der Anderen’ und in anderen Filmen grandiose Rollendarstellungen geschenkt hat und um Ingmar Bergmann, dessen Filme ich ausnahmslos liebe (vielleicht sollte ich meinen Fernseher nun wirklich reparieren lassen, um eine anstehende Retrospektive nicht zu verpassen…).