Besuch der Documenta 12

14. September 2007

„Du kommst zum Herzen Deutschlands, nur um das Wort Kunst unter Deinem eigenen Schatten zu lesen“ – Diese Installation von Gonzalo Diaz wurde mir sogleich Motto für meinen Documenta-Besuch. Um diesen Satz zu lesen, mussten sich die Documenta-Besucher in einen großen Raum, der aber nur von 2 oder 3 Personen gleichzeitig betreten werden durfte, einem Bilderrahmen nähern, der von einem Scheinwerfer angestrahlt wurde. Der Rahmen schien leer, bis man den Schatten des eigenen Kopfes in diesen Rahmen fallen ließ. Erst dann wurden die oben zitierten Worte sichtbar.
So subjektiv, durch den Schatten meines eigenen Kopfes kann ich eine Beschreibung unseres Documenta-Besuches nur wagen. Ich habe nicht viel über die Documenta gelesen, und der Audio-Guide war mir viel zu abstrakt, als dass ich davon allzu viel hätte mitnehmen können. Bin halt einfach gestrickt, wenn auch offen für das, was es zu sehen gab. Ich fand es anstrengend, einen Zugang zu den Kunstwerken zu bekommen und war teilweise ziemlich frustriert.

Das soll aber nicht heißen, dass es mir nicht gefallen hätte!!! Einiges habe ich dann doch kapiert – und da ich ja nur von meinem eigenen Schatten ausgehe, der auf die Kunstwerke fiel, mache ich mich jetzt mal ganz frei davon, mich ggf. mit diesem Beitrag lächerlich zu machen oder sogar gänzlich falsch zu liegen. Das ‚Falsch’ nämlich kann es nicht geben, liegt doch alles in meinem Kopf kreuz und quer herum. Vielleicht schaffe ich ja hier einen Ansatz von Ordnung.
Zunächst einmal ist diese Documenta (für mich) nicht einfach eine Ansammlung von Kunstwerken. Vielmehr ist diese spezielle Ansammlung von Kunstwerken in ihrer gegenwärtigen Korrespondenz untereinander, und den Gedankenketten, die in den Betrachtern ausgelöst werden, ein ganz neues, immer anderes Kunstwerk, so schillernd wie die Vielfalt der Besucher. So ist die Documenta selbst ein eigenständiges Kunstwerk, das in sich aus vielen einzelnen Kunstwerken besteht. Doch ihre In-Bezugnahme ist nicht da, findet nicht statt ohne den Betrachter, und deshalb sind wir Besucher eben Teil dieses Kunstwerkes.

Dieser Perspektive geht einiges an Nachdenken meinerseits voraus, oder vielleicht auch: Umdenken. Nichts war so, wie ich es mir gewünscht  oder wie ich es erwartet hätte, nichts war wirklich hilfreich für mich. Der Audio-Guide gab z.B. nicht unbedingt Auskunft über die einzelnen Kunstwerke, sondern war kopfig und beschäftigte sich eher ausführlich mit dem Konzept der Zusammenstellung der Arbeiten bzw. setzte sich mit den Leitmotiven der Documenta auseinander. Assoziationsketten wechselten sich mit theoretischen Diskursen ab, wobei die Geschichte der Ausstellungsräume mit einbezogen wurde. Das machte mich eher nervös (hinzu kam dieses ständige Enttüteln der Kopfhörerkabel).
Selbst abends im Bett fand ich keinen Zugang zu den Beiträgen auf dem Audio-Guide. Dennoch würde ich ihn empfehlen, denn erstens kann jemand anderes ja vielleicht mehr damit anfangen und zweitens wäre es gelogen, wenn ich behaupten wollte, gar nichts für mich daraus gezogen zu haben.

Das mit den Assoziationsketten will ich mal versuchen näher zu erläutern.
In der neuen Galerie fanden sich Bilder, die durch den Kontext, in den sie gehängt wurden, etwas anderes erzählten, als wären es Einzelexemplare, so wie ein Buchstabe noch kein Wort ergibt. Diese ‚Worte’ der einzelnen Räume setzten sich in Bezug mit den ‚Worten’ in den anderen Räumen – und konnten dann zu einem Satz werden. Oder mehrere. Auf jeden Fall: pro Betrachter ein anderer Satz.
Da waren z.B. die Comicstrips, die von dem Widerstand der Schwarzen in Amerika sprachen. Gleichzeitig kann man sich vor Augen führen, wie die (weiße) amerikanische – und damit auch die westliche Kultur – durch die afrikanischen Einflüsse (der Schwarzen in Amerika) geprägt wurde, obwohl dies vielleicht gar nicht gewünscht war. Ich denke da z.B. an die Gospels, die eine ganz neue Form von Religiosität repräsentieren, und die nur durch die Lebensbedingungen der Schwarzen in Amerika in dieser Art entstehen konnten (das behaupte ich hier mal).
Im Raum genau über diesen Comics erzählt eine Fotoserie von der Landnahme der Weißen und der Vertreibung der Indianer und dokumentiert die Borniertheit und Selbstgerechtigkeit der Weißen.
Nicht nur wurde damit ein komplettes Volk ins Elend gestürzt, dessen Kultur sich daraufhin veränderte. In der Folge geht uraltes Wissen verloren. Wieviel Schmerz, wieviele Tote waren damit verbunden! Diese Diskrepanz wird von einem anderen Künstler, Juan Davila aufgegriffen: In seinen Gemälden geht es um diese Themen, es werden Siegerikonen oder Jesusdarstellungen zitiert, aber mit teilweise obszönen Darstellungen in ihr Gegenteil verkehrt.
In diesen Zusammenhang passt auch die komplexe Arbeit von Ines Doujak, die sich mit dem Thema Biopiraterie auseinandersetzt. Auf einer Reihe von aufgespießten Samentütchen, wie sie oft neben das Saatgut in die Erde gesteckt wird, gibt sie Informationen zu Bio-Skandalen: Sei es, dass ein Amerikaner im Ursprungsland eine Tüte Bohnensamen ausführt und im eigenen Land eine angeblich neue gelbe Bohne kreiert und patentieren lässt (ebenso passiert mit Jasmin-Reis) und damit empfindlich in die Ökonmie eines Dritte-Welt-Landes eingreift (durch Anbau im eigenen Land muss das Erzeugnis nicht mehr importiert werden, was für die Einwohner des Ursprungslandes verheerende Auswirkungen hat). Oder es stürzen sich Pharmaunternehen auf kräuterkundige Ureinwohner und reißen sich deren uraltes Wissen um Wirkungen bestimmter Pflanzen unter den Nagel, lassen die Pflanze dann patentieren, so dass selbst für die einheimische Bevölkerung diese vorher kostenlose Pflanze nur noch zu einem (hohen) Preis erwerbbar wird.

So geht es auf der Documenta die ganze Zeit um Wechselwirkungen zwischen der Umwelt und dem Indiviuum. Eine Person (oder eine ganze Personengruppe) verhält sich zu den äußeren Umständen. Dadurch verändern sich diese, und entsprechend verändern sich die Reaktionen. So befinden sich Umwelt und Mensch, Gesellschaft und Individuum untrennbar und unentrinnbar in einer Spirale, die sich immer weiter zuspitzt.

Da möchte man vielleicht am liebsten flüchten vor diesen Wahrheiten, flüchten von hier und in eine bessere Welt aufbrechen. Ein Boot steht bereit auf der Documenta: es heißt ‚Dream’ und besteht aus lauter zusammengeklebten Kanistern. Nur – leider – fehlen die Deckel, das Boot ist löchrig. Eine Flucht kann damit nicht gelingen.

Ich könnte sicher noch lange weiterschreiben, viele Eindrücke habe ich gesammelt. Aber besser wäre vielleicht, lieber Leser, wenn Du Dir Dein eigenes Kunstwerk zusammenzusetzt. In Kassel.

One Response to “Besuch der Documenta 12”


  1. [...] hier b.a.w. ein unvollständiger Bericht über die 5. Berlin Biennale. Auch hier, wie schon bei der Documenta, handelt es sich um eine Kuratorenausstellung. Mir schien es wieder einmal nicht um die einzelnen [...]

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.