Das Lesen dieses Buches stand unter einem schlechten Stern – oder unter ‚knisternden Sternen’? Zunächst einmal hatte ich große Lust, ein weiteres Buch von Jón Kalman Stefánsson zu lesen, denn ‚das Knistern in den Sternen’ (hier rezensiert) hatte mir ja sehr gut gefallen. Besonders empfohlen hatte mir mein Schatz ‚Der Sommer hinter dem Hügel’, das ist der dritte Teil einer Trilogie. Und der zweite Teil hatte mich allerdings mal in eine Leseblockade gestürzt. Mein Schatz hat dieses Buch denn auch noch ein zweites mal für mich besorgt, da das erste Exemplar verliehen oder sonstwie verschwunden ist. Und als ich es anfangen wollte, war es schon wieder nicht da! Dabei ist mir nicht bewusst, dass bei uns Trolle hausen?? Die Enttäuschung war groß, doch es gab nun noch das neue, kürzlich erschienene Buch von Stefánsson in unserem Haushalt, welches ich dann zur Hand nahm.

Man möge mir diese abschweifende Erklärung, wie ich zu diesem Buch kam, verzeihen – tatsächlich ist sie in gewisser Weise gerechtfertigt, denn auch Stefánsson nimmt sich das Recht zu diesem Kunstgriff.
Der Roman handelt von einem zehnjährigen isländischen Jungen, der einen Sommer in Norwegen bei dem Großvater, einer stählernen Großmutter und einer mürrischen Halbschwester verbringt. Und wieder – was so typisch und so wunderbar ist an Stefánssons Stil – geht die Beschreibung dieses Sommers mit viel Phantasie daher. Die ständigen Begleiter des Jungen namens Tarzan und Flinker Hirsch beschützen diesen in brenzligen Situationen beispielsweise vor einer Riesenspinne. Der isländische Junge schließt Freundschaften mit ganz unterschiedlichen anderen Jungen – den Brüdern, mit denen er für immer in den Wald zieht (das ‚für immer’ endet dann aber schon am selben Abend), mit Helge, einem Wunderknaben, der aber nichts von den alltäglichen Problemen eines heranreifenden Knaben versteht (obwohl er selber solch einer ist) oder Arne, dem coolsten Boy in der Umgebung, der sich gern mit dem exotischen Islandjungen blicken lässt.

Gemeinsam also mit diesen Jungen stellt der zehnjährige Ich-Erzähler eine Menge Unsinn an. Z.B. ist seinem Süßigkeiten-Konsum zuträglich, dass er die Unterhosen seiner Halbschwester an die Jugendlichen im Ort vertickert (diese Erfolgsstory findet ihr jähes Ende, als die Unterhosenschublade leer ist und das Geschäft mit den Unterhosen der Mutter seines Freundes keine Fortsetzung erfährt). Und das ist alles liebenswert und schön erzählt. Ebenso die Einsprengsel des ca, 40-jährigen Ich-Erzählers, der natürlich heute viel mehr weiß, als der kleine Junge damals, der im Vergleich mit dem Gestern die (schmerzliche) Erfahrung der Dimension Zeit und Vergänglichkeit machen musste.
Wieder mochte ich das Phantasievolle in den Schilderungen. Und dennoch fehlte mir was.
‚Das Knistern in den Sternen’ hatte weitaus authentischere Züge, trug mich, die Leserin, nochmal ein Stück weiter fort vom Hier und Jetzt in eine andere, poetische Welt. Dies gelang mit den ‚Riesenkiefern’ nicht. Vielleicht lag es daran, dass die Gefühle in diesem Buch nicht diese Schwere hatten (und damit gegebenfalls mehr Tiefe), ich weiß es nicht.
Einiges erinnerte mich an ‚Populärmusik aus Vittulä’ – ein ganz phantastisches Buch – doch wieder anders war, dass die ‚Populärmusik’ ebenfalls bei allem Witz eine unglaubliche Tiefe beinhaltete. Nun mag es meiner Persönlichkeit inne liegen, dass ich weniger auf Komödien, sondern mehr auf Tragisches stehe. Dennoch reicht dieses neue Buch von Stefansson nicht an ‚Das Knistern in den Sternen’ heran – und altklug will ich sagen: kein Wunder. Diese Tiefe und Poesie kriegt man nicht so schnell nochmal hin. Aber das sage ich natürlich nicht.