Eine Erkältung ist halb so schlimm, wenn man ein gutes Buch zur Hand hat, finde ich. Und darum war ich froh, dass dieses hier den Weg zu mir fand.
Sechs Erzählungen hat Joseph Conrad zu einem Buch zusammengefasst. Jede der Erzählungen hat vom Autor daselbst eine Charakterisierung erhalten: Es gibt eine romantische, eine ironische, eine zornige, eine verzweifelte, eine kriegerische und eine pathetische Erzählung. Ich weiß nicht, ich konnte diese Charakterisierung beim ersten Lesen nicht immer gleich entschlüsseln, habe mir vielleicht doch zu wenig Mühe mit dem Buch gegeben.

Was mir an den Erzählungen besonders auffiel – und das habe ich sehr genossen – war, dass manche der Gesten oder gar Haltungen der Protagonisten bis ins Kleinste beschrieben wurde und dabei so ungewöhnlich war. Ein Mann war dabei (nämlich Gaspar Ruiz), der wegen seiner Riesenkräfte eine Kanone auf dem Rücken trägt. Er liegt, und die Kanone wird durch ihn auf das Ziel ausgerichtet; ein anderer Mann wird beschrieben, wie er seine Hand in die Tasche gleiten lässt, etwas sehr kleines herausnimmt und sodann zum Mund führt (ist eine Giftpille), ein anderer trocknet in einer merkwürdig verdrehten Haltung sein Taschentuch am Kaminfeuer (um sich später darin auszuschneuzen und den Vorgang zu wiederholen, igitt, aber interessant), eine Frau wird von einem Anker ‚gepackt’ und ins Meer hinausgeschleudert, ein Mann liegt bei einem Duell im Wald auf dem Rücken und beobachtet seinen Widersacher über einen Spiegel. Ach, und noch vieles mehr.
Die Erzählungen sind so anschaulich, dass man sich in die Szenen wunderbar hineinversetzen kann, und gleichzeitig entstehen diese ungewöhnlichen, ja oft verrückten Bilder.

Zwei der Geschichten fand ich besonders herausragend: ‚Das Untier’, in dem es um ein Schiff geht, das auf jeder Fahrt mindestens ein Opfer fordert, als sei es ein Monster. Es sind Lotsen, die sich über dieses berüchtigte Schiff unterhalten. Die ganze Szene ist derart gut beschrieben, dass ich mich ganz dazugehörig zur Szene fühlte. Es ist eine Geschichte zum Lauschen und Staunen. Und ‚Das Duell’ ist einfach großartigste Erzählkunst: Die Geschichte handelt von zwei Soldaten im napoleonischen Heer, die sich durch einen ganz dummen Anlass miteinander duellieren. Der Anlass aber ist derartig unwichtig und peinlich, dass über ihn ein großes Geheimnis verhängt wird. Es gibt kein zurück, und so findet nach jeder Beförderung beider Soldaten (nur wenn sie den gleichen Rang haben, dürfen sie sich duellieren) jeweils eine kriegerische Begegnung statt, jedoch ohne endlich einen eindeutigen Sieger hervorzubringen. Als der aggressivere der Beiden in Ungnaden fällt und hingerichtet zu werden droht, verwendet sich der andere für ihn, denn diese dramatischen Auseinandersetzungen werden doch mit einer gewissen Wehmut betrachtet, sind sie doch in beider Leben wie das Salz in der Suppe. Ein wunderbarer Kniff in dieser Geschichte ist, dass der andere sich nur deshalb ‚auf der Siegerseite’ (nämlich nach dem Sturz Napoleons auf der königstreuen Linie) befindet, weil es sein Widersacher war, der das Gerücht von dessen Abtrünnigkeit gestreut hatte. ‚Das Duell’ ist wie eine wunderbare Parabel über jeden sinnlosen Krieg und auch der vermeintlichen Notwendigkeit desselben.

Es wird mit Sicherheit nicht das letzte Buch sein, das ich von Joseph Conrad lesen werde. Am Besten lässt es sich auf einem roten Sofa mit einem Tee oder besser noch: einem starken heißen Grog genießen. Und draußen sollte es möglichst ungemütlich sein.

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