Immerhin die Hälfte der Ausstellung konnte ich letztes Wochenende anschauen – insofern bleibt dies hier b.a.w. ein unvollständiger Bericht über die 5. Berlin Biennale.
Auch hier, wie schon bei der Documenta, handelt es sich um eine Kuratorenausstellung. Mir schien es wieder einmal nicht um die einzelnen Künstler und deren Kunstwerke zu gehen, denn auch hier gab es viele Kunstwerke von vielen Künstlern (und mindestens mir fällt es nach dem Anschauen von nur einer Arbeit eines Künstlers schwer, dessen Thema ganz und gar zu erfassen), und in der Nationalgalerie haben es die Aussteller meisterhaft geschafft, die Werke zu anonymisieren (ich habe kein einziges Schildchen dort gefunden, von wem welche Arbeit war und wie sie hieß, also stand ich oft mit aufgeklapptem Plan da und versuchte, die einzelnen Künstler und die Titel der Objekte herauszufinden, was nicht immer einfach war. Und genervt hat). Mit anderen Worten: Es schien wieder um ein Zusammenspiel, einer Kommunikation der Werke im Kopf der Rezipienten zu gehen; wieder sollten sich die Interpretationen in den Köpfen der Besucher wie durch das Zusammensetzen eines Puzzles ergeben. Grundsätzlich finde ich diesen Ansatz ja akzeptabel, wenn auch nicht ganz einfach (macht ja nichts, ein wenig Nachdenken hat ja schließlich noch niemandem geschadet).
Während die Exponate in der Nationalgalerie durch Ästhetik bestachen – insgesamt hatte ich hier mehr Zugang zu den Kunstwerken – gelang es mir viel weniger, die ausgestellten Sachen im KW zu kapieren.
Da ich nichts über die Berlin Biennale gelesen habe, versuche ich also meine Beobachtungen festzuhalten, ganz wie aus einem hohlen Bauch:


Neue Nationalgalerie:
Das erste Werk das uns in der Nationalgalerie empfing und von Paola Pivi war, hieß ‚If you like it, thank you, if you don’t like it, I’m sorry, enjoy anyway’ und mindestens der Titel schien mir wie ein Motto der 5. Biennale, von der wir vor der Tür ja schon von flatternden Fahnen und einer Faust begrüßt wurden. Widerstand? Verweigerung, einen Sinn vorgeben zu wollen, wenn sich beim Betrachter nicht von selbst einer einstellt? Vielleicht. Mir schien es wie eine Vollverweigerung, dem Publikum etwas in die Hand zu geben, um das Kommende in eine bestimmte Richtung zu verstehen, mit anderen Worten: Es sollte – für mich – ein Feld des freien Assoziierens werden. Die zum Teil sehr ästhetischen Werke wie die Werke von Marc Camille Chaimowicz griffen Muster und Ornamente auf, die in seinem bemalten Marmor- und Schieferplatten sich mit deren natürlichen Mustern mischten – die ja erst durch Bearbeitung (Schleifen) des ursprünglichen Materials richtig sichtbar wurde. Es schien mir wie die Manipulation des Natürlichen, das zu verschwinden droht. In ähnliche Richtung schien mir der Raum von Haris Epaminonda zu zielen, in dem Collagen aus Bildern unterschiedlicher Landschaften sowie Pflanzen und Kulturgegenstände aus verschiedenen Kulturen und Orten zusammengestellt wurden. Eine Sammlung aus der Welt – und es scheint alles in eine Homogenität zu münden, die doch nur eine Lüge sein kann. Diese Lüge verfolgte mich auch in den gleich gestalteten Abseiten der von Susanne Kriemann gestalteten kleinen Garderobenräumen: Bis auf die Videos, die irgend etwas Undefinierbares zeigten, waren beide Räume exakt gleich ausgestattet, so dass sich bei mir in kürzester Zeit eine Oreintierungslosigkeit einstellte: War ich in der rechten oder in der linken Garderobe? Wo bin ich? Die fehlende Verortung schien sich auch zu spiegeln in dem Werk von Gabriel Kuri, dessen Kunstwerk von den jeweiligen Aufpassern mitgestaltet wird, indem diese dort ihre Jacken und Taschen darauf ablegten: Die Teilnehmer der Ausstellung sind auch gleichzeitig (Mit-)Macher, oder? Oder wie? Mal wieder doll, wie so eine knitterige Studentenjacke und ein egaler Leinenbeutel zu einer ungeahnten Ästhetik generiren. Hat funktioniert.
Ein weiteres Werk, das mich beeindruckt hat, bestand aus einem Film ohne Bild mit deutschen Untertiteln. Hier wurden Sätze und Gesang von Sprachen eingespielt, die vom Aussterben bedroht sind. Schätze werden verlorengehen, unrettbar, irreparabel. Und wir? Haben doch selbst schon einen guten Teil unser völkischen Identität verloren.

So passte für mich auch die Skulptur von Goshka Macuga ‚Deutsches Volk – deutsche Arbeit’ dazu, in dessen Werk sich die Schatten und Reflexionen der Museumsbesucher wiederspiegelten. Echt echt? Oder gar nicht da? Und wenn doch, wo? ‚If you don’t like it, I’m sorry’…
KW, Auguststraße
Die Ausstellung in der KW war so ganz anders und für mich ziemlich unzugänglich. Viele Videoinstallationen machten mich müde, und sie waren zum Teil für meinen Geschmack zu exaltiert. Eine Idee dazu habe ich kaum entwickeln können, vieles schien mir willkürlich, und je höher man steigt in den Elfenbeinturm des KW, desto abgedunkelter wurden die Räume, und desto müder wurde ich auch. Ich frage mich, ob ich nicht vielleicht besser im 4. Stock hätte anfangen sollen, um mich dann langsam aber sicher zum Hellen vorzuarbeiten? Sei es also meiner wachsenden Müdigkeit zuzuschreiben, dass mir zu den Exponaten nichts einfallen will. Im Kopf sind mir nur vier Dinge geblieben.
Den Raum mit klebrigem, stinkenden Teer ‚Ground Controll’ von Ahmet Ögüt habe ich in Erinnerung, denn durch die Klebrigkeit des Bodens und der Akustik entstand etwas für mich wirklich Unheimliches Dann die Videoarbeit von Jos de Gruyter und Harald Thys ‚Die Fregatte’, die mit lebenden Bildern Fotomotive einfing; lebende Bilder also, und doch starr wie Momentaufnahmen – das ergab eine merkwürdige Spannung. Die Bilderreihe ‚Soft City’ von Pushwagner, ein Bilderroman, so spannend wie das wahre Leben, finde ich erwähnenswert. Ist dennoch komplett überzogen, diese Vison, und ich fühlte mich etwas unbehaglich, eher weil ich mich nach dem Menschenbild frage, das hinter dieser Arbeit steht. Aber das tut wohl nichts zur Sache, oder?
Das vierte rührte mich dann sehr merkwürdig an, und es ist höchstwahrscheinlich nicht einmal ein Kunstwerk, obwohl ich es doch irgendwie hoffe. Schon gewusst? Wenn man Eintrittskarten – oder Eröffnungskarten, irgendwie sowas – von der Documenta, dem Skulpturen Projekt Münster (da gabs ja keine Eintrittskarten…), einer dritten große Ausstellung (habe vergessen, welche das gewesen sein soll) und der 5. Berlin Biennale gesammelt hat und einreicht, kann man nach Losverfahren eine Reise nach Zanzibar gewinnen. Ich frage mich ehrlich, in wessen Kopf denn diese merkwürdige Idee entstanden ist? Ist es nicht geschmacklos, unter den Ausstellungsbesuchern, die sich entschlossen, zu allen vier Großveranstaltungen anzureisen, eine Flugreise in ein Land wie Afrika zu spendieren? Was soll das? Sollen die ernsthaftesten und bestrebtesten Ausstellungsbesucher – sicher auch wohlhabende Sammler und Mäzene unter ihnen – auf den Arm genommen werden? Sollen die wirklich für so dumm verkauft werden und nach all der Kritik an Globalisierung und Sorge um unseren Planeten auf eine extraordinäre Reise geschickt werden? Das ging mir quer herunter. Ich frage mich nach dem Bezug zur Kunst dabei. Klar ist Zanzibar eine Reise wert, ich war ja auch schon dort, nur geht es mir hier um den Kontext, aus dem dieser Preis herausgelöst zu sein scheint. Mein Liebster meinte dazu ganz spontan, dass bedeutende Ausstellungen von Gegenwartskunst doch wohl keine Werbung auf Waschmittelniveau machen müssen. Recht hat er!
Ob ich noch für die anderen beiden Orte Zeit finden werde, weiß ich nicht (ich müsste dazu ja nochmal anreisen). Ich glaube es nicht. Aber ich würde gern. Bin dann doch zu neugierig.
12. April 2008 at 21:21
Wirklich schön, wenn man so viel Zeit mit den Gut Kunst verbringen kann.
Übrigens sind meine Interessen Kunstwerke in Aquarell, Öl, Pastell, Acryl, digitale Kunst, Fotografien sowie Skulpturen aus Stein, Ton, Metall, Holz. Außerdem finde ich das Handarbeiten interessant – also alles, was mit Künstlern, Kunst & Kunsthandwerk zu tun hat. Wenn mir jemand noch Tipps geben kann, wäre das schon prima, danke.