Ursprünglich wollte ich mir ja die Verfilmung ansehen, die kürzlich herausgekommen ist, doch eine Freundin empfahl mir das Buch so sehr, dass ich es denn erst mal lesen wollte. Was denn auch geschehen ist.
Helmut und Sabine Halm führen ja ein gleichbleibendes, gleichmäßiges Leben ohne viele Überraschungen, und so verbringen sie seit 11 Jahren immer am Bodensee ihren Urlaub – in einem Ferienhaus, dessen Fenster vergittert sind. Deutlicher kann man nicht vor Augen führen, wie eingefahren und gefangen die beiden in ihren Gewohnheiten sind! Insofern ist für Helmut das zufällige Wiedersehen seines Schulfreundes Klaus Buch nicht besonders erwünscht. Helmut Halm hat nämlich mit seiner Vergangenheit weitgehend abgeschlossen, und im Grunde genommen mit Teilen der Gegenwart auch. Er hat sein Lehrerleben, und weicht Lebensmomenten möglichst aus. Er kann sich auch kaum noch an Klaus Buch erinnern.
Dieser ist komplett anders als der zurückgezogene Intellektuelle: Ein Kerl von Mann, dessen Potenz noch aus dem letzten Hosenknopf herauszuquellen droht, natürlich in Begleitung einer schönen und vor allem sehr viel jüngeren Ehefrau, von der Helmut, wäre er denn mal ehrlich, kaum seinen Blick lassen kann.
Die Unterschiedlichkeit der Paare ist zum Schreien komisch geschildert: Während Halms ihre Genüsslichkeiten wie ein gutes Gläschen Wein, Zigarre bzw. Zigarette und Kaffee und Kuchen kultivieren, geht es Buchs scheinbar ums Leben: Gesund muss es sein, sportlich und lebendig. Doch damit nicht genug: Klaus Buch dominiert schon bald diese kleine Gesellschaft, bestimmt Freizeitaktivitäten und bewertet Halms eher unsportliches Verhalten kritisch. Er glaubt sich aufgefordert, frischen Wind in das Leben Helmut Halms bringen zu sollen. Dafür und für die ausufernden Mononloge eines gesunden und lebendigen Lebens hasst Helmut Halm seinen alten Schulfreund.
Schließlich unternehmen die beiden einmal ohne die Frauen eine Segelpartie, bei der Klaus Buch nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes den Kurs angibt und das Steuer in die Hand nimmt. Am Liebsten täte er dies nicht nur auf dem Bodensee, sondern auch im wahren Leben, indem er gemeinsame Pläne schmiedet, mit Helmut Hahn ein neues Leben fernab der Spießigkeit und Eingefahrenheit zu führen. Den Monolog führt Klaus Buch übrigens bei Flaute. Sodann kommt starker Wind auf, es wird ein Sturm, und während Klaus Buch sich aufgefordert fühlt, den Kampf mit den Naturgewalten anzutreten, bangt Helmut Halm um sein Leben. Schließlich tritt dieser Klaus das Ruder aus der Hand, denn die Situation wird allzu brennzlich. Während Helmut Halm ans Ufer getrieben wird, bleibt Klaus Buch mitten im tobenden See zurück.
Helmut scheint durch diesen Unfall, bei dem er zu Klaus Buchs Rettung nichts beizutragen wusste, eine Wende in seinem Leben zu erfahren; er sucht nach einem besseren Leben, kauft Fahrräder und Sportkleidung und will von dem Verbleib seines Freundes nichts mehr wissen. Doch taucht die Frau von Klaus Buch auf und klärt sie über ihren Mann auf, der nämlich alles andere als erfolgreich ist, sondern eine Niete auf so ziemlich jedem Gebiet. Als Klaus Buch dann in der Tür steht, bricht Halms Wandlung wieder in sich zusammen.
Einiges hat mir wirklich gut gefallen in dieser Novelle. Es gab da einige hochironische Stellen, die wirklich witzig geschrieben waren. Auch war die Handlung wirklich dicht geschrieben, die Bilder deutlich. Das fliehende Pferd, das Klaus Buch zu beruhigen schafft, findet eine Entsprechung – wie ich finde – in Helmut Halm: auch ihn will er im Grunde genommen bezwingen, zur Umkehr bringen. Doch hier misslingt das Unterfangen, wie in Klaus Buchs Leben ja wohl auch das meiste misslingt. Was mir ein wenig im Hals stecken blieb, war Helmut Halms beinahe kaltblütige Reaktion auf dem Schiff: Dass er Klaus Buch über Bord fallen lässt, mag noch als Selbstverteidigung durchgehen; schließlich hatte Klaus nicht vor, die Sturmwarnungen zu beachten und das Land aufzusuchen, hätte also Gefahr nicht nur für sich, sondern auch für Helmut gebracht. Doch dass Helmut sich später nicht mehr im Geringsten für Klaus’ Verbleib interessierte, betrachte ich mit gemischten Gefühlen. Es scheint, als wäre Helmut seine Eingefahrenheit wichtiger als dies Menschenleben. Und gleichzeitig findet doch eine Art Aufbruch statt, die sofort wieder nach Klaus Buchs Auftauchen in sich zusammensackt. Vielleicht ist das aber alles auch ‚nur’ grundehrlich; ohne eine wahrhafte Wende durch einen Tot fehlt vielleicht auch der wahrhafte Antrieb, sich zu ändern. Alles bleibt beim Alten, wenn auch das Reiseziel diesmal nicht mehr eine Ferienwohnung mit Gitterfenstern ist, sondern ein Haus mit so dicken Mauern, dass man keine Lebens- (bzw. Liebes-)Laute der Nachbarn mitbekommt…
Tja, bitter? Weise? Wahr? Vermutlich…

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