Cortona in der Toskana

20. Juni 2008

Im Reiseführer steht, dass Cortona eine der ältesten Städte in der Toscana ist (auch die Etrusker fühlten sich auf Cortona Hügel schon wohl) – nagut, wenn es dort steht, wird es wohl sicher stimmen… Cortona hat mir jedenfalls besonders gut gefallen, und sicherlich nicht nur, weil es so eine alte Stadt ist!


Zuerst war ich ja ein wenig sauer auf die Italiener, die ja wohl jede noch so enge Gasse im Altstadtbereich mit dem Auto befahren wollen. Obwohl mich die Autos durchaus gestört haben, hat sich meine Einstellung doch ein wenig geändert, denn mir wurde klar, dass die Italiener die Autos tatsächlich hier auch brauchen. Warum? Weil sie hier leben. Und das wiederum empfinde ich als eine große Qualität. Die Stadt Cortona – die mittelalterliche Altstadt – ist belebt, und zwar nicht nur durch Touristen, die auch schon im Mai auffallen (da ich nie im Hochsommer in der Toskana war, kann ich nur anhand der Vielzahl der Geschäfte, die den Tourismus bedienen, ahnen, wie voll die Stadt dann sein wird; im Mai jedenfalls sind sie auch schon präsent), sondern eben auch, weil in ihr auch viele Menschen tatsächlich leben. Und das macht die Stadt so lebendig und irgendwie ‚normal’. Uns wurde ein Regentag beschert, der das Klima so erträglich machte, dass wir den Aufgang zur Kathedrale St. Margherita wagten. Je höher wir die engen, steilen Gassen stiegen, desto präsenter wurde die Tatsache, dass hier Menschen wirklich leben. Viele liebevoll bepflanzte Terrassen sahen wir, die mit jeder Menge üppig wuchernder Kübelpflanzen in kleine grüne Idyllen verwandelt wurden; italienische Omas in unmodernen und schmuddeligen Kitteln schauten aus dem Fenster oder lachten uns auf den Gassen entgegen. Dazwischen diese uralten Gebäude mit dem malerisch blätternden Putz, teilweise mit Graffitis beschmiert – auch das gehört zu einem aktuellen Stadtbild -. teilweise aber auch mit kunstvollen alten Ornamenten ausgestattet, machten einen großen Reiz im Straßenbild aus.


Ich weiß ja nicht, auf wie viele Einwohner hier eine Kirche kommt, aber bei der Menge an geistlichen Gebäuden können es nicht viele Einwohner sein. Und natürlich ist jede Kirche mit ihrer jeweils örtlichen Attraktion schon ein Erlebnis für sich. Nachdem wir also den steilen Weg – natürlich von Zypressen umsäumt, wie es sich in der Toskana wohl gehört – zurückgelegt hatten, kamen wir gerade recht zu einer kleinen Andacht dort an, zusammen mit zwei alten italienischen Ureinwohnerinnen, die sich sofort in ein Gespräch mit einer der ansässigen Nonnen vertieften. In St. Margeritha gab es auch ein Wandgemälde, das den Opfern des Krieges gedachte. Für mich sah das Gemälde aus, als wäre es im ‚alten Stil’ (was immer man sich darunter vorstellen möge – jedenfalls war es nichts Expressionistisches oder so) gemalt; doch unvermittelt fand sich ein Soldat mit unter den Betenden auf dem Bild. Die Wände links und rechts waren voller Namen von Opfern, die im Krieg umgekommen waren.
Sicherlich war dies keines der bedeutenderen Bilder, doch beeindruckte es mich doch. Die Kirche war mit Sicherheit viel älter. Doch das Leben des letzten Jahrhunderts fand auch hierin statt und auch dessen Abdruck.

Zwei Museen haben wir besucht, und beide waren es wert, wenn auch aus verschiedenen Gründen.
Während das Museum am Dom vor allem mittelalterliche Werke umfasste, die sehr beeindruckend und unbedingt sehenswert waren, war das Etruskische Museum mehr als der Name verspricht: Zugleich war es nämlich auch ein liebenswertes Sammelsurium von Kunstschätzen aus allerlei Epochen und Ländern; ein Stadtmuseum eben, das zu verwalten hat, was man in Cortona so fand oder – raubte? (Wer weiß…) – Damit meine ich vor allem die ägyptische Abteilung des Museums. Wie kam bloß diese Mumie hierher? Das ist sicherlich eine Geschichte, die ich gerne hören würde… Die ägyptische Abteilung ist unbedingt einer der Höhepunkte in diesem Museum; ein weiterer die uralte Bibliothek mit wertvollen Folianten in riesigen Bücherschränken. Die großen roten Sessel und er überdimensionierte Tisch ließ mich zu Phantasien hinreißen, wie hier einst die Gelehrten über den Büchern geneigt saßen und sich die Welt zu erklären suchten. Ohje… bestimmt zogen sie auch einige der ausgestellten Globen zu Rate… Dort war denn z.B. die Existenz des sagenumwobenen Thule verzeichnet, gleich neben Island…

Die etruskischen Funde fand ich persönlich größtenteils schlecht präsentiert. Damit meine ich nicht die faszinierende neunarmige Lampe mit Fratze, eines der Prunkstücke der Sammlung, denn die war toll (und gut ausgestellt), und auch nicht die rekonstruierten Marmorböden ehemaliger (etruskischer?) Villen. Kleine Funde wie etwa geschmiedete Eisenfiguren standen dicht an dicht mit anderen Stücken in der selben Vitrine, die aber 200 oder gar 300 Jahre später entstanden sind. Warum, hat sich mir nicht erschlossen.
Doch wenigstens ist das Museum konsequent (und liebenswert) in diesem Wirrwarr. Neben dem Schwerpunkt, dem Etruskischen Zeitalter, kamen wir urplötzlich zu einem Raum, der einem neuzeitlicheren Künstler gewidmet war, um dann weiterzugehen zu den Räumlichkeiten eines Palazzos, in dem nicht nur viele (barocke?) Gemälde zu finden waren, sondern auch noch ein herrschaftliches Bett aus dem 18. Jahrhundert. So ein Durcheinander!!!

Das Dom-Museum war da viel konsequenter. Allen ausgestellten Gemälden voran hat mich die Verkündigung Marias von Beato Angelico beeindruckt. Maria, ein junges, zartes Mädchen (selten so jugendlich gesehen), erscheint der Engel im prächtigen roten und goldenen Gewand. Die Worte, die er spricht, erscheinen in goldenen Buchstaben auf dem Bild (und nehmen sozusagen die Comic-Kultur schon vorweg…) Der Engel scheint aus dem Garten Eden zu kommen, der an dem Säulengang, den er betreten hat, anzugrenzen scheint. Im Hintergrund sind Adam und Eva zu sehen, wie sie eben den Garten verlassen müssen. So wird auf dem Bild noch einmal daran erinnert, weswegen Gott Jesus zu den Menschen schicken musste.
Doch auch andere Darstellungen fand ich sehr originell, wie z.B. zwei Gemälde, auf denen das Jesusbaby auf dem Stallboden liegend dargestellt wird, nur mit einem Heuballen unter dem Kopf. Nix Krippe! Um es herum stehen dann das heilige Paar, die Hirten und natürlich die Tiere.
Desweiteren gab es einige besondere Gemälde mit Darstellungen des Abendmahles, aber auch eine expressionistische Serie mit den Stationen der Kreuzigung Jesu.

Cortona hat Stil – das fanden sicherlich nicht nur die Amerikaner, die sich anlässlich einer Hochzeit auf den Stufen der Rathaustreppe eingefunden hatten. Und Cortona lebt noch immer – und das wohl nahtlos seit der Zeit der Etrusker. Ich hab’s genossen, diese Stadt kennenzulernen.

…und wünschte, mehr von den Orten zu erzählen, die wir besucht haben… die ganz besondere Stadt Lucca natürlich, Pistoia (und im dortigen Dom eine wunderbare Jesusdarstellung aus dem 13. Jahrhundert gefunden) und die apuanischen Alpen mit so überraschenden Orten wie Barga oder Fabriche di Vallico.
Es war mal wieder sehr schön in der Toscana. Und außer, dass man es im Mai/Anfang Juni noch ganz schön kalt haben kann, ist es auch eine gute Zeit, da man selten Gefahr läuft, entweder hitzegelähmt zu sein und gar nicht herumkommt, oder sich nur in Touristenwallungen fortzubewegen.

zugeben, dass ich das Buch recht lustlos zu lesen begann, beruhte es doch überhaupt auf einem Missverständnis, dass es in meine Hände geriet. Immerhin passte das Buch zu unerer Italienreise, insofern habe ich es überhaupt angefangen.
Und weitergelesen.

Es ist die Geschichte einer – der – großen Liebe, ganz stringent erzählt, aber ausgeschmückt mit den Impressionen, die ein kleiner Ort am Meer an Italiens Adriaküste zu bieten hat. Das Meer, der Strand, die Meeresbewohner und die, die an der Küste leben, werden beleuchtet in einem manchmal ironischen Ton, jedoch immer wohl gesetzt. Dabei spielt das Kulinarische eine große Rolle, der Wein, Frutti di Mare…

Nun, und ER lernt SIE kennen, beide holt die große Liebe ein, spät, ganz frisch sind sie beide nicht, aber sicher noch keine 40 Jahre. So ist es von beiden eine ganz selbstbestimmte Entscheidung, sich aufeinander einzulassen, für beide ein ganz klarer Weg, wenn auch diese Liebe angefeindet wird.

Das war schön zu lesen, so leicht wie eine Sommerbrise am Meer… Anderes fand ich konstruiert und gestelzt, fast jede andere Begegnung, die die männliche Hauptperson (ein Deutscher, der beruflich in dem Ort zu tun hat) hatte, gefiel mir nicht. Warum freundet er sich so fett mit dem Hotelangestellten an? Außer, dass diese Freundschaft als dramaturgischer Kniff dient, um wichtige Informationen einzubringen, habe ich keinen anderen Hintergrund, keine andere Motivation für diese Freundschaft erkennen können. Austern essen mit dem Hotelangestellten im traumhaften Ambiente? (Ich dachte schon, der Witz wäre daran, dass der Hotelfritze schwul ist, anders konnte ich mir dieses Stelldichein nicht erklären. Aber es war dann nicht so). Das war mir zu  dünn und zu unmotiviert; auch andere Begegnungen waren mir zu aufgesetzt und konstruiert, wirkten nicht echt.

Und dennoch gefiel mir der konsequente Stil in dem Buch, die Gradlinigkeit, mit der die Geschichte erzählt wurde. Es gab einige Dialoge (wie z.B. der zwischen dem Ich-Erzähler und dem Vater seiner Angebeteten), die wirklich sehr gut geschrieben waren und mir Freude machten.
Alles in allem habe ich das Buch ganz gern gelesen und wäre auch gespannt gewesen, wie es mit der großen Liebe weitergeht, wie sie sich mit der räumlichen Distanz (München-Adriaküste) und vielleicht auch dem kulturellen Unterschied gegen den Alltag behaupten kann. Aber das wäre dann wohl Stoff für eine Fortsetzung.
Ansonsten bleibt nicht viel für mich übrig. Dazu hatte mir der Roman dann doch zu wenig Tiefgang.

Bislang bin ich an Rothkos Bildern immer nur in einem ziemlichen Abstand vorbeigestreift. Rätselhaft und unzugänglich fand ich sie – doch seit meinem Besuch der Rothko-Retrospektive hat sich meine Einstellung zu den Bildern grundlegend geändert.

Gegenständlich – weitestgehend – hat Rothko angefangen, aber schon sehr schnell wird deutlich, dass es ihm nicht um die Darstellung von Personen oder Dingen geht, sondern eher um das Einfangen einer Stimmung. So z.B. bei dem Gemälde einer Szene in der New Yorker U-Bahn: Einzelne Figuren sind zwar sichtbar, bleiben jedoch angedeutete Konturen; individuelle Züge fehlen vollständig. Es ist die Stimmung, die aus diesem frühen Werk einem entgegenspringt. Ein tristes Grau in Grau, wie vielleicht der Alltag sein könnte, den die vorbeieilenden Figuren erleben.
Immer weniger gegenständlich werden die Malereien, dafür aber großformatiger. Sehr schön fand ich die Gegenüberstellung von Gemälden von Pierre Bonnard und Rothko. Bonnard hatte schon in seiner gegenständlichen Malerei, beispielsweise einem Stillleben mit Obst, das in der Rothko-Ausstellung hing, begonnen, sich einer gegenstandslosen Flächigkeit anzunähern; noch sind die Früchte erkennbar, doch andererseits ist das Bild ein Fest von Formen und Farben. Rothko hat Bonnard sehr geschätzt, und seine großformatigen und nun auch abstrakten Gemälde sind im Grunde genommen eine konsequente Weiterentwicklung von dem, was sich bei Bonnard bereits abzeichnete.
Rothkos Gemälde aus dieser Phase haben ein ganz eigenständiges Leben; die Formen und Farben überschneiden sich, und man hat das Gefühl, dass die Bilder atmen und ein Eigenleben besitzen. Je länger ich darauf schaute, desto mehr Bewegung schien auf der Leinwand stattzufinden, desto stärker war auch das Erleben dieser Bilder. Ja, diese Bilder kann man gar nicht bis ins Letzte beschreiben, man muss sie einfach erleben! Es ist so, als stünde man mehr gegenüber als ‚nur’ einem Gemälde. Selten habe ich die Aura eines Kunstwerkes intensiver wahrgenommen als in dem Werk Rothkos.

Dies gilt erst recht für Rothkos eindrucksvollen, aneinandergesetzten Farbflächen mit den beinahe fließenden Übergängen; die Gemälde bewegen sich geradezu, als wenn sie atmeten. Und je länger man sich in solch ein Gemälde einlässt, desto intensiver wird das Erleben dieses Eigenlebens.
Die Farben tun ihr Übriges: Es ist eine direkte Konfrontation der Farben und Formen mit den eigenen Gefühlen. Es soll vorgekommen sein, dass sich Menschen durch die Intensität der Bilder zu Gefühlsausbrüchen hinreißen ließen… Das ist schon verrückt, wenn ein Bild in der Lage ist, so etwas auszulösen…

Völlig klar, dass Rothko eine komplett andere Intention hatte als z.B. Piet Mondrian. Dem ging es in erster Linie um eine formale Komposition, während es Rothko um die Unmittelbarkeit vom Wesentlichen, vom Kern der Dinge, um die Konfrontation mit den eigenen Gefühlen ging – ein geradezu konträrer Gegensatzu zu Mondrians Schaffen (scheint mir)!

Einmal hatte Rothko den Auftrag angenommen, die Wände eines Restaurants zu bemalen. Er hatte vor, ein Werk zu schaffen, bei dessen Gegenwart einem der Bissen im Hals steckenbleibt (war wohl etwas misanthropisch, der gute Rothko…). Doch bevor er sich mit seinen Auftraggebern ernsthaft hätte absabbeln müssen, gab er den Auftrag zurück, obwohl er bereits angefangen hatte, daran zu arbeiten. War sicher besser so, bei aller Faszination, die seine Werke auslösen.
Es erstaunt auch nicht, dass sich Rothko mit dem Begriff der Erhabenheit (von Edmund Burke) auseinandersetzte. Denn darum ging es Rothko immer: Um die Gefühle und um die Relation von Individuum und der Gewaltigkeit der Kräfte, die auf dieses einwirken (ob ich Burkes Theorie hier gerecht werde, darf gern bezweifelt werden!).
Gelungen fand ich die Gegenüberstellung von drei großartigen Gemälden von Caspar David Friedrich. Denn auch in dessen Werk geht es um das Erlebnis von Erhabenheit und den Gefühlen angesichts der Naturgewalten. ‚Der Mönch und das Meer’ und Gemälde aus Rothkos Spätwerk weisen neben dieser Aussage sogar kompositorische Parallelen auf. Frappierend, wie C.D. Friedrichs Themen und deren Bewältigung in Rothkos Werk wieder auftauchen! Von Kopieren kann natürlich nicht die Rede sein, es gibt wohl keine Hinweise darauf, dass Rothko Gemälde von C.D. Friedrich kannte. Doch selbst wenn: Rothko spielte ja in einer ganz anderen Liga.

Mir hat die Retrospektive sehr gut gefallen, sie hat mir Rothkos Gemälde wirklich nahegebracht. Dabei ist das ganz einfach: Man muss sich eigentlich nur vor das Original stellen und dieses auf sich wirken lassen. Rothkos Kunst bietet ein gutes Beispiel dafür, wie wenig reproduzierbar manche Gemälde durch Druckmedien sind. Durch Verkleinerung, aber auch durch die Drucktechnik kann Rothkos Kunst seine beeindruckende Kraft nicht im Geringsten entfalten.
Die Retrospektive ist wirklich gut gemacht worden: Vieles wird deutlicher durch die Gegenüberstellung von den Originale Bonnards und Friedrichs. Und die Audioführung empfand ich außerdem als sehr aufschlussreich. Doch um die Gemälde Rothkos zu erleben, braucht man sie nicht.

Mehr Infos auf der Site der Hamburger Kunsthalle.