Alex hat ein Chromosom zuviel und ist deshalb Mann und Frau zugleich – so heißt es in der Vorankündigung des Filmes (und das ist sachlich falsch, s. den Nachsatz am Ende dieses Eintrages!). Korrekt ist, dass Alex zwar über den Chromosomensatz 46,XX verfügt, aber unter dem Adrenogenitalen-Syndrom leidet. Wie dem auch sei, Thema des Filmes ist im Grunde genommen die Schwierigkeit, die eine nicht gesellschaftlich anerkannte sexuelle Entwicklung mit sich bringt – in persönlicher und gesellschaftlicher Hinsicht.

Was das für seelische Auswirkungen hat, wenn manfrau mitten in der Pubertät steckt, ist hier die Frage. Dieser argentinische Film hat sich des Themas sehr sensibel angenommen und besticht durch die langsame und intensive Erzählweise genauso wie durch die ästhetischen Bilder in einer melancholischen Farbigkeit und durch die schauspielerische Leistung. Allen voran ist da Inés Efron als Alex zu nennen: Ein interessantes, schönes Gesicht, und dazu hat sie wirklich toll gespielt.

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Was will Alex mit seinemihrem Körper, was will ersie in ihm? Und: zu welchem Geschlecht fühlt ersie sich hingezogen? Doch damit der komplizierten Fragen nicht genug: Was verlangt die Gesellschaft, was ersie sein soll? Die anderen Figuren verkörpern diesen Konflikt sehr deutlich: Da ist der Vater (großartig gespielt), der nichts unternehmen will gegen den Willen von Alex und ganz auf dessen Seite steht. Zusammen mit seiner Frau hatte er sich schon nach der Geburt gegen eine Operation entschieden (was operiert werden sollte, wird leider nicht gesagt, aber wichtiger an dieser Stelle ist wohl der – gesellschaftliche – Wunsch, zu manipulieren). Nun steht das Thema wieder im Raum durch den Besuch eines befreundeten Chirurgen, der Alex mit 15 Jahren auf den (weiblichen) Weg bringen könnte. Doch Alex hat gerade die Zufuhr weiblicher Hormone abgesetzt, um der eigenen Natur nun ihren Lauf zu lassen. Übrigens ganz stark, wie Alex den Weg findet, mit seinerihrer Sexualität umzugehen, sich überhaupt zu entscheiden, dass die (gesellschaftliche) Manipulation an seinemihrem Hormonhaushalt falsch ist und nicht seinihr Geschlecht. Einmal mehr wird klar, wer hier eigentlich ein Problem hat.

Die Gesellschaft kann das natürlich nicht dulden; die Menschen verstehen nichts abseits der sogenannten Normalität, was auch immer das ist. Der mitgebrachte Sohn Alvaro, ungefähr gleichaltrig mit Alex, ist wohl in den Augen des kernigen Vaters (dem Chirurgen) wohl eher ein Weichei, und der Vater hegt den Verdacht, dass Alvaro schwul sein könnte, was ihn in seinen Augen herabsetzt. Die Beziehung der beiden, geprägt durch die Befürchtung einer gesellschaftlichen Abweichung des Sohnes, ist mehr als angegriffen. Da kommt die Beziehung zwischen Alex und seinemihrem Vater, weitaus besser weg, denn der Vater hält zu seinem Kind, das natürlich sofort angefeindet wird, sobald im Dorf dessen Zwischengeschlechtlichkeit die Runde gemacht hat.

Betrachtet man die beiden Vater-Kind-Beziehungen in dem Film, wird deutlich, was gesellschaftlich falsch läuft: Es ist nämlich nicht die Abweichung von der sexuellen Norm, die der Rede wert ist, sondern vielmehr die Reaktion aus Angst auf diese Abweichung, die so weit reicht, dass sogar die ganz persönliche Liebe zu seinem Kind (wie eben zwischen Alvaro und dem Chirurgenvater) erlöschen kann. Wie krank ist das nur?

Ein sehr sensibles Thema ist auch die erste Liebe der beiden jungen Leute – oder ist es nur der erste sexuelle Kontakt?
So viele Themen werden in diesem Film berührt, sensibel bearbeitet, und was man daraus mit nach Hause trägt, muss wohl jeder selbst entscheiden. Es ist auf jeden Fall ein sehenswerter, nachdenklicher und schwer melancholischer Film, der mich sehr beeindruckt hat. Einmal mehr wird deutlich, wie schwer es sein muss, eine Sexualität außerhalb der gesellschaftlichen Norm zu leben, immer noch.

Achtung, wichtig! Ich habe eben entdeckt, dass der Film in einem - sehr wesentlichen – Punkt dann doch schwer kritisiert werden muss. Die Regisseurin hat es mit ihrer Recherche wohl nicht besonders ernst genommen, und es vermischen sich hier zwei ganz unterschiedliche Symptome: Der Titel lautet irreführend XXY und bezieht sich dabei auf das sogenannte Klinefelter Syndrom. Alex aber hat nicht diesen Chromosomenfehler, sondern AGS (Adrenogenitalen-Syndrom), das ist eine Funktionsstörung der Nebennierenrinde. Über diese Irreführung wird genauer auf der Website http://www.klinefelter.de/cms/index.php?option=com_content&view=article&id=76&Itemid= informiert. Noch weitere Infos von Betroffenen und Links zu jeder Menge Rezensionen gibt es in dem Blog “Zwischengeschlecht.info”.

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