Auf den 5 CDs wird das komplette Buch (ungekürzt) wunderbar mit Schweizer Akzent vorgelesen. Mein Sohn (6 Jahre) und ich haben sie zusammen gehört, und es hat uns beiden gut gefallen.

Heidi geht es bei ihrem Großvater auf der Alm gut– sie lebt in einem Idyll, nachdem sie ja schon eine Odyssee als Waisenkind hinter sich gebracht hat (wie es scheint, seelisch unbeschadet). Dennoch ist es gut, zu sehen, dass dies Idyll nicht einfach nur ‚die heile Welt’ bedeutet: Der Großvater selbst hat sich enttäuscht von der Gemeinschaft zurückgezogen und gilt im Dörfli als eher düstere Gestalt; die Familie vom Geißenpeter, der selbst Halbwaise ist, hat kaum genug Geld, um Nahrungsmittel zu kaufen, und der Bildungsstand auf der Alm ist auch nicht grad hoch…

Mein Sohn und ich haben uns mitgefreut, als Heidi in Frankfurt für allerhand Trubel sorgt und mitgelitten, als das Kind beinahe vor heruntergeschlucktem Heimweh und Kummer einging. Wie schön, dass alles am Ende gut ausgeht und Heidi zurück zum Großvater auf die Alm kann. Und es ist wieder schön idyllisch, wie sich durch sie die Menschen verwandeln, vor allem der Großvater, der sich nach Jahren der Zurückgezogenheit wegen des Kindes wieder der dörflichen Gemeinschaft zuwendet.
Meinen Sohn hat die Geschichte weniger mitgenommen als mich, ich habe doch ziemlich viel Tränen vergossen, als es Heidi in Frankfurt so schlecht geht, ihr dafür aber keinerlei Freiraum zugestanden wird, um ihren Kummer mitzuteilen. Dennoch denke ich, dass auch er viel verstanden hat von der Situation, in der sich Heidi befand. Vieles ist sicherlich schwer für Kinder zu verstehen, wie die Verbitterung des Großvaters, das vielleicht kaltschnäuzige Verhalten der Tante Dete (die z.B. Heidi über die Länge des Aufenthaltes in Frankfurt anlügt – das allerdings hat mein Sohn durchaus verstanden), das arrogante Benehmen von Fräulein Rottenmeier; aber das empfinde ich ja immer als Qualität, wenn einem die feinen Facetten eines Romanes erst mit der Zeit aufgehen.
Trotzdem wollte er, nachdem er alle CDs zweimal durchgehört hatte, erstmal lieber die erste und die letzte hören, weil ihm die farbige Darstellung auf der Alm am besten gefiel. Aber jetzt hört er auch Heidis Aufenthalt in Frankfurt mit großem Interesse, und stellt dazu viele Fragen. Auch wenn sich die Geschichte eher an geübte Leseanfänger(innen) richtet, erschließt er sich so die Geschichte nach und nach.
Fabienne Hadorn hat durch das schweizerische Colorit eine schöne Stimmung erzeugt und der Geschichte die Tiefe gegeben, der es gebührt. Das Buch ist zu Recht ein Kinderbuchklassiker, ich denke, auch heute können Kinder noch viel mit der Geschichte, aber auch mit der schönen Sprache und der Schilderung des Naturschauspiels auf der Alm anfangen.