Allein, weil Herr Precht und ich fast gleichaltrig sind, interessierte mich dieses Buch. Und es hielt, was es mir versprach.

Eine linke Kindheit, zudem in einer Provinzstadt, hat der Autor durchlaufen, und an den historischen Ereignissen orientiert sich denn auch weitestgehend diese Autobiographie. Ich habe ganz schön gestaunt, was alles während ja auch meiner Kindheit passiert ist, und wie wenig ich davon mitbekommen habe! Tatsächlich war ich als Kind genau so unpolitisch wie heute. Nicht apolitisch! Ich habe durchaus eine Meinung. Und mein sozialdemokratisches Elternhaus hat mich selbstverständlich auch geprägt. Doch vom Vietnamkrieg habe ich damals überhaupt nichts mitbekommen, genauso wenig interessante Bewegungen wie Terre des Hommes, die sich damals um die Vermittlung/Adoption vietnamesischer Kinder in deutsche Familien stark machte – das war alles nicht in meinem Horizont. Um so interessanter fand ich von einem also vollkommen ungewussten Teil meiner Kindheit zu lesen.
Was Precht da schreibt von einer Kindheit möglichst fern jeden Konsums, trifft auch nicht auf meine Kindheit zu – ich glaube, da bin ich der ‚Generation Golf’ dann doch eher verpflichtet, wenn auch nicht mit einem guten Gefühl. Diese Art von Gedankenlosigkeit habe ich denn so auch nie kultiviert; allerdings gehörten Clementine und der rosarote Panther genauso zu meiner Kindheit, wie die konservative Lektüre der Enid-Blyton-Bücher, das ist unleugbar und soll es auch gar nicht. Franz Josef Degenhardt jedenfalls habe ich erst Anfang der Achtziger Jahre gehört.
Mich beeindruckte besonders Prechts Mutter, die sich aktiv und politisch einsetzte und ganz klar Stellung bezog, in gewisser Weise eine ‚Macherin’ war. Precht wurde stark von ihr geprägt, trotz vieler Peinlichkeiten, die sie sich aus einer Konsumverweigerung heraus leistete (wie die Kleiderfrage, für Kinder ein echt heikles Thema), hielt er doch zu ihr und ihrer linken Ansichten, auch noch, als auch die Linke langsam dahinter kam, dass der gelebte Sozialismus in der DDR nicht das Gelbe vom Ei war. Sein Vater hatte natürlich als Industriedesigner und gleichzeitig Linker sicherlich mit moralischen Einwänden zu kämpfen – er löste es mit einem Rückzug in das Bücherstudium.
Herrlich ironisch – auch selbstironisch – berichtet Precht von seinen großen und kleinen kindlichen Irrtümern und findet originelle, witzige Worte, um gesellschafts- und –politische Bewegungen zu erklären wie z.B. die Gründung der GRÜNEN-Partei, da heißt es: ‚In gewisser Weise waren sie ‚(die Grünen) ‚meine von Kindertagen an gewünschte Symbiose von Che Guevara und Grzimek’: Hihi! Ich find’s urkomisch!
Viel Witz und eine gute Schreibe ließ mich das Buch gern lesen. Man muss wissen, dass ich mich für Geschichte oder Politik niemals wirklich erwärmen konnte. Auch wenn ich es selber manchmal schade finde, dass ich damals in der Schule einfach nicht eingesehen habe, warum ich das lernen sollte und deshalb viele Lücken habe, sind mir historische Sachbücher ungefähr so fern wie die Milchstraße. Aber dieses Buch kam bei mir an, und das ist auch gut so.