‚Die Entdeckung der Currywurst’ – Novelle von Uwe Timm

28. Oktober 2008

Ich mag die Prosa von Uwe Timm, auch wenn ich noch gar nicht viel von ihm gelesen habe, erlaube ich mir diese Aussage. Ich mag die knappe Form, und er bringt die Dinge so schnell und so genau auf den Punkt, dass ich es nur bewundern kann. Und immer schwingt die Atmosphäre mit voller Kraft durch seine Literatur, so dass ich mir immer gut vorstellen kann, wie das so war, was beschrieben wird.
Und also war ‚Die Endeckung der Currywurst’ für mich wieder die Entdeckung von einem wunderbaren Stück Literatur.
Allein schon, dass Lena Brücker ihre Imbissbude und ihren Wohnsitz in der ‚Neustadt’ Hamburgs hatte, macht mir diese Novelle überaus sympathisch. Das was sich in Hamburg nämlich Neustadt nennt, ist in Wirklichkeit ein Stückchen Altstadt: Hier ist noch viel Altbau stehengeblieben, während andere Stadtteile ja zum Teil komplett zerbombt wurden (dies nur für die Nicht-Hamburger). Ich kann mir die Atmosphäre auf dem Großneumarkt, im Schatten ‚eines großen Versicherungsgebäudes’ (das in meiner eigenen Biographie zwar keine übergeordnete, aber doch eine Rolle spielte), wunderbar vorstellen, weil ich den Platz eben auch gut kenne, ebenso die kleinen kopfsteingepflasterten Straßen, und das Leben in diesem Viertel, das sich mit den heutigen Touristenmassen immer gut zu arrangieren wusste und einen Kleinstadtcharakter für die Anwohner beibehielt. Es ist einfach ein sehr bewegtes Viertel, dieses Hamburg-Neustadt, und es vermittelt sich als ein Solches sehr gut: Arbeiter stehen neben Prostituierten am Imbissstand und genießen alle auf die gleiche Weise die Currywurst.
Die Liebesgeschichte ist ebenfalls mit knappen – aber nicht zu knappen – Worten umrissen, und das Zeitkolorit tut das Seinige, um die letzten Tage des zweiten Weltkrieges und die Zeit danach vor dem geistigen Auge erstehen zu lassen. Wie nachvollziehbar, wie logisch ist die Geschichte der Lena Brücker – was gab es denn auch zu verlieren für sie als einen guten, viel jüngeren Liebhaber?
Schön ist auch die Wahl der Perspektive: Der Erzähler lässt sich von der mittlerweile erblindeten und schon lange pensionierten Frau Brücker die Geschichte der Entstehung der Currywurst erzählen. Aber eigentlich ist es gar nicht das, was Frau Brücker erzählen will, und deshalb müssen die Berliner auch nicht sauer sein, dass hier vielleicht behauptet wird, die Currywurst sei in Hamburg entdeckt worden. Im Grunde genommen geht es nicht um die Wurst. Es geht vielmehr um einen Traum, ein Lebensgefühl, dem Lena Brücker nachspürt, quasi in memoriam ihres jungen Geliebten, der einmal in seinem Leben in Indien einen Traum, beinahe eine Halluzination angenehmster Art durchlebte, hervorgerufen durch den Genuss von Curry.
Und davon will die Geschichte berichten: Von einem Traum, einem exotischen Lebensgefühl, einer gar unmöglichen Liebschaft, dem Hinter-Sich-Lassen des profanen oder gar grausamen Alltages zugunsten eines Traumes in eine heile Welt.
Ich liebe die knappe Form dieses schmalen Bändchens – und gleichzeitig bedaure ich, dass ich es so schnell durch hatte. Mehr davon!!!

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