‚Island‘ – Ein Reisebegleiter von Arthúr Bollason
7. Januar 2009
Ein Schrifsteller, Sigurdur A Magnússon, hat mal behauptet, dass der Sagaheld Egill Skallagrímsson aus der Egils-Saga einige wesentliche Charakterzüge des Isländers verkörpere, schreibt Herr Bollason in diesem literarischen Reisebegleiter: ‚Er sei unruhig, unternehmungslustig, selbstständig und trotzig gewesen. Außerdem ein Mann der Tat, stolz und furchtlos, praktisch, hartnäckig und streitsüchtig. Er habe somit den Heldentypus verkörpert, den die Isländer bis zum jüngsten Tag verehren: Ein großer Unternehmer, der zugleich über künstlerische und literarische Fähigkeiten verfügt‘*. Ich denke, da ist unbedingt etwas dran. Auf meinen fünf Islandreisen hatte ich so ganz verschiedene Begegnungen mit den Isländern, und was mich immer fasziniert hat, ist der große Unternehmergeist und gleichzeitig ein literarisches und künstlerisches Gespür, und das auch gerade in den abgelegensten Orten, mitten auf dem Land, wo es außer Schafen, Pferden und Brennivín (Brandwein, ein scharfer Schnaps, mit dem man nur den Hákarl – fermentiertes Haifischfleisch –herunterbekommt) nichts zu geben scheint. Ach nein, stimmt doch nicht: Jede Menge Natur gibt es dort! Und Bücher. Und lange Winterabende.
Die Menschen beschäftigen sich noch heute mit den Sagas. Und auch die Gegenwartsliteratur erzählt oft und viel von der Landschaft und den Menschen, die in ihr wohnen, mit ihr und sich selbst irgendwie zurechtkommen müssen.
Arthúr Bollason hat in seinem ungewöhnlichen Reisebegleiter Orte und Literatur zusammengebracht, hat erstere aufgesucht und erspürt, was noch übrig ist an den Orten von den vielen Geschichten der Sagas und der Sicht heutiger Autoren auf die Landschaft. Sicherlich kann es ihm nicht möglich gewesen sein, ein umfassendes wissenschaftliches Werk zu verfassen. Doch was herausgekommen ist, sind sechs Rundgänge durch verschiedene Landesteile Islands und das Zitieren aus einigen Sagas sowie Autoren, die wiederum zum Teil die Sagas rezipiert haben wie Halldor Laxness, oder Krimiautoren oder weiterer Schriftsteller. Eines hat die Auswahl sicherlich gemeinsam: Ob nun 1000 oder mehr Jahre her, oder aus diesem oder dem letzten Jahrhundert: In Island sind die Geschichten alle noch sehr im Gespräch und lebendig.
Die Orte in Island haben oft Bezeichnungen, die auf Namen von Saga- und sonstigen Helden zurückgehen, und zwar weil genau an diesen Orten Geschichten ihren Ursprung haben wie zum Beispiel die böse Köchin Katla, die in ihren Zauberhosen nach einem entdeckten Mord, den sie zu verantworten hat, flieht. Oder die Paradieshöhle, in der sich einst ein recht jugendlicher Liebhaber versteckt hielt, der seine Angebetete mindestens achtmal schwängerte, bevor die Verbindung endlich legitimiert werden konnte. Bollason erwähnt noch viele Orte, die so zu ihrem Namen gekommen sind oder er besucht Orte wie das sehr sehenswerte Torfgehöft Saenautasel irgendwo im Süden Islands, welches Halldor Laxness zu seinem lesenswerten Roman ‚Sein eigener Herr‘ inspirierte. Jener Roman handelt von dem harten und armen Leben eines Bauern im Island um 1900, dessen wichtigster Grundsatz ist, auf eigene Rechnung unabhängig von jedermann zu leben, ob das nun angenehm ist oder nicht. Bollason erzählt in seinem Buch, dass ein Leser aus Amerika einmal Halldor Laxness aufgesucht hat um ihm von der frappierenden Ähnlichkeit in der Grundhaltung jenes Bjartúr mit der vieler ärmlich lebenden New Yorker zu erzählen – ein interessanter Gedanke….
Bollasons Buch ist also sehr vielschichtig und erweitert den Blick auf die isländische Landschaft, die ja schon ohne die ganzen Sagas faszinierend ist, um einen mythologischen Aspekt. Und um jenen sind auch heute noch die isländischen Autoren bemüht – beispielsweise in dem Krimi ‚Das Rätsel von Flatey‘ von Viktor Arnar Ingólfsson: Hier geht es um die spannenden Charaktere der Isländer und natürlich auch wieder um ein umfassendes Pergamentbuch, dem ‚Flateyjarbók‘, welches lange Zeit in Besitz der flateyrischen Insulaner war. Flatey und dieses Buch: Diese karge Insel, platt wie nur was, von sehr viel mehr Vögeln und zu trocknenden Fischen bevölkert als von Menschen, die es jedoch in sich haben, wie nun wieder dieser faszinierende Krimi (und das will was heißen: ich mag Krimis nicht, aber dieser macht eine Ausnahme!) zumindest in seinem fiktiven Moment behaupten mag.
So viele Geschichten werden in Bollasons Buch angerissen, dass meine Wunsch-Leseliste um einige Sagas, aber auch andere isländische Literatur angewachsen ist. Halldor Laxness will ich noch weiter entdecken; die Njáls Saga, welche wohl grausam sein soll, will ich mal anschauen und die Edda nehme ich mir auch nochmal vor. Um nur einige zu nennen.
Bollasons Reisebegleiter empfiehlt sich jedem, der sich nicht nur für die Natur Islands, sondern auch deren Kultur interessiert. Ein witziges Interview und ein weiterer Bericht über dieses Buch findet sich bei ‘druckfrisch (ARD)’.
* Arthur Bollason: Island. Ein Reisebegleiter, Ffm & Leipzig 2008, S. 201