‘Jakob van Gunten’ – Roman von Robert Walser
16. April 2009
Es ist ja wohl das merkwürdigste aller Bücher, das ich je gelesen habe! Ist das jetzt gut oder schlecht? Nein, es ist merkwürdig…
Jemand aus dem höheren Stand, nämlich Jakob van Gunten - wird Schüler in einer Dienerschule. Für ihn stellt das Dienersein sozusagen die Quelle des Glücks und der Erfüllung dar; je perfekter jemand sein Haupt in Demut senkt, um so näher kommt er van Guntens Ideal. Zwar verkehrt er durch seinen Bruder, der Zugang zu höheren Kreisen hat – er ist Maler (wie übrigens auch ein Bruder von Robert Walser; und übrigens hat auch Robert Walser mal einen Diener-Lehrgang besucht, wenn auch nicht gleich eine Schule) – auch in der ‘High Society’, aber außer, dass er sich diebisch darüber freut, was für ein Affront es wäre, wenn sein ‘wahres Diener-Ich’ zum Vorschein käme, sieht er darin keine gesellschaftliche Erhöhung, sondern beinahe das Gegenteil.
Vielmehr bemüht sich der Dienerschüler um einen Perfektionismus im Dienen, und das sowohl theoretisch als auch praktisch. Wie begeistert er vom Gedanken des Dienens ist… Und dennoch weiß er ja genau, dass er niemals zu diesem Kreis zugehörig sein kann; zum Einen, weil er aus einer anderen Gesellschaftsschicht stammt, aber zum anderen vor allem, weil er über das Dienersein reflektiert, es als hohes Ideal erhebt und er Strukturen durchschaut, die ein – ich sag mal – schlichterer Mensch nicht einmal ansatzweise erkennen würde.
Gleichzeitig, und ich denke, das ist es, was die Faszination des Romanes ausmacht – wenigstens für mich – bemüht er sich mit einer abgrundtiefen Ambivalenz um eine perfekte Anpassung in eine gesellschaftliche Rolle, vielleicht, um seine Individualität auszulöschen? Ambivalent ist er, weil er gleichzeitig viel stärker seine Persönlichkeit und sein individuelles Denken hervorhebt. Er will einerseits in der Dienermasse versinken und sich dadurch erhöhen, andererseits ist er sehr arrogant und unnahbar. Diese merkwürdige Mischung, die zu einer gewissen Unverletzbarkeit und Arroganz führt, reizt den Leiter des Instituts, Herrn Benjamenta, mal bis aufs Blut, mal aber setzt er ihn seiner eigenen gesellschaftlichen Position gleich, etwa, wenn er mit van Gunten nach der Schließung des Instituts und Tod seiner Schwester einen Neuanfang plant.
Vielleicht ist es auch im Grunde genommen die Unverletzbarkeit, die van Gunten zu seinem merkwürdigen Verhalten führt. In seiner Rolle kann ihm niemand: Weder die Menschen aus der höheren Gesellschaftsschicht, die er im geheimen narrt, noch die anderen Schüler. Die Ermahnungen seines Mitschülers Krauss belustigen van Gunten mehr, als dass sie ihn verletzen würden.
Ganz toll fand ich den Roman an den Stellen, in denen die Phantasie des Autors durchgeht und er von seinem Traum von den geheimen Räumen der Institutsleiter berichtet, oder als er darüber nachsinnt, wie es mit ihm an Herrn Benjamentas Seite weitergehen könnte. Das hat so etwas ungebremstes und unzensiertes, etwas ganz Authentisches.
Mir war merkwürdig, dies Buch zu lesen; ich war lange nicht sicher, ob es ein literarisches Werk ist oder das eines Menschen, der – wie der Autor später ja wirklich – psychische Probleme hat. Zweiteres – ich habe mich übrigens gegen diese Ansicht entschieden – hätte mir großes Unbehagen bereitet, obwohl es ja eigentlich sowieso egal ist, wie es dem Autor erging. Das Werk hat ein Eigenleben und schillert in seinen eigenen Farben, das ist wichtig. Die autobiografischen Züge, die sich in diesem Roman wiederfinden, sollten, so finde ich, keine weitere Relevanz für die Rezeption besitzen. Durch das Phantastische in dem Roman flieht der Roman selbst allen Realitäten, warum ist es dann wichtig, ob sich Robert Walser selbst einmal als Diener sehen wollte? Keine Ahnung, warum er die Schule besucht hat, vielleicht ja nur aus Gründen der Recherche? Ich halte es nicht für wichtig dies zu klären.
Nun. Das Buch ist aus. Es war merkwürdig. Dennoch hat es mir gefallen. Und jetzt, nach den ‘Schiffsmeldungen’, die mir ja komischerweise nichts gegeben haben (mein Schatz kann diesen Roman derzeit kaum aus der Hand legen, was mich in Staunen versetzt, weil ich es mit Widerständen zuende gelesen habe) und diesem merkwürdigen Roman fällt es mir fast schwer, ein neues Buch zu finden, auf das ich Lust habe.
Aber: ich habe eines gefunden…!!!