Harter Tobak ist dieses Buch… erst recht, da es sich um wirklich Erlebtes handelt, auch wenn man am liebsten möchte, dass es nie passiert ist.
Die Frau, die das schreibt, ist wohl Anfang dreißig, als in Berlin die Sieger des Krieges, hier: die Russen, einfallen. Sie benehmen sich so, wie sich Armee schon oft vorher und oft nachher benommen hat: nämlich als absolute Herrscher, für die die Besiegten nicht einen Pfennig wert sind. Die Frau, die das erlebt, ist überdurchschnittlich gebildet, hat im Verlag gearbeitet, ist vielleicht Photografin, Zeichnerin oder beides gewesen und hat die Welt bereist. Nun lebt sie alleinstehend, ohne Familie und Freund (der die Beziehung mehr oder weniger den äußeren Zwängen gehorchend abbrach, oder zumindest die Verbindung unterbrach…), kann ein wenig russisch, und ist wie viele der Frauen in Berlin schutz- und hilflos diesen Menschen ausgeliefert. Was das heißt, ist ja wohl klar: Vergewaltigungen ohne Ende! Die paar Notgemeinschaften reichen nur hin, dass man gemeinsam auf Essensjagd geht, ansonsten harrt  und hält man aus. Was kann man sonst tun? Die Frau übernimmt aufgrund ihrer Russischkenntnisse eine gewisse Sonderstellung, da sie des öfteren zu Vermittlungsgesprächen in der Nachbarschaft hinzugezogen wird. Schutzlos ist sie dennoch. Sie rettet sich, oder versucht es zumindest, indem sie versucht, sich einen Major anzulachen, um als ‘Freiwild’ tabu zu sein. Und das gelingt manchmal, manchmal aber auch nicht.

Es ist ein erschütterndes Buch. Erst recht, weil sich die Frau trotz der Strapazen die Besetzer so genau anschauen kann und genau erkennt, dass zwar die meisten der Männer bei den Eroberungs- und Raubzügen durch die Gemeinde beteiligt sind, aber im Grunde  genommen nicht mehr als ganz ‘normale’ Bauerntölpel sind, die sich überhaupt erst Mut antrinken müssen, um die Skrupel über Bord zu werfen und sich von den primitivsten Trieben leiten zu lassen. Sie erkennt auch die Intelligenz einiger der Russen, genießt manchmal einen intellektuellen Disput. Kurz: Sie schaut sich die Menschen an, beinahe objektiv, obwohl das in ihrer Lage einen Widerspruch bedeutet. Dafür wird sie zu oft geknechtet und gedemütigt. Fast übermenschlich, aber wahrscheinlich nur deshalb, weil sie ihr Urinnerstes einfach ganz weit weggeschlossen hat, aus Selbstschutz, um seelisch in dieser Zeit nicht draufzugehen. Ein Selbstschutz, der eine Unmenge von Kraft und Intelligenz kostet, und der dann und wann vielleicht auch ‘zu gut’ funktioniert… Als ihr Freund wiederkommt, zeigt sich die tiefe Kluft zwischen den unterschiedlichen Kriegserlebnissen, die man sich beim Freund vorstellen kann, sie berichtet nichts davon. Vollkommen befremdet ist er von der Art Galgenhumor, den sie und ihre Not-Kameradin, eine Witwe, gegenüber ihren Vergewaltigungen an den Tag legen…. Vielleicht ja auch, weil es ihm wie Gefühllosigkeit vorkommen muss, was doch blanker Selbsterhaltungstrieb ist….

So folgen auf die kargen Tage die fetten, wenn auch voller Erniedrigungen und Degradierungen, dafür bringen die Schänder Lebensmittel mit. Doch ’alles geht vorüber’…; was dann folgt, ist Hunger, Hunger, Hunger…

Dieses Buch ist ein wertvoller Bericht von einer weiteren grausamen Seite des Krieges. Das Los der Zivilisten, der Frauen, die zuhause zurückbleiben, ist hier akribisch dokumentiert und ebenso erschütternd wie das Gebahren der Siegerhelden, egal wo auf dieser Welt. 

Zudem ist es gut geschrieben, fast zu gut… Ich war des öfteren versucht, das Buch wegen seiner literarischen Qualität zu loben, aber irgendwie geht das nicht, finde ich. Es ist eben keine Fiktion, nichts Ausgedachtes, nein, es sind wirklich erlebte Greuel! Das kann nicht, darf nicht Literatur sein. Und doch gehört es zu einer ganz eigenen Kunstform, ob es nun will oder nicht. Dieses Buch lebt, auch im künstlerischen Sinne. Auch wenn mir das ganz merkwürdige Gefühle bereitet.

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