Auch dieser Film – wie mindestens die letzten beiden – ist eine echte Entdeckung: spannend und intensiv.

In einer szenisch ineinander verschachtelten Handlung rätselt man, was hier (vermeintliche) Realität, was Fiktion ist. Beides greift sehr künstlerisch ineinander, es werden Bezüge hergestellt aus der ‘echten’ Geschichte zu der erfundenen. Das sorgt für ein filmlanges Rätselraten, das aber nicht ermüdet, denn dafür sind die Szenen einfach zu spannend und intensiv.

Mit Fiktion und Realität wird hier auf allen Ebenen gespielt: Wie real ist noch ein Internet-Chat? Was gehen einen die Leute wirklich an, die im Internet über Konferenzschaltung bei laufender Web-Kamera ihre Meinung zum Besten geben? Simon beispielsweise wandert in einer Szene, der Diskussion folgend, in die Küche, um sich etwas zu essen zu holen. Das hat beinahe etwas von einem passiven Fernseh-Verhalten, jedenfalls hat es eine komplett andere Qualität als eine Diskussionsrunde mit den Teilnehmern zusammen in einem Raum. Die Farge nach Wahrheit stellt sich auch, als eine Frau ihre Großmutter vor die Kamera holt, um ihre in den Arm eingravierte KZ-Nummer zu zeigen, und wird prompt genauso halbvirtuell von einem Mann beantwortet, dessen Gravur heißt ’six million lies’. Wirklicheit und politische Auslegung liegen nahe beieinander…

Und das ist natürlich das Thema, um das es in dem Film geht: was bedeutet es, wenn ein Moslem seine nicht-muslimische, schwangere Verlobte mit einer Bombe ins Flugzeug setzt und sie für den Anschlag opfern will? Wie würde man sich fühlen, wenn man genau dieses Kind wäre, das dann doch geboren wird, weil der Anschlag rechtzeitig vereitelt wurde? Was macht es mit jemandem, wenn nur schlechte Meinungen auf jemanden niederprasseln? Das sind wirklich schwierige Themen, und ich habe wirklich selten einen Film gesehen, bei dem die Grenzen von Wirklichkeit, Emotion und Auslegung/Fiktion so dicht beieinander liegen.

Nicht nur um politsiche Dimensionen geht es auch in dem Vater-Sohn-Konflikt. Der Sohn hat kein Selbstbewusstsein, weil sein Vater ihn verachtet, und sein Weg als Versager ist dadurch schon vorgrammiert – self-fulfilling prophecy nennt man das. Und es gehört wohl eine Menge Rückrat – und vielleicht ein Ritual, wie Simon es durchführt – dazu, sich von den vorgefassten Meinungen bzw. Auslegungen, die schließlich die eigene Ansicht bestätigen (geschickt von der eigenen Erinnerung manipuliert), zu befreien. Simon schafft es, sich von der schlechten Meinung des Großvaters über seinen Vater zu distanzieren. Sein Onkel hat da schon größere Probleme, wirklich unabhängig zu werden.

Dieser Film war eine echte Entdeckung. Atom Egoyan, den muss ich mir merken.

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