Meine erste Lektüre von Marcel Proust liegt schon ewig zurück, fast schon ein Viertel Jahrhundert! Damals bin ich bis ungefähr zum 4. Band gekommen. Jetzt dachte ich, lese ich es noch mal, warum nicht?
Und bin zur Frage gekommen: Warum?
Die „Suche…“ ist eine wirklich faszinierende Lektüre. Die Sätze sind gewöhnungsbedürftig lang, verschlungen, ausführend, ausufernd, wunderschön, wenn auch manchmal unverständlich, wenn man sich nicht sehr konzentriert. Ich weiß nicht, damals ist mir die Lektüre wohl leichter gefallen… Ich hatte mit dem ersten und dritten Teil vom Band 1 einige Schwierigkeiten, wahrscheinlich, weil so wenig an konkreter Handlung passiert! Proust beschreibt den Wohnsitz seiner Tante, das Personal, die Umgebung, die Schwierigkeiten, die er beim Einschlafen hatte, wenn seine Mutter ihm den Gutenachtkuss verweigerte, weil Besuch – Monsieur Swann – gekommen ist. Die Beschreibungen sind faszinierend, ganz bestimmt! Und doch musste ich oft eine oder zwei Seiten zurückblättern, weil ich den Faden verloren habe… Es ist Literatur, die seine Zeit braucht! Dann lässt es sich in den Stimmungen und Beschreibungen schwelgen. Aber es passiert in diesen Teilen nicht besonders viel, und das war wohl das Problem, das ich mit dem Text hatte…
Anders erging es mir mit dem zweiten Teil des Buches, ‚In Swanns Welt’: Hier gibt es eine konkrete Handlung, einen Protagonisten, der einer Kokotte verfällt. Wie er das macht, und wie sich das anfühlt, wird hier in aller Ausführlichkeit beschrieben (und dennoch, bildet dieses Kapitel sozusagen einen Mikrokosmos von den anderen Teilen, die von dem Ich-Erzähler noch ausufernder geschildert werden). Und das war toll, nachvollziehbar irgendwie, wie Monsieur Swann in den Sog von Odette gerät und nicht mehr hinausfindet, aufgeht in einem Gefühl, das ab irgendeinem Zeitpunkt eigentlich nicht erwidert wird. Ganz nahe und greifbar wird die Eifersucht beschrieben und das ewige Sich-Selbst-Etwas-Vormachen, und das ist wirklich faszinierend.
Eine Passage – natürlich und zu Recht – eine berühmte Passage muss ich hier noch erwähnen: Wie schön beschreibt er in Teil 1 sein Erlebnis, als er sich durch den Verzehr einer Madeleine zusammen mit einer Tasse Holunderblütentee an seine Kindheit erinnert! Das gehört zu einer der Sternstunden der Literatur schlechthin, es ist so feinsinnig und ästhetisch beschrieben wie selten etwas. Eine filigrane Erinnerung steigt hoch aus einer Tasse Tee. Wie schön!
Was ich ebenfalls sehr mochte, war die Beschreibung der Gesellschaft, in der sich Monsieur Swann zusammen mit seiner Geliebten Odette aufhält. Das ist eine derartig gelungene Karikatur der damaligen Gesellschaft, der Neureichen, die nichts anderes tun, als in ihrem gesellschaftlichen Leben aufzugehen und dabei absolut hohl sind wie ein Glas, das besser schnellstens wieder mit Champagner gefüllt werden sollte, da anders diese innere Leere nicht zu ertragen ist. Madame Verdurin mit ihrer ganzen Borniertheit, und der Arzt, der zu jeder Zeit immer die unpassendsten Bemerkungen macht, das ist einfach köstlich beschrieben!
Mag sein, dass ich nicht mehr so ausdauernd bin. Fakt ist, dass mich das Buch oft trotz der sehr schönen Passagen oft sehr ermüdet hat. Vielleicht lese ich den zweiten Band, demnächst, irgendwann, irgendwann demnächst vielleicht. Jetzt nehme ich mir erstmal eine Pause. Vielleicht für länger, noch mal 25 Jahre, vielleicht auch nicht. Man wird sehen. Lesen kommt schließlich von Lust. Finde ich.