‚Der Klavierstimmer’ – Roman von Pascal Mercier

4. Juni 2010

Das war ein hartes Stück Arbeit, dieses Buch durchzulesen, und ich kann nicht sagen, dass es mich irgendwie stolz macht, es ‚durchgehalten’ zu haben. Ehrlich gesagt verstehe ich selber nicht, warum ich es überhaupt durchgelesen habe. Es hat mir nämlich gar nicht gefallen.

Mein Unbehagen bei diesem Buch hatte viele Ursachen. Zuerst einmal war es etwas heavy, mit welchen Problemen jedes einzelne Familienmitglied belastet ist. Zuviel kam zusammen, zuviel wird hier an Problematiken angerissen; jede für sich hätte schon einen Roman füllen können.
Die Eltern haben ein im Grunde genommen erfolgloses Leben, das voller Widerstände gegen jedwede Anerkennung war. Die Mutter kann nach einem Unfall ihren Beruf als Tänzerin nicht ausüben, und der Vater schreibt eine schlechte Oper nach der anderen. Womit sich die Eltern der Zwillinge ansonsten beschäftigten, wissen diese eigentlich nicht so genau, die Zwillinge jedenfalls haben sich denn ein wenig zu sehr miteinander beschäftigt, was zu einem jähen Abbruch des Kontaktes führte und sie in verschiedene Himmelsrichtungen versprengte. Und im Übrigen fand ich es merkwürdig, dass sie das Aufdecken der wahren Familienverhältnisse nicht berührte. Unecht und komisch fand ich das. Nicht nachvollziehbar.

Und in diesem Stile, welchen ich ziemlich aufgesetzt empfinde, ging es dann weiter. Die Beweggründe eines überaus pathetischen Mordfalls gilt es aufzudecken. Langsam kommen die Zwillinge durch Gespräche ihrer Eltern dahinter, welche Motive sich hinter dem Mord, von einem der Eltern ausgeübt, verbargen. Und auch das fand ich merkwürdig. Irgendwie unreflektiert blieb, dass die Eltern die Verantwortung für ihr jeweils verpfuschtes Leben nicht nur nicht selbst übernahmen, sondern zudem dieser Sachverhalt auch nicht reflektiert wurde. Damit konnte ich nicht so recht was anfangen.

Das nächste, was mich unheimlich störte und gleichzeitig auch faszinierte, war die Sprache. Sie war – obwohl sehr oft die wörtliche Rede, etwa in Form eines Monologes des Vaters oder der Mutter, gewählt wurde, war die Sprache wie geleckt, oder sogar gestelzt bis zum Gehtnichtmehr. Vom Zwillingsbruder wurde behauptet, dass er wortreich sei, während seine Schwester dies nicht in diesem Maße sei. Doch letztendlich ist die Sprache – egal, ob der Bruder in sein Heft schreibt, das er später seiner Schwester im Austausch mit ihren geben will, oder die Schwester, oder ob in diese Hefte Monologe in wörtlichem Zitat des Vaters oder der Mutter eingehen: Der Sprachduktus bleibt immer derselbe.
Ich weiß nicht; mich interessierte nicht besonders, dass der Vater eine letzte schlechte Oper namens ‚Michael Kohlhaas’ geschrieben hat, geschweige, was daran denn schlecht war. Und die Parallelen, die Herr Mercier zwischen dem Vater und dem Kleistschen Michael Kohlhaas aufzuzeigen glaubt, sind abgeschmackt. Nein, nein, nein!!!

Bestimmt lässt sich ganz viel deuten, beispielsweise dieses merkwürdige Verhältnis des Zwillingsbruders zu einem kleinen verstockten und in Therapie befindlichen Jungen, oder warum er als Übersetzer ebenso manipuliert, wie die Schwester als Cutterin. Oder warum die Familie in Berlin in der Limastraße wohnt, und der Bruder nach Südamerika auswandert. Aber irgendwie gibt es so viele falsche Töne in diesem Buch, unechte Gefühle, aufgesetzte Handlung, dass ich keinen rechten Spaß empfinde, in eine tiefere Deutung einzusteigen. Wozu?

Bis ich drei viertel des Buches durchhatte, habe ich täglich überlegt, die Lektüre abzubrechen, weil sie mir keine Freude brachte. Ich gehöre aber zu den Leserinnen, die ein Buch erst ganz zuende lesen, bevor sie ein neues beginnen, sei es, aus dem Drang einer inneren Ordnung heraus oder als Achtung vor dem literarischen Werk; es soll doch die Möglichkeit haben, sich entfalten zu dürfen, auch wenn man erst nach 80 oder mehr Seiten kapiert, worum es eigentlich geht.

Irgendwann, ungefähr nach der Hälfte des Buches, konnte ich vor mir selbst nicht rechtfertigen, es wegzulegen, gleichzeitig habe ich nicht so recht verstanden, warum ich mir das Leben derart schwer mache. Ich habe dann weitergelesen, obwohl ich vorher schon ahnte, dass ich es nicht mehr gut oder interessant finden könnte.
Gleichzeitig: Die Sprache, so gestelzt sie in diesem Buch daherkommt, hat als Kunstgegenstand etwas, vielleicht kann man sagen: etwas Berauschendes? An sich mag ich die feine Merciersche Sprache gerne. Nur, dass sie in diesem Buch einfach nicht gepasst hat.
Egal. Ich habe das Buch durch. Schwamm drübber.
Und jetzt? Was lese ich jetzt?
Noch weiß ich es nicht. Aber des Regal der noch zu lesenden Bücher ist voll (und wird hoffentlich demnächst noch voller :) ).

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