‘Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?’ – Eine philosophische Reise von Richard David Precht
29. Mai 2011
Auf dieses Buch bin ich ja schon so lange neugierig gewesen. Nun hatte ich neulich die Gelegenheit, mir das Hörbuch über ein Gratisangebot downzuloaden – und musste entsetzt feststellen, dass das ja um die Hälfte gekürzt wurde! Nein, so etwas kann ich ja gar nicht akzeptieren! Also griff ich doch nach dem Buch.
Und das hat mich absolut nicht enttäuscht. Irgendwie hat meine Philosophie-Synapse ja leider einen Dachschaden, jedenfalls war ich ja schon nicht in der Lage, ein ordentliches (oder wenigstens unordentliches) Philosophiestudium zu absolvieren. Ich weiß nicht warum, aber für abstrakte Vorgänge fehlt mir das Merkvermögen, das sich leider auch auf Geschichte und auf Geografie (jedenfalls, so lange ich Länder nicht besucht habe, sonst geht es etwas besser) auswirkt: Ich kann und kann mir diese Dinge einfach nicht merken! Jetzt muss ich aber erwähnen, dass ich wahrscheinlich wenigstens das Internetgen besitze, denn Dinge, die mit Webdesign zusammenhängen, merke ich mir selbst dann, wenn der Sachverhalt, auf den sich etwas bezieht, schon Jahre zurückliegen. Ich weiß das dann noch. Während mir der kategorische Imperativ höchstens zwei Wochen geläufig ist, und dann ist das Wissen darüber schon wieder verschüttet. Ich bedaure das, aber was kann ich machen???
Also: für Leute wie mich ist dieses Buch auf jeden Fall schon mal ideal, denn in den kurzen, flott geschriebenen Kapiteln werden die Highlights der Philosophiegeschichte kurz beleuchtet und dann Erkenntnissen der Gehirnforschung gegenübergestellt.
Das ist ganz beruhigend für mich. Denn anstatt Descartes, der ja den klugen Satz ‚Ich denke, also bin ich’ aussprach oder niederschrieb (wahrscheinlich aber beides) im Original (also einer Übersetzung, ich kann ja kein französisch) lesen zu müssen, wird hier gleich prägnant gefragt: Wer ist denn bittschön ‚ich’? Und dann kommt die Gegenüberstellung zur Gehirnforschung, in der gleich acht verschiedene Teile eines jeweils anders gearteten ‚Ich’s im Gehirn gefunden (salopp gesagt) wurde. Welch Erleichterung für einen solchen Philo-Idi wie mich! Nun hat sich also Descartes überholt, dann muss ich ihn auch bestimmt nicht mehr lesen, da ich ihn ja ohnehin nicht verstehen kann!
Ich habe allerdings den Verdacht, dass es so manchen Philosophie-Interessierten die Zornesröte beim Lesen dieses Buches ins Gesicht treibt, denn die Zusammenfassungen scheinen mir doch manchmal arg verkürzt, und das kann nicht gut sein. Für mich allerdings reicht das, denn, obwohl die Lektüre seit ungefähr zwei Wochen abgeschlossen ist, setzt schon wieder das Vergessen ein.
Das Besondere an dieser philosophischen Reise ist jedenfalls, dass nicht nur den theoretischen Überlegungen nachgesonnen wird, sondern eben auch die praktischen Fakten, nämlich das, wo alle Überlegungen jemals ihren Ursprung fanden – das Gehirn – , unter die Lupe genommen wird. Das finde ich sehr schlüssig und – aufschlussreich.
Wenn nur ein Bruchteil wahr ist von dem, was Titu Kusi, einer der letzten Inka-Könige, berichtet, ist diese ganze Übernahme Perus durch die Spanier nichts anderes als eine elende Schweinerei.
Und ich habe ehrlich gesagt nicht wirklich Zweifel daran, dass Titu Kusi die Wahrheit erzählt. Er erzählt, wie sein Vater erst vielleicht sogar dankbar war, dass seine Widersacher von den Spaniern aus dem Weg geräumt wurden, wie er dann, nachdem er die Spanier mit offenen Armen empfangen hatte, von den selben gefangen genommen wurde und erst gegen ein deftiges Löse-Gold, das der König von seinen Untergebenen durch seinen eigenen Aufruf zusammenbekam, freigelassen wurde. Und weil es so schön war (also für die Spanier), haben die ihn noch einmal eingesperrt und das selbe erneut verlangt….
Und seine Herrschaft aber, dann wieder auf freiem Fuße, immer noch arglos und naiv, beschließt, sich in ruhigere Gefilde zurückzuziehen. Sein Volk lässt er zurück; ermahnt sie zu gewaltlosen Widerstand.
Und schließlich, nach einigen Kämpfen, gelingt es dem König, vier Spanier festzunehmen. Doch noch immer nicht befreit von seiner Arglosigkeit, beginnt er, mit ihnen zu feiern und zu spielen. Seinen spanischen Diener, der, nachdem er dem König durch eine Warnung einmal das Leben gerettet hatte, hat der König fallen gelassen, denn er konnte nicht verstehen, dass der Diener mit den Ehrungen., die der König ihm für seine treuen Dienste angedeihen ließ, komplett irritiert und überfordert – undankbar – reagiert hatte. Und so warnt ihn keiner mehr – oder die Warnungen bleiben ungehört – vor den vier Spaniern, die ihn schließlich abmurksen. Au weia.
Was ist das nur? Was macht diesen Chauvinismus aus, wo kommt der her? Eine Kultur einfach so wegzubügeln ist ja wohl das grausamste, was es gibt auf der Welt, und wir wissen ja auch, dass das noch gar kein Ende hat. Es ist jedenfalls total niederschmetternd, zu lesen, wie eine große Freundlichkeit und Arglosigkeit so schamlos ausgenutzt wird. Man muss sich das immer wieder vor Augen halten.
Eine kleine feine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle war das*. Die Namen der Künstler sagten mir nicht so viel, es waren vielleicht eher lokal bekannte Persönlichkeiten, Künstler eben, die sich vermutlich damals (wie heute) in dieser Hanseaten-Hochburg einen Platz erkämpfen mussten.
Dennoch sind die Werke interessant, greifen die damaligen Kunstströmungen meisterhaft auf; es ist gute Malerei dabei, unbedingt.
Ich komme nicht umhin, die jüngste Entwicklung der ‚offiziellen’ Kunstszene Hamburgs zu erwähnen. Der Kubus ist diesen Spommer zu**. Das tut weh. Sonderausstellungen sind im Zeitalter der Elbphilharmonie zu teuer geworden, ist das nicht lächerlich?
Verliert zeitgenössische Kunst dadurch ihren Stellenwert in Hamburg? Ich glaube, dass sie mindestens abgewertet wird in dem feinen, hanseatischen, eigentlich schöngeistigen Hamburg. Eigentlich war ich immer stolz auf die Toleranz der Hamburger. Jetzt sehe ich aber deutlicher die konservativen Strömungen und eine höhere Bewertung des Scheins als des Seins, anders kann ich den Wahnsinn der Elbphilharmonie nicht begreifen. Es wird irgendwann ein toller Bau sein, daran habe ich keinen Zweifel. Aber wenn er die Gelder verschlingt, die die bereits vorhandene Kunstszene Hamburgs dringend braucht, verstehe ich nicht, warum das zugelassen wird. Kann die Fertigstellung des Neubaus nicht warten, bis wieder Geld da ist?
Die Elbphilharmonie übrigens schickt mir neuerdings die Programme der Konzerte zu, da kam neulich ein richtig fettes Büchlein an, vor einiger Zeit sogar eine CD mit Hörproben. Weiß gar nicht so recht, wie ich in deren Verteiler geraten bin. Mich interessiert das Programm ja auch, aber es ist wahnsinnig aufwändig gemacht und dabei ziemlich unübersichtlich. Also, wenn ich schon an richtig viele Adressen dieses Buch versende, hätte ich ein wenig mehr Sorgfalt in den Aufbau des Programms verwendet! Irgendwie ist das völlig falsch.
Ja, ich kann heute diese Dinge nicht voneinander trennen. In den 20er Jahren gab es durchaus Förderer der damaligen Hamburger Kunstszene, die wird es hoffentlich – aber sicherlich – auch heute geben. Und doch: Es ist neulich jemand aus der Hamburger Kunstszene gestorben, jemand Gebürtiges aus Hamburg mit Kunststudium in ebendieser Stadt. Zufällig fand ich einen Hinweis auf den Tod dieser Person in einem privaten Blog, es klang ziemlich nach einem politisch-persönlichen Drama. Seitdem recherchiere ich den Namen des Öfteren, denn selbst wenn diese Person vielleicht nur eine Randfigur der Hamburger Kunstszene war, so hat sie doch einen Bekanntheitsgrad weit über die Stadtgrenzen hinaus erreicht (oder gerade außerhalb Hamburgs, wiewohl auch hier einige Kunst-Aktionen stattfanden). Und nun warte ich wenigstens auf einen ‘offiziellen’ Nachruf, warum nicht im Hamburger Abendblatt? Bislang kam nichts, auch außerhalb von Hamburg nichts, was sich im Internet finden ließe. Wie kann das sein?
Eines ist klar: In Hamburg haben es die zeitgenössischen Künstler nicht leicht. Jedenfalls heute nicht, aber wahrscheinlich war das in den 20er Jahren kaum anders. Sonst wären die Hamburger KünstlerInnen damals wie heute den Hamburgern doch wenigstens geläufiger, oder?
* Die Ausstellung endete am 27.6.2010. Hier ist noch ein Link ins Archiv.
** Wenigstens findet im dritten Stock doch die Ausstellung von Werken David Tremletts statt…