Das war eine richtige Erlebnisausstellung mit hohem Informationsgehalt – allerdings neben der Vorteile auch mit Nachteilen verbunden.

Es sind eben nicht die Originale, die zu sehen sind, und das ist ein Mangel, den man nicht vergessen darf, wenn man die echten Ausstellungsstücke noch nie gesehen hat, und nicht vergessen kann, wenn man die Originale kennt. Ich war dabei, 1981, als die Originale hier in Hamburg im Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt wurden, und war damals unglaublich beeindruckt von der Pracht dieser äußerst sorgfältig gearbeiteten Kunstwerke. Überwältigend, wirklich!
Und nun hier: diese Repliken. Es gibt große Qualitätsunterschiede zu diesen Ausstellungsstücken. Aber: Ich finde es gut, dass die Originale nicht mehr durch die Welt tingeln – zu viel könnte mit ihnen passieren! Sie sind besser aufgehoben in Kairo, wo sie auch hingehören.
Und gerade weil sie so berühmt sind und so wunderschön, gerade weil die Geschichte der Entdeckung von Howard Carter 1922 so rasend spannend ist, finde ich es sehr schön, dass ich hier in Hamburg die Werke unter einem bestimmten Aspekt noch mal sehen und dies mit meinem siebenjährigen Sohn teilen konnte. Denn diese Ausstellung setzt ihren Schwerpunkt auf die Entdeckung der Schätze und zeigt sie in ihrem originalen Kontext. So ist es überaus praktisch, wenn man eine nachgebildete Mumie sehen kann, auf der diese wunderbare Totenmaske liegt, und diese Totenmaske dann noch einmal in ihrer Pracht als Kunstwerk aufgebahrt wurde. Es wird so viel deutlicher, was dieser Schatz bedeutet! Oder auch, wie Howard Carter zusammen mit seinem Gönner Lord Carnarvon die Grabkammern vorgefunden hatten! So wurden diese Räume noch einmal nachgebildet, und man kann die Impression nacherleben, was für ein überwältigender Eindruck diese Entdeckung gemacht haben muss.

Auf diese Inszenierung wird man zuerst durch zwei Filme eingestimmt. Der erste erzählt von der Geschichte der Könige, der zweite von der Entdeckung des beinahe unangetasteten Grabes. Erst wenn der zweite Film zuende ist, geht man mit dem ganzen Menschenpulk weiter in die nächste Halle, in der sich in drei Ecken die nachgebildeten Kammern befinden. Hier wird man dank seines Audioführers, der durch die Ausstellung begleitet, zu den einzelnen Kammernachbildungen geführt. Langsam geht das Licht an, es wird etwas Wissenswertes erzählt, dann erlischt das Licht wieder, und es geht zur nächsten Kammer. Selten kam ich mir derart animiert und ‚gefesselt geführt’ vor! Ich glaube, ich reagiere etwas sehr empfindlich darauf, wenn ich irgend etwas Bestimmtes fühlen oder denken oder über etwas Bestimmtes staunen soll, und zwar jetzt! Ich mag das nicht. Zudem war es in dieser Halle sehr voll, und ich hatte nicht die Möglichkeit, die Impression noch mal in Ruhe auf mich wirken zu lassen, was ich bedauerte. Auch wenn die einzelnen Stücke ja später noch mal in allen Einzelheiten ausgestellt waren…

Diese waren toll angeordnet, zum Teil eben in ihrem ursprünglichen Kontext gestellt, und das empfand ich als eine echte Bereicherung. So ist eine meiner absoluten Lieblingsstatuen, Selket, so aufgebaut worden, wie Carter sie vorfand: nämlich mit dem Gesicht zu einem wunderbaren vergoldeten Schrein. Das habe ich nicht gewusst und vermittelt mir doch so viel mehr von dem Totenkult (damals, in Hamburg, wurden die Fundstücke vielleicht noch mehr aus ihrem Zusammenhang gerupft, als das jetzt in Kairo der Fall ist, das habe ich eben herausgefunden). Auch wurden die einzelnen Sargkammern sehr genau gezeigt. Und natürlich ein Haufen weiterer Fundstücke.
Der Audioführer, den jeder bekommt, war informativ, und ich fand es ganz toll, dass es auch einen Audioführer für Kinder gab.

Insofern hatte diese Art der Ausstellung mit Repliken wirklich auch viele Vorteile. Klar sollte man nicht vergessen, dass es in gewisser Weise eine virtuelle Ausstellung ist, denn über die Originale geht nichts (sogar mein Sohn, der die echten Ausstellungsstücke aus dem damaligen Ausstellungskatalog von 1981 von Fotos her kennt, sind die Qualitätsunterschiede aufgefallen! Obwohl die Repliken trotzdem nicht so  schlecht gearbeitet waren, jedenfalls zum Teil). Aber wir konnten uns in die Werke und die ägyptische Welt hineindenken, und das besser, als in der Präsentation der einzelnen Stücke als Kunstwerke.

Insofern hat diese Erlebnis-Repliken-Ausstellung durchaus ihre Berechtigung. Nach Kairo muss man aber trotzdem fahren.

Vaslaw Nijinsky war mir vor dieser Ausstellung eigentlich kein Begriff. Er war, wie ich dann erfuhr, ein bedeutender Choreograph und Tänzer, der ganz neue Strömungen in die Ballettwelt einbrachte; darüber hinaus malte er auch, und natürlich war zentrales Thema seines bildnerischen Werkes – die Musik und der Tanz.
Ein Teil der Ausstellung befasste sich mit dem Tänzer Nijinsky – und hier musste ich besonders lange verweilen, weil es so interessant war. Nijinsky ist einer der Mitbegründer des modernen Tanzes – so habe ich das eben verstanden – und was er mit seinen Bewegungen vollbrachte, war beinahe übermenschlich; eine Versuch der Trennung von Körper und dem natürlichen Bewegungsablauf, das ist wirklich modern! Wenn der Geist über das Körperliche hinauszuwachsen sucht in kraftvollen aber künstlichen, un- oder übermenschlichen Bewegungen, dann steckt da eine neue Sicht auf den Menschen und seine Welt hinter.
Zwei sehr spannende Filme – eine Dokumentation der Entwicklung des Tanzes, von der Klassik zur Moderne, und ein Film, in dem ein Tänzer versucht, durch seinen Tanz den an Schizophrenie erkrankten Nijinsky aus seinem Seelenkäfig zu locken, hielten mich auch noch auf, bevor ich dann endlich zu Nijinskys Bildern und denen seiner Zeitgenossen kam.
Nijinskys Bilder strotzen vor Bewegung und spielen mit dem Auge des Betrachters, das wiederum zu tanzen beginnt, wenn es den Linien folgt. Interessant. Mich haben vor allem die Gemälder von Sonia Delaunay-Klerk fasziniert, die mit viel Farbe die neuen Tänze mit seinen Bewegungen einzufangen vermochte.
Ich glaube, ich muss unbedingt einmal wieder ins Ballett gehen. Interessiert mich.
Die Ausstellung hat mir aber auch gut gefallen.

Es war eine gute Idee diese Ausstellung zu besuchen. Denn sie war interessant, anregend und inspirierend.

Elf Modelle von Gebäuden, die Hundertwasser entworfen hat, standen im Mittelpunkt der Ausstellung. Es gab auch viele Fotos von den mittlerweile gebauten Gebäuden sowie einen interessanten Film (nein, eigentlich zwei, aber den, in dem diversen Architekten drei immer gleiche Fragen gestellt wurden, habe ich verpasst) mit Interview und Aufnahmen der Gebäude von innen und einige Statements von Hundertwasser zum Hören. Dadurch erschloss sich neben den sehr schön anzusehenden Modellen sehr gut das Konzept, das Hundertwasser von einem humanen Bauen hatte: mit der Natur leben, ökologisch leben, individuell leben. Das Fensterrecht und die Baumpflicht sind zwei Begriffe, die er entwickelt hat: Sollte jemandem das eigene Fenster nicht gefallen, so wie es Hundertwasser gestaltet hat, sei er befugt oder sogar aufgefordert, sein Fenster umzugestalten. Denn für Hundertwasser gehört unbedingt dazu, dass die Gebäude von denen, die in ihnen leben, mitgestaltet werden sollen. Also keine Hochnäsigkeit gegenüber dem ‚Endverbraucher’, oder eine gewisse Arroganz des Künstlers, der seinen Stiefel durchziehen will, und dann darf nichts mehr verändert werden! Ehrlich gesagt nervt es mich bei manchen Architekten, dass sie von ihrem eigenen Schaffen so begeistert sind, obwohl die Gebäude teilweise Mängel ganz praktischer Art haben (wie z.B., dass einige Gebäude von Mies van der Rohe faktisch nicht beheizbar waren, und er selbst lieber im Altbau wohnte anstatt in seinen selbst entworfenen Gebäuden…). Das gibt es bei Hundertwasser also nicht. Dafür hat er in seine Planung mit berücksichtigt, dass die Gebäude nach Möglichkeit wenig Energie verbrauchen und sich harmonisch an den Ort integrieren und sich ggf. in die Natur einfügen.

Ja. Seine Häuser sind bunt und verspielt und haben nirgendwo einen rechten Winkel. Alle Formen sind organisch, die Farben quietschebunt und fröhlich. Es geht etwas Freundliches und Verspieltes von den Gebäuden aus. Bestimmt macht es Spaß, in solchen interessanten Gebäuden zu wohnen….

Ich finde sein Konzept vernünftig, einleuchtend und menschenfreundlich! Es hat mich komplett überzeugt, meinen Schatz dazu und sogar mein Kind. Wir überlegen jetzt selbst, ob wir unseren ungenutzten Balkon (ungenutzt, weil wir einen tollen Garten haben) jetzt begrünen, im Stile von Hundertwassers Entwürfen, und der ‚Baumpflicht’ nachkommend. Und ich frage mich schon, ob man nicht etwas mit unserer Hausfassade anstellen könnte…. Den gelben Klinker mochten wir noch nie. Na, mal sehen.
Auf jeden Fall hat die Ausstellung uns fasziniert und berührt. Und inspiriert.

Die Ausstellung geht noch bis zum 23.8.09, hier der Link zum Eutiner Museum.

Eine grandiose Ausstellung ist das, eine Sammlung von ungefähr 100 Werken von amerikanischen Künstlern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, und im Mittelpunkt stehen 9 Werke von Edward Hopper.
Aber ob diese Werke den Mittelpunkt bilden müssen? Hoppers Gemälde sind in ihrer unterkühlten Ansicht amerikanischer Ansichten von großartiger Ästhetik, und es war sehr schön, diese Bilder im Original erleben zu dürfen. Die Frau im Hauseingang mit ihrem roten Hut (auf dem Gemälde ‚South Carolina Morning’), die dem Betrachter zurückwirft, was er ihr gibt: Das hat nichts Einladendes, aber es ist derart intensiv, wie sich die Figur auf dem Bild sperrt, betrachtet zu werden, indem sie den Betrachter ablehnend und aggressiv zugleich anstarrt. Oder das Schaufenster eines Ladens, aus deren Inhalt man nicht schließen kann, was in diesem Laden denn verkauft wird – auf diese Weise wird dem Betrachter entzogen, was er gleichzeitig gern entschlüsseln will. Statt dessen bleibt er hängen an der Ästhetik, an dem besonderen Licht, das Edward Hopper wie kein zweiter einzufangen wusste.
Aber alles ist so leer, so sinnfrei, dafür wunderschön. Amerika?

Hopper steht im Zentrum der Ausstellung, aber die Werke der anderen Künstler sind keinesfalls deshalb weniger wichtig. Es sind wunderschöne Bilder zusammengestellt worden, aus denen sich einerseits ganz gut erkennen lässt, wie einflussreich die europäische Kunst doch war (viele der Künstler lebten und studierten denn auch in Europa), andererseits zeigen sich viele Aspekte, die in Europa so nicht hätten gemalt werden können. Die Abkehr von üblichen Motiven hatte natürlich auch in Europa ihre Tradition, wurde aber in Amerika anders umgesetzt; sehr eigenwillige Variationen der damals aktuellen Kunstwellen (wie z.B. von Georgia O’Keeffe) gehören zur amerikanischen Tradition genauso dazu wie ganz spezielle Farbgebungen wie in dem Gemälde ‚Poker Night’ von Thomas Hart Benton (Darstellung eines Motivs aus ‚Endstation Sehnsucht’) – das sind Bilder, die auf einer eigenen Tradition beruhen!
Sehr, sehr schöne Gemälde sind hier mit viel Liebe und Sinn für Harmonie und Gegensatz zusammengestellt worden. Da gibt es z.B. zwei Gemälde von zwei verschiedenen Künstlern, die nebeneinander hängen, in unterschiedlichem Stil gemalt, deren Gemeinsamkeit aber ist, dass jeweils eine blonde junge Frau aus dem Rahmen herausguckt. Das ist gut gesehen, auf welch unterschiedliche Weise die beiden Figuren den Betrachter ansprechen: Die eine ist eine pflichtbewusste und ehrgeizige Sekretärin, während die andere den Marilyn-Monroe-Typ (die zum Entstehen des Bildes gerade geboren worden sein mag) verkörpert. Beides gibt auf ihre Art ein Stück des ‚American Way of Live’ wieder.

Beeindruckend in ihrer Nüchternheit sind auch die Gemälde, die keine Menschen darstellen, sondern vielmehr industrielle Bauwerke oder Teile davon, wie eine Reihe von Schornsteinen, deren Komposition nach strengem Formenprinzip der italienischen Renaissancemalerei zusammengestellt wurde, aber keinen Funken von Menschlichkeit oder Bezug dazu aufzeigen. Monumente, von Menschenhand errichtet, die jetzt ein Eigenleben entwickelt haben! Sicherlich ist dies keine Deutung, die zu der Entstehungszeit dieser Art von Gemälden seine Berechtigung hätte. Gemeint war vielmehr, dass diese Gebäude Schutz und Sicherheit – z.B. in Form von Arbeitsplätzen boten. Das Monströse und Unheimliche fällt vielleicht erst heute auf…

Sehr schön ausführlich wurde jedes Gemälde mit einem nebenstehenden Text kommentiert, was vielleicht etwas viel des Guten ist; andererseits muss man das ja nicht alles lesen.

Ich fand sie großartig, diese Ausstellung, und wünschte mir, einen zweiten Besuch zu schaffen. Na, mal sehen, ob das noch was wird! Immerhin läuft sie noch bis Ende August.

Wir mögen die Skulpturen von Niki de Saint Phalle sehr, weswegen wir auch vor zwei Jahren den Tarot-Garten in der Toscana besucht hatten. Und nun gibt es diese feine, übersichtliche Ausstellung in der Reithalle vom Schloss Gottorf *.

Groß ist sie wirklich nicht, die Ausstellung, aber sie war deshalb so interessant, weil sie einen guten Querschnitt durch ihr künstlerisches Werk zeigt. Angefangen von Gemälden, die aus einer absoluten Frühzeit stammen über die Schießbilder, mit denen sie für Aufruhr sorgte, und ihre Skulpturen, aus vielen kleinen Plastikteilen zusammengesetzt, bis hin zu ihren Nanas und einigen Vorentwürfen zum Tarotgarten war jede Phase so interessant wie intensiv. Die Schießbilder beeindrucken durch eine gewisse Rohheit. Ich kann mir vorstellen, dass das Machen, welches ja mit der Flinte in der Hand eine gewisse Brutalität beinhaltet, ein ganz guter Akt der Befreiung war. Ihre Biographie war wohl auch nicht ganz glatt, und sie musste sich wohl erst einmal einige psychische Belastungen ablegen, um so frei arbeiten zu können, wie sie es dann tat. Viel Aufarbeitung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse hat sie geleistet, und war mit Sicherheit auch eine Ikone der Frauenbewegung, bis ihre Nanas schließlich auch zu deren Maskottchen wurden (wenn nicht explizit, dann aber doch implizit). Es ist ein langer Weg, ein weiblicher Weg, den sie zurückgelegt hat, um so frei ihre mehr oder weniger fröhlichen Figuren zu erschaffen, wie die Nanas. Aber Leben und Tod gehören untrennbar zusammen, und bei aller Lebensfreude spielt die Auseinandersetzung mit dem Tod eine große Rolle in ihrem Werk.

Leben. Das bedeuten diese Werke für mich. Und wenn ich das Gefühl habe, dass mich Kunst wirklich in meinem tiefsten Inneren berühren könnte und mich zu einem Umdenken bewegen könnte, dann ganz sicherlich durch solche bunte, lebensfrohe, ästhetische Botschaft, die ihre Kunst transportiert.

Hannover ist das nächste Stichwort. Ich muss einmal nach Hannover! Erst hier habe ich erfahren, dass im Sprengel Museum viele Exponate von Niki de Saint Phalle zu finden sind (in Hamburg dagegen: kein Einziges?? Oder?? Selbst der Entwurf zur Gestaltung des Spielbudenplatzes ist ja nicht realisiert worden, das wäre nicht passiert, wenn ich damals Bürgermeisterin gewesen wäre, das schwöre ich!!!), dazu eine Grotte und einige Nanas an der Straße.

Das Schloss Gottorf hat mir übrigens auch gut gefallen. Da gab es noch mehr interessante Ausstellungen. Den Barock-Garten allerdings fand ich schaurig, dafür gibt es im nahen Volkskundemuseum eines der niedlichsten Kaffees, die ich kenne…

Wir werden wiederkommen.

* Die Ausstellung endet am 28.6.09

Im Vordergrund der Ausstellung standen Degas’ Skulpturen von Tänzerinnen, sie waren von ihm mehr als Studien gedacht, er selbst hatte sie nicht oder nur zum kleinsten Teil in Bronze gießen lassen. Die 14-jährige Tänzerin, ca. 1 m hoch (oder höher???) aber doch. Und natürlich war ihm wieder einmal ein Skandal sicher. Die Sehgewohnheiten waren eben noch nicht so weit. Damals konnte man nicht schauen, was heute genossen wird. Ich fand die Skulpturen toll. Die Kleinode waren meist nur ca. 30 cm hoch, aber die Figuren waren sehr präzise gearbeitet, wenn auch nicht voll ausgearbeitet. Es kam Degas ja auch nicht darauf an, jede Hand und jeden Finger zu modellieren, es ging ihm vielmehr um die Figur, den Körper, die Spannung, die Muskeln. Und das allein war schon aufregend zu sehen.

Diese kleinen Figuren zeugen, so will ich darin sehen, von der Liebe. Und zwar von der Menschenliebe. Degas ging es nicht um irgendein gängiges Schönheitsideal, weswegen er sich der damals herkömmlichen Darstellung von perfekten Menschen verweigerte. Ihm ging es um den Alltag, der den Menschen (ver-)formt, mitnimmt, prägt. Degas hat die Sonntage nicht interessiert. Er wollte den Werktag, und er wollte die Menschen zeigen, wie sie wirklich sind. Ich finde, in dieser Ausführlichkeit und Genauigkeit, wie er es betrieben hat, ist das eine Liebeserklärung! Das interessant zu finden, was für andere nebensächlich ist! Nicht das Feierliche suchen, sondern das Alltägliche, eben im wahrsten Sinne des Wortes ‘hinter die Kulissen schauen’! Ist schon interessant, dass sich Degas so sehr für das Bühnenleben, aber hinter den Kulissen, interessierte, und vielleicht kann man das auch wirklich als Motto seiner Kunst betrachten. Nicht das Schauspiel interessierte ihn, aber das, was sich dahinter verbirgt.

Späte Werke (Lithografien und Gemälde) sind neben den Skulpturen ausgestellt, und es ist schon interessant, wie genau Degas die Stimmung in seinen Bildern eingefangen hat, und wie liebevoll er sich den Details widmete. Ich bewundere immer wieder, wie jemand es schafft gegen den Strom zu denken und zu arbeiten, sich damit harscher Kritik auszusetzen, anstatt das zu tun, was doch so einfach wäre: mit der Masse mitzuziehen.

Nur die Pferdeskulpturen, die fand ich nicht so dolle. So dünne Beine, irgendwie spackelig und schief… Aber es sollten ja auch (nur) Studien sein.

Es ist vielleicht nur eine kleine Ausstellung, aber mit großartigen Gemälden und Skizzen eines großen Künstlers!

Mich hat die Farbigkeit der Gemälde sehr angesprochen, die Farbwahl spricht eine deutliche Sprache: Hier ist nichts gebremst oder zurückgehalten, und mit der realen Farbigkeit hat sie gleichwohl nichts zu tun. Ein ganz neuer Rhythmus entsteht  in jedem einzelnen Werk, und vielleicht hat dieser Rhythmus, nach dem das Gemälde tickt, ja auch etwas mit der Persönlichkeit zu tun, die hier als Modell fungierte? Auch die Zeichnungen haben ihren ganz eigenen Reiz durch die absolute Einfachheit und den sicheren Sitz eines jeden Striches, das ist faszinierend. Die Bilder sprechen eine Zeichensprache, in der nur das Wesentliche festgehalten wird, während alles andere gar nicht erst zu Wort kommt.

Interessant fand ich auch den uralten Film, in dem Matisse beim Zeichnen gezeigt wird: in Zeitlupe wird gezeigt, wie der Pinsel seinen Weg aufs Papier ’sucht’; erst wird knapp vor der Leinwand versucht, den wahren Strich zu finden, bevor er dann gesetzt wird, dann aber perfekt!
Auch schön war der Entstehungsprozess eines Gemäldes festgehalten, das in seinem Ablauf eine komplette Veränderung sowohl des Bildaufbaus als auch des Themas (bei immer dem selben Motiv) erfuhr. Es ist so, als ob das Bild sich den Weg gesucht hat, um zu entstehen…

Ich bin ziemlich froh, dass ich die Ausstellung noch besuchen konnte, denn leider endet sie schon bald.

Zirkuswelt ist eine Zauberwelt… – wenn sie Roncalli heißt!

Wo kann man sich verzaubern lassen, wo sich fortzaubern lassen in eine ganz andere Welt? Vielleicht in ein anderes Universum oder eine Parallelwelt… Das ist wohl das größte Kunststück, das der Zirkus Roncalli vollbringen kann. Die Artisten sind atemberaubend gut, perfekt in ihren Disziplinen, das ist das Eine, worauf man sich bei diesem Zirkus verlassen kann. Das andere ist das perfekte In-Szene-Setzen, eine ausgetüftelte Lichtregie, ein schneller Wechsel von Attraktion zu Attraktion, der einen das Luftholen vergessen lässt. Und das dritte ist eine gnadenlose Romantik, eine so bezaubernde Atmosphäre in der Manege, die einen zum Träumen verführt. Perfektion hoch drei, das ist der Zirkus Roncalli!

Hier sind die Clowns wirklich witzig, und die Akrobaten echte Künstler. Sei es, dass sie mit Geschick jonglieren können oder etwas balancieren, ob sie sich gegenseitig hochstemmen können, was für die KünstlerInnen ein Leichtes zu sein scheint, oder sei es, dass mit Seifenblasen gespielt wird, die das Publikum in eine seltsam entrückte Welt verführen, es ist alles höchste Zirkuskunst.

Am meisten liebte ich, wenn mit Musik und Lichtspielerei die Artisten geschickt in Szene gesetzt wurden. Wie schön war die einzige Pferde- (und Hunde-)Nummer, weil die wunderschöne Frau mit den langen Haaren ein weites Kleid trug, das mächenprinzessinnenhaft den Pferdekörper verdeckte (abgesehen von der hohen Kunst der Dressur)? Wie schön war das Paar am Seil, das sich hoch hoch hoch oben ineinader verknotete und doch gleichzeitig so romantisch daherkam, wie es nur in der Zirkuswelt möglich ist? Ein Meister auf dem Rhönrad, wenn er zugleich ein Meister des komischen Faches ist – so etwas sieht man nicht alle Tage.

Es war ein zauberhafter Nachmittag, und eines ist sicher: Wenn Roncalli wieder in meine Stadt kommt, komme ich wieder zu Roncalli!

Gut gemalte Portraits von Menschen aus der amerikanischen Oberschicht um 1900 ist das Thema der Ausstellung. Gute Malerei reicht aber nicht aus für gute Kunst, empfand ich dann sehr deutlich vor den Bildern. Nur wenige ‚sprachen’ zu mir.

Klar, ist vielleicht auch zu viel verlangt von Auftragswerken, bei denen es vor allem darum geht, zu repräsentieren, was man hat und welche gesellschaftliche Stellung man innewohnt. Aber leider leider, war da hinter einer gewissen Fassade kaum mehr da. Ich verstehe schon: Die Auftraggeber sollten mit den Gemälden ja auch zufrieden sein, und also konnten die Künstler nicht schwerwiegende wichtige Fragen anreißen, und auch Innovation findet man nicht in diesen Werken.

Es bleiben gut gemalte Bilder von gewichtigen Persönlichkeiten, und in manchen ist vielleicht auch ein Bruch erkennbar wie beispielsweise auf der Darstellung von ‚Mrs. Elliot Shephard’ von John Singer Sargent von 1888: Die blasse Frau im für ihren zarten Teint viel zu roten Kleid wirkt nervös und nicht glücklich. War das ein Gemälde, das wirklich ein Kaminzimmer oder einen Salon im angesehenen Haus schmückt? Wenn doch nicht das, hat es aber mich begeistert: Die Ambivalenz in diesem Bild zeigt viel von brüchiger Identität und auch versteckten Wünschen oder einem ganz privaten Unglück.
Überhaupt: Auch bei anderen Gemälden wird deutlich, dass die porträtierten Personen hinter dem, öffentlichen repräsentativen Leben eigentlich ein sehr genügsames haben führen müssen: Ausgestattet mit Geld und auch Schönheit war Selbstverwirklichung oder ein privates Glück nicht unbedingt lebbar wie vielleicht für die ‚Schwestern’ von Abbot Handerson Thayer (1884) – wenigstens waren sie zu zweit, wenn sie auch niemals heirateten und sich aber ebenfalls nicht in der Öffentlichkeit als die Künstlerinnen repräsentieren durften, die sie eigentlich waren. Warum haben sie sich gegen die Selbstverwirklichung entschieden?? Da haben wir es doch: Geld macht nicht glücklich…
Die Ausstellung zeigt wirklich schön gemalte Bilder und ist zudem hingebungsvoll mit Erklärungen ausgestattet, die uns die dargestellten Persönlichkeiten näher bringen sollen: Wer hier wen geheiratet oder auch nicht hat, wessen Tochter/Sohn das war und so weiter. Nur so ein langweiliger Kram, das Lesen habe ich irgendwann eingestellt, aber wie gesagt, es gab nur wenige Bilder, die mich wirklich in Bann schlugen.

Stilleben fand ich noch nie still. Oder langweilig. Ganz im Gegenteil! Und diese Ausstellung hat mich in meiner Auffassung einmal mehr bestätigt.

Es war eine bunte Mischung, diese Ausstellung. Die schönsten Exponate waren für mich die alten holländischen Gemälde, so wunderbar und meisterhaft gemalt, dass es eine Freude war, sich die feinen Details genauer anzuschauen und immer tiefer in das hintergründige Arrangement einzutauchen. Und siehe da: Das reichblühende Blumenbukett weist Widersprüche auf, wenn Blumen zusammengesteckt werden, die in der Natur gar nicht zeitgleich blühen! Und je länger man sich in die Feinheiten vertieft, desto mehr Insekten und Zeichen des Verfalls werden sichtbar.
Dann die Tafeln mit erlesenen Spezialitäten: Wunderbar gemalt sind sie, doch bei näherem Hinsehen erkennt man dann, wie z.B. bei dem wunderbaren Gemälde von Willem Claesz Heda, dass die Anmut und der Prunk durchaus seine Brüche haben: Warum ist der Pokal umgekippt und das Glas zerbrochen? Was ist hier passiert?
Ich habe diese gekonnte Malerei sehr genossen. Dem gegenübergestellt gab es auch einige Exponate aus der Neuzeit, wie z.B. das Großbilddia von einem Koffer irgendwo am Straßenrand, verdreckt und voller Wasser, die eine interessante Spannung zu den alten Werken herstellen: Auf beiden Werken sind nicht nur leblose Gegenstände zu sehen; durch das Anleuchten der eigentlich hässlichen und nebensächlichen Straßenszenerie füllt sich das Bild mit Bedeutung und einer ganz eigenen Ästhetik auf, die es in die Nähe der rund 400 Jahre zuvor entstandenen Gemälde bringt.
Viele Werke aus der Hamburger Kunsthalle daselbst gab es wiederzuentdecken, und ich empfinde es als große Bereicherung, wenn die Exponate einmal umgehängt werden und durch einen anderen Kontext neue Aspekte sichtbar werden.

Ich müsste eigentlich nochmal hingehen, denn ganz durch bin ich nicht gekommen. Ein zweiter Blick wird sich lohnen, dessen bin ich sicher.
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