‚Der Medicus’ – Roman von Noah Gordon
3. November 2009
Für dieses Buch, das ich immer schon mal lesen wollte, und mein Schatz ebenfalls, hat letztgenannter auf der schönen Insel Helgoland in einer kleinen Crêperie eine kleine Spende für den Seenotrettungsdienst hinterlassen, um dieses Buch mit nach Hause zu nehmen. Nach einer angemessenen Wartezeit (der Spender genoss natürlich das Vorrecht) bin schließlich ich in das Lesevergnügen gekommen, das gestern Abend nun leider zuende ging. Wie soll es nur weitergehen?
Ich habe den Schmöker gerne gelesen. Fand es einmal mehr interessant, wieder in die Zeit des Mittelalters einzusteigen (was in letzter Zeit oft geschah, siehe hier, hier und hier), und der Roman ist einfach packend geschrieben und hat mich aufs Beste begleitet.
Eine merkwürdige Geschichte, allemal. Wie sich jemand um 1000 als Jude ausgibt, um seiner Bestimmung entgegenzugehen, die darin besteht, sich in Persien zum Arzt ausbilden zu lassen, das hat irgendwie beinahe Anleihen an einen Fantasy-Roman. War aber faszinierend.
Doch, es hat super-Spaß gebracht, das Buch zu lesen, einzutauchen in eine ganz andere, fremde Welt.
Es fiel mir in die Hände, als ich nach Lektüre stöberte. Es wurde uns geliehen von unserer Schwägerin, vor etwa gefühlten 150 Jahren… und nun endlich sollte es mal wieder zu Ehren kommen, dies kleine Büchlein über die Zeit.
Hintergrund ist, dass Alan Lightman, hauptberuflich Physiker, Einstein träumen lässt im Jahre 1905, in dem Einstein einige grundlegende Werke veröffentlichte, u.a. auch seine berühmte Formel E = mc² (diese allerdings im September 1905, während das Tagebuch (bzw. Traumtagebuch) im Zeitraum vom 14.4. bis 28.6.1905 datiert ist. Die Wahl dieses ‚Annus mirabilis’, wie es bei Wikipedia in Bezug auf Einstein genannt wird, ist mit Sicherheit alles andere als ein Zufall. Aber – egal. Ich bin in Physik nicht besonders bewandert (habe es allerdings mal ein halbes Semester studiert, bis ich gar keinen Schnall mehr hatte
) und habe dies eben nur kurz recherchiert. Tja, und egal, weil man dieses Buch auch ohne diesen sehr reizvollen physikalisch-historischen Kontext aufs Beste goutieren kann! Jemand, der sich noch mit Einstein auskennt, würde wahrscheinlich noch mehr aus diesem Büchlein ziehen, aber ich war auch so schon sehr beeindruckt von der Phantasie des Autors, der eine Reihe sehr unterschiedlicher und phantasievoller Welten entwickelt, in denen die Zeit nicht so abläuft, wie wir sie kennen (- oder zu kennen meinen und trotzdem nichts davon verstehen). Und das alles ist in eine ganz wunderbare Sprache gepackt, poetisch, nicht nur im Gehalt, sondern auch im Ausdruck. Oh ja, ich hatte große Freude an dem Buch, und selbst mein achtjähriger Sohn verlangte des Öfteren, dass ich ihm daraus vorlese.
Ein feines Buch, ein schönes Buch. Schade, ich hatte es schnell durch. Aber andererseits: Was heißt eigentlich schnell? Schließlich ist auch das doch relativ.
‘Die Tochter des Tuchhändlers’ – Roman von Constanze Wilken
20. September 2009
Dieser Roman spielt in Lucca zur Zeit der Renaissance – das war der Grund dafür, dass ich diesen historischen Roman lesen wollte. Und abgesehen davon, dass man natürlich nicht in Lucca gewesen sein muss, um diesen Roman zu goutieren, machte dies noch einmal mehr Vergnügen, die Kulisse schon einmal betreten zu haben.
Ich muss gestehen, dass ich ziemlich lange Schwierigkeiten mit der etwas gestelzten Sprache von Constanze Wilken hatte, aber schließlich verlor sich das. Mehr und mehr hat mich dies Buch in seinen Bann gepackt, und immer mehr Freude fand ich daran. Das ist so ein richtig feines Schmökerbuch!
Ich war etwas überrascht von der Hauptprotagonistin, die vor Schließung dieser unglücklichen Ehe im Geschäft ihres Vaters mitgearbeitet hat und zu Dingen eine Meinung entwickelt hatte, die Frauen zu der Zeit, wie ich immer dachte, total abging. Ich kann es mir auch immer noch nicht vorstellen. Denn letztendlich hat sich Beatrice dem Wunsch ihrer Eltern unterworfen und ist diese Ehe eingegangen. Aber da ich von Geschichte sowas von keiner Ahnung habe, kann man mir ja echt alles weismachen! Naja.
Aber wie Beatrice den Betrug an sie selbst aufdeckte und eine nach der anderen Unverschämtheit ihres Mannes herausfand, war lebendig geschrieben. Auch die Wendungen in dem Roman waren schlüssig und trotzdem mit Überraschungseffekten gespickt, so dass es von Seite zu Seite immer schwieriger wurde, das Buch zur Seite zu legen.
Also, hat Spaß gemacht. Und was lese ich jetzt?
‘Brooklyn Revue’ – Roman von Paul Auster
14. August 2009
Zugegeben, ich hatte hohe Erwartungen an den Autor. Und das ist dann sicher immer etwas schwer, dagegen zu bestehen. Besser, man hat keine Erwartungen, dann kann man eben auch nicht enttäuscht werden.
Die ganze Geschichte kam mir vor wie ein modernes Märchen in Brooklyn – oder eher noch: wie ein altmodisches Märchen inmitten vom modernen Brooklyn? Nachdem der Ich-Erzähler im Grunde genommen mit seinem Leben abgeschlossen hat, landet er in seiner vermeintlich letzten Station, in Brooklyn nämlich, dort, wo er als Kindaufwuchs. Doch wird diese Phase seines Lebens wider Erwarten eine wunderschöne: Er findet alte Familienmitglieder wieder, lernt neue Leute kennen und baut sich Stück für Stück sein kleines Brooklyn-Idyll auf. Das ist niedlich zu lesen, das ist auch gut geschrieben, das macht auch Spaß. Ist ja immer schön, wenn alles sich zum Guten wendet, oder? Oder nicht?Doch, auf jeden Fall! Und trotzdem: Solche Altmännerträume interessieren mich irgendwie nicht. Schade? Vielleicht lässt sich ja bei diesem Autor mehr entdecken. Bestimmt sogar. Aber bei meiner Suche nach Lesestoff wird er b.a.w. nicht dabei sein.
‘Ostwind-Westwind’ – Roman von Pearl S. Buck
8. August 2009
Das Buch hatte ich gefunden, im Kino, meinem Lieblingskino, in dem man zwar keine Nachos mit Cheese kaufen kann, das aber jede Menge morbide Atmosphäre hat! Möge es noch lange existieren!
Tja, und da lag das Buch, zum Mitnehmen, wie gesagt, mit einem Titelbild aus den 50er Jahren und mittlerweile braun gewordenen Blättern. Dunkel erinnere ich mich daran, dass meine Mutter mir von Pearl S. Buck vorgeschwärmt hatte, also nahm ich es mit.
Ich kann mir vorstellen, dass die Übersetzung mittlerweile überholt ist, oder man den einen oder anderen Satz jetzt anders formulieren würde. Vielleicht gibt es auch eine neue? Oder eben nicht, weil Pearl S. Buck ‘aus der Mode’ gekommen ist? Oder wird sie das nie, weil sie ja schließlich auch Nobelpreisträgerin ist?
Das Buch ist rührend. Eine Frau, nach chinesischer Tradition erzogen, um ihrer einzigen Funktion nachzukommen, nämlich den Mann zu heiraten, der ihr fast seit ihrer Geburt versprochen wurde, um Söhne zu gebähren, ist die Ich-Erzählerin. Mit abgeklemmten Füßen und der Tradition im Kopf fällt es ihr schwer, sich auf ihren ‘modernen’ Ehemann einzustellen, der im Westen studiert hatte, und jetzt als Arzt tätig ist, obwohl er standesgemäß eher dem Nichtstun verpflichtet wäre, da er aus wohlhabendem Elternhaus stammt.
Noch einen drauf setzt ihr Bruder, der ein Studium in Amerika durchsetzt und dann eine amerikanische Ehefrau mit nach China bringt, um hier mit ihr zu leben – und damit schlägt er Erbe, seine versprochene chinesische Verlobte und die ganze Tradition in den Wind.
Das war sehr interessant zu lesen, und als sich die Hauptprotagonistin ihres Mannes zuliebe die Füße aufbinden lässt, konnte ich meine Tränen kaum zurückhalten, so ging ich mit durch den psychischen und physischen Schmerz. Vielleicht war es die Ausgabe, vielleicht aber auch die Tatsache, dass das Buch aus den 30er Jahren stammte: irgendwie schien es mir ein wenig überholt. Aber iwe gesagt, ganz interessant.
‘Die Korrekturen’ – Roman von Jonathan Franzen
31. Juli 2009
Diese Familiengeschichte hat mich sehr berührt, und das, obwohl es oberflächlich betrachtet, eine ganz normale Familie ist, die hier von allen Seiten beleuchtet wird. Aber: Was ist schon normal?
Tragisch jedenfalls ist mit Sicherheit, wenn jemand an Parkinson erkrankt und unter zunehmender Demenz leidet, wie der Vater dieser Familie. Die Kinder sind schon erwachsen und gehen ihrer eigenen Wege, und jedes macht sich Sorgen um die Eltern auf seine Weise. Und wie es eben so ist, vielleicht normal (?), versuchen alle, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, auf ihre Weise eben, mit ihrer Biographie eben, die durch das Elternhaus geprägt ist. Und ist es nicht normal, wenn jemand Beziehungschaos durchlebt, sich auf der Karriereleiter in freiem Fall befindet oder eine mittelmäßige Ehe führt? Und dennoch, so, wie Jonathan Franzen seine Protagonisten beschreibt, in Beziehung untereinander und zu den Eltern setzt, ist es eine tragische Geschichte, die er da in einem atemberaubenden Stil erzählt, der es mir schwer machte, das Buch überhaupt aus der Hand zu leben, obwohl mich das Gelesene gefühlsmäßig echt angegraben hat.
Am Berührendsten fand ich die Geschichte von Gary, vielleicht, weil unter dem Deckmantel der Normalität ungeheure Übergriffe und unterschwellige Lieblosigkeiten lauern, die so schwer zu packen sind, aber furchtbar weh tun. Unglücklich machen.
Korrekturen wären nötig, um die Tragik abzuwenden. Nichts darf in diesem Roman so sein, wie es scheint. Jeder und alles wird Korrekturen unterzogen, das wahre Ich bleibt verschlossen, jeder hat sein Geheimnis, das nicht ans Licht kommen darf. Man korrigiert und wird korrigiert, aber die Korrekturen machen nichts richtiger. Ein wahrer Austausch – von Gedanken, von Gefühlen – bleibt hängen, jeder schmort in seinem eigenen Saft und geht ein Stück weit ein an seiner eigenen Geschichte. Und doch geht das Leben weiter, und auf Tiefpunkte folgen bessere Zeiten, also mal wieder: ganz normal… oder? Diese Familie ist ein einziges Desaster. Aber wenn ich das bei dieser so sehe, muss ich mich fragen, in welcher es denn keine Waterloos gibt?
Ein tolles Buch, ein packendes Buch, ein berührendes Buch! Ein starkes Buch! Ganz bestimmt ist es eines der Highlights der Literatur, die ich in diesem Jahr gelesen habe.
Die Reihe, in der dieses Buch erschienen ist, verfolgt ein klares Ziel: Auf spannende und unterhaltsame Weise jugendlichen Leserinnen (ab 12 Jahre) die englische Sprache nahe zu bringen. Und das erreicht dies Buch auf alle Fälle!
Schlüssig motiviert kommunizieren die Zwillinge Elaine und Laura – kurz Ella – mal in deutsch, mal in englisch. Mit den italienischen Gastschülern müssen sie sich ohnehin auf englisch unterhalten, und so fällt es nicht schwer, den ständigen Sprachenwechsel in dem Buch zu akzeptieren. Mir fiel er kaum auf, ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt! Und weil das Buch packend geschrieben ist, macht man den Wechsel auch gerne mit, zumal der englische Wortschatz auf den vorgegebenen Altersstand abgestimmt ist.
Das Buch hatte einen unglaublichen Sog; ich mochte es kaum aus der Hand legen, um das Rätsel um den alles könnenden Luca, in den sich beide Mädchen verliebt haben, auf die Spur zu kommen.
Auch wenn ich nicht zur Zielgruppe gehöre, wiewohl mein Englisch sehr rudimentär ist, habe ich den Roman gern gelesen. Auch mit den englischen Passagen bin ich gut zurechtgekommen, habe aber sehr viele von den auf jeder Seite angegebenen Vokabelübersetzungen in Anspruch genommen. Wie gesagt, mein Englisch ist ziemlich eingeschlafen!
Ich kann mir gut vorstellen, dass auch Mädchen in dem Alter ab 12 dieses Buch verschlingen werden. Und das übt das Englisch auf sehr unterhaltsame Weise!
Der Film hatte mich schon neugierig gemacht auf diesen Text, der unter genauso tragischen wie schwierigen Umständen entstand. Und es ist ein starker Text.
Bauby wurde mit Mitte vierzig (oder noch nicht mal) aus seinem Alltag gerissen, als er nach einem Gehirnschlag aus dem Koma erwacht und außer seinem linken Augenlid nichts mehr bewegen kann: Er erleidet das sogenammte Locked-In-Syndrom. Der Körper ist im Grunde genommen nur dank der Technik noch am Leben, aber der Geist ins ganz da und wach und arbeitet weiter wie bisher.
Ich mag mir nicht ausmalen, wie ich mich in so einer Situation verhalten würde, aber ich hätte wahrscheinlich nichts Besseres zu tun als vor Selbstmitleid zu zerfließen. Bauby aber findet zusammen mit seinen Therapeutinnen einen Weg der Kommunikation: Durch Vorsagen des Alphabets in der Reihenfolge der Häufigkeit des Vorkommens in der französischen Sprache und ‚Abnicken’ mit dem linken Augenlid entsteht ein unwahrscheinlich starkes Stück Prosa, vielleicht eines der schönsten, die ich überhaupt in letzter Zeit gelesen habe.
Bauby lässt sich und seinen Geist nicht unterkriegen; er schildert seinen Alltag, die tristen Sonntage, vom Verzicht; aber vor allem erzählt er von der unendlichen Freiheit des Geistes, der sich nicht einsperren lässt, sondern durch den Antrieb seiner Phantasie fliegt wie ein leuchtend bunter Schmetterling, der sich niemals einfangen lässt. Mit seiner Vorstellungsgabe erreicht er vielleicht mehr, als er sonst als Chefredakteur der ‚Elle’, jemals hätte erreichen können. Dort ist er ‚nur’ die Karriereleiter hochgeklettert. Doch jetzt fliegt er über aller Köpfe hinweg und lässt seine Gedanken tanzen. Freilich in minimalistischer Form, das Buch ist auch nicht sehr dick, dafür aber komprimiert und intensiv.
Er erzählt von anderen Menschen, einem Bekannten, der einmal als Geisel festgehalten wurde, was auch eine Art ‚Locked In’ war. Oder er erzählt von seiner Wallfahrt mit einer Ex-Freundin, und wie sie an den Rollstuhlfahrern und sonstigen Versehrten gedankenlos vorbeigezogen sind… Er erzählt seine Geschichte aus einem ganz besonderen Blickwinkel, den man als tragisch bezeichnen muss, aber mit so viel Humor, dass es mich sehr gerührt hat.
Noch immer spucken mir einige seiner Schmetterlinge im Kopf herum; es ist ein ästhetisches Buch, und kein Aufschrei, sondern ein Appell zum Leben. Besser gleich, noch besser: sofort.
Man weiß ja nie, was kommt.
Aber selbst wenn: Wenn der Geist noch fliegen kann, was ist dann verloren?
Meine erste Lektüre von Marcel Proust liegt schon ewig zurück, fast schon ein Viertel Jahrhundert! Damals bin ich bis ungefähr zum 4. Band gekommen. Jetzt dachte ich, lese ich es noch mal, warum nicht?
Und bin zur Frage gekommen: Warum?
Die „Suche…“ ist eine wirklich faszinierende Lektüre. Die Sätze sind gewöhnungsbedürftig lang, verschlungen, ausführend, ausufernd, wunderschön, wenn auch manchmal unverständlich, wenn man sich nicht sehr konzentriert. Ich weiß nicht, damals ist mir die Lektüre wohl leichter gefallen… Ich hatte mit dem ersten und dritten Teil vom Band 1 einige Schwierigkeiten, wahrscheinlich, weil so wenig an konkreter Handlung passiert! Proust beschreibt den Wohnsitz seiner Tante, das Personal, die Umgebung, die Schwierigkeiten, die er beim Einschlafen hatte, wenn seine Mutter ihm den Gutenachtkuss verweigerte, weil Besuch – Monsieur Swann – gekommen ist. Die Beschreibungen sind faszinierend, ganz bestimmt! Und doch musste ich oft eine oder zwei Seiten zurückblättern, weil ich den Faden verloren habe… Es ist Literatur, die seine Zeit braucht! Dann lässt es sich in den Stimmungen und Beschreibungen schwelgen. Aber es passiert in diesen Teilen nicht besonders viel, und das war wohl das Problem, das ich mit dem Text hatte…
Anders erging es mir mit dem zweiten Teil des Buches, ‚In Swanns Welt’: Hier gibt es eine konkrete Handlung, einen Protagonisten, der einer Kokotte verfällt. Wie er das macht, und wie sich das anfühlt, wird hier in aller Ausführlichkeit beschrieben (und dennoch, bildet dieses Kapitel sozusagen einen Mikrokosmos von den anderen Teilen, die von dem Ich-Erzähler noch ausufernder geschildert werden). Und das war toll, nachvollziehbar irgendwie, wie Monsieur Swann in den Sog von Odette gerät und nicht mehr hinausfindet, aufgeht in einem Gefühl, das ab irgendeinem Zeitpunkt eigentlich nicht erwidert wird. Ganz nahe und greifbar wird die Eifersucht beschrieben und das ewige Sich-Selbst-Etwas-Vormachen, und das ist wirklich faszinierend.
Eine Passage – natürlich und zu Recht – eine berühmte Passage muss ich hier noch erwähnen: Wie schön beschreibt er in Teil 1 sein Erlebnis, als er sich durch den Verzehr einer Madeleine zusammen mit einer Tasse Holunderblütentee an seine Kindheit erinnert! Das gehört zu einer der Sternstunden der Literatur schlechthin, es ist so feinsinnig und ästhetisch beschrieben wie selten etwas. Eine filigrane Erinnerung steigt hoch aus einer Tasse Tee. Wie schön!
Was ich ebenfalls sehr mochte, war die Beschreibung der Gesellschaft, in der sich Monsieur Swann zusammen mit seiner Geliebten Odette aufhält. Das ist eine derartig gelungene Karikatur der damaligen Gesellschaft, der Neureichen, die nichts anderes tun, als in ihrem gesellschaftlichen Leben aufzugehen und dabei absolut hohl sind wie ein Glas, das besser schnellstens wieder mit Champagner gefüllt werden sollte, da anders diese innere Leere nicht zu ertragen ist. Madame Verdurin mit ihrer ganzen Borniertheit, und der Arzt, der zu jeder Zeit immer die unpassendsten Bemerkungen macht, das ist einfach köstlich beschrieben!
Mag sein, dass ich nicht mehr so ausdauernd bin. Fakt ist, dass mich das Buch oft trotz der sehr schönen Passagen oft sehr ermüdet hat. Vielleicht lese ich den zweiten Band, demnächst, irgendwann, irgendwann demnächst vielleicht. Jetzt nehme ich mir erstmal eine Pause. Vielleicht für länger, noch mal 25 Jahre, vielleicht auch nicht. Man wird sehen. Lesen kommt schließlich von Lust. Finde ich.
Harter Tobak ist dieses Buch… erst recht, da es sich um wirklich Erlebtes handelt, auch wenn man am liebsten möchte, dass es nie passiert ist.
Die Frau, die das schreibt, ist wohl Anfang dreißig, als in Berlin die Sieger des Krieges, hier: die Russen, einfallen. Sie benehmen sich so, wie sich Armee schon oft vorher und oft nachher benommen hat: nämlich als absolute Herrscher, für die die Besiegten nicht einen Pfennig wert sind. Die Frau, die das erlebt, ist überdurchschnittlich gebildet, hat im Verlag gearbeitet, ist vielleicht Photografin, Zeichnerin oder beides gewesen und hat die Welt bereist. Nun lebt sie alleinstehend, ohne Familie und Freund (der die Beziehung mehr oder weniger den äußeren Zwängen gehorchend abbrach, oder zumindest die Verbindung unterbrach…), kann ein wenig russisch, und ist wie viele der Frauen in Berlin schutz- und hilflos diesen Menschen ausgeliefert. Was das heißt, ist ja wohl klar: Vergewaltigungen ohne Ende! Die paar Notgemeinschaften reichen nur hin, dass man gemeinsam auf Essensjagd geht, ansonsten harrt und hält man aus. Was kann man sonst tun? Die Frau übernimmt aufgrund ihrer Russischkenntnisse eine gewisse Sonderstellung, da sie des öfteren zu Vermittlungsgesprächen in der Nachbarschaft hinzugezogen wird. Schutzlos ist sie dennoch. Sie rettet sich, oder versucht es zumindest, indem sie versucht, sich einen Major anzulachen, um als ‘Freiwild’ tabu zu sein. Und das gelingt manchmal, manchmal aber auch nicht.
Es ist ein erschütterndes Buch. Erst recht, weil sich die Frau trotz der Strapazen die Besetzer so genau anschauen kann und genau erkennt, dass zwar die meisten der Männer bei den Eroberungs- und Raubzügen durch die Gemeinde beteiligt sind, aber im Grunde genommen nicht mehr als ganz ‘normale’ Bauerntölpel sind, die sich überhaupt erst Mut antrinken müssen, um die Skrupel über Bord zu werfen und sich von den primitivsten Trieben leiten zu lassen. Sie erkennt auch die Intelligenz einiger der Russen, genießt manchmal einen intellektuellen Disput. Kurz: Sie schaut sich die Menschen an, beinahe objektiv, obwohl das in ihrer Lage einen Widerspruch bedeutet. Dafür wird sie zu oft geknechtet und gedemütigt. Fast übermenschlich, aber wahrscheinlich nur deshalb, weil sie ihr Urinnerstes einfach ganz weit weggeschlossen hat, aus Selbstschutz, um seelisch in dieser Zeit nicht draufzugehen. Ein Selbstschutz, der eine Unmenge von Kraft und Intelligenz kostet, und der dann und wann vielleicht auch ‘zu gut’ funktioniert… Als ihr Freund wiederkommt, zeigt sich die tiefe Kluft zwischen den unterschiedlichen Kriegserlebnissen, die man sich beim Freund vorstellen kann, sie berichtet nichts davon. Vollkommen befremdet ist er von der Art Galgenhumor, den sie und ihre Not-Kameradin, eine Witwe, gegenüber ihren Vergewaltigungen an den Tag legen…. Vielleicht ja auch, weil es ihm wie Gefühllosigkeit vorkommen muss, was doch blanker Selbsterhaltungstrieb ist….
So folgen auf die kargen Tage die fetten, wenn auch voller Erniedrigungen und Degradierungen, dafür bringen die Schänder Lebensmittel mit. Doch ’alles geht vorüber’…; was dann folgt, ist Hunger, Hunger, Hunger…
Dieses Buch ist ein wertvoller Bericht von einer weiteren grausamen Seite des Krieges. Das Los der Zivilisten, der Frauen, die zuhause zurückbleiben, ist hier akribisch dokumentiert und ebenso erschütternd wie das Gebahren der Siegerhelden, egal wo auf dieser Welt.
Zudem ist es gut geschrieben, fast zu gut… Ich war des öfteren versucht, das Buch wegen seiner literarischen Qualität zu loben, aber irgendwie geht das nicht, finde ich. Es ist eben keine Fiktion, nichts Ausgedachtes, nein, es sind wirklich erlebte Greuel! Das kann nicht, darf nicht Literatur sein. Und doch gehört es zu einer ganz eigenen Kunstform, ob es nun will oder nicht. Dieses Buch lebt, auch im künstlerischen Sinne. Auch wenn mir das ganz merkwürdige Gefühle bereitet.