Sich auf eine ganz andere Kultur einzulassen, sich für das Andere zu öffnen, ist bestimmt mal anstrengend, aber es bringt doch auch ganz neue Aspekte und Sichtweisen mit sich, die unseren Alltag erfrischen und bereichern. Schade, dass so wenig meiner Freunde überhaupt auf diesen Tipp reagiert haben, aber dennoch sind auch welche mitgekommen, was ich wiederum ganz toll fand. Und gelohnt haben sich diese beiden Abende allemal!
Beim ersten Abend gab es einige Lieder aus der langen Tradition Koreas, begleitet von Musikinstrumenten, die wir hier im Westen nicht kennen und Melodien, die echt exotisch waren. Besonders schön fand ich die Stimmen der beiden Frauen: fast zu grazil kam die eine daher für die vielleicht etwas derberen Arbeiterlieder; die andere hatte eine Färbung in der Stimme, die die Fremdheit noch einmal mehr betonte – was aber ein ganz neues, nie gehörtes Klangerlebnis mit sich brachte. Die Musikinstrumente – besonders die Blasinstrumente - schienen zum Teil jedenfalls recht einfach zu sein, sodass man vermuten könnte, dass ihr Ursprung im Arbeitsalltagsleben der Menschen zu suchen ist.: Ein Schafhirte auf der Weide hat denn vielleicht nicht die Mittel, an ein ausgeklügeltes Musikinstrument zu kommen, was jedoch nicht heißen soll, dass die Instrumente deshalb irgendwie minderwertig gewesen wären. Andere Instrumente sind Zithern oder Trommeln. Manche gab es auch in zwei Ausführungen: nämlich in der, die die einfachen Menschen benutzten, um ihren Alltag zu verschönern, und in der für die Musik bei Hofe. Alle Instrumente brachten jedenfalls Klänge und Melodien zuwege, die einer ganz eigenen Ästhetik folgen, was ich als aufregend und erfrischend empfand.
Dass sich diese Instrumente trefflich zum Improvisieren eignen, stellten sie durchaus unter Beweis.
Der zweite Abend begann mit der Piri, einer Bambusoboe, die in ihrer Schrillheit mir dann doch etwas zu intensiv in die Ohren pfiff. Danach wurde es aber besser. Die Gesänge, deren übersetzte Texte sic h im Programmheft nachzulesen lohnt, handeln von der Natur und von der Liebe. Mich erinnerten die Texte an kleine Haikus, weil auch hier die Impressionen unkommentiert in sich ruhten. Schön…!
Zum Abschluss gab es einen dramatischen Auszug aus einem Pansori, das ist eine Art Oper, in der ein Sänger (oder Sängerin, wie an diesem Abend), begleitet nur von einem Trommler, eine Geschichte in aller epischer Breite erzählt – und das ist alles andere als langweilig. Interessanterweise fand ich den Vortrag packend und mitreißend, auch wenn ich den Text gar nicht verstehen konnte – allein dies zeugt von einer ungeheuren Bühnenpräsenz und Kunstfertigkeit.
Ich hatte ja arge Bedenken, wie mein neunjähriger Sohn diese Musik verdauen würde. Eigentlich hatten wir nicht unbedingt vor, ihn mitzunehmen. Er aber hat sich dazu entschieden – und gelangweilt hat er sich jedenfalls nicht. Das war sehr erfreulich, dass er die Offenheit besitzt, sich auf so etwas ganz Fremdes einzulassen und macht Mut auf mehr solcher Experimente ab und zu.
‚Aida’ – Oper von Giuseppe Verdi, Inszenierung von Guy Joosten in der Hamburgischen Staatsoper
4. April 2011
‘Drollig, diese modernen Inszenierungen, nicht wahr?’ sprach uns eine ältere Dame vorm Damenklo in der Pause an. Drollig? Naja…
Die Inszenierung von Guy Joosten verzichtet komplett auf jeglichen ägyptischen Krimskrams, was der Qualität der Inszenierung keinen Schaden zufügt. Um so klarer treten die Themen der Aida zeitlos hervor. Es geht um Krieg, um Macht und um die Unmöglichkeit, privates Glück damit zu verbinden.
Bestechend fand ich die konsequenten Positionen der Hauptfiguren. Radames, da er nun schon eine Beziehung zu einer Sklavin aus Feindesgebiet eingegangen ist, kann im Diesseits nur zum Verräter werden: Folgt er seiner Karriere, muss er unweigerlich zum Mörder des Volkes seiner Auserwählten werden; folgt er seinen persönlichen Neigungen, muss er seinem Vaterland gegenüber seine Loyalität aufgeben und würde – da er ja schon in einer Führungsposition steckt – zum Volksverräter. So wird sein eigenes privates Glück in Zeiten dieses Krieges zur Unmöglichkeit. Um sich nicht selbst zu verraten, bleibt ihm nur der Tod.
Aida hat als Sklavin nichts zu lachen. Sie ist sowieso und immer die Verliererin, als Kriegspfand, als Dienerin, als Frau.
Und Amneris: Liebt sie Radames, oder will sie ihn nur ‘haben’, weil sie als Tochter des Königs auf der vermeintlichen Gewinnerseite sich eben ihre Männer selber aussuchen will? Die Inszenierung liegt diese Lesart jedenfalls nahe. Aber auch sie wäre in jedem Falle gescheitert, wenn nicht in den Augen der Öffentlichkeit an der Seite des Erfolgreichen, dann aber privat, da sie Radame`s Liebe nicht erzwingen könnte. Und etwas nicht bekommen zu können, als Königstochter, degradiert sie. Insofern kann man verstehen, dass sie in dieser Inszenierung fleißig dem Alkohol zuspricht: so spielt sie in der Oberliga der Luxusweibchen ganz vorne mit.
So war diese Inszenierung eine klare Absage gegen den Krieg, der ja doch nur Unheil über alle, einfach alle bringt. Und um so schöner, dass man hier auf die Pharaonen, Mumien, und all dem ägyptologischen Krempelkram verzichtet hat, auf den schon Verdi eigentlich gar nicht scharf war…
Dazu dieses schlichte und doch ergreifende Bühnenbild, das ganz in weiß daherkommt, und sitzen oder liegen kann man auch: auf einem großen Bett, um das sich vielleicht alles dreht, um das es hier jedoch gar nicht geht. Am Ende, wenn Radames lebendig begraben wird, öffnet oder verschließt sich die Bühne nach hinten hin in einen unendlichen Schlund, was hintersinnig und zugelich schön anzusehen ist.
Ach ja. Ich sollte öfters in die Oper gehen, hier in Hamburg, es lohnt sich eigentlich immer…
Max Raabe-Konzert im Hamburger CCH
12. März 2011
Wer kann sich so herrlich in die Lieder und den Zeitgeist der 1930er Jahre hineindenken? Und interpretiert die alten Lieder mit Charme, Trockenheit und solidem Humor? Das kann doch nur Max Raabe. Es muss schon eine verrückte Zeit gewesen sein, die Zeiten der Commedian Harmonists, die ja einen gut Teil seines Repertoires beigesteuert haben. Und auch die waren damals voller Esprit und auch Ironie. Max Raabe holt die Erinnerungen zurück mit seiner unnachahmlichen, sparsamen und dabei pointierten Art.
Wir haben nur leider nicht in den vorderen Reihen gesessen, weswegen uns seine Mimik durch die Lappen ging (hätt ich doch ans Opernglas gedacht!!!), und das war schade. Es blieb seine Stimme, und das war auch schon toll. Herr Raabe hat sein Repertoire auch um eigene Lieder erweitert, aber der Lehrmeister ist in der damaligen Zeit zu finden. War aber auch schön…
Wenn wir uns im Publikum so umgeguckt haben, würde ich sagen, dass wir das Durchschnittsalter ein wenig gesenkt haben. Aber sei’s drum. Die Leute waren jedenfalls noch nicht so alt wie die Lieder.
Übrigens hat mir auch das Palast-Orchester sehr gefallen, und ich mochte auch, wie Herr Raabe ‚sein’ Orchester präsentiert hat, auch, dass er immer auch nannte, wer der Komponist des jeweiligen Liedes war und ein Jahr dazu. Er schmückt sich nicht mit mehr, als er selbst zu dem Abend beisteuert, was natürlich beträchtlich ist. Das war sehr fein, fand ich.
Und damit wir auch alle wissen, von wem hier die Rede ist, kommt noch ein kleines Video:
‘Nijinsky’ – Ballett von John Neumeier
9. Februar 2011
Nachdem ich mit einer Freundin die Ausstellung ‚Tanz der Farben’ besucht hatte, fassten wir den Entschluss, uns das von Nijinskys Leben (und Tanzen) inspirierte Ballett zu besuchen. Und wir wurden nicht enttäuscht, wahrlich nicht!
Natürlich hat mich schnell die Erkenntnis eingeholt, dass man sich besser auch auf einen Ballettbesuch besser auch vorbereiten sollte, für einen Opernbesuch ist das ja selbstverständlich, aber auch beim Ballett hat man unter Umständen dann doch einfach mehr davon. So ist es doch manchmal etwas schwierig, den tänzerischen Visionen zu folgen. Also beschränkte – wenn es denn eine Beschränkung war – sich mein Genuss auf die grazile Bewegung der Tänzer und der wunderschönen Bilder, die durch den Tanz, das Licht und die Ausstattung entstanden. Die Musik war ergreifend gewählt: Chopin, Schumann, Rimsky-Korsakow und, was ich besonders ergreifend fand: Schostakowitsch, Sinf. 11 G-Moll, ‚Das Jahr 1905’.
Ach ja! Beim nächsten Mal will ich wirklich besser vorbereiten! Und überhaupt muss ich hier die Beiträge zeitnah reinschreiben. Mein Besuch fand Mitte Januar statt, das sind jetzt schon 3 ½ Wochen her, und in der Zwischenzeit ist mir schon wieder so viel entwischt.
Daher eine letzte Impression: Tänzer, die sich in Reihen über die Bühne schlängeln, sich finden zu Ringen und schwingen im Reigen in Licht voller Wärme und ganz elegant…
So will ich es mir merken. Ja.
3. Philharmonisches Konzert, Dirigent: Peter Ruzicka in der Laeiszhalle
15. Dezember 2010
Es ist zu blöd, dass ich in den letzten Wochen so stark eingespannt war, um meine Berichte zeitnah zu erfassen. Und zudem war der November ein unglaublich kultureller Monat für mich. Und nun haben wir den Salat: Das Konzert liegt schon über drei Wochen zurück. Was ist geblieben von diesem Abend, von diesem Konzert, das ich so genossen habe?
Das Programm umfasste dies:
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 4 B-Dur op. 60
Peter Ruzicka: … INSELN, RANDLOS … (Musik für Violine, Kammerchor und Orchester)
Gustav Mahler: »Todtenfeier« – Symphonische Dichtung für großes Orchester
Was kann ich darüber nur noch sagen*?
Vielleicht nur so viel, wie ich dies Konzert empfand:
Beethovens Vierte war natürlich mit seinen Themen grandios, kopflastig auch. Das wurde mir aber erst durch das Stück von Peter Ruzicka klar, das, wie ich fand, in Gefühlen ganz aufging.
Gustav Mahlers Todtenfeier war dann vielleicht eine Vermittlung von beidem: musikalische Formen und ätherische Formeln wechselten sich ab, und es entstand eine Synthese von Gefühlen und Denken.
Mahler ist einfach toll! Diese Zeit seines Wirkens, also die Zeit um die 19. Jahrhundertwende hat mich schon immer fasziniert und angezogen, so auch diesmal.
* Zum Glück ist ja mein Anspruch nicht, hier ein wissenschaftliches Resultat abzugeben, und Rezensionen kann man eh besser bei Profis nachlesen. Ich will mich einmal mehr freisprechen von objektiv relevanten Beiträgen und verweise auf meine Intention, einfach nur für mich festhalten zu wollen, was ich kulturell wann unternommen habe. Warum ich damit die virtuelle Öffentlichkeit belästige, mag einen Widerspruch darstellen. Ich hoffe, der eine oder andere kann dennoch etwas mit meinen Beiträgen anfangen oder, wenn nicht, schweigt vornehm darüber.
Magdalena Kožená und Private Musicke: ‚Lettere amorose’ – Konzert in der Laeiszhalle
27. November 2010
Also, eines muss man ja der Werbung der Elbphilharmonie lassen, bei allem Ärger, die sie mir auch bereitet (wegen der riesigen Papierverschwendung, denn ich bekomme plötzlich jeden Monat ein dickes Pamphlet zugesandt, wegen des Neubaus, der die andere Kultur in Hamburg beiseitedrückt, was ich sehr ungerecht und unberechtigt finde: wenn kein Geld da ist, kann man halt nicht weiterbauen! Na und??? Aber deswegen andere Museen schließen? Nee!) – sie wirkt!
Nun habe ich die (selbstgewählte) Qual, hier über Musik zu schreiben, und dabei bin ich ja nicht besonders musikalisch, und Ahnung hab ich auch keine. Aber ich will es versuchen, dem geneigten Leser hier gerecht zu werden.
Die Auswahl der Musikstücke – es geht, wie der Titel der Veranstaltung ja schon sagt, um die Liebe in den verschiedensten Ausprägungen – beruht auf Sachen aus dem 17. Jahrhundert, und außer Monteverdi waren mir die Namen der Komponisten ziemlich unbekannt. Die Liste findest Du unten.
Magdalena Kožená hat die Arien mit ihrer wundervollen Mezzosopranstimme vorgetragen; lebhaft und temperamentvoll, auch filigran, wenn es der Musik entsprach.
Hier ein kleiner Film:
Die Begleitung durch ‚Private Musicke’ war ebenfalls eine sehr bereichernde: Die Musiker haben auf Instrumenten gespielt, wie sie im 17. Jahrhundert vermutlich auch benutzt wurden; sie muteten z.T. recht exotisch an. Die Interpretation der Stücke dagegen – zum Teil haben sie auch Instrumentalstücke gespielt – schien mir recht modern zu sein; eben so, wie jemand von heute nicht versucht ein Lebensgefühl aus dem 17. Jahrhundert nachzuempfinden, sondern vielmehr auf der Suche nach einem Standpunkt und eine Überschneidung des damaligen Lebensgefühls mit dem heutigen ist. Das ergab eine wundervolle Spannung.
Ich war nicht so recht kopfig im Konzert dabei; habe mich vielmehr gehen lassen, habe gelauscht, und in meinem Kopf explodierten die Ideen und Möglichkeiten, die mit der Musik nun gar nichts zu tun hatten, vielmehr mit mir und meinem Leben. Bin ich – nennt man das: abgeschweift? Es war schön jedenfalls. Das Konzert war es, und auch, dass es mich im Kopf so öffnen konnte für so viele Ideen.
Ich sollte wirklich öfters ins Konzert gehen. Und demnächst habe ich das auch getan (ja! Das ist kein grammatischer Fehler hier, ich hänge mit den Beiträgen ziemlich hinterher, bin momentan wohl recht aktiv; fünf Beiträge hätte ich schon schreiben sollen, konnte aber nicht aus Zeit und sonstigem Mangel; mittlerweile war ich nämlich schon im nächsten Konzert gewesen, habe drei Filme gesehen und ein dickes Buch durchgelesen; mehr demnächst…)
Gesungen hat Magdalena Kožená dies:
»Lettere amorose«
Giovanni Battista Vitali: O bei lumi
Sigismondo D’India: Cruda Amarilli
Giulio Caccini: Odi, Euterpe, il dolce canto
Luis de Briceno: Caravanda Ciacona
Tarquinio Merula: Canzonetta spirituale sopra la Nanna «Hor ch’è tempo di dormire»
Gaspar Sanz: Canarios
Sigismondo D’India: Torna il sereno Zefiro
Biagio Marini: Con le stelle in ciel
Giovanni Paolo Foscarini: Passamezzo
Claudio Monteverdi: Si dolce è’l tormento
Giovanni de Macque: Capriccio stravagante
Giovanni Girolamo Kapsperger: Aurilla mia, quando m’accese
Sigismondo D’India: Ma ché ? Squallido e oscuro
Giovanni Girolamo Kapsperger: Felici gl’animi
Giovanni Paolo Foscarini: Ciacona
Barbara Strozzi: L’Eraclito amoroso: Udite amanti
Lucas Ruiz de Ribayaz: Españoletas
Tarquinio Merula: Folle è ben che si crede
Claudio Monteverdi: Quel sguardo sdegnosetto
***
Zugabe:
Sigismondo D’India: Sfere, fermate
Giovanni Girolamo Kapsperger: Già risi
Es war mal wieder ein tolles Opernerlebnis! Unglaublich, aber die Hamburgische Staatsoper enttäuscht mich eigentlich nie.
Dabei muss ich zugeben, dass ich die Oper, vor allem natürlich den zweiten Akt, in dem es um das Gießen der Freikugeln ging, viel dramatischer in Erinnerung hatte. Vieles kam etwas gedämpft daher, auch die gesprochenen Passagen, und das, obwohl ich diesmal im zweiten Rang saß. Kann doch eigentlich nicht sein, dass der Klang dort nicht so gut ankommt wie im dritten Rang, wo ich mich sonst auf den günstigen Plätzen herumdrücke?
Von Max war ich vielleicht etwas enttäuscht; irgendwie hatte der etwas Unscheinbares an sich, keine besondere Bühnenpräsenz, irgendwie merkwürdig.
Wie dem auch sei; vielleicht lag es ja auch an meinen Ohren, dass ich u.a. die Sprechpartien wirklich schlecht verstehen konnte und die Musik (des zweiten Aktes) mich nicht so einwickelte, wie schon einmal in einer anderen Inszenierung (wo das man noch war? Vielleicht in Hamburg, vielleicht in Berlin? Ich erinnere mich nicht mehr…).
Der dritte Akt dann wimmelte nur so vor richtig guter Ideen, und die Aufführung machte unheimlich viel Spaß. Die Erwartungen des Publikums wurden sicherlich erfüllt, wenn auch auf ganz andere Weise. Gerade der dritte Akt mit dem Jagdlied, das einem einfach nicht mehr aus dem Ohr hinauswill, beginnt witzigerweise mit dem Vortrag des Liedes in Gedichtform, und das macht schon ziemlich Laune (“Tralla – lalalala. Tralla – lalalala. Trara, trara, trara – lalalala…” usw.). Und die Jagdgesellschaft präsentiert sich dann wie abgeschossenes Wild, was die nicht mehr ganz zeitgemäße Begeisterung fürs Jagen unterhaltsam bis kritisch (wenn man so will) auf die Schippe nimmt.
Diese Aufführung kann eigentlich nicht anders als ein Publikumsliebling sein, denn dieses hat denn auch einiges mitzureden, was im Schluss dieser Inszenierung wunderbar gespiegelt wird. Ich mochte das sehr.
Diese Oper ist und bleibt meine Lieblingsoper, ist es immer schon gewesen (- Oder behaupte ich das vielleicht von jeder Oper, kurz nachdem ich sie sah???).
Dabei gibt es ja eigentlich keinen Konflikt. Vater will Gold und würde dafür seine Tochter vermählen (ob er sie einem Verfluchten zur Frau geben würde, wenn er das gewusst hätte, sei einmal dahingestellt…). Tochter hat Mitleid mit dem fliegenden Holländer, den sie aus einer Ballade schon kennt. Eine Spinnerin? Auf jeden Fall (wenigstens beruflich). Und der fliegende Holländer hat eh keine Wahl und würde jede nehmen, die ihm treu bis in den Tod ist. Also: so what? Der einzige, der was dagegen hat, ist Erik, welcher Jäger ist. Ich habe mich gleich gefragt, warum ein Jäger eigentlich diesen seemännischen Namen (vgl. Erik der Rote) trägt, aber Wikipedia weiß Bescheid: Erik bedeutet demnach ‚Er=ich’, und Richard Wagner meint u.U. hier sich selbst. Er litt wohl sehr unter dem Ehebruch, den seine damalige Gattin beging und sehnte sich nach ewiger Treue.
Mag sein, dass Wagner mit dem fliegenden Holländer ein Stück seiner Autobiografie aufgearbeitet hat. Aber ob das wichtig ist?
Jedenfalls ist die Musik super. Das Meeresbrausen wird spürbar, und auch die düstere Stimmung der Senta, die immerzu an das Los des verfluchten fliegenden Holländers denken muss, ebenso. Sie hegt einen hohen Anspruch: sie will ihn retten! Viel Tiefe spricht aus der Musik, wenn sie diesen Wunsch äußert. Der Vater hingegen sieht den schnöden Mammon und hinterfragt vielleicht doch zu wenig, wer solche Schätze anzuhäufen in der Lage ist… Und die hoffnungslose Lage des verfluchten Seefahrers birgt düstere Hoffnungslosigkeit, und der Chor seiner Seeleute ist so unheimlich, wie volkstümlich der der ‚normalen Seeleute’.
Schön war dieser Chor der Seefahrer, wunderbare Stimmen. Aber auch Lucio Gallo als der Holländer überzeugte, und auch die anderen taten das stimmlich. Ich mochte Helen Kwon als Senta. Aber bei Wagner gibt es ja leider meist einen großen Gegensatz zwischen den Frauenfiguren und deren wahnwitzigen Stimmen. Solche Stimmen können dann meist nur Frauen herzaubern, deren Statur oder Alter (hier zweites) dem Publikum ein gewisses Abstraktionsvermögen abverlangen. Ich sehe es ja ein. Was habe ich von einer Senta, die mit dünner Stimme die Ballade vorträgt? Helen Kwon hat das großartig gemacht. Trotzdem. Am Ende zählt nicht nur die Musik – jedenfalls für mich, denn leider bin ich musikalisch ja nicht besonders bewandert, und mein Gehör ist doch eher mittelmäßig – sondern auch die Szene.
Zur Musik (Dirigent: Stefan Soltesz) kann ich nur sagen, dass ich mit der Ouvertüre anfänglich Schwierigkeiten hatte. Ich fand sie etwas ‚gewischt’, muss aber zugeben, dass ich zwar die Oper eigentlich mal gut gekannt habe, diese aber bestimmt 15 Jahre nicht gehört habe (dafür hatte ich sie aber, was die Melodien angeht, noch ganz gut im Ohr). Und der eine oder andere Bläser hat gepatzt, würde ich sagen. Aber das ging schon klar.
Das Bühnenbild war einfach und in seiner Schlichtheit wunderschön.
Gegrübelt habe ich denn, worum es in diesem Stück, in dem sich drei der vier Hauptprotagonisten so ungemein einig sind, denn nun eigentlich geht. Und ich bin immer noch nicht klar. Im Grunde genommen wollen alle nur das Beste. Erik, der natürlich auch sein eigenes Wohl im Auge hat, befürchtet den Untergang seiner Freundin. Senta stellt die Erlösung des Verfluchten über ihr persönliches Glück. Folgerichtig wird nicht von Liebe gesprochen, sondern von Mitleid. Der Vater will, dass Senta eine gute Partie macht. Sogar der fliegende Holländer sorgt sich am Ende um Senta, als er von der Existenz Eriks erfährt, und will sie lieber ziehen lassen, anstatt dass sie ebenfalls als Untreue unter den Fluch fällt.
Erik ist in dieser illustren Gesellschaft denn vielleicht der einzige, der wegen der Missdeutung der Freundschaft von Senta und deren Vater sein eigenes Glück sucht. Vielleicht ist er auch der einzige, der wahrhaft liebt, während die anderen eben andere Ziele verfolgen. Glücklich wird er wohl eher nicht. Denn wegen ihm ist Senta gezwungen, ihre ‚Treue bis in den Tod’ zügig zu vollziehen. Bei Wagner gehen sie und der Holländer ja in den Freitod, in dieser Inszenierung allerdings nur auf das Schiff, mit dem sie entschwinden (oder habe ich etwa einen wichtigen Teil des Bühnengeschehens nicht gesehen, weil von meinem Platz nur 95 % der Bühne zu sehen war?). Jedenfalls schien mir dies ungewöhnlich. Vielleicht ist das ja ein besseres Ende, weil Senta damit nicht zum Opfer wird. Vielleicht ziehen die beiden noch ein paar Jährchen gemeinsam übers Meer, bis sie sich eine Villa in Mallorca kaufen und dort ihren Lebensabend bestreiten? Das wäre ja auch mal schön. Mir hat am Ende aber was gefehlt, das muss ich gestehen….
Dennoch: ein wunderbarer, anregender Opernabend, und so etwas schreit nach Wiederholung! Ich will öfters in die Oper gehen. Das tut mir gut, und es ist anregend. Auf Theater habe ich ja nach wie vor keine Lust. Oper aber, ist ganz was Feines, finde ich, erst recht an der Hamburgischen Staatsoper, weil die allermeisten Inszenierungen hier erste Sahne sind.
Den ‚Holländer’ habe ich übrigens schon mal in Hamburg gesehen, in der Inszenierung von Wieland Wagner. Die Inszenierung war, ungefähr von 1963 glaube ich, ich habe sie vermutlich 1985 oder 1986 gesehen, und ich erinnere mich gut. Der Holländer war mir etwas zu statisch, aber der Chor der Seeleute im dritten Akt, der sich langsam mit dem Gesang der Crew auf dem verfluchten Schiff vermischte, wirklich wahnsinnig unheimlich… Kann sein, dass mich die Inszenierung von damals noch mehr beeindruckte. Aber getaugt hat diese hier jedenfalls auch.
Seit Ende November haben wir nun wieder nach drei Jahren einen Fernseher. Den wir bislang nicht genutzt haben. Und das wird auch so bleiben, denke ich, oder hoffe ich. Entscheidender bzw. einschneidender ist da dann die Anschaffung eines DVD-Recorders. Mit seiner Hilfe werde ich wahrscheinlich irgendwann anfangen, all die guten Filme aufzuzeichnen, die es hier und da im Fernsehen gibt, so bald ich mir regelmäßig eine Fernsehzeitung kaufe werde. Ich meine, natürlich werde ich mich nicht erdreisten, mein Privatleben von den Anfangszeiten irgendwelcher Sendungen abhängig zu machen, und zappen werde ich wohl auch nur dann, wenn ich will, dass es mir mal richtig schlecht geht.
Naja. Bis es so weit ist, stehen hier schon bereit eine ganze Anzahl von Spielfilmen auf DVD, die geguckt werden wollen. Und die gucken wir denn nun auch. Gegen diese Flut von Filmen kann ich hier im Kulturtagebuch kaum anschreiben; also werde ich nun ab und zu zusammenfassen, was ich noch so gesehen habe, denn mir geht es ja auch darum, für mich selbst zu dokumentieren, wann ich was kulturell gemacht habe.
Also. Da war zunächst mal die Dreierkassette mit Miss-Marple-Filmen, nämlich ‚Der Wachsblumenstrauß’, ‚Vier Frauen und ein Mord’ und ‚Mörder Ahoi’ – wunderbare Filme mit einer wunderbaren Margareth Rutherford! Die konnte spielen! Solche Charakterdarsteller sind, wenn ich es so bedenke, doch ziemlich rar. Sie bringt die Miss Marple aufs Tollste auf den Punkt, das macht riesigen Spaß. Fadenscheiniger fand ich denn allerdings die Handlung der Krimis, erst recht die Motive der jeweiligen Mörder. Beim ‚Wachsblumenstrauß’ habe ich nicht das Motiv für den allerersten Mord verstanden, die folgenden samt der Mordversuche aber schon. Dennoch… ‚Vier Frauen und ein Mord’: Wer sind eigentlich die vier Frauen? Und der Mörder? Auch eine Frau? Oder wie jetzt? Nicht verstanden. Beim ‚Mörder Ahoi’ ist das Motiv etwas dünn, aber durchgedrehte Leute hat es schließlich immer schon gegeben…. Dennoch hat es Spaß gemacht, die Filme zu sehen. Schwarzweißfilme haben heute wirklich eine ganz besondere Ausstrahlung, wahrscheinlich, weil wir heute mit Fraben ja geradezu überflutet werden, da tut Nicht-Farbe auch mal gut…
Eine weitere Reihe haben wir angefangen zu schauen. Martin Scorsese hat sich und 6 weitere namhafte Regisseure aufgefordert, die Geschichte des Blues zu erzählen/kommentieren/aufzubereiten. Herausgekommen ist die Blues Collector’s Box . Zwei Filme haben wir im Dezember schon gesehen.
Wim Wenders: The Soul Of A Man war der erste Film aus der Box, den wir uns angeschaut haben, und er war großartig. Wenders hat die Musik und das Leben einiger Bluesgrößen in den Mittelpunkt gestellt und viel Muße und Zeit gelassen, die Musik zu genießen und die teilweise ja sehr unglücklich verlaufenen Biografien zu erzählen. Skip James, Blind Willie Johnson und J.B. Lenoir stehen dabei im Mittelpunkt, aber auch die Interpretationen von jüngeren Musikern wie z.B. Cassandra Wilson oder Lou Reed werden nicht ausgelassen. Sehr genossen haben wir auch die Extras zu dem Film, vor allem die dort vorgetragenen Titel, beispielsweise von Lou Reed.
Feeling like going home von Martin Scorsese legt den Schwerpunkt mehr auf die – auch räumliche – Entwicklung der Musik aus Afrika an den Missisippi – ein interessanter Aspekt! Leider wurden die Musikstücke meist nur angespielt; vielleicht war Scorsese der historische Aspekt für diesen Film wichtiger als die Musik selbst? Aber auch hier geht es natürlich um die einzigartige Atmospäre, die die Musik verbreitet, und das vermittelt sich auf jeden Fall.
Um Ice Age 3 kamen wir dann nicht drumrum, es war der heiße Wunsch unseres Sohnes. Ich muss sagen, dass ich damit nicht viel anfangen konnte, ich fand den Film einfach nur blöde. Die Handlung ist so was von abstrus und die Figuren sehr albern. Sei’s drum, ich bin wohl auch nicht das Zielpublikum, mein Sohn liebt den Film heiß und innig. Ist o.k.
Gelesen habe ich noch ein kleines Büchlein von Bärbel Mohr: Bestellungen ans Universum. Von dem Buch habe ich vorher schon gehört; und als ich es in der Ferienwohnung vorfand, die wir über Weihnachten angemietet haben, habe ich es mir gleich einverleibt. Ich finde den Aspekt, dass man einfach mal seine Bestellungen aufgeben kann, äußerst spannend. Es ist ganz klar, die Zweifel und das Hadern machen den schönsten Traum kaputt. Wie dem auch sei; ich habe einige Bestellungen nach dem Lesen dieses hochesoterischen Büchleins abgeschickt. Im Laufe des Jahres wird sich dann herausstellen, ob meine Zweifel doch zu groß waren. Momentan überwiegt jedenfalls die Gewissheit, dass meine Bestellungen ausgeführt werden. Vielleicht hätte ich den einen oder anderen Wunsch ohne dies Buch nicht so klar formuliert – ist das vielleicht schon das Geheimnis? Die Bestellungen sind gewagt, auf jeden Fall. Man wird sehen, d.h., ich natürlich…
Ansonsten habe ich ein Buch abgebrochen: ‚Im Schatten junger Mädchenblüte’, das ist das zweite Kapitel von der ‚Suche nach der verlorenen Zeit’ von Marcel Proust. Es war sehr ambivalent. Manche Passagen waren einfach wirklich großartig geschrieben, ich konnte eintauchen in die Proustsche Gedankenwelt und auch in die Komik, die das Werk ja durchaus besitzt. Aber es gab zu viele Passagen, die ich gelesen habe, ohne recht zu wissen, was da eigentlich passiert – oder eben nicht passiert; das Buch hat mich zum Teil durch die Handlungslosigkeit doch manchmal ermüdet, oder dann doch zu oft. Schließlich mochte ich kaum noch lesen, und dann fragte ich mich nur noch was denn – für mich, in diesem Augenblick – eigentlich verlorene Zeit wäre… Ich breche sehr ungern Bücher ab, und noch weniger gern gebe ich mein Scheitern zu. Aber was soll’s. Ich lese gern, und wenn ich es nicht gern tue, stimmt etwas nicht. In diesem Falle war es eindeutig das Buch. Jetzt habe ich ein anderes, und das fasziniert mich wieder sehr.
Der Rest des Dezember war furchtbar arbeitsreich, so dass ich kaum zum Luftholen kam. Jetzt im Januar geht es wieder besser.
Auf ein Neues!!!
Und falls mir jemand einen alten funktionsfähigen VHS-Recorder schenken wollte – nur zu! Ich würde mich freuen! Es warten noch jede Menge VHS-Kassetten hier. Meine Adresse steht im Impressum
Hat sich gerade erledigt, ebay sei Dank!
Eine beeindruckende Umsetzung des Theaterstücks in ein Ballettstück ist John Neumeier da gelungen. Und die Auswahl der Musik dazu war grandios!
Es gab im ersten Teil, der in einem Rückblick Blanche Dubois’ Leben und Leiden beleuchtete, Musik von Sergej Prokofjew. Im zweiten Teil, der in New Orleans spielte, wurde Musik von Alfred Schnittke ausgewählt. Beide Stücke passten unheimlich gut zu der Stimmung in diesem Theaterstück. Was den ersten Teil angeht, habe ich dafür keine konkrete Erinnerung mehr, leider. Beim zweiten Teil mischten sich verschiedene Strömungen in der Musik; da gab es jazzige Sequenzen, sehr freier Jazz, der gut zu den Südstaaten passt, weil das Lebensgefühl so genau getroffen wurde, aber auch wirre, beinahe verklärte Passagen, die Blanches angegriffenen Gemütszustand treffend beschrieben. Dazu der Tanz, der sich oft von der Musik lösen musste, was zu einer großen Spannung führte zwischen Musik und Darstellung, und eben auch so gut zum Stück passte! Es muss sehr schwer sein, nach solcher Musik zu tanzen, quasi ‚gegen den Strich’ die Bewegungen auszuführen, und es gehört eine große Vorstellungsgabe dazu, so ein Stück überhaupt zu entwerfen! Meine Hochachtung!
Das war eine Glanzleistung auf der gut ausgeleuchteten und bespielten Bühne, und hat Spaß gemacht. Einziger Wermutstropfen war, dass die Musik vom Band kam.
So weit zu dem, was ich gesehen habe. Aber was habe ich gefühlt? Ich bin immer noch erstaunt, dass es nicht viel ist, was mir momentan Bühnengeschehen gibt. Im Theater war ich schon lang nicht mehr (außer im Kindertheater), und es zieht mich nach wie vor nicht hin. Ich verstehe es selbst nicht, denn Theater war mal eine ganz große Leidenschaft von mir! Und nun rührt es mich nicht mehr an. Ich sehe ja, wie gut das war. Aber: es spricht nicht zu mir. Vielleicht – und ich hoffe das – werde ich eines Tages verstehen, warum das so ist bei mir. Und vielleicht kommt die Leidenschaft ja doch einmal zurück.