Ein Schrifsteller, Sigurdur A Magnússon, hat mal behauptet, dass der Sagaheld Egill Skallagrímsson aus der Egils-Saga einige wesentliche Charakterzüge des Isländers verkörpere, schreibt Herr Bollason in diesem literarischen Reisebegleiter: ‚Er sei unruhig, unternehmungslustig, selbstständig und trotzig gewesen. Außerdem ein Mann der Tat, stolz und furchtlos, praktisch, hartnäckig und streitsüchtig. Er habe somit den Heldentypus verkörpert, den die Isländer bis zum jüngsten Tag verehren: Ein großer Unternehmer, der zugleich über künstlerische und literarische Fähigkeiten verfügt‘*. Ich denke, da ist unbedingt etwas dran. Auf meinen fünf Islandreisen hatte ich so ganz verschiedene Begegnungen mit den Isländern, und was mich immer fasziniert hat, ist der große Unternehmergeist und gleichzeitig ein literarisches und künstlerisches Gespür, und das auch gerade in den abgelegensten Orten, mitten auf dem Land, wo es außer Schafen, Pferden und Brennivín (Brandwein, ein scharfer Schnaps, mit dem man nur den Hákarl – fermentiertes Haifischfleisch –herunterbekommt) nichts zu geben scheint. Ach nein, stimmt doch nicht: Jede Menge Natur gibt es dort! Und Bücher. Und lange Winterabende.
Die Menschen beschäftigen sich noch heute mit den Sagas. Und auch die Gegenwartsliteratur erzählt oft und viel von der Landschaft und den Menschen, die in ihr wohnen, mit ihr und sich selbst irgendwie zurechtkommen müssen.

Arthúr Bollason hat in seinem ungewöhnlichen Reisebegleiter Orte und Literatur zusammengebracht, hat erstere aufgesucht und erspürt, was noch übrig ist an den Orten von den vielen Geschichten der Sagas und der Sicht heutiger Autoren auf die Landschaft. Sicherlich kann es ihm nicht möglich gewesen sein, ein umfassendes wissenschaftliches Werk zu verfassen. Doch was herausgekommen ist, sind sechs Rundgänge durch verschiedene Landesteile Islands und das Zitieren aus einigen Sagas sowie Autoren, die wiederum zum Teil die Sagas rezipiert haben wie Halldor Laxness, oder Krimiautoren oder weiterer Schriftsteller. Eines hat die Auswahl sicherlich gemeinsam: Ob nun 1000 oder mehr Jahre her, oder aus diesem oder dem letzten Jahrhundert: In Island sind die Geschichten alle noch sehr im Gespräch und lebendig.

Die Orte in Island haben oft Bezeichnungen, die auf Namen von Saga- und sonstigen Helden zurückgehen, und zwar weil genau an diesen Orten Geschichten ihren Ursprung haben wie zum Beispiel die böse Köchin  Katla, die in ihren Zauberhosen nach einem entdeckten Mord, den sie zu verantworten hat, flieht. Oder die Paradieshöhle, in der sich einst ein recht jugendlicher Liebhaber versteckt hielt, der seine Angebetete mindestens achtmal schwängerte, bevor die Verbindung endlich legitimiert werden konnte. Bollason erwähnt noch viele Orte, die so zu ihrem Namen gekommen sind oder er besucht Orte wie das sehr sehenswerte Torfgehöft Saenautasel irgendwo im Süden Islands, welches Halldor Laxness zu seinem lesenswerten Roman ‚Sein eigener Herr‘ inspirierte. Jener Roman handelt von dem harten und armen Leben eines Bauern im Island um 1900, dessen wichtigster Grundsatz ist, auf eigene Rechnung unabhängig von jedermann zu leben, ob das nun angenehm ist oder nicht. Bollason erzählt in seinem Buch, dass ein Leser aus Amerika einmal Halldor Laxness aufgesucht hat um ihm von der frappierenden Ähnlichkeit in der Grundhaltung jenes Bjartúr mit der vieler ärmlich lebenden New Yorker zu erzählen – ein interessanter Gedanke….
Bollasons Buch ist also sehr vielschichtig und erweitert den Blick auf die isländische Landschaft, die ja schon ohne die ganzen Sagas faszinierend ist, um einen mythologischen Aspekt. Und um jenen sind auch heute noch die isländischen Autoren bemüht – beispielsweise in dem Krimi ‚Das Rätsel von Flatey‘ von Viktor Arnar Ingólfsson: Hier geht es um die spannenden Charaktere der Isländer und natürlich auch wieder um ein umfassendes Pergamentbuch, dem ‚Flateyjarbók‘, welches lange Zeit in Besitz der flateyrischen Insulaner war. Flatey und dieses Buch: Diese karge Insel, platt wie nur was, von sehr viel mehr Vögeln und zu trocknenden Fischen bevölkert als von Menschen, die es jedoch in sich haben, wie nun wieder dieser faszinierende Krimi (und das will was heißen: ich mag Krimis nicht, aber dieser macht eine Ausnahme!) zumindest in seinem fiktiven Moment behaupten mag.

So viele Geschichten werden in Bollasons Buch angerissen, dass meine Wunsch-Leseliste um einige Sagas, aber auch andere isländische Literatur angewachsen ist. Halldor Laxness will ich noch weiter entdecken; die Njáls Saga, welche wohl grausam sein soll, will ich mal anschauen und die Edda nehme ich mir auch nochmal vor. Um nur einige zu nennen.
Bollasons Reisebegleiter empfiehlt sich jedem, der sich nicht nur für die Natur Islands, sondern auch deren Kultur interessiert. Ein witziges Interview und ein weiterer Bericht über dieses Buch findet sich bei ‘druckfrisch (ARD)’.
* Arthur Bollason: Island. Ein Reisebegleiter, Ffm & Leipzig 2008, S. 201

Cortona in der Toskana

20. Juni 2008

Im Reiseführer steht, dass Cortona eine der ältesten Städte in der Toscana ist (auch die Etrusker fühlten sich auf Cortona Hügel schon wohl) – nagut, wenn es dort steht, wird es wohl sicher stimmen… Cortona hat mir jedenfalls besonders gut gefallen, und sicherlich nicht nur, weil es so eine alte Stadt ist!


Zuerst war ich ja ein wenig sauer auf die Italiener, die ja wohl jede noch so enge Gasse im Altstadtbereich mit dem Auto befahren wollen. Obwohl mich die Autos durchaus gestört haben, hat sich meine Einstellung doch ein wenig geändert, denn mir wurde klar, dass die Italiener die Autos tatsächlich hier auch brauchen. Warum? Weil sie hier leben. Und das wiederum empfinde ich als eine große Qualität. Die Stadt Cortona – die mittelalterliche Altstadt – ist belebt, und zwar nicht nur durch Touristen, die auch schon im Mai auffallen (da ich nie im Hochsommer in der Toskana war, kann ich nur anhand der Vielzahl der Geschäfte, die den Tourismus bedienen, ahnen, wie voll die Stadt dann sein wird; im Mai jedenfalls sind sie auch schon präsent), sondern eben auch, weil in ihr auch viele Menschen tatsächlich leben. Und das macht die Stadt so lebendig und irgendwie ‚normal’. Uns wurde ein Regentag beschert, der das Klima so erträglich machte, dass wir den Aufgang zur Kathedrale St. Margherita wagten. Je höher wir die engen, steilen Gassen stiegen, desto präsenter wurde die Tatsache, dass hier Menschen wirklich leben. Viele liebevoll bepflanzte Terrassen sahen wir, die mit jeder Menge üppig wuchernder Kübelpflanzen in kleine grüne Idyllen verwandelt wurden; italienische Omas in unmodernen und schmuddeligen Kitteln schauten aus dem Fenster oder lachten uns auf den Gassen entgegen. Dazwischen diese uralten Gebäude mit dem malerisch blätternden Putz, teilweise mit Graffitis beschmiert – auch das gehört zu einem aktuellen Stadtbild -. teilweise aber auch mit kunstvollen alten Ornamenten ausgestattet, machten einen großen Reiz im Straßenbild aus.


Ich weiß ja nicht, auf wie viele Einwohner hier eine Kirche kommt, aber bei der Menge an geistlichen Gebäuden können es nicht viele Einwohner sein. Und natürlich ist jede Kirche mit ihrer jeweils örtlichen Attraktion schon ein Erlebnis für sich. Nachdem wir also den steilen Weg – natürlich von Zypressen umsäumt, wie es sich in der Toskana wohl gehört – zurückgelegt hatten, kamen wir gerade recht zu einer kleinen Andacht dort an, zusammen mit zwei alten italienischen Ureinwohnerinnen, die sich sofort in ein Gespräch mit einer der ansässigen Nonnen vertieften. In St. Margeritha gab es auch ein Wandgemälde, das den Opfern des Krieges gedachte. Für mich sah das Gemälde aus, als wäre es im ‚alten Stil’ (was immer man sich darunter vorstellen möge – jedenfalls war es nichts Expressionistisches oder so) gemalt; doch unvermittelt fand sich ein Soldat mit unter den Betenden auf dem Bild. Die Wände links und rechts waren voller Namen von Opfern, die im Krieg umgekommen waren.
Sicherlich war dies keines der bedeutenderen Bilder, doch beeindruckte es mich doch. Die Kirche war mit Sicherheit viel älter. Doch das Leben des letzten Jahrhunderts fand auch hierin statt und auch dessen Abdruck.

Zwei Museen haben wir besucht, und beide waren es wert, wenn auch aus verschiedenen Gründen.
Während das Museum am Dom vor allem mittelalterliche Werke umfasste, die sehr beeindruckend und unbedingt sehenswert waren, war das Etruskische Museum mehr als der Name verspricht: Zugleich war es nämlich auch ein liebenswertes Sammelsurium von Kunstschätzen aus allerlei Epochen und Ländern; ein Stadtmuseum eben, das zu verwalten hat, was man in Cortona so fand oder – raubte? (Wer weiß…) – Damit meine ich vor allem die ägyptische Abteilung des Museums. Wie kam bloß diese Mumie hierher? Das ist sicherlich eine Geschichte, die ich gerne hören würde… Die ägyptische Abteilung ist unbedingt einer der Höhepunkte in diesem Museum; ein weiterer die uralte Bibliothek mit wertvollen Folianten in riesigen Bücherschränken. Die großen roten Sessel und er überdimensionierte Tisch ließ mich zu Phantasien hinreißen, wie hier einst die Gelehrten über den Büchern geneigt saßen und sich die Welt zu erklären suchten. Ohje… bestimmt zogen sie auch einige der ausgestellten Globen zu Rate… Dort war denn z.B. die Existenz des sagenumwobenen Thule verzeichnet, gleich neben Island…

Die etruskischen Funde fand ich persönlich größtenteils schlecht präsentiert. Damit meine ich nicht die faszinierende neunarmige Lampe mit Fratze, eines der Prunkstücke der Sammlung, denn die war toll (und gut ausgestellt), und auch nicht die rekonstruierten Marmorböden ehemaliger (etruskischer?) Villen. Kleine Funde wie etwa geschmiedete Eisenfiguren standen dicht an dicht mit anderen Stücken in der selben Vitrine, die aber 200 oder gar 300 Jahre später entstanden sind. Warum, hat sich mir nicht erschlossen.
Doch wenigstens ist das Museum konsequent (und liebenswert) in diesem Wirrwarr. Neben dem Schwerpunkt, dem Etruskischen Zeitalter, kamen wir urplötzlich zu einem Raum, der einem neuzeitlicheren Künstler gewidmet war, um dann weiterzugehen zu den Räumlichkeiten eines Palazzos, in dem nicht nur viele (barocke?) Gemälde zu finden waren, sondern auch noch ein herrschaftliches Bett aus dem 18. Jahrhundert. So ein Durcheinander!!!

Das Dom-Museum war da viel konsequenter. Allen ausgestellten Gemälden voran hat mich die Verkündigung Marias von Beato Angelico beeindruckt. Maria, ein junges, zartes Mädchen (selten so jugendlich gesehen), erscheint der Engel im prächtigen roten und goldenen Gewand. Die Worte, die er spricht, erscheinen in goldenen Buchstaben auf dem Bild (und nehmen sozusagen die Comic-Kultur schon vorweg…) Der Engel scheint aus dem Garten Eden zu kommen, der an dem Säulengang, den er betreten hat, anzugrenzen scheint. Im Hintergrund sind Adam und Eva zu sehen, wie sie eben den Garten verlassen müssen. So wird auf dem Bild noch einmal daran erinnert, weswegen Gott Jesus zu den Menschen schicken musste.
Doch auch andere Darstellungen fand ich sehr originell, wie z.B. zwei Gemälde, auf denen das Jesusbaby auf dem Stallboden liegend dargestellt wird, nur mit einem Heuballen unter dem Kopf. Nix Krippe! Um es herum stehen dann das heilige Paar, die Hirten und natürlich die Tiere.
Desweiteren gab es einige besondere Gemälde mit Darstellungen des Abendmahles, aber auch eine expressionistische Serie mit den Stationen der Kreuzigung Jesu.

Cortona hat Stil – das fanden sicherlich nicht nur die Amerikaner, die sich anlässlich einer Hochzeit auf den Stufen der Rathaustreppe eingefunden hatten. Und Cortona lebt noch immer – und das wohl nahtlos seit der Zeit der Etrusker. Ich hab’s genossen, diese Stadt kennenzulernen.

…und wünschte, mehr von den Orten zu erzählen, die wir besucht haben… die ganz besondere Stadt Lucca natürlich, Pistoia (und im dortigen Dom eine wunderbare Jesusdarstellung aus dem 13. Jahrhundert gefunden) und die apuanischen Alpen mit so überraschenden Orten wie Barga oder Fabriche di Vallico.
Es war mal wieder sehr schön in der Toscana. Und außer, dass man es im Mai/Anfang Juni noch ganz schön kalt haben kann, ist es auch eine gute Zeit, da man selten Gefahr läuft, entweder hitzegelähmt zu sein und gar nicht herumkommt, oder sich nur in Touristenwallungen fortzubewegen.

‚Die Wahrheit über Island’ heißt das Buch um Untertitel, was vielleicht etwas reißerisch ist. Einige kleine Wahrheiten, mindestens aber interessante, witzige, ausgefallene Beobachtungen werden von Wolfgang Müller – seines Zeichens Künstler, Musiker und  Autor – hier angestellt. Beispielsweise die, ob die Stare heute, die zu Kurt Schwitters Zeiten in Norwegen die ‚Ursonate’ von diesem aufschnappten, sie über Starengenerationen vererbten, dazu viel reisten und Müller in Rekjavík erneut durch ihren Gesang draußen zu Ohren kam – also, ob jene Stare eigentlich GEMA-Gebühren zu zahlen hätten (mehr darüber hier)? Oder, um eher bei Island zu bleiben, wie es sich mit der heidnischen Gemeinschaft in Island verhält, und wie sich die Christen gegen den in Island weit verbreiteten Glauben an Elfen und Trolle durchzusetzen versuchen. Oder warum der Buchstabe ‚z’ im Isländischen nicht fehlen kann, wiewohl es kein isländisches Wort mit ‚z’ gibt. Oder wie weit isländischer Trockenfisch schon reiste, um endlich verspeist zu werden. Oder welche Rolle Lakritz und Schokolade – und zwar gleichzeitig genossen – für die Wirtschaft von Süßigkeitenherstellern spielt. Müller gibt auch Einblick in vieler seiner Kunstwerke und Aktionen, die köstlich und meist mit einer gesunden Prise Ironie und Witz gewürzt sind (wie z.B. der legendäre ‚Elfenabwurf’ in Berlin am 14. Juli 2001).
Der Island-Begeisterte hat sich auch den isländischen Namen Úlfur Hróðólfsson, den Nachnamen klassisch abgeleitet aus dem Vornamen seines Vaters, zugelegt, was bei der Beantragung eines Telefonanschlusses unter diesem Namen kein Problem für die isländische Telefongesellschaft war.

Wolfgang Müller ist jedenfalls ein beinharter Islandkenner und gibt in diesem Buch eine Menge lustiger Anekdoten und ‚Wahrheiten’ über Island preis. Mir hat das Buch viel Spaß gebracht.

Mehr über Wolfgang Müller findest Du auf seiner Homepage.

Besuch der Documenta 12

14. September 2007

„Du kommst zum Herzen Deutschlands, nur um das Wort Kunst unter Deinem eigenen Schatten zu lesen“ – Diese Installation von Gonzalo Diaz wurde mir sogleich Motto für meinen Documenta-Besuch. Um diesen Satz zu lesen, mussten sich die Documenta-Besucher in einen großen Raum, der aber nur von 2 oder 3 Personen gleichzeitig betreten werden durfte, einem Bilderrahmen nähern, der von einem Scheinwerfer angestrahlt wurde. Der Rahmen schien leer, bis man den Schatten des eigenen Kopfes in diesen Rahmen fallen ließ. Erst dann wurden die oben zitierten Worte sichtbar.
So subjektiv, durch den Schatten meines eigenen Kopfes kann ich eine Beschreibung unseres Documenta-Besuches nur wagen. Ich habe nicht viel über die Documenta gelesen, und der Audio-Guide war mir viel zu abstrakt, als dass ich davon allzu viel hätte mitnehmen können. Bin halt einfach gestrickt, wenn auch offen für das, was es zu sehen gab. Ich fand es anstrengend, einen Zugang zu den Kunstwerken zu bekommen und war teilweise ziemlich frustriert.

Das soll aber nicht heißen, dass es mir nicht gefallen hätte!!! Einiges habe ich dann doch kapiert – und da ich ja nur von meinem eigenen Schatten ausgehe, der auf die Kunstwerke fiel, mache ich mich jetzt mal ganz frei davon, mich ggf. mit diesem Beitrag lächerlich zu machen oder sogar gänzlich falsch zu liegen. Das ‚Falsch’ nämlich kann es nicht geben, liegt doch alles in meinem Kopf kreuz und quer herum. Vielleicht schaffe ich ja hier einen Ansatz von Ordnung.
Zunächst einmal ist diese Documenta (für mich) nicht einfach eine Ansammlung von Kunstwerken. Vielmehr ist diese spezielle Ansammlung von Kunstwerken in ihrer gegenwärtigen Korrespondenz untereinander, und den Gedankenketten, die in den Betrachtern ausgelöst werden, ein ganz neues, immer anderes Kunstwerk, so schillernd wie die Vielfalt der Besucher. So ist die Documenta selbst ein eigenständiges Kunstwerk, das in sich aus vielen einzelnen Kunstwerken besteht. Doch ihre In-Bezugnahme ist nicht da, findet nicht statt ohne den Betrachter, und deshalb sind wir Besucher eben Teil dieses Kunstwerkes.

Dieser Perspektive geht einiges an Nachdenken meinerseits voraus, oder vielleicht auch: Umdenken. Nichts war so, wie ich es mir gewünscht  oder wie ich es erwartet hätte, nichts war wirklich hilfreich für mich. Der Audio-Guide gab z.B. nicht unbedingt Auskunft über die einzelnen Kunstwerke, sondern war kopfig und beschäftigte sich eher ausführlich mit dem Konzept der Zusammenstellung der Arbeiten bzw. setzte sich mit den Leitmotiven der Documenta auseinander. Assoziationsketten wechselten sich mit theoretischen Diskursen ab, wobei die Geschichte der Ausstellungsräume mit einbezogen wurde. Das machte mich eher nervös (hinzu kam dieses ständige Enttüteln der Kopfhörerkabel).
Selbst abends im Bett fand ich keinen Zugang zu den Beiträgen auf dem Audio-Guide. Dennoch würde ich ihn empfehlen, denn erstens kann jemand anderes ja vielleicht mehr damit anfangen und zweitens wäre es gelogen, wenn ich behaupten wollte, gar nichts für mich daraus gezogen zu haben.

Das mit den Assoziationsketten will ich mal versuchen näher zu erläutern.
In der neuen Galerie fanden sich Bilder, die durch den Kontext, in den sie gehängt wurden, etwas anderes erzählten, als wären es Einzelexemplare, so wie ein Buchstabe noch kein Wort ergibt. Diese ‚Worte’ der einzelnen Räume setzten sich in Bezug mit den ‚Worten’ in den anderen Räumen – und konnten dann zu einem Satz werden. Oder mehrere. Auf jeden Fall: pro Betrachter ein anderer Satz.
Da waren z.B. die Comicstrips, die von dem Widerstand der Schwarzen in Amerika sprachen. Gleichzeitig kann man sich vor Augen führen, wie die (weiße) amerikanische – und damit auch die westliche Kultur – durch die afrikanischen Einflüsse (der Schwarzen in Amerika) geprägt wurde, obwohl dies vielleicht gar nicht gewünscht war. Ich denke da z.B. an die Gospels, die eine ganz neue Form von Religiosität repräsentieren, und die nur durch die Lebensbedingungen der Schwarzen in Amerika in dieser Art entstehen konnten (das behaupte ich hier mal).
Im Raum genau über diesen Comics erzählt eine Fotoserie von der Landnahme der Weißen und der Vertreibung der Indianer und dokumentiert die Borniertheit und Selbstgerechtigkeit der Weißen.
Nicht nur wurde damit ein komplettes Volk ins Elend gestürzt, dessen Kultur sich daraufhin veränderte. In der Folge geht uraltes Wissen verloren. Wieviel Schmerz, wieviele Tote waren damit verbunden! Diese Diskrepanz wird von einem anderen Künstler, Juan Davila aufgegriffen: In seinen Gemälden geht es um diese Themen, es werden Siegerikonen oder Jesusdarstellungen zitiert, aber mit teilweise obszönen Darstellungen in ihr Gegenteil verkehrt.
In diesen Zusammenhang passt auch die komplexe Arbeit von Ines Doujak, die sich mit dem Thema Biopiraterie auseinandersetzt. Auf einer Reihe von aufgespießten Samentütchen, wie sie oft neben das Saatgut in die Erde gesteckt wird, gibt sie Informationen zu Bio-Skandalen: Sei es, dass ein Amerikaner im Ursprungsland eine Tüte Bohnensamen ausführt und im eigenen Land eine angeblich neue gelbe Bohne kreiert und patentieren lässt (ebenso passiert mit Jasmin-Reis) und damit empfindlich in die Ökonmie eines Dritte-Welt-Landes eingreift (durch Anbau im eigenen Land muss das Erzeugnis nicht mehr importiert werden, was für die Einwohner des Ursprungslandes verheerende Auswirkungen hat). Oder es stürzen sich Pharmaunternehen auf kräuterkundige Ureinwohner und reißen sich deren uraltes Wissen um Wirkungen bestimmter Pflanzen unter den Nagel, lassen die Pflanze dann patentieren, so dass selbst für die einheimische Bevölkerung diese vorher kostenlose Pflanze nur noch zu einem (hohen) Preis erwerbbar wird.

So geht es auf der Documenta die ganze Zeit um Wechselwirkungen zwischen der Umwelt und dem Indiviuum. Eine Person (oder eine ganze Personengruppe) verhält sich zu den äußeren Umständen. Dadurch verändern sich diese, und entsprechend verändern sich die Reaktionen. So befinden sich Umwelt und Mensch, Gesellschaft und Individuum untrennbar und unentrinnbar in einer Spirale, die sich immer weiter zuspitzt.

Da möchte man vielleicht am liebsten flüchten vor diesen Wahrheiten, flüchten von hier und in eine bessere Welt aufbrechen. Ein Boot steht bereit auf der Documenta: es heißt ‚Dream’ und besteht aus lauter zusammengeklebten Kanistern. Nur – leider – fehlen die Deckel, das Boot ist löchrig. Eine Flucht kann damit nicht gelingen.

Ich könnte sicher noch lange weiterschreiben, viele Eindrücke habe ich gesammelt. Aber besser wäre vielleicht, lieber Leser, wenn Du Dir Dein eigenes Kunstwerk zusammenzusetzt. In Kassel.

Was ist dies für ein Buch? Memoiren eines Mittfünfzigjährigen, Historischer Rückblick auf die Rezeption einer Stadt oder einfach eine Liebeserklärung? Ich glaube, letztes trifft es am Besten, wiewohl noch viel mehr in diesem vielschichtigem Buch steckt.

Orhan Pamuk ist in Istanbul am Bosporus groß geworden und lebt nun wieder in den Pamuk Apts., in denen er auch große Teile seiner Kindheit verbrachte. Und er zeigt in diesem Buch, wie sehr er und seine Persönlichkeit mit der Stadt verwoben sind, nämlich untrennbar. Da ist zunächst der ‚hüzün’ zu nennen, das ist die melancholische Stimmung, die keinem Istanbuler fremd ist. Während Flaubert gemutmaßt hat, dass Istanbul, diese Perle von Stadt,  in hundert Jahren zur Weltstadt würde, ist es aber ganz anders gekommen: Mit Zusammenbruch der osmanischen Herrschaft verwandelte sich diese reiche, durch wunderschöne Bauwerke sich hervorhebende Stadt in ein Zentrum, das nunmehr von Armut und Verfall geprägt ist. An allen Ecken und Enden kann man die Glanzzeit noch erahnen, doch präsenter ist das Stadium des Verfalls. Bei diesem Anblick stellt sich dann also das melancholische ‚hüzün’ ein.
Orhan Pamuk hat sich diesem Gefühl oft hingegeben, es scheint ein Wesenszug von ihm zu sein, der durch die Stadt noch seine Verstärkung fand.
Hinzu kommt das Westliche in Istanbul. Seine Eltern, dem Großbürgertum zugehörig, lebten eine verhaltene islamische Lebensweise (Orhan Pamuk hatte als Kind den Eindruck, dass die Religiosität eher den Armen vorbehalten sei) und waren in ihrem Denken und Handeln dem Westen verpflichtet. Insofern rezipiert Pamuk auch die Perspektiven von westlichen Schriftstellern und Journalisten auf Istanbul bzw. die Perspektiven von Türken, die aber auch Rückgriff auf die westlichen Blicke nahmen.
Interessant mal wieder: der Blick auf die Nähe scheint nur durch Distanz möglich.

Das Buch ist stimmungsvoll, dazu angereichert mit vielen Fotos von der Stadt, wie Orhan Pamuk sie sieht bzw. als Kind sah. Er schreibt seine autobiografischen Teile so nachvollziehbar, dass sie ganz greifbar werden. Und gleichzeitig führt er intellektuelle Diskurse über den Anblick der Stadt durch andere Autoren (das war mir dann etwas zu trocken). Die Seelenzustände des Heranwachsenden waren mir deutlich näher.

Komisch, beim Lesen habe ich mich zum Teil an ‚Die Asche meiner Mutter’ von Frank McCourt erinnert, ein ja grundgegensätzliches Buch beinahe. Während Orhan Pamuk ein Kind des Großbürgertums war und die Familie trotz der Konkurse seines Vaters noch immer genügend Geld besaß um die beiden Söhne auf das englischsprachige Gymnasium zu geben und zum Studieren ins Ausland zu schicken (Pamuk hat in Istanbul studiert, lebte aber danach in Amerika), geht es bei Frank McCourt um das nackte Überleben, das letzte Stück Brot und einen Fetzen zum Anziehen.
Während Frank McCourt seine Lebensgeschichte in lebendige, üppige Bilder packt und unglaublich lebhaft und leicht erzählt, fasziniert Pamuks Lebensgeschichte durch die ruhigen klaren Bilder, die er in poetische Worte steckt. Aber beiden ist gemeinsam, dass sie wie auch immer zu leiden hatten: Der eine wegen des fehlenden Geldes und der Vernachlässigung durch den Vater, der andere wegen des Überfluss des Geldes, das ihn in Kreise brachte, mit denen er sich nicht identifizieren konnte oder wollte.
Wie hätten sich die Autoren entwickelt, wären sie vertauscht worden? Ein blödes Gedankenspiel, ich weiß. Andererseits wieder nicht so blöd vielleicht bei der Frage nach dem ‚literarischen Nährboden’…

Na gut, zurück zur Sache (ich liebe Bloggen, weil man hier mal ausschweifen darf, erst recht, wenn man ein Motto hält wie ich!!!): Ich mochte das Buch sehr, es ist mir nicht langweilig geworden, über Istanbul zu erfahren (zwischendurch wurde ich mal etwas müde, als die Diskurse über die Rezeption Istanbuls ausschweifend wurden) und über Orhan Pamuk, der zunächst Maler werden wollte. Ich bin froh, dass er Schriftsteller wurde und uns dieses und andere schöne Bücher geschenkt hat.
Wenn ich mal wieder in Istanbul sein sollte, werde ich diese Stadt sicher mit anderen Augen betrachten. Damals, ich war Mitte der 80er mal dort, habe ich mich über die vielen Holzhäuser gewundert wegen der Brandgefahr. Und Pamuk hat es bestätigt: Seine Kindheit war voller Anblicke auf brennende Häuser…

- Besuch am 23.5.07 -
Mitten in der Toscana auf einigen aneinander anschließenden duftigen Wiesen und einer waldigen Anhöhe, gegenüber der mittelalterlichen Stadt Seggiano, hat Daniel Spoerri eigene und Skulpturen 40 befreundeter Künstler ausgestellt. Wunderbar ist es, zwischen ihnen und dem würzigen Duft von Kräutern und Blumen zu spazieren. Vielleicht, weil die Kunstwerke meist von Spoerri stammen oder eben von zeitgenössischen Künstlern, vertragen sie sich gut auf diesem Fleckchen Erde. Es verbindet sie das surreale Element, oftmals ist ihr Thema die Verfremdung und Neudefinition von Alltagsgegenständen.

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Es ist gar nicht so einfach, auf alles Gesehene einzugehen, daher beschränke ich mich auf einige wenige Beobachtungen.

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Neben Spoerris Skulpturen sind viele Werke von Eva Aeppli vertreten; es sind Köpfe, zumeist auf Säulen gesetzt, sodass sie – zumindest mich – um einen Kopf überragen, oder wenn sie sich auf Treppenstufen befinden, lässt sich auch eine Auge-in-(Bronze-)Auge-Perspektive einnehmen. Zum Teil sind es allegorische Figuren wie ‚die sieben Todsünden’, oft handelt es sich um vermenschlichte Darstellungen von Planeten, miteinander in astrologische und psychologische Beziehung gesetzt. Eindrucksvoll und doch schlicht schauen sie stur in die Welt, oder sie wirken in sich gekehrt. Sie haben etwas Stoisches, die Figuren, lassen sich nicht vejagen vom Platz, sondern stiften Seele.

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Meistens hat Eva Aeppli die Figuren erst genäht und später in Bronze gegossen. Das wusste ich nicht, als ich sie mir anschaute, doch jetzt wundert es mich nicht mehr, dass es eine interessante Spannung zwischen Ausdruck und Material gibt.
Noch krasser kam diese Spannung bei dem Haufen von Filzpantoffeln (die man zum Besuch alter Schlösser zu tragen hat) zum Tragen, den Daniel Spoerri dann in Bronze gießen ließ. Filz und Bronze… ein Gegensatz, der kein Wiederspruch sein muss…

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Eindrucksvoll waren auch die ‚Gänse’ von Olivier Estoppey (offizieller Titel: ‚Der Tag des Zorns’): Drei Trommler aus Beton treiben 160 Gänse (ebenfalls aus Beton) in Richtung Tal, bzw. die Stadt Seggiano, die sich auf dem nächsten Hügel befindet. Unheimlich und übergroß sind die Trommler; außen herum sind sie vermummt und innen sind sie hohl, als wären es Gespenster, und die Gänse – auch sie sind größer als die echten – rennen vor ihnen (in Panik?) fort. Doch wohin?
Abseits steht ein Junge und hält eine Gans rettend in den Armen, als wolle er sie vor ihrem unbestimmten Schicksal erreten. Es ist aber nicht zu sagen, was passieren würde, wenn die Trommler ihn sähen: Würde er verfolgt und mit den anderen Gänsen fortgetrieben, oder sollte er unentdeckt bleiben können? An Völkerflucht, Vertreibung erinnert es mich, die Trommler sind vielleicht nur halbwegs verkörperte Hirngespinste, die eine große Macht auszuüben vermögen. Doch wären es Hirngespinste, hätte der Junge mit der Gans wirklich eine Chance, dem ‚Bösen’ zu entrinnen.

Daniel Spoerris Kunstwerke sind wie gesagt oft surrealistischer Natur, die Themen variieren zwischen traum- und traumahaft, oder sie sind in Bronze gegossene Gedankenspiele, manchmal auch wirklich spielerischer Natur. Instensiv hat sich Spoerri mit dem Thema Krieg auseinandergesetzt und dessen grauenhafter Folgen wie z.B. im ‚Grabmal der Klone’: Hier liegen fünf menschengroße Gliederpuppen (wie man sie zu Zeichenstudien einsetzt) in fürchterlichen Verrenkungen in einer Art Erdbecken. Sie erinnern an Opfer, die in Massengräbern wie Abfall landeten.
Unheimlich auch war die Kapelle, in der die Totenköpfe tibetanischer Mönche und anderer Menschen, aber auch Affen zu sehen sind. Sie wurden mit alltäglichen Accesoires wie Cappys oder Sonnenbrillen ausgestattet, aber gleichzeitig werden sie wie in einem Schrein voller kostbarer Relikte aufbewahrt. Unheinlich, weil echt, mehrdeutig, weil einerseits pietätlos, andererseits aber wie Kostbarkeiten, auf jeden Fall aber entseelt liegen sie da und lassen eine Menge Abfolge von Gedanken zu. Ein unangenehmes Gefühl stellte sich bei mir ein und ließ mich schnell das Weite suchen.

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Gern benutzte Spoerri Alltagsgegenstände wie z.B. den Fleischwolf, den er immer wieder verarbeitete, und in dem man einen Kopf oder gleich eine ganze Zerstörungsmaschinerie sehen kann.
Nicht allen Skulpturen haftet etwas so Düsteres an. Es gibt auch viele eher spielerische und ‚nette’ Skulpturen wie z.B. der labyrinthische Mauerweg, der zum Klettern einlädt oder zum Sinnen und Finden, dass es sich hierbei um die Umsetzung einer kleinen präkolumbianischen Zeichnung handelt. Übrigens ist man hier nie allein; der ewige Besucher, der sich diese Landschaftsgestaltung anschaut, ist aus Bronze.

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Spoerri hat sich in vielen seiner Werke mit Krieg und Zerstörung auseinandergesetzt. Und doch fehlte mir etwas. Schnell stellte sich ein Grauen oder der Gedanke an etwas Schreckliches ein. Jedoch: Man geht vorüber, und es bleibt nicht viel zurück. Mir war es oft zu plakativ, zu drastisch auch; viele der Installationen konnten mich nicht wirklich berühren.
Andere Kunstwerke hatten aber viel Witz oder machten Spaß wie z.B. ‚Banzai, Banzai’ von Ay-O – eine Statue in Menschengestalt  und –größe, deren offener Mund dazu verführt, sie mit Reis zu füttern – und der kommt dann aber ganz schnell wieder durch die ‚richtige’ Stelle wieder unten heraus.

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Ein Besuch dieses Skulpturengartens lohnt sich auf alle Fälle, es ist auch einfach schön, durch einen Garten mit Skulpturen zu spazieren, einen Weg zwischen den einzelnen Kunstwerken zurücklegen zu können oder von sehr weit schon neugierig werden zu können auf ein Kleinod (das am Ende gar nicht klein ist). Und doch hat mich was gestört… vielleicht stimmte bei manchen Skulpturen ‚die Sache mit der Aura’ nicht? Vielleicht verflüchtigte sich ein Teil der Wirkung in der toscanischen Luft? Eigentlich möchte ich das nicht vermuten, weil ich schon den Gedanken eines Skulpturengartens so mag. Und doch, es könnte sein, dass ein freier Himmel nicht das ist, was jedes Kunstwerk verträgt.

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- Besuch am 30.5.07 -
Liebe und Tod, Schmerz und Freude, Lust, Gerechtigkeit, die Planeten, Göttlichkeit, Unendlichkeit – welche Themen werden von den Tarotkarten nicht berührt? Ich glaube, es gibt keine! Aus den Schätzen uralter Kulturen verschiedener Länder haben sich in den Tarotkarten universale Motive und Symbole angesammelt. Und in diesen riesigen Schatz hat Niki de St. Phalle ihre ganz eigene Phantasie und Lebensauffassung einfließen lassen und den traumhaften, den phantastischen Tarotgarten – Giardino dei Tarocchi –  in der Toscana auferstehen lassen.

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Grundlage waren die 22 Karten des großen Arkana, die sie auf relativ engem Terrain zu teilweise riesigen Skulpturen verarbeitete. Und nun stehen und wirken diese Figuren, die zum Teil von innen begehbar und mit spiegelnden Mosaiken ausgestattet sind, verzücken und verrücken die Besucher in eine phantastische Sagenwelt, fordern auf zu träumen und zu sinnen.

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Mit dem Tarotgarten hat sich Niki de St. Phalle einen eigenen Traum verwirklicht. In der Figur der Kaiserin, eine mächtige blaue Figur mit einem Balkon, der Ausblick in die toscanische Landschaft gewährt, baute sie sich eine Wohnung ein, in der sie während der Entstehungsphase lebte und arbeitete. Es ist eine mit tausenden von Spiegelstücken ausgeschlagene eigene Welt mit Küche, Klo und Bett, der Inbegriff eines Traumes, einer Traumwelt, die zur Wirklichkeit wurde.

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Auch nach Stunden des Herumlaufens zwischen den Skulpturen lassen sich immer noch neue Motive, Aspekte, Gedanken und Träume in den bzw. durch die Figuren finden, ein riesiges, umfassendes Werk ist das.
Das alles ist in die Natur auf diesen Hügel eingebettet, so dass einem beim Hindurchwandeln immer wieder Düfte von den Sträuchern in die Nase steigen.
Der Kaiser bzw. der Hof desselben ist neben der bereits erwähnten Kaiserin-Skulptur die größte Anlage. In ihm befinden sich die sinnlichen Gespielinnen, aber auch Totenköpfe, Herzen und Symbole, als wolle er die Themen der Welt umspannen.

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Gleich daneben steht der ‚Turm zu Babel’, durch einen Blitz ist der obere Teil abgebrochen (so wird die Karte auch z.B. von Waite dargestellt). Der Blitz wird symbolisiert durch eine sich ständig bewegende an ein Fahrrad erinnernde Skulptur (von Jean Tinguely, der sich ebenfalls sehr intensiv in den Garten einbrachte). Die Karte bedeutet nicht nur Zerstörung, sondern auch das, was dadurch möglich wird: Das Aufbrechen eines Gedankenkonstruktes beinhaltet die Möglichkeit der Erneuerung, Offenheit für neue Gedanken, Impulse und Aspekte, die die selben Dinge von einer ganz anderen Sicht beleuchten.

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Auch „Die Welt“ dreht sich auf einem komplizierten Gerüst um ihre eigene Achse. Wie sicher steht sie? Wird die Maschinerie unter ihr irgendwann versagen, oder wird sie von ihrem eigenen Sockel gestoßen?

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Niki de St. Phalles Mann, der Schweizer Künstler Jean Tinguely arbeitete fleißig an dem Skulpturengarten mit und brachte mit seinen Maschinenkonstrukten sinnhafte Bewegung in den Garten.

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Der Tarotgarten hat uns viel Spaß gemacht und ist auf jeden Fall einen Besuch wert! Er liegt nahe der toscanischen Küste bei Capalbio.

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Dieser Roman spielt in Venedig, was wahrscheinlich der einzige Ort auf der Welt ist, wo so ein Roman spielen kann. Der morbide Charme dieser ganz besonderen Stadt kann nur der Schauplatz sein für eine Handlung, die zu erdenken eines riesigen Phantasieschubes bedarf, und den kann man eben nur in solchen Städten wie Venedig bekommen – das glaube ich jedenfalls.
Womit wir schon beim Thema wären. Worum geht es in dem Buch? Um eine Ausnahmeliebe oder Affäre mit allen Höhen und Tiefen, um Kunst, die Hautevollee und um – Venedig. Eine Kunstexpertin, die in Venedig für ein Auktionshaus eine Kunstsammlung begutachten soll, verliebt sich in einen aus- und abgebrannten Reiseführer. Sie haben eine kurze aber intensive Affäre miteinander, während der sich auch der Reiseführer als Kunstkenner entpuppt. Nur scheint sein Wissen über das mögliche Maß hinauszuschießen… Um vieles geht es der Frau, für sie ist es eine Begegnung, die sie tief berührt und alles in Frage zu stellen scheint. Um was es dem Mann geht, das bleibt zunächst im Dunkeln.
Der Aufbau ist ganz interessant. Innerhalb des Kapitels wechseln die Perspektiven und auch die benutzte Zeitform. Mal schildert die Frau aus der persönlichen Erzählform (Ich-Perspektive) und im Präteritum, mal wird vom auktorialen Erzähler im Präsens erzählt. Die Wahl dieses Perspektiven- und Zeitenwechsels erschließt sich durch Kenntnis des kompletten Plots, den ich hier natürlich wohlweislich verschweige, ich will ja nicht die Pointe stehlen!
Und allein für Venedig ist das ja schon eine Sichtweise, die passt, die einzige vielleicht sogar.
Venedig, was ist Venedig? Touristenort? Oder Kunststadt mit sagenhaften Kunstschätzen und einem morbide-melancholischem Flair? Eine Stadt, die dem Untergang so nah scheint wie keine andere und doch auch eine Stadt, mit der sich beste (Tourismus-)Geschäfte machen lassen. Die auf ihre Tradition, z.B. des Karnevals (der in diesem Buch mal keine Rolle spielt) beharrt und den gleichzeitig als Touristenrummel verkauft. Bei so viel Zweideutigkeit wird sogar so eine Geschichte wie die des Romanes irgendwie vielleicht denkbar.
Obwohl… ganz versöhnt hat es mich dennoch nicht. Auch wenn die Phantasie ihre Flügel bei diesem Roman ganz besonders weit ausgebreitet hat (was ich hoch anerkenne), bin ich etwas erzürnt wegen der Unmöglichkeit dieser Geschichte.
Am Besten bildet sich jeder selbst sein Urteil darüber.

Toscana-Urlaub

7. Juni 2007

Also, ich sehe mich außerstande, für jede Stadt, jede Kirche, die wir in der Toscana besucht haben einen eigenen Bericht zu verfassen, obwohl das sicher jede einzelne Stadt, ja, jede Kirche verdient hätte. Aber in der Toscana weiß man einfach sowieso nicht genau, wo jetzt das ‚Kulturerlebnis’ (so ein beknacktes Wort in meinem Blog) eigentlich anfängt und wo – und ob – es überhaupt aufhört!
Es fing schon mit den Unterkünften an: In unserer ersten Woche wohnten wir in einer Burganlage aus dem 16. Jahrhundert, die Steine wurden von einer noch älteren Burg (14. Jh.) recycelt , die vorher dort stand und während der vielen Kämpfe zwischen Siena, Florenz und Arezzo zerstört wurde. Heute haben sich Europäer die Anlage als Urlaubsdomizil aufbereitet, und das sehr liebevoll. Und jetzt leben Deutsche, Schweizer, Engländer, Holländer, Italiener und ich weiß nicht wer noch aus welchen Ländern dort ganz im Stile der ‚Toscana-Therapie’ von Robert Gernhard (in diesem Theaterstück werden die etablierten Toscana-Urlauber mit eigenem Häuschen auf die Schippe genommen, die in der Toscana zu sich selbst und die Pärchen zueinander finden sollen, was in Anbetracht der vielen Störungen – „Schön, die Grillen!“ – gar nicht so einfach ist. Reihen wir uns auch in diese Parade ein??? Aber wenn schon: Robert Gernhard mochte die Toscana schließlich auch und hatte sein Häuschen irgendwo dort). Wir haben es sehr genossen, in diesen uralten, dicken Mauern, umgeben von herrlich duftenden Rosmarin-, Lavendel- und sonstnochwas-Büschen zu wohnen.
Die Städte haben uns beeindruckt; auch wenn über sie kein Wort im Reiseführer stand, gab es im kleinsten Berg-Burdorf irgendetwas zu entdecken, und wenn es ‚nur’ ein großartiger Blick in die Toscana-typische Landschaft ist.
Die Kirchen – jede für sich – brachte uns zum Staunen. Nicht nur die Kunstwerke von den berühmten mittelalterlichen und barocken Künstlern (nee, ich kann einfach keine Namen nennen…) waren ein Hochgenuss, auch der Kirchenbau selbst ist beeindruckend, die Atmosphäre feierlich.
Dann genossen wir sehr die Besuche in dem Skulpturengarten von Daniel Spoerri, und der Besuch des Tarotgartens von Niki de St. Phalle war einer der absoluten Höhepunkte (zu beiden folgt bald ein Bericht mit Bildern hier, so bald ich es schaffe).
Naja, aber dann geht es ja noch weiter: Die Weine! Die Weine! Ich kenne mich ja nicht wirklich aus, wir haben aber diverse probiert, und alle waren vorzüglich.
Dann: Olivenöl! Phantastische Qualität. Antipasti: großartig. Essen waren wir allerdings nicht, das war in unserem Budget dann wirklich nicht drin.
Zwei Wochen Toscana ist jedenfalls viel zu wenig. Zu oft sind wir an Dörfern oder Kirchen vorbeigefahren, waren zu erschöpft für noch ein weiteres Museum, oder es war zu heiß, um weiterzulaufen (dabei hat uns in der zweiten Woche Regen eingeholt). So blieb es eine Stippvisite, während der wir wahnsinnig viel gesehen haben (und mir vielleicht etwas zu wenig Ruhepausen gönnte, aber das hängt natürlich mit meiner neugierigen Natur zusammen, ich kann es ja auch nicht lassen…). Wir werden wiederkommen, das steht fest.