Ich habe ja noch ein wenig über meine kürzliche Lektüre des Buches von Fitzgerald nachgedacht. Vermutlich hatte ich eine wirklich schlappe Übersetzung am Wickel, denn je länger ich über den Stoff nachdenke, um so interessanter wird er…
Nun das Theaterstück: Ich muss gestehen, dass ich keinerlei Erwartungen hatte – beste Voraussetzung dafür, nicht enttäuscht zu werden… Keine Erwartung hatte ich a) wegen des Stoffes, b) weil es sich um die Bearbeitung einer literarischen Vorlage handelte und ich eigentlich nicht einsehen wollte, wozu das überhaupt gut sein soll, c) wegen meiner anhaltenden Theatermüdigkeit und d) weil ich ja sowieso so ein Griesgram bin.
Aber ich muss sagen: diese Aufführung war eine ungemeine Überraschung!!
Dass der Stoff doch einiges zu bieten hat, war mir vom Prinzip eigentlich auch schon vorher klar, ich muss aber sagen, dass die Quintessenz, der Gehalt, im Vergleich zur Menge recht gering ausfällt. Wahrscheinlich hat mich das davon abgelenkt, dass die Un-Menge des Stoffes dazu beiträgt, das Zeitkolorit herzustellen, die Stimmung wiederzugeben, die im New York der zwanziger Jahre herrschte. Und damit sind wir beim zweiten Punkt, nämlich, dass sich die Bearbeitung der literarschen Vorlage fürs Theater durchaus gelohnt hat! Ich bringe mal hier die Aussage des Stoffes ganz banal auf folgende Formel: Auch wenn man es zu einer (oder im Falle von Gatsby zu einer zweifelhaft) ordentlichen Karriere gebracht hat und dazu noch zu Reichtum, bedeutet das noch lange nicht, dass man es auch zu einem privaten Glück bingen kann. Im Grunde genommen sind sie alle Opfer, alle wie sie da sind, Opfer des kapitalen Irrtums, dass man sich für Geld alles kaufen kann, auch privates Glück. Wenn also für diese Aussage vielleicht – vielleicht - nicht notwendig ist, den Zeitgeist so umfangreich auszuführen, so bietet er ja gerade fürs Theater eine rechte Grundlage für die Spiellust und -laune der Schauspieler. Und insofern habe ich denn auch verstanden, wie wahnsinnig gut sich gerade dieser Stoff für die Bühne eignet.
Und es ist ja auch einfach so, dass es riesig Spaß macht – wie man sehen konnte, den Schauspielern, aber auch dem Publikum – diese Atmospäre auf die Bühne zu bringen. Vielleicht ist es auch eben nicht das wichtigste in einem Buch oder Theaterstück, sich nur auf die Aussage zu konzentrieren, die hier auf der Bühne wie ein Epilog rüberkommt, gar nicht so sehr dem Rest der Aufführung zugehörig, vielleicht ist es auch gerade die besondere Leistung, sich als Schauspieler/Theatermacher dem Spieltrieb hinzugeben und einfach für gute Unterhaltung zu sorgen.
In der Vergangenheit habe ich das oft anders gesehen, ich habe im Allgemeinen doch eher eine etwas strenge Auffassung davon, dass wir mit Gehalt und Berührung in der Kunst beglückt werden. Aber auch gute Unterhaltung ist vielleicht eine Komponente, die heute im Zeitalter der Medien und der 1000 Fernsehprogramme einen ganz wichtigen Stellenwert bekommt und mit in meine Anspruchsliste aufgenommen werden sollte…
Uns hat das Theaterstück wirklich gut gefallen, bunt, ästhetisch, lustig und doch so ernsthaft. Theater pur!!!
Kann sein, dass ich es wieder öfters tu (ins Theater gehen nämlich…)
Jugend ohne Gott – Theaterstück im Altonaer Theater nach dem Roman von Ödön von Horváth, in der Bearbeitung von Peter Bause und Axel Schneider
21. November 2011
Es ist mal gut, wenn auch ich mal mitgeschleift werde. Ansonsten bin ich ja oft diejenige, die die Organisation in die Hand nimmt, sehr gerne fürs Kino, auch für einen Opernbesuch, nie jedoch fürs Theater. Es ist derzeit nicht mein bevorzugtes Medium. Nun bin ich aber gefragt worden, ob ich mitgehe, und da sage ich natürlich nicht nein!
Peter Bause spielt den Lehrer, und er spielt ihn gut. Während ich zu Beginn mit diversen Vorbehalten gekämpft habe, zudem mit Müdigkeit, hat Herr Bause in diesem Ein-Mann-Stück es doch geschafft, mich wieder wach zu machen, so dass ich der Geschichte gebannt folgte. Tatsächlich schaffte er es, die Spannung so aufzubauen, dass die Zeit wie im Fluge verging. Deutlich und klar, vielleicht ein wenig nahe liegend, wurde das Buch in Szene gesetzt. Das mochte ich; es war unprätentiös, arm an irgendwelchen tollen Einfällen, die sowieso so überflüssig wie nur was gewesen wären (Ihr seht hier meinen Griesgram übers deutsche Theaterwesen aufziehen), eben gediegenes und fundiertes Schauspielertheater, wie ich es eigentlich ganz gerne habe.
Witzigerweise wird es auch noch immer nicht dazu führen, dass ich ein Theater wieder bald betrete. Ich bin immer wieder selbst bestürzt darüber, wie ich nach meinem engagierten Theaterwissenschaftsstudium so gründlich mit diesem Kapitel abgeschlossen habe, aber ich habe nicht das Gefühl, mir damit irgend etwas zu nehmen.
Es sagt mir eben nicht viel, das Theater, im Moment.
Und noch etwas muss ich loswerden: Was bringt mir diese Inszenierung eigentlich? Es waren knackige eineinhalb Stunden, aber natürlich damit auch eine Kürzung des literarisch dichten Werkes von Ödön von Horváth. Ich habe auch ziemlich Lust bekommen, das Buch noch mal zu lesen (die erste Lektüre fand ja bei mir noch im Hansa-Kolleg statt, ungefähr vor 2000 Jahren). Eine neue Dimension aber hat sich, glaube ich, durch das Theater jetzt nicht eröffnet. Aber mal gucken, was ich zu diesem Thema meine, wenn ich das Buch noch mal gelesen habe….
‘Faust’ – Oper von Charles Gounod, Inszenierung von Andreas Homoki an der Hamburgischen Staatsoper
24. September 2011
Wieder mal eine phantastische Inszenierung! Große Klasse! Aber das sind wir ja auch gewöhnt von unserer Hamburgischen Staatsoper… Ich würde sogar so weit gehen, dass wir verwöhnt werden…
Eindrucksvoll ist einmal mehr die scheinbare Einfachheit der Bühne. Einfachheit ist natürlich immer das Schwerste. Es ist vergleichbar mit dem Palavern, oder dem Wählen weniger Worte, um die Dinge auf den Punkt zu bringen. Schwafeln kann ja jeder…
Der alte Faust zeigt so sichtbar das Leiden alter Leute, vielleicht so was wie die Schaufensterkrankheit, wenn er über die Bühne trippelt. Klar, bei dem geht (und steht) nichts mehr, und sein Wunsch nach Jugend und Liebe ist nachvollziehbar. Wenigstens der nach Jugend.
Jugend ist schön. Und doch sind die Menschen an gesellschaftliche Konventionen gebunden, die, werden sie missachtet, als Hochverrat bestraft werden. Was ist der Mensch? Eine Marionette, die am gesellschaftlichen Haken hängt und von diesem gelenkt wird? Eine Puppe, die geführt wird – und wehe, sie entwickelt ein Eigenleben… Die Inszenierung legt all das nahe. Menschliche Regungen wie Mitleid und Liebe aber setzen sich den gesellschaftlichen Belangen entgegen. Die Puppen sind Puppen, so lange sie in dem Regelwerk des eigentlichen Wahnsinns verstrickt sind. Und so tritt der Chor, der beispielsweise Margarete verhöhnt, immer mit Masken auf, während Margerete ihre Maske abnimmt, als sie Liebe für den mittlerweile wieder ganz ansehnlichen und jugendlichen Faust empfindet. Auch Siebel, Margaretes anderer Verehrer, trägt keine Maske, wenn er für die mittlerweile hochschwangere Margarete etwas empfindet. Es hätte ein Ausweg sein für Margarete, aber zu erhaben ist sie in ihrer Liebe und Treue zu Faust, um auch nur daran zu denken, den anderen zu erhören. Und Faust hat sich schon verdünnisiert, ist andere Trophäen jagen gegangen, und erkennt nun, kurz vor der Hinrichtung Margaretens, was er da angerichtet hat.
Da will er sogar den Teufel wieder wegschicken, ach nein!
Toll war auch eines der letzten Bilder der immer größer werdenden Puppe, die sich fast aufbläst wie ein Wasserkopf und schließlich auseinander genommen wird: Das Kunstgebilde, die Vorstellung eines Menschen, der sich perfekt – und dabei womöglich noch konform – verhält, kann es nicht geben. Und diese Dekonstruktion hat am Ende etwas vielleicht noch Unheimlicheres als das Messer, durch das Margaretes Bruder durch Fausts Hand, aber Mephistos Lenkung, sterben muss.
Es wurde hinreißend gesungen. Aber auch gespielt. Faust, verkörpert von Marcello Giordani, hatte eine derartige Kraft trotz seiner Erkältung, dass seine Stimme ungebremst den Weg bis hoch zu uns in den vierten Rang fand. Es war ein Hochgenuss!
Und das beste war, dass meine Freundin gleich schon Pläne für unseren nächsten Opernbesuch schmieden wollte…:):):)
Sich auf eine ganz andere Kultur einzulassen, sich für das Andere zu öffnen, ist bestimmt mal anstrengend, aber es bringt doch auch ganz neue Aspekte und Sichtweisen mit sich, die unseren Alltag erfrischen und bereichern. Schade, dass so wenig meiner Freunde überhaupt auf diesen Tipp reagiert haben, aber dennoch sind auch welche mitgekommen, was ich wiederum ganz toll fand. Und gelohnt haben sich diese beiden Abende allemal!
Beim ersten Abend gab es einige Lieder aus der langen Tradition Koreas, begleitet von Musikinstrumenten, die wir hier im Westen nicht kennen und Melodien, die echt exotisch waren. Besonders schön fand ich die Stimmen der beiden Frauen: fast zu grazil kam die eine daher für die vielleicht etwas derberen Arbeiterlieder; die andere hatte eine Färbung in der Stimme, die die Fremdheit noch einmal mehr betonte – was aber ein ganz neues, nie gehörtes Klangerlebnis mit sich brachte. Die Musikinstrumente – besonders die Blasinstrumente - schienen zum Teil jedenfalls recht einfach zu sein, sodass man vermuten könnte, dass ihr Ursprung im Arbeitsalltagsleben der Menschen zu suchen ist.: Ein Schafhirte auf der Weide hat denn vielleicht nicht die Mittel, an ein ausgeklügeltes Musikinstrument zu kommen, was jedoch nicht heißen soll, dass die Instrumente deshalb irgendwie minderwertig gewesen wären. Andere Instrumente sind Zithern oder Trommeln. Manche gab es auch in zwei Ausführungen: nämlich in der, die die einfachen Menschen benutzten, um ihren Alltag zu verschönern, und in der für die Musik bei Hofe. Alle Instrumente brachten jedenfalls Klänge und Melodien zuwege, die einer ganz eigenen Ästhetik folgen, was ich als aufregend und erfrischend empfand.
Dass sich diese Instrumente trefflich zum Improvisieren eignen, stellten sie durchaus unter Beweis.
Der zweite Abend begann mit der Piri, einer Bambusoboe, die in ihrer Schrillheit mir dann doch etwas zu intensiv in die Ohren pfiff. Danach wurde es aber besser. Die Gesänge, deren übersetzte Texte sic h im Programmheft nachzulesen lohnt, handeln von der Natur und von der Liebe. Mich erinnerten die Texte an kleine Haikus, weil auch hier die Impressionen unkommentiert in sich ruhten. Schön…!
Zum Abschluss gab es einen dramatischen Auszug aus einem Pansori, das ist eine Art Oper, in der ein Sänger (oder Sängerin, wie an diesem Abend), begleitet nur von einem Trommler, eine Geschichte in aller epischer Breite erzählt – und das ist alles andere als langweilig. Interessanterweise fand ich den Vortrag packend und mitreißend, auch wenn ich den Text gar nicht verstehen konnte – allein dies zeugt von einer ungeheuren Bühnenpräsenz und Kunstfertigkeit.
Ich hatte ja arge Bedenken, wie mein neunjähriger Sohn diese Musik verdauen würde. Eigentlich hatten wir nicht unbedingt vor, ihn mitzunehmen. Er aber hat sich dazu entschieden – und gelangweilt hat er sich jedenfalls nicht. Das war sehr erfreulich, dass er die Offenheit besitzt, sich auf so etwas ganz Fremdes einzulassen und macht Mut auf mehr solcher Experimente ab und zu.
Andersen Trip zwischen den Welten. Ein Projekt von Stefan Pucher am Hamburger Thalia Theater
23. Mai 2011
Jaaa, nun war ich mal wieder im Theater, in einem Staatstheater, große Bühne, und das ist schon wirklich lange her. Es ist schon so, es hat mir auch gefallen, aber ob es mich so schnell wieder ins Theater bringt, weiß ich dennoch nicht, aber sind hierbei nur persönliche Gründe ausschlaggebend.
Hätte ich mich vorher mit Andersens Biografie befasst, oder auch nur mehr Märchen (allen voran ‚Der Schatten’) von ihm gelesen, hätte ich mit Sicherheit noch mehr von dem Theaterabend gehabt. Ich finde es aber ganz in Ordnung, wenn man so etwas sagen muss. Im Fernsehen kommt ja genug Krempel, auf den man sich nicht vorbereiten muss, ein wenig Mitarbeit steigert auch im Theater den Kunstgenuss, das ist o.k.
Ich mochte sehr die beiden Schauspieler Daniel Lommatzsch und Mirco Kreibich: Exaltiert und überverkörpert spielten sie, als wären sie richtige Figuren und nicht etwa Menschen aus Fleisch und Blut.
Dagegen bei der Darstellung des Hauptschattens verbrauchten sich die immer wiederkehrenden Gesten, wiewohl das Gehabe auch interessant war. Das Bühnenbild war eine echte Spielbühne mit vielen visuellen und darstellerischen Möglichkeiten, ihr wisst ja, ich bin so was gar nicht mehr gewohnt, und insofern leicht zu beeindrucken…
Ja, doch, es war ein gelungener Theaterabend. Aber wie gesagt, so sehr Lust auf Theater habe ich dennoch nicht bekommen. Da kann aber das Thalia nichts dafür!
Naja, obwohl mich die Inszenierung von Herbert Fritsch ‚Der Diener zweier Herren’ von Goldoni in Schwerin doch sehr interessieren würde. Ich erinnere mich an den Regisseur zu Castorfs Zeiten an der Volksbühne: der war damals schon so was von herausragend. Kann so schlecht nicht sein, wie er inszeniert. Na, mal sehen. Schwerin ist dann doch vergleichsweise weit weg.
‚Aida’ – Oper von Giuseppe Verdi, Inszenierung von Guy Joosten in der Hamburgischen Staatsoper
4. April 2011
‘Drollig, diese modernen Inszenierungen, nicht wahr?’ sprach uns eine ältere Dame vorm Damenklo in der Pause an. Drollig? Naja…
Die Inszenierung von Guy Joosten verzichtet komplett auf jeglichen ägyptischen Krimskrams, was der Qualität der Inszenierung keinen Schaden zufügt. Um so klarer treten die Themen der Aida zeitlos hervor. Es geht um Krieg, um Macht und um die Unmöglichkeit, privates Glück damit zu verbinden.
Bestechend fand ich die konsequenten Positionen der Hauptfiguren. Radames, da er nun schon eine Beziehung zu einer Sklavin aus Feindesgebiet eingegangen ist, kann im Diesseits nur zum Verräter werden: Folgt er seiner Karriere, muss er unweigerlich zum Mörder des Volkes seiner Auserwählten werden; folgt er seinen persönlichen Neigungen, muss er seinem Vaterland gegenüber seine Loyalität aufgeben und würde – da er ja schon in einer Führungsposition steckt – zum Volksverräter. So wird sein eigenes privates Glück in Zeiten dieses Krieges zur Unmöglichkeit. Um sich nicht selbst zu verraten, bleibt ihm nur der Tod.
Aida hat als Sklavin nichts zu lachen. Sie ist sowieso und immer die Verliererin, als Kriegspfand, als Dienerin, als Frau.
Und Amneris: Liebt sie Radames, oder will sie ihn nur ‘haben’, weil sie als Tochter des Königs auf der vermeintlichen Gewinnerseite sich eben ihre Männer selber aussuchen will? Die Inszenierung liegt diese Lesart jedenfalls nahe. Aber auch sie wäre in jedem Falle gescheitert, wenn nicht in den Augen der Öffentlichkeit an der Seite des Erfolgreichen, dann aber privat, da sie Radame`s Liebe nicht erzwingen könnte. Und etwas nicht bekommen zu können, als Königstochter, degradiert sie. Insofern kann man verstehen, dass sie in dieser Inszenierung fleißig dem Alkohol zuspricht: so spielt sie in der Oberliga der Luxusweibchen ganz vorne mit.
So war diese Inszenierung eine klare Absage gegen den Krieg, der ja doch nur Unheil über alle, einfach alle bringt. Und um so schöner, dass man hier auf die Pharaonen, Mumien, und all dem ägyptologischen Krempelkram verzichtet hat, auf den schon Verdi eigentlich gar nicht scharf war…
Dazu dieses schlichte und doch ergreifende Bühnenbild, das ganz in weiß daherkommt, und sitzen oder liegen kann man auch: auf einem großen Bett, um das sich vielleicht alles dreht, um das es hier jedoch gar nicht geht. Am Ende, wenn Radames lebendig begraben wird, öffnet oder verschließt sich die Bühne nach hinten hin in einen unendlichen Schlund, was hintersinnig und zugelich schön anzusehen ist.
Ach ja. Ich sollte öfters in die Oper gehen, hier in Hamburg, es lohnt sich eigentlich immer…
Max Raabe-Konzert im Hamburger CCH
12. März 2011
Wer kann sich so herrlich in die Lieder und den Zeitgeist der 1930er Jahre hineindenken? Und interpretiert die alten Lieder mit Charme, Trockenheit und solidem Humor? Das kann doch nur Max Raabe. Es muss schon eine verrückte Zeit gewesen sein, die Zeiten der Commedian Harmonists, die ja einen gut Teil seines Repertoires beigesteuert haben. Und auch die waren damals voller Esprit und auch Ironie. Max Raabe holt die Erinnerungen zurück mit seiner unnachahmlichen, sparsamen und dabei pointierten Art.
Wir haben nur leider nicht in den vorderen Reihen gesessen, weswegen uns seine Mimik durch die Lappen ging (hätt ich doch ans Opernglas gedacht!!!), und das war schade. Es blieb seine Stimme, und das war auch schon toll. Herr Raabe hat sein Repertoire auch um eigene Lieder erweitert, aber der Lehrmeister ist in der damaligen Zeit zu finden. War aber auch schön…
Wenn wir uns im Publikum so umgeguckt haben, würde ich sagen, dass wir das Durchschnittsalter ein wenig gesenkt haben. Aber sei’s drum. Die Leute waren jedenfalls noch nicht so alt wie die Lieder.
Übrigens hat mir auch das Palast-Orchester sehr gefallen, und ich mochte auch, wie Herr Raabe ‚sein’ Orchester präsentiert hat, auch, dass er immer auch nannte, wer der Komponist des jeweiligen Liedes war und ein Jahr dazu. Er schmückt sich nicht mit mehr, als er selbst zu dem Abend beisteuert, was natürlich beträchtlich ist. Das war sehr fein, fand ich.
Und damit wir auch alle wissen, von wem hier die Rede ist, kommt noch ein kleines Video:
‘Nijinsky’ – Ballett von John Neumeier
9. Februar 2011
Nachdem ich mit einer Freundin die Ausstellung ‚Tanz der Farben’ besucht hatte, fassten wir den Entschluss, uns das von Nijinskys Leben (und Tanzen) inspirierte Ballett zu besuchen. Und wir wurden nicht enttäuscht, wahrlich nicht!
Natürlich hat mich schnell die Erkenntnis eingeholt, dass man sich besser auch auf einen Ballettbesuch besser auch vorbereiten sollte, für einen Opernbesuch ist das ja selbstverständlich, aber auch beim Ballett hat man unter Umständen dann doch einfach mehr davon. So ist es doch manchmal etwas schwierig, den tänzerischen Visionen zu folgen. Also beschränkte – wenn es denn eine Beschränkung war – sich mein Genuss auf die grazile Bewegung der Tänzer und der wunderschönen Bilder, die durch den Tanz, das Licht und die Ausstattung entstanden. Die Musik war ergreifend gewählt: Chopin, Schumann, Rimsky-Korsakow und, was ich besonders ergreifend fand: Schostakowitsch, Sinf. 11 G-Moll, ‚Das Jahr 1905’.
Ach ja! Beim nächsten Mal will ich wirklich besser vorbereiten! Und überhaupt muss ich hier die Beiträge zeitnah reinschreiben. Mein Besuch fand Mitte Januar statt, das sind jetzt schon 3 ½ Wochen her, und in der Zwischenzeit ist mir schon wieder so viel entwischt.
Daher eine letzte Impression: Tänzer, die sich in Reihen über die Bühne schlängeln, sich finden zu Ringen und schwingen im Reigen in Licht voller Wärme und ganz elegant…
So will ich es mir merken. Ja.
‘Eine Weihnachtsgeschichte nach Charles Dickens’ – Solospektakel von und mit Hans-Dieter Heiter
15. Januar 2011
Ein wunderbares Theatervergnügen! Das ist noch so richtiges Schauspielertheater, intensiv und pur, dabei weder kokett noch exaltiert – genau so, wie ich es mag!
Hans-Dieter Heiter spielt alle Rollen. Er schlüpft von einer Rolle zur anderen, und man verliert nicht einmal den Faden, wer denn jetzt gerade dargestellt wird, denn die kleinen Zeichen, die er dabei setzt, reichen vollkommen aus. Und hierbei wird wieder mal deutlich, dass nicht viel Schnickschnack und Brimborium zu einem guten Schauspiel gehört, wenn der Schauspieler nur sein Handwerk beherrscht. Hans-Dieter Heiter jedenfalls beherrscht es!
Seine Interpretation der verschiedenen Rollen ist einfach und gradlinig. Ob es das gutmütige Lachen des Neffen von Ebenezer Scrooge ist, der griesgrämige Scrooge selbst oder diverse Leutchen in Zwiegesprächen – alles bleibt wunderbar vorstellbar. Wir im Publikum sind mit jeder Szene mitgegangen, was beim Anblick solch geballter Spiellust auch ganz bestimmt nicht schwerfällt.
Unbedingt empfehlenswert! Und so weit ich weiß, soll das Stück auch im Dezember 2011 wieder aufgenommen werden…
– Genaueres lässt sich wohl hier in Erfahrung bringen.
Magdalena Kožená und Private Musicke: ‚Lettere amorose’ – Konzert in der Laeiszhalle
27. November 2010
Also, eines muss man ja der Werbung der Elbphilharmonie lassen, bei allem Ärger, die sie mir auch bereitet (wegen der riesigen Papierverschwendung, denn ich bekomme plötzlich jeden Monat ein dickes Pamphlet zugesandt, wegen des Neubaus, der die andere Kultur in Hamburg beiseitedrückt, was ich sehr ungerecht und unberechtigt finde: wenn kein Geld da ist, kann man halt nicht weiterbauen! Na und??? Aber deswegen andere Museen schließen? Nee!) – sie wirkt!
Nun habe ich die (selbstgewählte) Qual, hier über Musik zu schreiben, und dabei bin ich ja nicht besonders musikalisch, und Ahnung hab ich auch keine. Aber ich will es versuchen, dem geneigten Leser hier gerecht zu werden.
Die Auswahl der Musikstücke – es geht, wie der Titel der Veranstaltung ja schon sagt, um die Liebe in den verschiedensten Ausprägungen – beruht auf Sachen aus dem 17. Jahrhundert, und außer Monteverdi waren mir die Namen der Komponisten ziemlich unbekannt. Die Liste findest Du unten.
Magdalena Kožená hat die Arien mit ihrer wundervollen Mezzosopranstimme vorgetragen; lebhaft und temperamentvoll, auch filigran, wenn es der Musik entsprach.
Hier ein kleiner Film:
Die Begleitung durch ‚Private Musicke’ war ebenfalls eine sehr bereichernde: Die Musiker haben auf Instrumenten gespielt, wie sie im 17. Jahrhundert vermutlich auch benutzt wurden; sie muteten z.T. recht exotisch an. Die Interpretation der Stücke dagegen – zum Teil haben sie auch Instrumentalstücke gespielt – schien mir recht modern zu sein; eben so, wie jemand von heute nicht versucht ein Lebensgefühl aus dem 17. Jahrhundert nachzuempfinden, sondern vielmehr auf der Suche nach einem Standpunkt und eine Überschneidung des damaligen Lebensgefühls mit dem heutigen ist. Das ergab eine wundervolle Spannung.
Ich war nicht so recht kopfig im Konzert dabei; habe mich vielmehr gehen lassen, habe gelauscht, und in meinem Kopf explodierten die Ideen und Möglichkeiten, die mit der Musik nun gar nichts zu tun hatten, vielmehr mit mir und meinem Leben. Bin ich – nennt man das: abgeschweift? Es war schön jedenfalls. Das Konzert war es, und auch, dass es mich im Kopf so öffnen konnte für so viele Ideen.
Ich sollte wirklich öfters ins Konzert gehen. Und demnächst habe ich das auch getan (ja! Das ist kein grammatischer Fehler hier, ich hänge mit den Beiträgen ziemlich hinterher, bin momentan wohl recht aktiv; fünf Beiträge hätte ich schon schreiben sollen, konnte aber nicht aus Zeit und sonstigem Mangel; mittlerweile war ich nämlich schon im nächsten Konzert gewesen, habe drei Filme gesehen und ein dickes Buch durchgelesen; mehr demnächst…)
Gesungen hat Magdalena Kožená dies:
»Lettere amorose«
Giovanni Battista Vitali: O bei lumi
Sigismondo D’India: Cruda Amarilli
Giulio Caccini: Odi, Euterpe, il dolce canto
Luis de Briceno: Caravanda Ciacona
Tarquinio Merula: Canzonetta spirituale sopra la Nanna «Hor ch’è tempo di dormire»
Gaspar Sanz: Canarios
Sigismondo D’India: Torna il sereno Zefiro
Biagio Marini: Con le stelle in ciel
Giovanni Paolo Foscarini: Passamezzo
Claudio Monteverdi: Si dolce è’l tormento
Giovanni de Macque: Capriccio stravagante
Giovanni Girolamo Kapsperger: Aurilla mia, quando m’accese
Sigismondo D’India: Ma ché ? Squallido e oscuro
Giovanni Girolamo Kapsperger: Felici gl’animi
Giovanni Paolo Foscarini: Ciacona
Barbara Strozzi: L’Eraclito amoroso: Udite amanti
Lucas Ruiz de Ribayaz: Españoletas
Tarquinio Merula: Folle è ben che si crede
Claudio Monteverdi: Quel sguardo sdegnosetto
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Zugabe:
Sigismondo D’India: Sfere, fermate
Giovanni Girolamo Kapsperger: Già risi