Eine beeindruckende Umsetzung des Theaterstücks in ein Ballettstück ist John Neumeier da gelungen. Und die Auswahl der Musik dazu war grandios!
Es gab im ersten Teil, der in einem Rückblick Blanche Dubois’ Leben und Leiden beleuchtete, Musik von Sergej Prokofjew. Im zweiten Teil, der in New Orleans spielte, wurde Musik von Alfred Schnittke ausgewählt. Beide Stücke passten unheimlich gut zu der Stimmung in diesem Theaterstück. Was den ersten Teil angeht, habe ich dafür keine konkrete Erinnerung mehr, leider. Beim zweiten Teil mischten sich verschiedene Strömungen in der Musik; da gab es jazzige Sequenzen, sehr freier Jazz, der gut zu den Südstaaten passt, weil das Lebensgefühl so genau getroffen wurde, aber auch wirre, beinahe verklärte Passagen, die Blanches angegriffenen Gemütszustand treffend beschrieben. Dazu der Tanz, der sich oft von der Musik lösen musste, was zu einer großen Spannung führte zwischen Musik und Darstellung, und eben auch so gut zum Stück passte! Es muss sehr schwer sein, nach solcher Musik zu tanzen, quasi ‚gegen den Strich’ die Bewegungen auszuführen, und es gehört eine große Vorstellungsgabe dazu, so ein Stück überhaupt zu entwerfen! Meine Hochachtung!
Das war eine Glanzleistung auf der gut ausgeleuchteten und bespielten Bühne, und hat Spaß gemacht. Einziger Wermutstropfen war, dass die Musik vom Band kam.
So weit zu dem, was ich gesehen habe. Aber was habe ich gefühlt? Ich bin immer noch erstaunt, dass es nicht viel ist, was mir momentan Bühnengeschehen gibt. Im Theater war ich schon lang nicht mehr (außer im Kindertheater), und es zieht mich nach wie vor nicht hin. Ich verstehe es selbst nicht, denn Theater war mal eine ganz große Leidenschaft von mir! Und nun rührt es mich nicht mehr an. Ich sehe ja, wie gut das war. Aber: es spricht nicht zu mir. Vielleicht – und ich hoffe das – werde ich eines Tages verstehen, warum das so ist bei mir. Und vielleicht kommt die Leidenschaft ja doch einmal zurück.
Besuch des Zirkus Roncalli: ‘All you need is laugh!’
18. November 2008
Zirkuswelt ist eine Zauberwelt… – wenn sie Roncalli heißt!
Wo kann man sich verzaubern lassen, wo sich fortzaubern lassen in eine ganz andere Welt? Vielleicht in ein anderes Universum oder eine Parallelwelt… Das ist wohl das größte Kunststück, das der Zirkus Roncalli vollbringen kann. Die Artisten sind atemberaubend gut, perfekt in ihren Disziplinen, das ist das Eine, worauf man sich bei diesem Zirkus verlassen kann. Das andere ist das perfekte In-Szene-Setzen, eine ausgetüftelte Lichtregie, ein schneller Wechsel von Attraktion zu Attraktion, der einen das Luftholen vergessen lässt. Und das dritte ist eine gnadenlose Romantik, eine so bezaubernde Atmosphäre in der Manege, die einen zum Träumen verführt. Perfektion hoch drei, das ist der Zirkus Roncalli!
Hier sind die Clowns wirklich witzig, und die Akrobaten echte Künstler. Sei es, dass sie mit Geschick jonglieren können oder etwas balancieren, ob sie sich gegenseitig hochstemmen können, was für die KünstlerInnen ein Leichtes zu sein scheint, oder sei es, dass mit Seifenblasen gespielt wird, die das Publikum in eine seltsam entrückte Welt verführen, es ist alles höchste Zirkuskunst.
Am meisten liebte ich, wenn mit Musik und Lichtspielerei die Artisten geschickt in Szene gesetzt wurden. Wie schön war die einzige Pferde- (und Hunde-)Nummer, weil die wunderschöne Frau mit den langen Haaren ein weites Kleid trug, das mächenprinzessinnenhaft den Pferdekörper verdeckte (abgesehen von der hohen Kunst der Dressur)? Wie schön war das Paar am Seil, das sich hoch hoch hoch oben ineinader verknotete und doch gleichzeitig so romantisch daherkam, wie es nur in der Zirkuswelt möglich ist? Ein Meister auf dem Rhönrad, wenn er zugleich ein Meister des komischen Faches ist – so etwas sieht man nicht alle Tage.
Es war ein zauberhafter Nachmittag, und eines ist sicher: Wenn Roncalli wieder in meine Stadt kommt, komme ich wieder zu Roncalli!
Sie hat ihre schweren Momente, diese Oper, in jeder Hinsicht: Die Handlung ist düster, die Musik atmet die seelischen Abgründen der Figuren.
Als ich vorbereitend das Libretto las, habe ich über die krude Handlung, die besser hier nachzulesen ist, eher den Kopf geschüttelt. Eine komische Handlung. Allein schon das Zeichen: Eine Frau ohne Schatten als Symbol für Unfruchtbarkeit, schien mir zunächst, naja, ich sag mal: exotisch. Doch durch die Inszenierung verschob sich dieses Bild, das Ganze ist denn doch schlüssiger als zunächst verstanden, das Bild setzt sich auf der Bühne durch Musik, Gesang und Bühnenbild eben erst ganz zusammen.
Das Bühnenbild, erdacht von Kaspar Glarner, hat durch seine zum Teil starken Kontraste von Schwarz-Weiß eine sehr gute Entsprechung zum Bühnengeschehen gefunden. Insgesamt hatte es auch eine Leichtigkeit durch die benutzte Gaze und den teilweise angewendeten eher abstrakten Draufblendungen etwas extrem Wandlungsfähiges und wunderbar Ästhetisches, oft auch etwas Traumhaftes.
In dem Stück geht es um die Selbstüberwindung – und die Liebe. Und um Leben, das hier den Gegensatz zum Geist-Sein, dem durchsichtigen, unsterblichen aber auch unmenschlichem Sein.
Die Amme, Teil der Geisterwelt, verkörpert das Harte, Rücksichtslose und das verächtlich-unmenschliche. Die Kaiserin, deren Schatten fehlt, weil sie zwar die Menschen liebt, aber selbst keiner ist, sehnt sich nach dem Leben, will keine Schuld auf sich laden durch die drohende Versteinerung ihres Gatten. Denn die Geisterwelt ist ungerecht: Weil der Kaiser eine Gazelle erjagte, aus der die wunderschöne Frau sich herausverwandelte, soll er nun den kürzeren ziehen, da er sie nach einem Jahr nicht schwängern konnte (sprich die Frau keinen Schatten werfen kann, aber wie auch, dies ist ihr als Geistertochter nicht gegeben).
Die frustrierte Färbersfrau dagegen ist mit sich und dem Leben unzufrieden, weil sie nach über drei Jahren auch noch nicht schwanger ist, was sich ihr Mann, ein rechtschaffener Arbeiter, herzlich wünscht. Sie verwechselt ihre Gelüste auf Zerstreuung und andere Männer mit dem eigentlichen Kinderwunsch.
Die Amme will im Namen der Kaiserin dieser einfachen Frau den Schatten abkaufen und verspricht ihr ein Leben voller Lust und ohne Kinder. Doch geht sie zu forsch vor, die Färberin macht nicht mit. Im Moment der Offenbarung gegenüber ihrem Mann, dass sie mit dem Gedanken, fremdzugehen, spielte, erkennt sie die Liebe, die er für sie hegt. Und endlich ist sie in der Lage, sich auf ihn ganz und gar einzulassen. Dummerweise hat sie den Schatten eigentlich schon verkauft. Der Handel wäre aber erst perfekt, wenn die Kaiserin den Schatten auch nehmen würde. Doch diese hat die große Güte und Liebe des Färbers erkannt und verweigert die Annahme. Sie will nicht die Schuld tragen an dem Unglück anderer zu ihrem eigenen Vorteil.
Dazwischen die Amme, die nach den Geister-Gesetzen keine Menschlichkeit kennt: Sie (es sang wunderbar verächtlich: Gabriele Schnaut) ekelt sich vor dem Lebendigen, Verwesendem, das den Menschen anhaftet.
Dramatisch war diese Szene: Die Kaiserin soll von diesem Lebensquell trinken, der den Handel besiegeln würde, steht wie eine Verdurstende, man nimmt ihren Kopf, stößt ihn schon beinahe in die Schale mit dem Lebensquell, der ja auch Erlösung ihres bereits zu 99 % versteinerten Mannes bedeuten würde. Und doch widersteht sie der Versuchung, befreit sich.
Und beweist damit ein menschliches Handeln, das über sich selbst hinaus weist. Sie hat sich überwunden, hat niederträchtigen Handlungen widerstanden, die die Amme ihr (und auch der Färbersfrau) einzureden versuchte.
Und weil sie damit ihre soziale Kompetenz bewiesen hat, wird sie belohnt, mit einem Schatten, und der Wiedererweckung ihres Gatten. Endlich erkennt auch die Färbersfrau ihren Gatten (ich mag diese Redewendung, die so viel Wahrheit birgt) und diese Beiden finden nun ebenfalls zu ihrer Liebe zueinander und die Ungeborenen das Tor zu dieser Welt.
Das Schlussbild: wieder ungemein ästhetisch wenn auch kitschig: Zwei Inseln mit kleiner Brücke und blühender Zierkirsche – das Idyll des Kleinbürgertums - , ein wunderbares Bühnenbild, wenn auch übertrieben; denn auch ein Kinderwagen steht da plötzlich… Das ist vielleicht nun mal der Traum des ‘kleinen Mannes’…
Puh, vier Stunden voller gefühlsmäßig aufgeladener Musik, das hat aufgewühlt. Schön war es.