‘Maria, ihm schmeckt’s nicht’ – Film von Neele Vollmar
20. September 2009
Also, der Titel war es nicht, der mich verleiten ließ, in den Film zu gehen – vom gleichnamigen Buch von Jan Weiler habe ich natürlich nichts mitgekriegt, so hinterwäldlerisch, wie ich bin. Aber mindestens der Trailer, den ich im Kino sah und eine Handvoll Arbeitskolleginnen (die den Film zwar empfahlen, aber noch nicht gesehen hatten) brachten mich zu dieser Auswahl. Denn Komödien sind für mich bierernste Person ja so meist nix.
Aber: Gelacht haben wir! Die Versprecher oder falsch ausgesprochenen italienischen Worte machten einen Mordsspaß, und auch sonst kamen die Figuren liebenswert daher. Allen voran Leo Banfi als zukünftiger Schwiegervater Antonio, aber auch Christian Ulmen mit seiner überraschten Art, das hat wirklich Spaß gemacht. Und das Auseinandernehmen der ‘Toscana-Fraktion’, die hier auf die Ureinwohner eines italienischen Bergdörfchens prallten und die Welt nicht mehr verstanden (was andersherum genaus passierte), war schon urkomisch.
Ganz platt war die Geschichte dann aber doch auch nicht, denn schlaglichtartig und humorvoll wie bitter wurde auch gezeigt, wie es Antonio als Gastarbeiter in Deutschland erging. Dort hatte er sich mit dem Rassismus auseinanderzusetzen, innerhalb seiner Familie mit der Kritik, diese im Stich gelassen zu haben. Und schon ist es ein Grenzgänger, der nirgendwo mehr ganz zuhause ist…
Schlecht war leider die Akustik. Ganz viel konnte ich nicht verstehen, weil der Ton irgendwie nicht richtig ausgesteuert war, was sehr störend und ärgerlich war. Andere Dinge habe ich vermisst, beispielsweise die Nähe zwischen dem angehenden Brautpaar, das sich über das ganze italienische Chaos ein Stück weit als Paar verliert, sich dann aber doch nicht trennt.
Aber egal. Gelacht jedenfalls haben wir nicht zu knapp.
‘Coco Chanel’ – Film von Anne Fontaine
20. September 2009
Ich wusste soo wenig über Coco Chanel! Dass sie im Grunde genommen die komplette weibliche Garderobe ‘entrüscht’ hat und statt dessen auf das weniger, das das ‘mehr’ bedeutet, gesetzt hat, wusste ich nicht. Dafür an dieser Stelle einen herzlichen Dank an diese Modeschöpferin!
Der Film war mit Audrey Tautou fabelhaft besetzt. In dieses schöne wie interessante Gesicht mochte ich mich gern vertiefen. Einige Dinge aus Cocos Biografie wurden mir zu sehr herausgestellt, während andere beinahe ausgeblendet wurden. So fand ich es schade, dass ich nicht so richtig nachvollziehen konnte, zu welchem Zeitpunkt Coco Chanel ihre Modeschöpfungen selbst wirklich ernst nahm. Ich habe auch nicht ganz nachvollziehen können, wie es dazu kam, dass sie sich von dem Mätressenleben lossagte, um etwas Eigenes aufzubauen. Das schien mir doch etwas verkürzt dargestellt worden zu sein zugunsten ihrer Liebes- bzw. Leibesbeziehungen…
Trotzdem schön, wie sie inmitten der Freunde ihres Liebhabers steht, diese eigentlich unterhalten soll, aber sich komplett fehl am Platze fühlt. Oder wie sie sich immer wieder in die schlichten Männerjacketts steckt und damit doppelt so weiblich wirkt – da wird dann doch wieder vieles klar, was die Entwicklung der Coco Chanel angeht…
Also, Leser, Du merkst schon, ich bin mir nicht ganz einig. Dennoch hat mir der Film gut gefallen, und ich habe die schönen Bilder und Menschen auf jeden Fall genossen, und auch eine Menge kapiert, obwohl ich einiges etwas oberflächlich dargestellt fand.
‘Brooklyn Revue’ – Roman von Paul Auster
14. August 2009
Zugegeben, ich hatte hohe Erwartungen an den Autor. Und das ist dann sicher immer etwas schwer, dagegen zu bestehen. Besser, man hat keine Erwartungen, dann kann man eben auch nicht enttäuscht werden.
Die ganze Geschichte kam mir vor wie ein modernes Märchen in Brooklyn – oder eher noch: wie ein altmodisches Märchen inmitten vom modernen Brooklyn? Nachdem der Ich-Erzähler im Grunde genommen mit seinem Leben abgeschlossen hat, landet er in seiner vermeintlich letzten Station, in Brooklyn nämlich, dort, wo er als Kindaufwuchs. Doch wird diese Phase seines Lebens wider Erwarten eine wunderschöne: Er findet alte Familienmitglieder wieder, lernt neue Leute kennen und baut sich Stück für Stück sein kleines Brooklyn-Idyll auf. Das ist niedlich zu lesen, das ist auch gut geschrieben, das macht auch Spaß. Ist ja immer schön, wenn alles sich zum Guten wendet, oder? Oder nicht?Doch, auf jeden Fall! Und trotzdem: Solche Altmännerträume interessieren mich irgendwie nicht. Schade? Vielleicht lässt sich ja bei diesem Autor mehr entdecken. Bestimmt sogar. Aber bei meiner Suche nach Lesestoff wird er b.a.w. nicht dabei sein.
‘Ostwind-Westwind’ – Roman von Pearl S. Buck
8. August 2009
Das Buch hatte ich gefunden, im Kino, meinem Lieblingskino, in dem man zwar keine Nachos mit Cheese kaufen kann, das aber jede Menge morbide Atmosphäre hat! Möge es noch lange existieren!
Tja, und da lag das Buch, zum Mitnehmen, wie gesagt, mit einem Titelbild aus den 50er Jahren und mittlerweile braun gewordenen Blättern. Dunkel erinnere ich mich daran, dass meine Mutter mir von Pearl S. Buck vorgeschwärmt hatte, also nahm ich es mit.
Ich kann mir vorstellen, dass die Übersetzung mittlerweile überholt ist, oder man den einen oder anderen Satz jetzt anders formulieren würde. Vielleicht gibt es auch eine neue? Oder eben nicht, weil Pearl S. Buck ‘aus der Mode’ gekommen ist? Oder wird sie das nie, weil sie ja schließlich auch Nobelpreisträgerin ist?
Das Buch ist rührend. Eine Frau, nach chinesischer Tradition erzogen, um ihrer einzigen Funktion nachzukommen, nämlich den Mann zu heiraten, der ihr fast seit ihrer Geburt versprochen wurde, um Söhne zu gebähren, ist die Ich-Erzählerin. Mit abgeklemmten Füßen und der Tradition im Kopf fällt es ihr schwer, sich auf ihren ‘modernen’ Ehemann einzustellen, der im Westen studiert hatte, und jetzt als Arzt tätig ist, obwohl er standesgemäß eher dem Nichtstun verpflichtet wäre, da er aus wohlhabendem Elternhaus stammt.
Noch einen drauf setzt ihr Bruder, der ein Studium in Amerika durchsetzt und dann eine amerikanische Ehefrau mit nach China bringt, um hier mit ihr zu leben – und damit schlägt er Erbe, seine versprochene chinesische Verlobte und die ganze Tradition in den Wind.
Das war sehr interessant zu lesen, und als sich die Hauptprotagonistin ihres Mannes zuliebe die Füße aufbinden lässt, konnte ich meine Tränen kaum zurückhalten, so ging ich mit durch den psychischen und physischen Schmerz. Vielleicht war es die Ausgabe, vielleicht aber auch die Tatsache, dass das Buch aus den 30er Jahren stammte: irgendwie schien es mir ein wenig überholt. Aber iwe gesagt, ganz interessant.
‘Die Korrekturen’ – Roman von Jonathan Franzen
31. Juli 2009
Diese Familiengeschichte hat mich sehr berührt, und das, obwohl es oberflächlich betrachtet, eine ganz normale Familie ist, die hier von allen Seiten beleuchtet wird. Aber: Was ist schon normal?
Tragisch jedenfalls ist mit Sicherheit, wenn jemand an Parkinson erkrankt und unter zunehmender Demenz leidet, wie der Vater dieser Familie. Die Kinder sind schon erwachsen und gehen ihrer eigenen Wege, und jedes macht sich Sorgen um die Eltern auf seine Weise. Und wie es eben so ist, vielleicht normal (?), versuchen alle, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, auf ihre Weise eben, mit ihrer Biographie eben, die durch das Elternhaus geprägt ist. Und ist es nicht normal, wenn jemand Beziehungschaos durchlebt, sich auf der Karriereleiter in freiem Fall befindet oder eine mittelmäßige Ehe führt? Und dennoch, so, wie Jonathan Franzen seine Protagonisten beschreibt, in Beziehung untereinander und zu den Eltern setzt, ist es eine tragische Geschichte, die er da in einem atemberaubenden Stil erzählt, der es mir schwer machte, das Buch überhaupt aus der Hand zu leben, obwohl mich das Gelesene gefühlsmäßig echt angegraben hat.
Am Berührendsten fand ich die Geschichte von Gary, vielleicht, weil unter dem Deckmantel der Normalität ungeheure Übergriffe und unterschwellige Lieblosigkeiten lauern, die so schwer zu packen sind, aber furchtbar weh tun. Unglücklich machen.
Korrekturen wären nötig, um die Tragik abzuwenden. Nichts darf in diesem Roman so sein, wie es scheint. Jeder und alles wird Korrekturen unterzogen, das wahre Ich bleibt verschlossen, jeder hat sein Geheimnis, das nicht ans Licht kommen darf. Man korrigiert und wird korrigiert, aber die Korrekturen machen nichts richtiger. Ein wahrer Austausch – von Gedanken, von Gefühlen – bleibt hängen, jeder schmort in seinem eigenen Saft und geht ein Stück weit ein an seiner eigenen Geschichte. Und doch geht das Leben weiter, und auf Tiefpunkte folgen bessere Zeiten, also mal wieder: ganz normal… oder? Diese Familie ist ein einziges Desaster. Aber wenn ich das bei dieser so sehe, muss ich mich fragen, in welcher es denn keine Waterloos gibt?
Ein tolles Buch, ein packendes Buch, ein berührendes Buch! Ein starkes Buch! Ganz bestimmt ist es eines der Highlights der Literatur, die ich in diesem Jahr gelesen habe.
Affären á la carte – Film von Daniéle Thompson
30. Juli 2009
Eine Handvoll Mitt-Dreißiger bis Mitt-Vierziger – sprich Menschen genau meiner Altersklasse – treffen sich zu einem gemeinsamen Essen – und keiner hat eigentlich Lust dazu.
Was alle Teilnehmer gemeinsam haben, ist, dass sie sich in irgendeiner Form in einer Krise befinden. Ob gerade eine Affäre zu Ende geht, eine Beziehung heute gelöst werden soll, eine andere an diesem Abend beginnt, eine Geschäftsidee entsteht und eine neue Freundschaft – bei allen tut sich an diesem Abend etwas Grundlegendes in ihrem Leben und wird in gewisser Weise zu einem Wendepunkt.
Ein Jahr später wendet sich das Blatt erneut, und auch diesmal in dem einen oder anderen Fall auf unerwartete Weise. So viel zur Handlung.
Der Film ist lustig, die Dialoge witzig, die Protagonisten tragisch – aber alle stehen doch mitten im Leben , deren Fluss sie sich hingeben und mitreißen lassen. Und das ist schön. Nichts bleibt, wie es war, nichts ist endgültig so, wie es eben noch war. Vorhaben und Pläne werden durchkreuzt – durch was? Schicksal? Zufall?
Mir hat der Film viel Spaß gemacht, weil die Handlung eben nicht so platt daherkommt, sondern leicht und fröhlich und dabei hintergründig.
Ist eben ein französischer Film! Die haben’s einfach drauf.
Tanz der Farben. Nijinkys Auge und die Abstraktion – Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle
28. Juli 2009
Vaslaw Nijinsky war mir vor dieser Ausstellung eigentlich kein Begriff. Er war, wie ich dann erfuhr, ein bedeutender Choreograph und Tänzer, der ganz neue Strömungen in die Ballettwelt einbrachte; darüber hinaus malte er auch, und natürlich war zentrales Thema seines bildnerischen Werkes – die Musik und der Tanz.
Ein Teil der Ausstellung befasste sich mit dem Tänzer Nijinsky – und hier musste ich besonders lange verweilen, weil es so interessant war. Nijinsky ist einer der Mitbegründer des modernen Tanzes – so habe ich das eben verstanden – und was er mit seinen Bewegungen vollbrachte, war beinahe übermenschlich; eine Versuch der Trennung von Körper und dem natürlichen Bewegungsablauf, das ist wirklich modern! Wenn der Geist über das Körperliche hinauszuwachsen sucht in kraftvollen aber künstlichen, un- oder übermenschlichen Bewegungen, dann steckt da eine neue Sicht auf den Menschen und seine Welt hinter.
Zwei sehr spannende Filme – eine Dokumentation der Entwicklung des Tanzes, von der Klassik zur Moderne, und ein Film, in dem ein Tänzer versucht, durch seinen Tanz den an Schizophrenie erkrankten Nijinsky aus seinem Seelenkäfig zu locken, hielten mich auch noch auf, bevor ich dann endlich zu Nijinskys Bildern und denen seiner Zeitgenossen kam.
Nijinskys Bilder strotzen vor Bewegung und spielen mit dem Auge des Betrachters, das wiederum zu tanzen beginnt, wenn es den Linien folgt. Interessant. Mich haben vor allem die Gemälder von Sonia Delaunay-Klerk fasziniert, die mit viel Farbe die neuen Tänze mit seinen Bewegungen einzufangen vermochte.
Ich glaube, ich muss unbedingt einmal wieder ins Ballett gehen. Interessiert mich.
Die Ausstellung hat mir aber auch gut gefallen.
‘Kommissar Bellamy’ – Film von Claude Chabrol
18. Juli 2009
Ein intensiver Film, ein langsamer Film (mit gefühlter Überlänge), aber kein langweiliger Film! Interessante Gesichter und Gerard Depardieus imposante Erscheinung sowie eine gut erzählte Geschichte runden den Film ab.
Eigentlich bin ich kein Krimifan, aber hier machte ich eine Ausnahme und bin auch nicht enttäuscht worden. Denn hinter dem Mordfall stehen ganz andere Fragen, tiefgründige Fragen nach der Verantwortung, die man für seine Mitmenschen trägt, beispielsweise. Wann macht man sich schuldig? Ist man nur schuldig, wenn man sich aktiv an einem Verbrechen beteiligt, oder schon, wenn man den Selbstmordversuch eines anderen Menschen nicht versucht zu vereiteln? Aber wie soll das denn gehen?
Der Film lässt sich Zeit, genüsslich Zeit, diese Fragen zu entwickeln und gleichzeitig die Charakteren zu entfalten. Dazu die bereits erwähnten interessanten Gesichter, wie die des Obdachlosen bzw. vermeintlichen Mörders in einer Doppelrolle (gespielt von Jacques Gamblin); oder das des unglücklichen Bruders von Kommissar Bellamy (Clovis Cornillac). Auch eine witzige Einlage war die gesungene Verteidigung des Rechtsanwalts, auf ein Chanson von Georges Brassens getextet.
Er hat mir gut gefallen der Film – noch ein wunderbarer Film von Chabrol!
‚Friedensreich Hundertwasser – Architekturmodelle’ – Ausstellung im Ostholstein-Museum Eutin
15. Juli 2009
Es war eine gute Idee diese Ausstellung zu besuchen. Denn sie war interessant, anregend und inspirierend.
Elf Modelle von Gebäuden, die Hundertwasser entworfen hat, standen im Mittelpunkt der Ausstellung. Es gab auch viele Fotos von den mittlerweile gebauten Gebäuden sowie einen interessanten Film (nein, eigentlich zwei, aber den, in dem diversen Architekten drei immer gleiche Fragen gestellt wurden, habe ich verpasst) mit Interview und Aufnahmen der Gebäude von innen und einige Statements von Hundertwasser zum Hören. Dadurch erschloss sich neben den sehr schön anzusehenden Modellen sehr gut das Konzept, das Hundertwasser von einem humanen Bauen hatte: mit der Natur leben, ökologisch leben, individuell leben. Das Fensterrecht und die Baumpflicht sind zwei Begriffe, die er entwickelt hat: Sollte jemandem das eigene Fenster nicht gefallen, so wie es Hundertwasser gestaltet hat, sei er befugt oder sogar aufgefordert, sein Fenster umzugestalten. Denn für Hundertwasser gehört unbedingt dazu, dass die Gebäude von denen, die in ihnen leben, mitgestaltet werden sollen. Also keine Hochnäsigkeit gegenüber dem ‚Endverbraucher’, oder eine gewisse Arroganz des Künstlers, der seinen Stiefel durchziehen will, und dann darf nichts mehr verändert werden! Ehrlich gesagt nervt es mich bei manchen Architekten, dass sie von ihrem eigenen Schaffen so begeistert sind, obwohl die Gebäude teilweise Mängel ganz praktischer Art haben (wie z.B., dass einige Gebäude von Mies van der Rohe faktisch nicht beheizbar waren, und er selbst lieber im Altbau wohnte anstatt in seinen selbst entworfenen Gebäuden…). Das gibt es bei Hundertwasser also nicht. Dafür hat er in seine Planung mit berücksichtigt, dass die Gebäude nach Möglichkeit wenig Energie verbrauchen und sich harmonisch an den Ort integrieren und sich ggf. in die Natur einfügen.
Ja. Seine Häuser sind bunt und verspielt und haben nirgendwo einen rechten Winkel. Alle Formen sind organisch, die Farben quietschebunt und fröhlich. Es geht etwas Freundliches und Verspieltes von den Gebäuden aus. Bestimmt macht es Spaß, in solchen interessanten Gebäuden zu wohnen….
Ich finde sein Konzept vernünftig, einleuchtend und menschenfreundlich! Es hat mich komplett überzeugt, meinen Schatz dazu und sogar mein Kind. Wir überlegen jetzt selbst, ob wir unseren ungenutzten Balkon (ungenutzt, weil wir einen tollen Garten haben) jetzt begrünen, im Stile von Hundertwassers Entwürfen, und der ‚Baumpflicht’ nachkommend. Und ich frage mich schon, ob man nicht etwas mit unserer Hausfassade anstellen könnte…. Den gelben Klinker mochten wir noch nie. Na, mal sehen.
Auf jeden Fall hat die Ausstellung uns fasziniert und berührt. Und inspiriert.
Die Ausstellung geht noch bis zum 23.8.09, hier der Link zum Eutiner Museum.
Modern Life: Edward Hopper und seine Zeit – Ausstellung amerikanischer Kunst im Bucerius Kunstforum
6. Juli 2009
Eine grandiose Ausstellung ist das, eine Sammlung von ungefähr 100 Werken von amerikanischen Künstlern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, und im Mittelpunkt stehen 9 Werke von Edward Hopper.
Aber ob diese Werke den Mittelpunkt bilden müssen? Hoppers Gemälde sind in ihrer unterkühlten Ansicht amerikanischer Ansichten von großartiger Ästhetik, und es war sehr schön, diese Bilder im Original erleben zu dürfen. Die Frau im Hauseingang mit ihrem roten Hut (auf dem Gemälde ‚South Carolina Morning’), die dem Betrachter zurückwirft, was er ihr gibt: Das hat nichts Einladendes, aber es ist derart intensiv, wie sich die Figur auf dem Bild sperrt, betrachtet zu werden, indem sie den Betrachter ablehnend und aggressiv zugleich anstarrt. Oder das Schaufenster eines Ladens, aus deren Inhalt man nicht schließen kann, was in diesem Laden denn verkauft wird – auf diese Weise wird dem Betrachter entzogen, was er gleichzeitig gern entschlüsseln will. Statt dessen bleibt er hängen an der Ästhetik, an dem besonderen Licht, das Edward Hopper wie kein zweiter einzufangen wusste.
Aber alles ist so leer, so sinnfrei, dafür wunderschön. Amerika?
Hopper steht im Zentrum der Ausstellung, aber die Werke der anderen Künstler sind keinesfalls deshalb weniger wichtig. Es sind wunderschöne Bilder zusammengestellt worden, aus denen sich einerseits ganz gut erkennen lässt, wie einflussreich die europäische Kunst doch war (viele der Künstler lebten und studierten denn auch in Europa), andererseits zeigen sich viele Aspekte, die in Europa so nicht hätten gemalt werden können. Die Abkehr von üblichen Motiven hatte natürlich auch in Europa ihre Tradition, wurde aber in Amerika anders umgesetzt; sehr eigenwillige Variationen der damals aktuellen Kunstwellen (wie z.B. von Georgia O’Keeffe) gehören zur amerikanischen Tradition genauso dazu wie ganz spezielle Farbgebungen wie in dem Gemälde ‚Poker Night’ von Thomas Hart Benton (Darstellung eines Motivs aus ‚Endstation Sehnsucht’) – das sind Bilder, die auf einer eigenen Tradition beruhen!
Sehr, sehr schöne Gemälde sind hier mit viel Liebe und Sinn für Harmonie und Gegensatz zusammengestellt worden. Da gibt es z.B. zwei Gemälde von zwei verschiedenen Künstlern, die nebeneinander hängen, in unterschiedlichem Stil gemalt, deren Gemeinsamkeit aber ist, dass jeweils eine blonde junge Frau aus dem Rahmen herausguckt. Das ist gut gesehen, auf welch unterschiedliche Weise die beiden Figuren den Betrachter ansprechen: Die eine ist eine pflichtbewusste und ehrgeizige Sekretärin, während die andere den Marilyn-Monroe-Typ (die zum Entstehen des Bildes gerade geboren worden sein mag) verkörpert. Beides gibt auf ihre Art ein Stück des ‚American Way of Live’ wieder.
Beeindruckend in ihrer Nüchternheit sind auch die Gemälde, die keine Menschen darstellen, sondern vielmehr industrielle Bauwerke oder Teile davon, wie eine Reihe von Schornsteinen, deren Komposition nach strengem Formenprinzip der italienischen Renaissancemalerei zusammengestellt wurde, aber keinen Funken von Menschlichkeit oder Bezug dazu aufzeigen. Monumente, von Menschenhand errichtet, die jetzt ein Eigenleben entwickelt haben! Sicherlich ist dies keine Deutung, die zu der Entstehungszeit dieser Art von Gemälden seine Berechtigung hätte. Gemeint war vielmehr, dass diese Gebäude Schutz und Sicherheit – z.B. in Form von Arbeitsplätzen boten. Das Monströse und Unheimliche fällt vielleicht erst heute auf…
Sehr schön ausführlich wurde jedes Gemälde mit einem nebenstehenden Text kommentiert, was vielleicht etwas viel des Guten ist; andererseits muss man das ja nicht alles lesen.
Ich fand sie großartig, diese Ausstellung, und wünschte mir, einen zweiten Besuch zu schaffen. Na, mal sehen, ob das noch was wird! Immerhin läuft sie noch bis Ende August.