‚Das Licht auf den Bergen‘ – Roman von Jón Kalman Stefánsson

Veröffentlicht: 5. Juli 2008 in Bücher, Isländisches, Kultur, Literatur

Lange lag dieses Buch ungelesen auf meinem Nachttisch, und das obwohl es mir mein Schatz noch einmal gekauft hatte, nachdem das erste Exemplar in unserem Haushalt verschwunden war – ganz nach isländischer Trollmanier! Obwohl ich mittlerweile schon zwei andere Bücher von Stefànsson gelesen hatte, nämlich ‚Das Knistern in den Sternen‚ und ‚Verschiedenes über Riesenkiefern…‚, saß der Schock über den zweiten Teil der Trilogie so tief (ich musste aufgrund einer Leseblockade das Buch abbrechen, was sonst gar nicht meine Art ist), dass ich den dritten Teil, nämlich das besagte ‚Licht auf den Bergen‘ gar nicht so schnell angehen mochte. Was völlig unbegründet war, wie sich jetzt herausstellte…

In diesem Roman (wie so oft bei Sefánsson) sind verschiedenste Episoden in einem kleinen Dorf irgendwo in West-Island kunstvoll mit- und ineinander verknüpft, mit einer liebevollen Komik von ganz besonderer Natur. Die Menschen in dem Dorf benehmen sich zum Teil selbst wie kleine Trolle, vor denen sie nachts auf freiem Feld Angst haben, irgendwie ganz schön versponnen, dabei unbedingt liebenswert. Zu witzig, wenn jemand den Dorfbewohnern einen Vortrag über Fortschritt und Zukunft hält (und damit meint, Gelände für einen riesigen Schrottplatz freizugeben, der die Landschaft verschandelt, aber die Taschen der Dorfbewohner füllen soll) und sich mit dem Gemeindevorsteher darüber in die Haare kriegt! Mitten in diesem Disput stehen wir, die Leser, denn der Autor will es so: Er mischt kräftig mit, fabuliert, unterbricht sich, unterdrückt die Geschichte des Dorfbibliothekars, denn die könnte ja ein eigenes Buch führen, versucht mühsam den roten Faden beizubehalten und schweift doch immer wieder ab (was für uns Leser köstlich ist!), jedoch nicht, ohne dies zu reflektieren. So wird das Lesen zum doppelten Vergnügen, denn beim Lesen haben wir es nicht nur mit den dollen Geschichten aus dem Landstrich zu tun, sondern auch noch mit der überbordenden Phantasie des Autors, der sich kräftig zu Wort meldet – und das macht einfach nur riesigen Spaß…!

Dabei ist dieses Buch voller Poesie – die Liebeserklärung, die der liebeskranke Starkaður seiner Ilka macht, nachdem er bei Schneetreiben betrunken 12 km mitten in der Nacht zurückgelegt hat, ist eine der schönsten, die ich je gelesen habe. Auch ansonsten bin ich immer wieder von neuem beeindruckt von Stefánssons besonderer Sprache, die sich durch das Erfinden frischer, schöner Bilder für jegliche Gemütszustände auszeichnet; das ist keine Prosa, nein, das ist Poesie in Prosaform! Um eine Kostprobe komme ich nicht vorbei:

(…) Denn es lebt ein Mann im Ort, der sollte seine Fingerabdrücke auf dem merkwürdigen Wesen hinterlassen, das Zukunft heißt.
Ich spreche vom Vorreiter.
Endlich ist die Reihe an ihm.
Und da ist die Liebe auch nicht weit. Sieh, wie sie sich über das Flachland des Realismus erhebt und mit dem Blau des Himmels verschmilzt! (…)“

Ich habe die Lektüre sehr genossen, und denke, dieser Autor ist einer der ganz großen Literaten. Ich bin fast sicher, dass er auch hierzulande bekannter wird, denn verdient hat er es allemal.

Auch wenn mir dieser Roman wahnsinnig gut gefallen hat, bleibt mein Lieblingsbuch ‚Das Knistern in den Sternen‘. Allerdings gibt es schon wieder einen neuen Titel (‚Sommerlicht, und dann kommt die Nacht‘), und meinem Schatz nach zu urteilen, soll es wieder riesig gut sein…
Ich werde sehen. Ich bleibe gespannt und neugierig.

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