‚Rodtschenko. Eine neue Zeit‘ – Ausstellung im Bucerius Kunstforum

Veröffentlicht: 28. August 2013 in Ausstellungen, Kultur, Kunst

Beinahe hätte ich diese Ausstellung ausgelassen. Aber, nein, irgendwie ging das nicht, die Neugier trieb mich, obwohl mich die russische Avantgarde noch nie besonders interessiert hat. Warum eigentlich nicht? Es war eine wirklich aufregende Ausstellung!

Foto von Alexander Rodtschenko. Quelle: Buceriuskunstforum.de

Foto von Alexander Rodtschenko. Quelle: Buceriuskunstforum.de

Warum war sie aufregend? Sie war es, weil ich an jeder Ecke und Kante so viel enthusiastischer Kreativität spürte. Vieles von den Kunstobjekten, die Alexander Rodtschenko gemacht hat, waren auf komplettem Neuland entstanden. Vieles war vorher noch nie in dieser Weise angedacht worden, es waren so frische Werke, die mich gefangen nahmen. Da war z.B. der Entwurf eines Kiosks, mit vielen Schrägen und spitzen Winkeln; im Grunde genommen der Entwurf eines aufmüpfigen Bauwerks, und die Rednertribüne befand sich direktemang oberhalb des Raumes, in dem man freie und unabhängiges Pressematerial kaufen könnte. Es war ganz neu in seiner Aussage, ein Ausrufezeichen in der Stadtlandschaft, ein Aufruf zum Neu denken lernen… Dann gab es die schwebenden Objekte, die ersten ihrer Art übrigens. Ich finde es auch so schon eine riesige Leistung etwas zuerst zu denken, bevor, dieser Gedanke in den Köpfen anderer schon sitzt, und glaube kaum, dass es viele Menschen gibt, die diese Gabe besitzen, das zu können. Dazu noch die Ästhetik dieser teilweise filigranen Schwebearbeit, einfach und schön, schön einfach, und doch so kompliziert… Dabei handelt es sich doch ‚nur’ um Flächen, z.B. ein Quadrat, dessen Fläche eine Anzahl immer kleiner werdender Quadrate enthält, so dass eine Menge gleichförmiger ‚Rahmen’ entstehen, die sich nur durch ihre Größe unterscheiden. Und diese sind einfach nur in eine dreidimensionale Form gesteckt. Einfach! Aber die Wirkung ist enorm.

Rodtschenko hat sein Vaterland geliebt. Er hat engagiert neue Formen gesucht, in seinen Fotografien neue Perspektiven ausfindig gemacht. Mir scheint, eine seiner zentralen Fragen war die nach der Perspektive. Die Dinge neu sehen, das war sein Credo. Damit stieß er jedoch nicht immer auf Gegenliebe, sondern wurde missverstanden. Letztendlich gab es auch von politischer Seite Gegenstimmen. Wie muss dies jemanden angehen, der die Kunst, aber auch den Blick der Gesellschaft reformieren wollte? Aber ich bin in der russischen Geschichte, wie überhaupt in Geschichte schlicht schlecht, deshalb weiß ich nicht, wie es wirklich war. Vermutlich aber hart.

Neu war mir, dass Rodtschenko, der sich ja in Malerei, in (Werbe-)Grafik, in Architektur, auf bildhauerische Ebene, im Bereich Fotografie bewegte, in der Malerei eines der extremsten Kunstwerke der Gegenwartskunst bereits vorweggenommen hatte: Auch wenn die Maße anders sind und die Farbpigmente meiner Meinung nach nicht ganz stimmen (vielleicht haben sie sich ja verändert), so hat er doch als erster drei Bilder gemalt, die jeweils nur eine monochrome Farbe enthalten, nämlich Blau, Rot, Gelb. Dieses Ausrufezeichen hinter die Malerei, die Rodtschenko so zu seinem Ende gebracht haben will, wurde von Barnett Newman noch einmal vergrößert, und entfaltet in der Berliner Nationalgalerie noch immer Faszination (gelinde gesagt) in dem fabelhaften Werk ‚Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?’

Aber ich schweife ab. Es war ein anregender und notwendiger Ausstellungsbesuch!

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