‚Vom Ende einer Geschichte’ – Roman von Julian Barnes

Veröffentlicht: 4. September 2013 in Bücher, Kultur, Literatur
Cover 'Vom Ende einer Geschichte' von Julian Barnes Quelle: btb Verlag

Cover ‚Vom Ende einer Geschichte‘ von Julian Barnes Quelle: btb Verlag

Dieses Buch gibt ein Rätselspiel auf. Ist dieser Roman ein Gedankenkonstrukt oder vielmehr ein Gleichnis der ‚Akkumulationen des Lebens‘?

Ich finde diese Frage nicht eindeutig beantwortbar. Es ist sicher faszinierend, wie Julian Barnes den Hauptprotagonisten Tony die Wahrheit erkennen lässt, wie sich die Geschichte seines Freundes, der Selbstmord gemacht hat, wirklich zugetragen hat. Das ist nicht einfach, denn niemand sagt ihm, was wirklich passiert ist.

Tony hat mit dem äußerst gehässigen Brief, mit dem er seinem Freund Adrian und seiner Exfreundin Veronika einen Fluch auf den Hals hetzte, als er von deren Liebesbeziehung erfuhr, wenig souverän reagiert. Doch sehe ich darin nicht wirklich eine Verknüpfung mit den Geschehnissen, die danach folgten. Es sind Zufälle, Empfindungen, so ist es eben. Man macht zwei Personen miteinander bekannt, ohne irgendetwas damit zu bezwecken, und dann verselbständigen sich die Dinge.
Verantwortung sehe ich in diesem Zusammenhang einfach gar keine. So ist das Leben, eben!

Interessant fand ich allerdings, dass sich Tony, jedes Mal wenn Veronika ihm einen Informationsbrocken hingeworfen hat, die Geschichte nach bestem Wissen und Gewissen zusammenreimt, und es ist zweifellos auch spannend, diesem Rätselspiel zu folgen.
Letztendlich wird aber nicht final geklärt, warum Adrian Selbstmord gemacht hat, und wie das zusammengeht, dass seine letzte Lebenszeit wohl die glücklichste seines Lebens gewesen sein soll, wie es Veronikas Mutter behauptet.

Mir hinterlässt das Buch einen gewissen schalen Nachgeschmack. Was mich sehr gestört hat, war, dass die Katastrophe, oder ein Teil der Katastrophe darin besteht, dass dieses behinderte Kind auf die Welt kam. Man weiß nicht, ob Adrian sonst keinen Selbstmord gemacht hätte; er hat ja wohl den Selbstmord vor der Geburt des Kindes begangen. Doch würde die Katastrophe am Ende überhaupt noch eine sein, wenn das Kind nicht behindert zur Welt gekommen wäre (und es bleibt für mich ohnehin die Frage, ob ein Mensch mit Behinderung kein lebenswertes Leben haben kann, oder eben zu einer Familie dazugehört, die nicht zwangsläufig wegen ihm unglücklich sein müsste)? Wäre es nicht vielmehr dann eine lapidare Geschichte von einem Freund, der sich das Leben nahm, weil er keine Verantwortung für ein Kind übernehmen wollte, das ihm sein Freund als Fluch (nicht aber dass es behindert wäre) gewünscht hat? Tja, und dann gäbe es also irgendwo auch noch ein Kind von diesem Freund…

Die Geschichte ist natürlich trotzdem noch viel raffinierter. So viele Bezüge und Bilder vernetzen den ersten und den zweiten Teil miteinander, sehr kunstvoll ist das, so ist ein dichtes Erzählwerk entstanden, gleich einer klassischen Tragödie, in der ja auch die Wahrheit langsam hervorgeholt und den Protagonisten, wie die Welle des Severn, die sich entgegen den Flusslauf bewegt und sozusagen das zurückspült, was eigentlich den Fluss bereits hinunter geflossen ist, erneut einholt.

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