‘Der Wolkenatlas’ – Roman von David Mitchell

Veröffentlicht: 28. April 2014 in Bücher, Kultur, Literatur

Der Film hatte mir ja gar nicht gefallen, doch die Handlung dieses Stoffes fand ich spannend, und so war ich tatsächlich sehr neugierig auf dieses Buch – und wurde nicht enttäuscht.

Der Roman besteht aus sechs verschiedenen Berichten bzw. Schriftstücken, die von heute aus gesehen sowohl in die Vergangenheit als auch in eine ferne Zukunft reichen und mit Ausnahme der sechsten Geschichte zunächst bis zur Hälfte erzählt werden und von der nächsten abgelöst werden. Nur die sechste Handlung wird durcherzählt. Sodann wird in entgegengesetzter Reihenfolge jede Geschichte zuende erzählt. Allein der Aufbau ist schon spannend: Das erste Schriftstück, das um 1830 sielt, ist ein Tagebuch, das zweite um 1935 besteht aus Briefen, das dritte könnte ein Politthriller von ca. 1975 sein, das vierte ist eine Art Komödie aus den 1980er Jahren, das fünfte ist ein aufgezeichnetes Interview in einer fernen Zukunft, und die sechste Geschichte, nach einem großen Zusammenbruch, wird mündlich vorgetragen. Die Geschichten stehen zwar alle für sich da, und doch sind sie sehr lose miteinander verbunden. So wird das Tagebuch eines Notars, der sich auf einer Schiffsreise befindet, von dem Verfasser der Briefe, einem jungen Komponisten, gelesen. Der Adressat dieser Briefe spielt eine entscheidende (Neben-)Rolle im Politthriller, und die Briefe werden von der Hauptprotagonistin gelesen, und sein damals komponiertes Musikstück von ihr gehört. Jener Politthriller landet auf dem Tisch des Verlegers aus der nächsten Geschichte, und die Verfilmung seines eigenen Schicksals amüsiert in der nächsten Geschichte einen weiblichen Klon, dem es gelingt, aus seinem Schicksal auszubrechen und eine Märtyrerrolle zu übernehmen, die wiederum Relevanz in der sechsten Geschichte hat. Damit aber nicht genug: Die Protagonisten verfügen alle über ein prägnantes Muttermal, mehr oder weniger an der selben Stelle an ihren Körpern, nämlich zwischen Schlüsselbein und Schulterblatt, und es hat die Form eines Kometen (aus der Reihe tanzt nur der Verleger, der aber auch ein prägnantes Muttermal besitzt). Das ist die sehr lose Verbindung der Geschichten untereinander, die aber dem Ganzen eine gewisse Struktur verleiht. Fast jede der Figuren macht sich zudem Gedanken über die Vergänglichkeit, über das Sein vieler Menschen, die wie die Wolken über den Himmel ziehen und dabei vielleicht Spuren hinterlassen. Frobishers Musikstück aus der zweiten Geschichte trägt zudem diesen Namen: Wolkenatlas, und es verfügt im Grunde genommen über einen ähnlichen Aufbau wie dieses Buch, nämlich ebenfalls 6 Teile, die über 2 Teile verfügen und im zweiten Teil des Stückes noch einmal in umgekehrter Reihenfolge auftauchen.

Das ist vom Aufbau her schon ziemlich überzeugend. Zudem sind die Geschichten jede für sich spannend und in sehr unterschiedlichen Stilen geschrieben, so dass jede interessant und gut zu lesen ist. Es ist wie ein Trichter vielleicht, der aus der Vergangenheit seine feinen Auswirkungen immer weiter, bis in eine ferne Zukunft, trägt. Ich mochte das Buch sehr. Durch diesen speziellen Aufbau hat sich für mich eine sehr trostreiche Aussage ergeben: Wir tragen die Geschichten aus der Vergangenheit in uns, und mit unserem Tun entstehen neue Geschichten, die wiederum in die Zukunft getragen werden und also nicht von der Welt verschwinden, vielleicht in ihren Einzelheiten, aber nicht in ihrer Gänze.

Alles, was an dem Film gut war, kam aus dem Buch, alles, was schlecht daran war, kam aus dem Drehbuch. So wurde uns im Film ja mehrfach eingebimst, dass ‚alles mit allem verbunden‘ sei, diese Lehre wird im Buch ja vielleicht auch vermittelt, aber bitte ohne diesen gewissen besserwisserischen erhobenen Zeigefinger.

Ich muss unbedingt von David Mitchell noch mehr lesen!

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