‚Kathedralen der Kultur‘ – 6 Kurzfilme über herausragende Bauwerke von Wim Wenders, Michael Glawogger, Michael Madsen, Robert Redford, Margreth Olin und Karim Ainouz

Veröffentlicht: 25. Juni 2014 in Filme, Kino, Kultur, Kunst

In diesem interessanten Filmprojekt stehen 6 unterschiedliche Gebäude im Mittelpunkt, die von 6 großartigen Filmemachern porträtiert werden. Jeder Film für sich ist ein Hochgenuss!

Und doch ist es schon merkwürdig, wenn vier der sechs Gebäude in Ich-Form von sich erzählen. Diese an sich ja originelle Idee verbraucht sich einigermaßen dabei, das fand ich etwas schade.

Im Grunde genommen ging es in den meisten Gebäuden darum, wie sie auf die Seele der Menschen Einfluss nehmen, die sie betreten, benutzen oder dort festsitzen. Oder um ihr provokatives Moment, wie z.B. die Berliner Philharmonie, entworfen von Hans Scharoun und auf einen Platz gestellt, der zu Bauzeiten hochbrisant und provokativ war: nämlich ganz dicht an der Berliner Mauer, fast in einem Niemandsland, an den Rand gedrängt. Heute ist sie nahe dem pulsierenden Herzen von Berlin, am Potsdamer Platz, aber das konnte man zu Bauzeiten nur wünschen und hoffen, dass es mal so kommen würde. Vorweggenommene Geschichte? Vielleicht auch das: Diesem Gebäude steckte ein Wunsch im Herzen, und dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Das ist schön, wie Wim Wenders dies herausgearbeitet hat.

Doch wie verhält es sich da mit dem Centre Pompidou, das schon gleich mitten in ein pulsierendes Paris hineingepflanzt wurde und so viel Kunst, so viel Avantgarde, Wissen und fortschrittliche Gedanken beherbergt? Es ist fast tragisch, wie das Gebäude in gewisser Weise ein architektonischer Fremdkörper bleibt, fast wie etwas von einem fremden Stern. Andererseits braucht Kunst ja vielleicht genau solch einen verrückten Platz, um sein zu dürfen, was sie ist.

Herausragend und ganz besonders hat mich die russische Nationalbibliothek in St. Petersburg berührt. Hier regieren die Bücherwelten, das Verschwinden und Wiederauftauchen von zeitweise verbotenen Büchern; hier können sie unbemerkt schlummern, wenn die Verwaltung es will. Oje, ein falsch eingeordnetes Buch kann vielleicht ein Menschenleben lang als Verloren gelten, bis eine plietsche Bibliothekarin beim Entstauben hinters Regal schielt und einen Schatz zurückgewinnt… In diesem Film durften die Bücher sprechen oder wispern, was sie beherbergen, die übermächtige Sinnlichkeit von Büchern wird spürbar, und es ist phantastisch, wie Michael Glawogger den Gegensatz zwischen dem unruhigen pulsierenden Stadtleben und Verkehrslärm herstellt zu der behäbigen Atmsphäre von Bücherwelten, wo Ausweise noch per Hand gestempelt werden. Ich frage mich, was sich die Welt mit den E-Books antut; dass diese Sinnlichkeit, das Haptische und olfaktorische Erleben von Büchern, eine ist, die schon bald, so fürchte ich, verschwinden wird…

Dann war da noch die Haftanstalt Halden, in dem die Menschen ihre Strafe absitzen müssen, und das die verschiedensten Ecken für aber auch gegen Begegnung bereit stellt, denn ein Gefängnis dient dazu, dass der Mensch seine Strafe absitzen muss, aber er sollte daran nicht zerbrechen. Vielleicht ist es ein guter Bau. Es fällt mir schwer, dies zu beurteilen, vielleicht müsste man das Gebäude besichtigen, um das zu wissen…

Ebenfalls konnte ich das Salk Institute im kalifornischen San Diego nicht erfassen, welches Robert Redford filmisch studiert hat. Beton ist der Werkstoff, und gegen Beton habe ich nichts einzuwenden. Doch allzu statisch, allzu starr erschienen mir die Mauern, in denen es sich, wie im Film behauptet wird, trefflich forschen lässt. Ich kann mir vorstellen, dass die großen Flächen ohne feste Mauern im Innern eine besonders durchlässige Arbeitssituation zulassen, aber vielleicht auch Unruhe – oder Lüftungsprobleme? Es war nicht wirklich hässlich, auch mochte ich den Platz, um den die Gebäude angeordnet sind. Und doch: Etwas Steriles geht von diesem Ort aus.

Zuletzt wurde noch das Opernhaus in Oslo vorgestellt, in dem die Kunst transparent in all ihren Phasen des Entstehens nach außen dringt und mit den Menschen draußen in Dialog tritt. Das war nett. Einzig hat mich gestört, dass der künstlerische Prozess im Mittelpunkt stand, mit der Behauptung, dass hier die Gefühle stattfinden – so habe ich den Film von Margreth Olin verstanden. Und das glaube ich nicht. Die wahren Emotionen finden im Publikum statt, angeregt durch das auf der Bühne gezeigte. Und diese wurden zugunsten der dem Probenprozess innewohnenden Ästhetik zur Seite gedrängt. Als Film dennoch wahrscheinlich der ästhetischste von allen…

Gebäude machen etwas mit dem Menschen, der in ihnen zu tun hat: Besonders gespürt habe ich das oft in Berlin: Nicht nur in der Berliner Philharmonie, sondern auch in der Staatsbibliothek (auch von Hans Scharoun entworfen), in dem ich Teile meiner Magisterarbeit recherchiert und verfasst habe und es immer genossen habe, durch die großzügigen, denk-öffnenden Welten zu gehen. Oder gegenüber vor dem Museum, dieser wunderbare Platz, der an Plätze in toskanischen mittelalterlichen Ministädtchen erinnern, die über ebensolche großartigen Plätze verfügen. Ich mochte in Berlin auch immer die Rost- und Silberlaube, auch das Philosophische Institut der FU in Dahlem. Trotz der riesigen Gänge gab es immer Möglichkeiten, sich zu entspannen… (Was ist dagegen der Philo-Turm in Hamburg… – kein Elfenbeinturm, eher shabby…)

Ein schöner Film! Unbedingt sehenswert, nur hatte ich den Eindruck, dass er das Kino allzu schnell passiert hat. Hier der Link zum Trailer.

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