‚Boyhood’ – Film von Richard Linklater

Veröffentlicht: 30. Juni 2014 in Filme, Kino, Kultur

Hochgelobt ist dieser Film – und ich finde, zu Recht! Das Projekt ist einigermaßen einzigartig, denn es wurde über einen langen Zeitraum, ca. 12 Jahre, gedreht. Dabei trägt dieser Film dennoch weniger dokumentarische Züge als vielmehr spielfilmhafte. Die Handlung jedenfalls ist mit Sicherheit fiktiv. Nicht fiktiv, und das macht vielleicht auch den starken Reiz aus, ist das Echtzeitaltern der Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Während die Rollen der Erwachsenen mit Schauspielern besetzt wurden, sind die Kinder in ihre Rollen hineingewachsen (wenn überhaupt: Die Schwester des Jungen gespielt von der Tochter des Regisseurs, dessen Kindheit im Mittelpunkt steht, wünschte sich zwischenzeitlich sehnsüchtig, dass ihre Figur stirbt, weil sie des Filmens überdrüssig war).

Die Kindheit des Jungen ist einigermaßen normal, wenn man davon absieht, dass sich seine Eltern zu seinem Kleinkindalter getrennt haben und der Vater zwei Jahre nichts von sich hören ließ, und dass seine Mutter mit den Freunden bzw. weiteren Ehemännern nicht grade das große Glück gefunden hat. Aber so etwas kann es ganz sicher auch im wirklichen Leben geben.

Ellar Coltrane; Filmszene aus ‚Boyhood‘; Quelle: Filmstarts.de

Und genau das macht den Film auch so interessant: Es sind Szenen, die man aus der eigenen Jugendzeit erinnert, oder alleinerziehende Mütter sowie die Väter, die ihre Kinder nur alle zwei Wochenenden sehen, aus ihrem Alltagsleben kennen. Das Besondere dabei ist die Zeitraffung, denn während sich im wahren Leben die einzelnen Prozesse über Jahre entwickeln, passiert dies in diesem Film im Zeitraffer und macht gerade dadurch den einen oder anderen schädlichen Prozess deutlicher. Wie zum Beispiel bei einem der Stiefväter die Entgleisung ins Zynische und den Alkoholismus geschieht und zu einer Katastrophe führt; wie der leibliche Vater (gespielt von Ethan Hawke) mit Beständigkeit und Ausdauer seinen Kindern beisteht und zu ihrem Erwachsenwerden beiträgt, auch wenn er sie nur so selten sieht; wie wichtig das Interesse und die Regelmäßigkeit für ein Kind ist, um nicht in kritischen Situationen auf die schiefe Bahn zu geraten. Überhaupt die Beständigkeit eines Halt gebenden Elternhauses; eine Mutter, die diese Gratwanderung schafft neben dem Wunsch, auch beruflich Karriere zu machen, dazu der leibliche Vater, der immer signalisiert, wie wichtig ihm seine Kinder sind, auch wenn er mit seinem eigenen Leben dabei in den Hintergrund tritt (oder vielleicht ist gerade das das Geheimrezept, sich in der geringen Zeit auf die Kinder einzulassen und diese nicht mit den eigenen Problemen zu belasten, dabei aber immer authentisch zu bleiben).

Es ist ganz sicher kein rührseliger Film, berührt hat er mich dennoch sehr. Und es ist auch ein Film, der für die Sehgewohnheiten etwas sperrig ist, denn er hat in diesem Sinne keinen richtigen Anfang, keine Mitte und schon gar kein Ende, denn es ist schlicht und ergreifend der Ausschnitt aus dem Leben eines Jungen, und das Leben geht weiter. Wunderbar die letzten Szenen im Film: Die versponnene, enthusiastische Anfangszeit im College, wo den Jungen die Welt gehört – einfach herrlich!!!

Ich habe den Film sehr gemocht; habe mich auch über die Schauspieler gefreut, allen voran Ethan Hawke, der seit seinem ‚Hamlet‘ (in NY) ein dickes Stein bei mir im Brett hat.

Und ich habe Lust bekommen, mir nochmal die Dokumentation ‚Die Kinder von Golzow‘ anzuschauen, das ist eine Langzeitstudie von echten Biographien einiger Kinder dieses kleinen Ortes in der damaligen DDR. Ich finde das megaspannend.

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