‚Die Bertinis‘ – fünf Fernsehfilme von Egon Monk nach dem gleichnamigen Roman von Ralph Giordano

Veröffentlicht: 1. Dezember 2014 in Filme, Kultur

Es gibt so unendlich viele Geschichten über die Judenverfolgung, Hitlers Regime und den zweiten Weltkrieg, und diese Zeit beschäftigt mich lange schon außerordentlich. In Geschichte bin ich eine Niete; dennoch hat es natürlich weder meine Reise nach Israel (1984) oder den Besuch eines KZ in diesem Sommer gebraucht, um über die Zeit einigermaßen Bescheid zu wissen.

Nun aber dieser Fernsehfilm, in der die Geschichte der Familie Bertini (nach Ralph Giordanos eigener Biographie) erzählt wird, die mir noch ganz neue Aspekte vor Auge geführt hat: Die Geschichte beginnt mit den Großeltern der Hauptfigur Roman Bertini, in der sich die eigene Geschichte Giordanos widerspiegelt: Dass sich der Musiker Giacomo Bertini aus dem fernen Sizilien aufmacht, um als Musiker in Deutschland zu leben und zu arbeiten, und wie die Großmutter mütterlicherseits aus Schweden anreist, um ihr Glück in Deutschland zu finden. Es ist sie, die auch jüdisches Blut in die Familie einbringt, wiewohl sie als Jüdin ihre Religion nicht lebt und also auch an ihre Tochter Lea die jüdische Tradition und Religion nicht weitergibt. Danach wird später nicht gefragt (In einem Interview sagt Ralph Giordano, dass die Nazis ihn und seine Brüder erst zu Juden geprügelt hätten). Die Saga lässt sich viel Zeit beim Erzählen der zunächst eher unterschwelligen Anfeindungen durch die Nazis; der Vater fällt schon früh durch sein unangepasstes Wesen auf und wird von der Gestapo verdächtigt, kommunistische Versammlungen abzuhalten, was jedoch nicht der Wahrheit entspricht. Die Familie – Vater Bertini als langjähriger arbeitsloser Musiker und Lea Bertini, die versucht, die fünfköpfige Familie mit Klavierunterricht und Näharbeiten über Wasser zu halten – erfährt nach und nach so einige Misserfolge, was mit der halbjüdischen Lea zusammenhängt. Schließlich erhält diese das Verbot, zu unterrichten, während den drei Söhnen das Leben in der Schule schwer gemacht wird. Der Vater findet Arbeit auf einem Schiff, wo er der dritten Klasse auf dem Akkordeon vorspielen darf – dafür lernt er Amerika kennen und ‚infiziert‘ seine Söhne mit dem in der Nazizeit verpönten Swing. Es ist eigentlich eine ganz normale Familie mit drei begabten Söhnen. So würde man es heute sehen. Damals war sie jedoch zum Teil jüdisch, und während dies ‚zum Teil‘ die Familie anfänglich noch schützt, wird die Luft dünner, erst recht, als der Vater einer Scheidung und Trennung von seiner Frau nicht zustimmt.

Eine Top-Besetzung: Hannelore Hoger, Peter Fitz, Holger Handtke, Daniel Hajdu, Elfriede Kuzmany, Gisela Trowe, Florian Fitz in ‚Die Bertinis‘; Bildquelle: tvspielfilm.de

Die Bildung hilft ihnen nichts mehr – jeder arische Pöbel, der sich die unverschämtesten Frechheiten herausnimmt, scheint mehr wert. Das Leben wird unerträglich. In der Kriegszeit ist es dann nicht mehr zu übersehen, dass die jungen Männer nicht arisch genug sind, um fürs deutsche Vaterland zu kämpfen.

Mir war tatsächlich nicht klar, dass Hitler in dem zweiten Weltkrieg an zwei Fronten gekämpft hat: Nach außen, um vielleicht zur Weltherrschaft zu kommen und nach innen, indem er versuchte, Deutschland (und die eroberten Gebiete) von den Juden zu ‚säubern‘. Diese Parallelität hätte ich wissen können, aber erst durch diesen Film habe ich sie wirklich realisiert – und sehr erschüttert.

Was ich vorher auch nie ganz verstanden hatte, war, wie dezent bei allen öffentlichen Anfeindungen die Transporte in die KZs stattfanden. Hier und da bekam eine Familie den Bescheid zu einem ‚auswärtigen Arbeitseinsatz‘. Die Wertgegenstände wurden akribisch und bürokratisch aufgenommen, die Familie durfte jeder noch einen Koffer packen, und dann wurde man weggebracht, während es dann an der Wohnung hieß: ‚unbekannt verzogen‘. Es muss ein eher stiller, unwiderruflicher Vorgang gewesen sein. Weswegen meine Eltern, die den Krieg ja miterlebt haben, nie beobachtet haben wollen, dass ein Teil der Bevölkerung verschwand. Aber das ist ein anderes Thema, auch schlimm.

Der Film hat uns sehr bewegt, und je weiter die Geschichte, der Krieg voranschreitet, desto entsetzlicher wird, was es zu erzählen gibt. Es ist beinahe ein Wunder, dass die fünfköpfige Familie, die die letzten 3 ½ Monate versteckt in einem elenden Rattenloch hauste, überlebt hat.

Das Buch haben wir bestellt. Ich weiß jedoch noch nicht, wann ich es lesen werde. Nicht so ganz bald, denke ich. Es ist eine harte Geschichte, und dass sie wahr ist, macht es nicht einfacher.

Danke an Ralph Giordano, für diese Geschichte. Sie zu erzählen muss schmerzhaft gewesen sein – aber sie zu kennen für uns absolut notwendig. Finde ich.

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