‚Amour fou‘ – Film von Jessica Hausner

Veröffentlicht: 20. Januar 2015 in Filme, Kino, Kultur

Die Geschichte vom Doppelselbstmord Heinrich von Kleists und einer Freundin, Henriette Vogel, hat mich schon immer tief berührt. Von genau dieser Episode handelt der Film.

Filmszene mit Birthe Schoeink aus ‚Amour fou‘; Quelle: Filmstarts.de

Heinrich von Kleist hat es nicht leicht, in der Gesellschaft Anerkennung zu finden. Was ihn jedoch viel mehr beeinträchtigte, war, dass er mit seinem Leben und Denken nicht zur selbigen passte. Ein selbstbestimmtes Leben zu leben war ihm genauso unmöglich, wie die Liebe seiner Cousine Marie zu gewinnen, allerdings dies vielleicht aus dem Grunde, da er sich kein gemeinsames Leben mit ihr wünschte, sondern mit ihr gemeinsam den Tod suchen wollte. Marie von Kleist hatte jedoch kein Verständnis für dieses Ansinnen und distanzierte sich von ihm.

Henriette Vogel aber, die Frau eines Freundes eines Freundes, war trotz ihres untadeligen Lebensstils aufgeschlossen für Kleists Dichtung und verstand beispielsweise den Konflikt der ‚Marquise von O.‘, woraufhin Kleist intensiveren Kontakt mit ihr suchte, weil er eine gewisse Seelenverwandtschaft feststellte. Doch obwohl Henriette Vogel seinem Anliegen, Liebe in einem gemeinsamen Freitod zu tja, wie.. zu konservieren, zunächst ebenfalls ablehnend gegenüberstand, veränderte sich etwas für sie. Im Film bleibt es offen, ob sich etwas durch ihre Freundschaft mit Kleist und seinen literarischen Ideen veränderte, oder weil sie zunehmend Schwächeanfälle erlitt, bis eine Unterleibserkrankung diagnostiziert – oder behauptet – wurde. Denn nun war Henriette selbst nicht mehr sicher, ob ihr gutbürgerliches Leben in ihrer Familie (Ehemann und Tochter) wirklich alles gewesen sein soll, oder ob es nicht vielmehr so ist, dass sie in einem fremdbestimmten Leben gefangen ist, das ihr, wie in Kleists berühmten Marionettentheater, keinen Handlungsspielraum für eigene Ideen lässt. Das wurde in dem Film sehr anschaulich gezeigt. Sehr statisch, beinahe leblos kommen die Figuren daher; sie diskutieren die jüngsten politischen Ereignisse ablehnend – es soll Steuerpflicht für jedermann eingeführt werden; man hat Angst vor der neuen Politik, die aus dem Frankreich nach der Revolution herüberschwappt, und man hält weiterhin fest an dem Standesdünkel und will lieber nichts verändern.

Da passen Henriette Vogel, vielleicht aufgrund ihrer Krankheit, vielleicht aber auch durch ihre Aufgeschlossenheit gegenüber Heinrich von Kleist und auch Kleist selber nicht mehr so recht ins Bild. Und so stimmt sie zu, mit Kleist aus dem Leben zu gehen.

Die Sprache in dem Film ist im alten Stil, gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie passend, ebenso wie die statischen Figuren, die dadurch einmal mehr ihre innere Starrheit zum Ausdruck bringen. Das fand ich sehr gelungen. Ich mochte auch die Schauspieler, Birthe Schnoeink (die ich schon in als ‚Lore‘ ganz toll fand und Christian Friedel als Kleist; auch die Tochter Pauline (gespielt von Paraschive Dragus) hatte ein interessantes Gesicht. Ich weiß nur nicht, ob sich die Regisseurin an die Fakten gehalten hat: Während bei Wikipedia nachzulesen ist, dass bei der Leichenobduktion Henriette Vogels tatsächlich ein Unterleibsgeschwür gefunden wurde, wird in dem Film behauptet, die Obduktion hätte ergeben, dass es kein Geschwür gegeben hätte wie angenommen, was auf ihren Selbstmord noch einmal ein ganz anderes Licht wirft…

Die Starrheit der Figuren hat mich auch an Effi Briest von Fontane erinnert; auch dort sind die Figuren bisweilen starr und ein wenig langweilig. Kein Wunder: Wenn Lebendigkeit in sie fährt, wird dies hart bestraft. So auch hier.

Ein sehenswerter Film war das.

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