‚Das Leseleben‘ – Buch von Giwi Margwelaschwili mit Illustrationen von Zubinski

Veröffentlicht: 11. April 2015 in Bücher, Kultur, Literatur

Letzten Sommer hatte ich ja bereits versucht ‚Muzal‘ von Giwi Margwelaschwili zu lesen, war aber gescheitert. Doch die Faszination dieses Autors hatte mich nie losgelassen. Als ich dann von diesem Buch erfuhr und es mir einfach nicht aus dem Sinn gehen wollte, habe ich zugeschlagen – und es nicht bereut.

Eigentlich muss ich nicht jedes Buch, das ich lese, auch besitzen. Es ist vielmehr so, dass ich mir Buchempfehlungen von Freunden leihe oder aus der hiesigen Stadtbücherei. Und da ich mit diesem Blog ja schon meine Dokumentationssucht abdecke, brauche ich eigentlich keine weiteren Bücher – unsere Regale platzen eh aus allen Nähten, und etwas aussortieren kriege ich einfach nicht hin – aber dieses Buch oder besser Büchlein ist wirklich etwas sehr besonderes. Und außerdem in der Stadtbücherei nicht zu bekommen…

Jede Ausgabe des Buches ist ein Unikat: Die Texte und die Illustrationen sind in jedem Buch der 1.500 starken Erstauflage anders angeordnet. Und damit sind die Bücher ebenso verschieden, wie es ja auch ihre Leser sind. Das Leseleben: Das ist das Leben der Buchweltmenschen – jene Wesen, die vor dem inneren Auge des Lesers entstehen, wenn das Buch gelesen wird. Und ohne Leser gibt es mit Sicherheit auch keine Handlung, keinen Buchweltmenschen, niemanden, der die lyrische Buchweltkutsche antreibt und am Laufen hält.

Wo ist er hin, der Leser? So fragen sich denn in einer der ca. 60 kleinen Aphorismen von Giwi Margwelaschwili der Graf und die Gräfin, die in ihrer Kutsche auf offene Strecke stehen geblieben sind, denn ohne ihn, der so plötzlich die Lektüre verlassen hat, kann die Kutsche nun mal nicht weiterfahren. Doch wird die Lyrik oder Prosa gelesen, dann finden auch das Leben und die Handlung in der Geschichte oder dem Gedicht statt. Der Leser empfindet eine Bereicherung, und auch die Gelesenen sind zufrieden, denn nur durch ihn bleiben sie am Leben. Aber auch komplizierte Fragen werden aufgeworfen: Wenn ein Othello-Schauspieler versehentlich auf der Bühne Desdemona zu stark die Gurgel zuhält, so dass sie stirbt: Wer muss dann vors Gericht? Ist es nicht eigentlich Othello, da es ohne diese Figur niemals zu diesem bedauernswerten Unfall gekommen wäre? Und was ist mit Jago? Trifft ihn nicht eine Mitschuld? Auch die Buchstaben müssen fürchterlich aufpassen, um nicht in schlechte Gesellschaft zu geraten, wie das O, das ungern zwischen zwei T geraten will…

Es sind spielerische und leichte Gedanken, die Spaß machen, aber einer gewissen Tiefe nicht entbehren. Eine wunderbare Lektüre –

– und ein wunderbares Buch: Die Illustrationen von Zubinski beinhalten wie der Text eine gewisse Leichtigkeit. Denn die Buchstaben, die dargestellt werden, haben durch ihre Formen und Farben durchaus eigene Persönlichkeiten. Auch das hat Spaß gemacht: ein dünnes M, ein mit einem irren Bömmel ausgestattetes f, das feine Y – das sind feinsinnige wie witzige Darstellungen aus der Buchwelt, und daher sind sie beste Ergänzung für dieses Büchlein aus dem Leseleben.

Dieses Buch erhält, ganz klar, einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal. Mal sehen, ob ich es noch zu den anderen Buchwelten stellen kann oder ob eine andere Buchwelt deshalb weichen muss. Ich habe übrigens das Exemplar 1211. Wie schön! Dann hoffe ich doch sehr, dass dieses Buch schon 1210 andere Leser gefunden hat…

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