‚Die Augen des Meeres‘ – Roman von Ionna Karystiani

Veröffentlicht: 25. April 2015 in Bücher, Kultur, Literatur
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Auf der Suche nach Lektüre von einem kretischen Autor, aber mal nicht dem berühmten Nikos Katzanzakis (der u.a. ‚Alexis Sorbas‘ schrieb) bin ich auf Ioanna Karystiani gestoßen, und das war eine wirklich tolle Entdeckung…

Der Ruhestand des 78-jährigen Kapitäns Dimitris Avgustis ist eigentlich überfällig; allein, ihn lässt, so wie er sagt, die Dünung nicht los. Doch ist es nicht nur das: Der Alte hat noch ein viel schwerwiegenderes Problem, das ihn seit 12 Jahren daran hindert, an Land zu gehen – und das, obwohl sich dies zwei Frauen und eine Familie so sehr wünschen…

Dies ist zum einen seine Ehefrau, von der er sich vor vielen Jahren schon im gegenseitigen Einverständnis trennen wollte und die dann doch noch zweimal von ihm geschwängert wurde, was die Sache nicht einfacher machte. So ist es auch kein Wunder, dass er zu seinen zwei Töchtern und dem jüngsten, dem Sohn, 22-jährig, zuletzt leibhaftig gesehen bei seinem letzten Landgang vor 12 Jahren, kein richtiges Verhältnis aufbauen konnte.
Zum anderen wartet seine Geliebte Litsa geduldig auf ihn – eine Lebensliebe, zu der sich der Kapitän niemals ganz bekennen konnte.

Und so lässt der Käptn immer neue Ladung auf sein Frachtschiff laden und ignoriert geflissentlich die Anweisungen des Reeders, nun endlich von Bord zu kommen. Warum? Seine Ehefrau, die sich extra nach Japan begibt, um ihn zur Umkehr zu bewegen, lüftet das Geheimnis innerhalb von 2 Tagen, was weder die Mannschaft noch der Smutje, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbindet, je herausgefunden hatten. Es wollte vielleicht auch keiner sehen, denn: Er ist nicht nur ein leidenschaftlicher Meeresliebhaber, sondern zudem ein begnadeter Seebär, den keine wilde See oder ein Motorschaden auf offenem Meere beeindruckt. Immer und immer kommt die Ladung wohlbehalten an ihr Ziel, und auch die Mannschaft steht voll hinter dem Alten.

Nur der Familie fehlt der Gatte und Vater. Die Töchter haben sich einigermaßen mit der Abwesenheit des Vaters arrangiert, wenn vielleicht eher schlecht als recht; doch der Sohn findet nicht zu sich selbst und vertut alle Chancen, sich eine Zukunft aufzubauen.

Der neue Stewart, der an Bord kommt, erinnert den Alten an seinen Sohn und durch ihn findet er auch zu seinem Schmerz über die nie dagewesene Nähe zu seinem ungewollten Nachkömmling. Und, ganz behutsam findet eine Wandlung statt, die den Alten zur Umkehr bewegt – im wahrsten Sinne des Wortes: Denn die letzte Fracht muss der Käptn mit dem durch einen Motorschaden beschädigten Schiff rückwärts zum letzten Hafen navigieren lassen.

Auch Litsa, die Geliebte, kommt in dem Roman ausführlich zu Wort in Briefen, die sie an den Geliebten verfasst und später auch an dessen Sohn, der Wind von der jahrzehntelangen Liebe bekam und begann, sie zu besuchen. Und in ihnen kommt ihre Lebens- und Liebesphilosophie zum Ausdruck, die einfach auch ganz besonders ist.

Wunderschön geschrieben sind diese Briefe, wunderbar beschrieben ist das Leben auf See und die Menschen – das macht diesen Roman so lesenswert. Es werden zwei ganz besondere Charaktere beschrieben, so anschaulich und nah, fast, als wäre man selbst mit an Bord. Und wir lernen auf berührende Weise, dass Blut dicker ist als das salzigste Meer…

Ioanna Karystiani hat wohl mit anderen Büchern noch viel mehr Furore gemacht (z.B. mit ‚Die Frauen von Andros‚), habe ich im Nachhinein festgestellt. Und also: Diese Autorin ist für mich eine Neuentdeckung, und es wird – garantiert!!! – nicht das letzte Buch sein, das ich von ihr gelesen habe.

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