‚Fast Fashion‘ – Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg

Veröffentlicht: 7. Mai 2015 in Kultur

Die Ausstellung habe ich mit meinem Sohn besucht und sie hat uns eigentlich nur noch einmal vor Augen geführt, was wir eigentlich alles schon wissen. Eigentlich. Uneigentlich ist das aber immer wieder schmerzhaft.

Wir alle, die wir in der westlichen Welt geboren wurden, wissen eigentlich, dass wir sowas von Glück hatten, nicht irgendwo in Afrika oder Asien auf die Welt gekommen zu sein, ich finde sogar, ich habe Glück, nicht in Amerika geboren zu sein. Wir wissen, dass wir hier sowas von privilegiert sind. Wir haben jede Menge Bildung, und wir haben Geld, um uns zu verwirklichen, der eine von uns mehr, der andere weniger. Ist ja alles nicht neu.

Es ist für mich jedoch jedes mal sehr schmerzhaft zu sehen, dass unser Leben auf etwas aufbaut, das andere Menschen zum Opfer macht. Und das wird besonders deutlich, wenn man sich die verschiedenen Aspekte der kommerziellen Klamottenindustrie vor Augen führt. Wir wissen eigentlich, dass es nicht gut sein kann, wenn in unserer Kleidung steht ‚Made in Bangladesh‘, eigentlich wissen wir doch, dass die Näherinnen im Akkord von früh bis spät schuften, und zwar schuften, um zu überleben, denn das Geld reicht nur für das Nötigste an Nahrung und Miete. Wir wissen, dass die Kleidung mit Chemikalien gefärbt wird, die nicht gut für uns sind – die Näherinnen hängen mit ihrer Nase den ganzen Tag darüber. Wir wissen auch, dass der Transport so organisiert sein muss, dass kein Ungeziefer die Ware zerstören kann, und dass Formaldehyd und andere scharfe Mittel nicht gut für den Menschen sind, wissen wir auch. Eigentlich ist uns auch nicht neu, dass also die Arbeiter in Indien, Bangladesh und anderen 1000 Orten unter denkbar schlechtesten und ungesunden Arbeitsbedingungen ihren Lebensunterhalt verdienen, wenn sie das überhaupt schaffen. Versicherung? Vergiss es.

Oder die konventionelle Baumwollproduktion – ein Teufelskreis: Die Bauern sind oft Analphabeten. Für ihre Baumwollfelder kaufen sie zum Schutz gegen das Ungeziefer Chemikalien bei Händlern, die auf Provisionsbasis bezahlt werden, und die Chemiefirmen setzen sie unter Druck. Die Bauern sind auf den Rat der Händler angewiesen, und natürlich geht es am Ende um Profit. So kommen Insektenschutzmittel zum Einsatz, die hier in Europa schon längst verboten sind. Die Bauern sprühen die Felder damit, selbst tragen sie weder Mundschutz noch Schutzkleidung, ständig kommen sie mit den Chemikalien in direkte Berührung. Abends fehlt aber das Wasser, um sich davon zu reinigen. Tja, und wer aus der Kleidungsindustrie will eigentlich wissen, wie gesund diese Baumwolle dann noch ist?

In einem Video erzählt eine Frau aus Indien – sie trennt aus Europa zurückgeschickte Kleidung auf, sortiert sie und bereitet sie zur Wiederverwertung vor – dass sie sich die Berge wunderbarer Kleidung dadurch erklärt, dass wir in der westlichen Welt so eine große Wasserknappheit haben müssen. Denn wenn es anders wäre: Warum würden die Sachen nicht gewaschen? Man könnte sie dann doch viel länger tragen…

Eigentlich wissen wir das alles. Wir wissen, dass Angorakaninchen bei lebendigem Leib gerupft werden, wissen, dass die Fabriken der Näherinnen nicht sicher sind, wissen, dass die Materialien oft nicht nur chemisch behandelt wurden, sondern auch deren Herstellung mit schlimmer Umweltverschmutzung einhergeht. Eigentlich.

Der zweite Teil dieser kleinen, aber schwer beeindruckenden Ausstellung handelte dann um ‚Slow Fashion‘ – neue Wege werden versucht, Materialien aus der Natur zu gewinnen, die derselben nicht abträglich sind; Mode wird entworfen unter dem Gesichtspunkt, dabei so wenig Müll wie möglich zu produzieren. Zum Gerben von Leder – ein sehr umweltschädliches Verfahren, wenn es auf herkömmliche Weise geschieht – werden Stoffe aus dem Rhabarber oder aus Olivenblättern benutzt. Algen werden zu Stoff verarbeitet und bieten günstige Eigenschaften.

So geht es einfach nicht weiter. Auch mit diesem Klamottenwahnsinn muss Schluss sein. Ich will zukünfig verstärkt darauf achten, Kleidung zu kaufen, die auf Ausbeutung von Mensch und Natur verzichtet. Zum Glück war ich nie eine große Shoppingtante, aber jetzt, nach Besuch der Ausstellung, bin ich schwer motiviert, mein Kleiderregal nur mit Bedacht zu füllen.

Mehr über diese Ausstellung (sie läuft noch bis zum 20.9.15) findest Du hier.

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Kommentare
  1. Um den schier unstillbaren Durst des weißen Goldes zu löschen, wurde in Kasachstan den beiden wichtigsten Zuflüssen des Aralsees das Wasser entnommen. Der Aralsee ist der viertgrößte See der Welt. Vor 40 Jahren strotzte er noch vor Artenvielfalt und ernährte die Anwohner mit seinem Reichtum an Fischen. Jetzt hat er sich zu zwei Dritteln in eine Salzwüste verwandelt und kein Fisch schwimmt mehr in ihm.
    so viel zur Baumwolle, dazu das ganze Gift, das Monokulturen erfordern… die Menschen werden krank und leiden an Krebs, Anämie und Missgeburten…
    meine Kleider kaufe ich meist Second-Hand…

    • kutabu sagt:

      Um das Drama um den Aralsee ging es in der Ausstellung auch. Ganz schlimm. Second Hand ist eine gute Sache, für Kinder finde ich, ist es beinahe Pflicht wegen der Chemikalien. Es ist auch nicht so, dass die Firmen (noch) weggucken (können), und sicher ist es besser, die Produktionsbedingungen zu verbessern, wie es z.B. H&M zumindest vorhatte. Aber irgendwie reicht das alles nicht, finde ich. Oder: fürchte ich.

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