‚Picasso und die Folgen‘ – Ausstellung in den Deichtorhallen, Hamburg

Veröffentlicht: 9. Juni 2015 in Ausstellungen, Kultur, Kunst

Picasso ist überhaupt der Name der klassischen Moderne, der Künstler, der von einem Stil zum nächsten kam, der neue Strukturen, Muster und Perspektiven fand und mit ihnen neue Stile und Richtunen erfand. Er ist zugleich ein Über-Künstler, an dessen Ruhm, aber auch Esprit – und Charisma – so schnell niemand herankommt. Dass er vermutlich einen riesigen Teil der nachfolgenden Künstlerschaft inspiriert hat, ist keine Frage. Er hat sie alle geprägt und ihr Werk beeinflusst.

Werke von Picasso wurden in der Ausstellung nicht gezeigt, denn um diese geht es nur sekundär. Vielmehr geht es um die Künstler (bzw. um einige), die sich konkret auf Picasso oder seine Werke beziehen und diese in ihre Kunst nicht nur rezipieren, sondern auch zu etwas Neuem verarbeiten.

Ich fand die Ausstellung schwer zu fassen, darum kann dies nur ein Versuch der Annäherung sein.

Zum Einen gab es viele Werke, die sich auf Picassos ‚Guernica‘ bezogen. Guernica ist entstanden unter den Greueln des spanischen Bürgerkrieges. Natürlich sagt dieses riesige Gemälde noch vielmehr aus, ist es nicht schließlich eine Kritik an jedem Krieg, der geführt wird und unter dem die Zivilbevölkerung immer schwer zu leiden hat. Gerade deshalb hat dieses monumentale Werk sicher so viele Künstler bewegt und zum Zitieren angeregt.
Beeindruckt hat mich hier besonders das riesige Gemälde von einem Künstler, der es vielleicht in der Originalgröße (ich habe das Original nie gesehen, war bei meinem NY-Besuch nicht im MoMA – ein grober Fehler!!!) nachmalte, jedoch sämtliche leidende Figurenteile herauslöste und durch braune ‚anonyme‘ Flächen ersetzte. Das hatte auf mich die Wirkung eines irgendwie anonym geführten Krieges, wo Opferzahlen nur Zahlen sind und die Opfer eine abstrakte Größe zu sein scheinen. Oder es gab ein Wimmelbild aus Knetgummifiguren, eine grässlicher als die andere, ähnlich momumental wie das Original-Guernica. Erinnert wurde auch an den Anschlag auf das Guernica-Gemälde im MoMA durch einen Künstler, der durch eine auf das Gemälde geschriebene Parole das Werk aus der musealen Lüge zu befreien versuchte… Dies sind aber nur einige beeidruckende Guernica-Reminiszenzen von vielen.

Doch auch der Künstlerkult wurde weidlich unter die Lupe genommen: Was bedeutet der Künstler Picasso? Er ist zur Ikone geworden, zum Mythos schlechthin, zum Über-Künstler, mit dem zu messen ein Ding der Unmöglichkeit ist. Auch auf diesen Zustand wurde Bezug genommen, beispielsweise durch den übergroßen Picasso ‚zum Anfassen‘: Einer Puppe mit riesigem Picasso-Kopf und Kleidung, die sich ein Akteur an- bzw. aufziehen konnte, um die Besucher einer Kunstausstellung in Spanien oder Frankreich – weiß nicht mehr wo – zu begrüßen: der personifizierte Mythos schlechthin! Auch der Kunstmarkt, auf dem bei einer Versteigerungen der Picassobilder Un-Summen die Besitzer wechseln, wird kritisch betrachtet, ebenso wie die Ausbeutung der 3. Welt: Picasso und auch andere Künstler haben sich von den afrikanischen Holzmasken inspirieren lassen, doch was sind diese wert auf dem europäischen Kunstmarkt? Ein afrikanischer Künstler hat sich mit dem Thema, was Picasso und seine Kunst bedeutet und daneben seine, auseinandergesetzt. Seine These: Kunst aus Afrika oder von Afrikanern wird neben der europäischen Kunst wie Kunst der zweiten Klasse behandelt…

Es waren wirklich sehr viele verschiedene Aspekte; auch Gemälde im Stile Picassos oder sogar abgemalte Figuren aus Picassos Gemälden, die neu und anders in Szene gesetzt wurden, gab es zu sehen.

Ich fand die Ausstellung ziemlich gut, wenn auch weniger sinnlich, als erhofft. Es war eine, in der auch der Kopf orentlich zu tun bekam, um das Gesehene zu verarbeiten. Die meisten Namen der Künstler waren mir unbekannt, was nicht bedeutet, dass ich ihre Werke nicht gut fand. Es war eine bunte Ausstellung mit tollen Objekten, aber eben auch etwas anstrengend. Aber das ist in Ordnung.

Hier gibt es einige Impressionen aus der Ausstellung (sie läuft noch bis zum 12. Juli, Maren) zu sehen.

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Kommentare
  1. Maren Wulf sagt:

    Da muss ich jetzt aber doch sehr lachen! Beim Lesen fragte ich mich, ob und wenn ja, wie lange ich wohl noch Zeit für diese bisher verpasste Ausstellung habe und schwupp – kriege ich die Antwort und das auch noch ganz persönlich. 😉 Deine Vorstellung macht mich richtig neugierig. Die Idee, aus Guernica (ich hab mir das Werk vor Jahren in Madrid wieder und wieder angesehen) sämtliche leidenden Figuren herauszulösen und durch „Leerstellen“ zu ersetzen, empfinde ich aufs erste Lesen als geradezu abseitig. Das muss ich mir unbedingt ansehen. Und dass der Kopf zu tun bekommt, ist ja auch nicht das Schlechteste, was sich von einem Ausstellungsbesuch sagen lässt. Danke für die Anregung und liebe Grüße in die Nachbarschaft!

    • kutabu sagt:

      Viel Freude und gute Gedanken in der Ausstellung! Wenn Du den Link in meinem Blog anklickst, siehst Du einige Fotos aus den Räumen, auch das besagte mit den Leerstellen. Am Tresen gibt es übrigens eine Übersicht, welche Gemälde zum Teil genau zitiert wurden (ich hab’s zu spät gesehen, hätte es aber hilfreich gefunden). Ach, Guernica hängt in Madrid? Das hatte ich in der Ausstellung falsch verstanden. Um so besser, weil näher dran 🙂

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