August Sander und die Kölner Progressiven – Ausstellung im Ernst-Barlach-Museum in Wedel

Veröffentlicht: 8. August 2015 in Kultur

August Sander war einfach ein begnadeter Fotograf – mit seinem Bildband ‚Antlitz der Zeit‚ hat er eine Umschau durch die menschliche Gesellschaft im Deutschland der 20er Jahre geschaffen, die wohl einzigartig ist. Die Fotos sind gestochen scharf, doch nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch darin, die Menschen zu portraitieren, zum Einen den Menschen in seiner ganzen Individualität zu erfassen; zum Anderen aber ist August Sander auch eine Art Typisierung gelungen. Wer gehört zum Bürgertum, wer ist Arbeiter? Es sind zarte Bilder, die Verletzlichkeit zum Ausdruck bringen, Stolz – auch Stolz, einer bestimmten Zunft anzugehören -, oder manchmal kommt auch einfach die Einfachheit, sowohl der gesellschaftlichen Herkunft als auch des Seins zum Ausdruck. Das ist neben aller Ästhetik der Fotos zudem sehr berührend.

Die Ausstellung wurde kombiniert mit einer Bewegung, der sich auch August Sander anschloss, und die aus Kunstschaffenden bestand, die sich ebenfalls zum Ziel gesetzt haben, die menschlichen Sozialstrukturen zu analysieren und bildlich darzustellen.

Ich finde diese konstruktivistischen Bilder im Grunde genommen merkwürdig; denn sie versuchen, die Eigenschaften herauszuarbeiten, die für alle gültig sind, und das bedeutet hier: Entindividualisierung im konstruktivistischem Stil. So ist beispielsweise auch Gerd Arntz hier mit seinen wunderbaren Holzgrafiken ausgestellt, in denen er versucht hat, Gebäude und ihre menschlichen Bewohner oder Nutzer zu typisieren: Da ist ein Wohnhaus zu sehen, ein Kaufhaus, ein Krankenhaus, ein Gefängnis und noch einige Gebäude mehr, die Figuren und die Räume sind kunstvoll nur in schwarz und weiß abgesetzt, und ihre Bedeutung ist genial eindeutig. Arntz gilt auch als Begründer der Piktogramme. Die ausgestellten Bilder sind sehr gekonnt und ästhetisch, und doch findet eine Typisierung statt, ohne den Menschen in seiner Indidualität im Blick zu behalten. Das wollte Artz bzw. die anderen Künstler wie Heinrich Hoerle oder Franz Wilhelm Seiwert (um nur einige der ausgestellten Künstler zu nennen) wohl auch gar nicht. Aus heutiger Sicht finde ich diese Sichtweise jedoch problematisch. Damals war es eine neue Bewegung, die die Gleicheit des Menschen in den Fokus stellte, und das hatte damals sicherlich auch seine Berechtigung.

Ich bin froh, dass ich es noch zu dieser Ausstellung geschafft habe, denn sie endet am 23. August.

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