‚Das achte Leben (für Brilka)‘ – Roman von Nino Haratschwili

Veröffentlicht: 30. September 2015 in Bücher, Kultur, Literatur

Auf diesen Roman kam ich allein durch Klappentexterin und ihren Lesebericht. Wichtig war aber auch, dass ich eine sehr gute Freundin habe, die seit Jahren regelmäßig nach Georgien reist – ein Land, das für mich nur ein weißer Flecken auf der Landkarte war. Sie musste mir einiges über das Land erzählen.
Sicher ging es mir auch immer darum, diesem von mir geliebten Menschen nahe zu sein, sonst hätte ich mir wohl mehr Zeit gelassen, um mit diesem Buch zu beginnen. Nun aber brannte ich darauf, diesen Ziegelstein aufzuschlagen. Ja, echt: Ziegelstein: immerhin hat das Buch 1275 Seiten, auf denen sieben Leben und noch viel mehr hinreißend erzählt wurde.
Es ist eine Familiensaga, die sich von ca. 1900 bis 2012 hinzieht, und es wird über die Familie Jaschi berichtet, aus Sicht von Niza, der Ururgroßenkelin eines einstmals erfolgreichen Schokoladenfabrikanten, der das Rezept einer Schokolade kreiert hat, die die Menschen zugleich verzückt, entrückt und verflucht – gefährlich also, es anzuwenden, weswegen er sich dagegen entscheidet und es lediglich seiner drittgeborenen Tochter Anastasia anvertraut.
Doch geht es nicht (nur) um Schokolade in diesem Buch, sondern vielmehr darum, was die bewegte Geschichte Georgiens mit den Menschen gemacht hat. Georgien hatte es schwer, unabhängig zu sein und war es lange, lange Zeit auch nicht, gehörte es doch zur Sowjetunion. Die Menschen, das wurde mir durch dieses Buch einmal mehr vor Augen geführt, waren dem russischen Regime komplett verschrieben – Josef Stalin, der in diesem Buch niemals namentlich erwähnt wird – und so könnte dies Buch auch eine ausgedachte Geschichte der Geschichte bleiben – war schließlich selbst Georgier, was die Sache nicht besser machte.
Die Menschen, sie litten. Ihre Individualität wurde mit Füßen getreten. Integrität galt nur ewas gegenüber dem Regime, die Treue oder Loyalität im mitmenschlichen Miteinander wurde ständig verraten. Insofern ist dieses starke Buch zugleich ein trauriges.
Die Liebesbeziehungen blieb vor allem für die Frauen eine große Ansammlung von Misserfolgen. Keine Ehe gab es in diesem Buch, die glücklich war. Und wenn sie es doch war, wirkte, wie im Falle von Anastasias Schwester Christine, die Weltpolitik um so stärker auf sie ein, um am Ende doch verraten zu werden. Die Männer sind aber ebensowenig erfolgreich: ihre Lebenslieben sind der wunde Punkt, die Achillesferse, von wo aus sie verwundbar sind und am Ende daran auch ein Stück weit innerlich zerbrechen.
Ich wusste so wenig über ein Leben in Osteuropa, dank dieses Buches kann ich aber erahnen, dass ich ein Schweineglück habe, in den Westen geboren worden zu sein!

Das Buch ließ sich übrigens zunächst für mich ziemlich sperrig an. Nino Haratschwilis Sprache war zunächst unliterarisch, ich hatte große Probleme mit den abgehackten, unvollständigen Sätzen, einer absolut uneleganten Literatur… Es hat viele viele Seiten gekostet, bis sich ihr Stil verfeinert hat, und wenn mich die Handlung nicht gepackt hätte, hätte ich mich sogar gequält. Doch die Sprache gewann, die Handlung gewann ebenfalls an Format, und es waren auch die Geschichten und Gedankengänge, die immer interessanter wurden und dabei auch immer geschickter formuliert, so dass sich der Lesegenuss schließlich von Seite zu Seite steigerte. Wie Nino Haratschwili es schafft, über die menschlichen Abgründe zu reflektieren, ist einzigartig!

Nun, da ich das Buch durch habe, bin ich einmal mehr froh, es nicht weggelegt zu haben (aber wer meinem Blog folgt, weiß, dass ich zäh und gnadenlos mir selbst gegenüber bin!!), denn oh! – was wäre mir entgangen!
Das siebte Leben schließlich handelt von der Erzählerin Niza, einem hochbegabten und zugleich zutiefst unglücklichen Menschen, der durch ihre Nichte (Brilka) beinahe dazu genötigt wird, sich mit ihrer Herkunft und Familie auseinander zu setzen – nicht nur zu Brilkas Rettung, sondern auch zu der eigenen… Und so endet das Buch gar nicht so düster, wenn auch die letzte Seite noch leer ist, denn Brilka ist erst 12 Jahre alt, und ihre Geschichte wird das achte Leben sein muss noch erst erlebt werden…
Ich habe das Buch sehr gern gelesen, es gehört in diesem Jahr zu den spannendsten und beindruckendsten Büchern auf meinem Nachttischchen. Klarer Fall, es wird auch einen Platz im Bücherregal bekommen (und das ist wirklich eine Ehre!) – dies Buch soll bei mir bleiben!!!

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