‚Vater und Sohn unterwegs‘ – Roman von Heðin Brú

Veröffentlicht: 21. Dezember 2015 in Bücher, Kultur, Literatur

qmrcunhtqkrornjk6t5c_9783945370032Es ist nicht nur das wunderschöne blau-in-blaue Buchcover mit den schwebenden Walen drauf, das mich auf dieses Buch neugrierig gemacht hat – auch, ein Buch von einem färöischen Autor kennen zu lernen, finde ich spannend! Diese klitzekleine Inselgruppe hat also auch ihre eigenen Autoren, das hatte ich vorher nicht gewusst.

Färöisch ist schließlich eine Sprache, die von vergleichsweise wenigen Menschen gesprochen wird, und allein deshalb ist es um so wichtiger, dass diese Sprachminderheit einn festen Platz in unserem Bewusstsein hat. Es ist ja nichts Neues, wenn ich schreibe, dass jeden Tag eine Kultur vom Untergang begriffen ist!

Das Buch ist zwar gerade neu herausgegeben worden, aber durchaus kein neuer Roman. Er ist ca. 1940 erstmalig herausgekommen.

Ein alter Mann geht mit seinem jüngsten Sohn und den anderen Bewohnern des Ortes auf Waljagd. Dadurch hat er die Möglichkeit, an der Walfleischversteigerung teilzunehmen. Etwas alkoholisiert und enthusiastisch wegen der Vorfreude auf den guten Happen ersteigert er jedoch das Walfleisch zu einem Preis, den seine monetären Mittel bei weitem übersteigen. Die Zeit bis zur Eintreibung der Schulden, ungefähr ein Vierteljahr, nutzt er, um an Geld zu gelangen, was aber alles andere als einfach ist, erst recht, wenn man sich mit der modernen Welt nicht auskennt und den neuen technischen Errungenschaften wie Autos oder Motorbooten skeptisch gegenüber steht…

Die Versuche, Geld auf seine Weise zu verdienen, durch Fischfang oder Herstellung von Pullovern, ist nicht einträglich genug – seine anderen Söhne sind ohnehin verschuldet, machen sich deshalb jedoch keine Sorgen, können aber dem Alten, mit seiner Angst vor der Verschuldung, auch nicht helfen. Auch sein jüngster Sohn kann das nicht – er wird in dem Buch als jemand beschrieben, der schon viel Spott in seinem Leben hat einstecken müssen und mehr ängstlich ist als zupackend.

Es ist eine einfache, karge Sprache, die hier in dem Roman gesprochen wird, was sehr bodenständig klingt. Bei aller Tragik der Umstände bleibt der Humor jedoch wichtiger Bestandteil der Erzählung. Beinahe naiv steht der Alte der komplizierten modernen Welt gegenüber, die er nicht mehr versteht. Aber das macht den Reiz dieses Romans aus, der in Stellen auch an Flauberts ‚Bouvard und Pécuchet‘ erinnert, wenn der Alte immer neue Projekte anstrebt, um an Geld zu kommen. Es ist aber so ganz auf Augenhöhe des alten Mannes geschrieben; seine naive, gottesfürchtige Sicht der Dinge ist die Perspektive, die der Erzähler einnimmt, und so fühlte ich mich als Leserin mitten hineingesetzt in diese alte färöische Welt.

Ich glaube, es ist sehr schwer, Worte in einer Sprache zu finden, in der es keine eigene Literatur gibt – das nämlich war die Situation von Heðin Brú, als er begann zu schreiben; eine literarische Tradition in färöischer Alltagssprache gab es nicht. Ein Grund dafür mag sein, dass es natürlich nicht besonders einträglich ist in einer Sprache zu schreiben, die von nur derart wenigen Menschen gesprochen wird.

Um so schöner finde ich, dass diese literarische Rarität wiederentdeckt und aufgelegt wurde – danke an den Guggolz Verlag!

 

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