‚Pastor Ephraim Magnus‘ – Theaterstück von Hans Henny Jahnn, Inszenierung: Frank Castorf

Veröffentlicht: 15. Februar 2016 in Kultur, Theater/Oper

Ein Theaterstück, entstanden unter den entsetzlichen Erlebnissen des ersten Weltkriegs, verspricht Auseinandersetzung mit den Qualen des Menschseins und der Frage,  ob Erlösung davon überhaupt möglich ist. Hans Henny Jahnn hat dieses wortgewaltige Stück 1919 geschrieben, und die Sprache, der er sich bedient, ist unflätig, obszön, die Figuren schreien ihre Ängste und Nöte aus sich heraus, es steht ja auch eine Menge auf dem Spiel, denn wie kann ein Leben gelebt werden, wie kann man mehr sein als eine leere Hülle? Wo bleibt der Sinn des eigenen Seins? Pastor Ephraim Magnus brüllt es heraus, bevor er seinem erbärmlich und armselig empfundenen Leben ein Ende setzt, warnt zugleich seine drei erwachsenen Kinder vor einem ungelebten Leben, fordert sie auf, auszubrechen, nicht brav dahin zu vegetieren, um am Ende zu rekapitulieren, es sei nichts gewesen. Die Botschaft kommt an: die Kinder gehen vom Totenbett, um von nun an ein entfesselte Leben zu führen – doch stürzt es sie in ungehemmte Brutalität und sogar Mord.
So weit die Textvorlage, die heftig., drastisch ist in der Wortwahl, und uns Publikum einmal mehr vor Augen führt, dass Erlösung, auch von religiöser Seite, nicht zu erwarten sei.

Das Bühnenbild ist bombastisch fantastisch und die Drehbühne, voll genutzt bis zum Anschlag, zeigt viele Innenräume, die durch filmische Mittel (es wird alles auch mit mehreren Kameras aufgenommen und auf Leinwänden wiedergegeben) zudem  verdoppelt und damit noch intensiviert werden.
So weit, so strapaziös (und das ist völlig okay), so gut.

Aber. Was macht Frank Castorf aus diesem Stück, außer dass er Textpassagen hinzufügt (und auch damit habe ich kein Problem)? Er lässt die Puppen, um nicht zu sagen Püppchen, gehörig tanzen und entwirft die klischeehaftesten und dümmsten Altmännerphantasien und lässt sich m. E. unreflektiert über die Abhängigkeit der Frau vom Mann aus. Wenn Mathilde sich auf den Deal, Jakobs Freund zu vögeln, einlässt, wenn Jakob sie danach nur heiratet, geschieht dies derart ungebrochen zu dem Text, dass mir da nur schlecht werden kann. Und wenn Johanna sich oben rum ausziehen soll, mit Cola übergossen und dann in einen Kühlschrank eingeschlossen wird, damit sie der Mann später ablecken kann, dann sehe ich da nichts als unreflektierte Erniedrigung, der beide Schauspielerinnen (weder Bettina Stucky als Mathilde noch Jeanne Balibar als Johanna) nichts, aber auch gar nichts an eigener Stimme hinzufügen (die trifft letztendlich keine Schuld – Herr Castorf hat es verpasst, die rechtlose Frau aus der Textvorlage zu reflektieren oder reflektieren zu lassen). Wo sind wir denn?  Ich dachte, in einem modernen Theater?  Da hätte ich nun aber mehr erwartet als unreflektiert inszenierte Männerphantasien von kleinen Blondinen auf Stöckelschuhen, die barbusig mit dünnen Stimmchen und sexy Dialekt über die Bühne staksen. …

Kurz : das fand ich unerträglich, weswegen wir das Theater in der Pause verlassen haben. Natürlich stelle ich mir die Frage, ob ich jetzt zu diesem bürgerlichen Abonenntenpublikum zähle, das Kunst nicht kapiert… Aber wenn schon: diese Theaterinszenierung (bzw. das, was ich von ihr gesehen habe) schließt mich als Frau komplett aus, wenn doch nur der Voyeurismus des männlichen Publikums befriedigt wird und die Frauenfiguren zu nichts mehr taugen als zu sexy Pin-Up-Girls, die sich gern erniedrigen lassen. Das ist mir ehrlich gesagt zu dumm, das muss ich nicht sehen.
Ein Kritiker – die Kritik ist überhaupt eher positiv ausgefallen – schrieb was von ‚tadelloser Inszenierung‘ – meines Erachtens völliger Schwachsinn. Vielleicht ha der Teil nach der Pause das Ruder auch herumgerissen? Dann allerdings ohne mich. Bei mir war der Vorhang schon zu.

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