‚Fische haben keine Beine‘ – Roman von Jón Kalman Stefánsson

Veröffentlicht: 18. April 2016 in Bücher, Isländisches, Kultur, Literatur

produkt-11506Jón Kalman Stefánsson ist für mich beinahe ein Idol, denn seine Bücher – vor allem die Trilogie die er zuletzt veröffentlicht hat (und über die ich mehrfach geschrieben habe, siehe hier) sind die tiefsinnigsten und berührendsten, die ich vielleicht je gelesen habe – auch wenn ich nicht vergessen will, dass eine sehr frühe Trilogie von ihm mich absolut abgetörnt hat und mich beinahe in eine Lesekrise zu reißen verstand. Aber das ist lang her. Jón Kalman Stefánsson findet so feine und treffende Vergleiche zu den unendlich schwierigen Lebenssituationen seiner Protagonisten und fasst diese in eine meisterhaft poetische Sprache (die wir durch die Übersetzungen von Karl-Ludwig Wetzig genießen können), wie ich es wirklich selten erlebt habe.

Insofern bin ich länger um dieses neue Buch herumgeschlichen, als es das verdient hätte, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie es nach der starken Trilogie überhaupt weitergehen könnte mit Jón Kalmans Schreiberei. Nun endlich fasste ich aber den Mut – und wurde nicht enttäuscht!

Keflavík gibt es nicht – mit diesem Zitat beginnt dieser Roman. Keflavík gibt es natürlich doch, denn ein Großteil der Handlung spielt sich dort ab. Gemeint ist jedoch vielmehr, dass Keflavík ein Ort ist, der zum einen durch die langjährige Besetzung durch die Amerikaner und zum anderen durch die Langeweile, die der Ort vielleicht ausstrahlt, einfach übersehen wird, wie das Schicksal der Menschen, die hier wohnen. Zu ihnen gehörte auch Ari, der hier seine Jugend verbrachte, und jetzt, nach einem dreijährigen Aufenthalt in Kopenhagen zurückkommt, um… ja warum? Um seine sehr plötzlich verlassene Ehefrau und seine Kinder wiederzusehen? Oder weil ihn die Erinnerungen an seinen Vater und Großvater eingeholt haben, als erstgenannter ihm ein Foto und eine Urkunde seines Opas zugeschickt hat?

Und es wird die Geschichte aufgerollt: Vom Großvater und seiner Frau, mit der er in inniger Liebe verbunden ist, von Aris Jugend in Keflavík, oder wie er bei einem Job seinem ersten großen Schwarm begegnet, von den Schwierigkeiten, die Ari beim Erwachsenwerden zu durchleben hat, aber auch von den Schwierigkeiten seiner Kumpels und Verwandten. Es geht um seine Familie, um Leben und Tod, Wahnsinn sogar, und vor allem darum, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen aus Beobachtungen, denn dies kann fatale Folgen für alle Beteiligten haben.

Es ist wieder ein wunderbares Buch, in dem die wichtigen, die großen Themen behandelt werden, geschildert an einfachen Menschen, die sich durchs Leben bewegen und trotz einfachsten Lebensstils doch die komplette Philosophie des Daseins vor sich herzutragen haben. Viele Geschichten werden angerissen, viele Themen aufgegriffen – aber dann folgt doch schon das Ende des Buches, ohne dass alle Themen abgeschlossen sind, nur eines, dass allerdings sehr erschütternd ist. Nun heißt es sich gedulden: nächstes Jahr wird der Piper Verlag den zweiten Teil herausbringen…

Noch ein Wort zum Buchtitel: wie oft üblich, wird eine kleine Bemerkung, die in der Geschichte vorkommt, aufgegriffen. Nur schade finde ich, dass es ausgerechnet eine ist, die nichts anderes als eine Binsenweisheit ist und nicht wirklich auf die Tiefe dieses Romanes verweist (wiewohl der Zusammenhang, in dem die Bemerkung in dem Buch fällt, von großer Wichtigkeit ist). Der Titel wurde allerdings aus dem Isländischen übernommen (wenn ich nicht irre), was ihn aber nicht besser macht, finde ich. Gleichzeitig ist es gut, nicht an die vorangegangen Titel der Trilogie anzuschließen. Ich hoffe, dass es keinen Leser abschreckt. Das Cover mit seinem Wal und dem Kanuten wenigstens ist  (wenn auch nicht auf den Inhalt bezugnehmend) wunderschön. Wie der Roman selbst. Lesenswert, unbedingt!

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Kommentare
  1. Maren Wulf sagt:

    Ich habe noch nie etwas von Jón Kalman Stefánsson gelesen – nach deiner begeisterten Rezension (fast liest sie sich wie ein Plädoyer) könnte sich das ändern. 🙂

  2. […] positve Rezension findet ihr bei Kultur-Tagebuch und […]

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