‚Der leuchtend blaue Faden‘ – Roman von Anne Tyler

Veröffentlicht: 29. Mai 2016 in Bücher, Kultur, Literatur

a23903334d86ef55ebe7fddc9d4e0c9bHat eine Familie einen eigenen Charakter? Oder bilden die einzelnen Familienmitglieder mit ihren jeweiligen Charakterzügen einfach nur eine Mischung, die man nicht als einen Charakter zusammenfassen kann? Oder ist es das Haus, in das die Familie einzieht und sie prägt? Wie dem auch sei: In diesem Roman ist die Familie Whitshank, eine amerikanische Durchschnittsfamilie, Thema, und zwar über vier Generationen hinweg.

Das Besondere an dem Roman ist, dass die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird; so setzt die Erzählung mittendrin ein und schildert die schwierigen Beziehungen zu dem Sohn Denny, der sich zeitweise komplett von seinen Eltern und Geschwistern distanziert hat. Warum er sich aber so verhält, wird letztendlich nie geklärt, wenn es auch eine Menge an Erklärungsansätzen gibt, beispielsweise, dass sein Bruder Stem, der in das Geschäft des Vaters eingestiegen ist, gar nicht mit der Familie verwandt ist, sondern wie ein eigenes Kind aufgenommen wurde, als Denny vier Jahre alt war. Doch als die Eltern alt und hilfebedürftig werden, ist Denny für sie da, auch wenn niemand damit gerechnet hat, dass er sich derart zuverlässig verhalten würde.

Dann wird in die Vergangenheit gesprungen, als sich Dennys Mutter Abby in Red Whitshank verliebte (er war es sowieso schon in sie), und schließlich noch weiter zurück, in die Generation davor, zu der Liebesgeschichte der Eltern von Red, die auch das Whitshanksche Haus mit der ungewöhnlich großzügigen Veranda bezogen (nachdem Reds Vater „Junior“ Whitshank es selbst gebaut hatte, aber für eine Familie, die es nicht lang in dem Haus aushielt – es war wie eine Vorausbestimmung, dass der eigentlich Besitzer des Hauses der Erbauer desselben werden sollte). Wie ein Jojo wird die Geschichte hoch und runtergespult – an wohl dem blauen Faden, der erst am Schluss eine Rolle in dem Buch spielt, beinahe wirkt er wie ein später einfall Anne Tylers.
Es ist gar nicht mal so leicht, dieses Buch in ein paar Worten zusammenzufassen. Sogar fällt es mir schwer, zu beschreiben, worin es in der Geschichte überhaupt geht, irgendwie habe ich den roten Faden – oder von mir aus auch den blauen – nicht ganz richtig zu fassen bekommen.

Fasziniert hat mich aber immer wieder die sehr genaue, geradezu analytische Erzählweise, zum Beispiel, als sich Abby in Red verliebte, wie es dazu kam, oder auch als „Junior“ und seine Frau Linnie zusammenkamen: Von ihr aus gesehen ist es die große Liebe, von seiner Seite aus gesehen war es lediglich eine Duldung. – Oder ist es die schwerfällige Whitshanksche Art, mit Gefühlen umzugehen, die sich dann auch in dem zerrissenen Denny wiederspiegelt?

Ich habe das Buch meistens gern gelesen, stellenweise sogar sehr gern, und zwar immer, wenn Anne Tyler haarklein auseinandersetzt, warum ihre Figuren auf ihre Weise agieren, und welche Gefühle dabei eine Rolle spielten; an anderen Stellen musste ich mich aber fragen, warum mich die Geschichte eigentlich interessieren sollte. So fand ich es zum Beispiel sehr interessant zu lesen, dass Stem ein angenommenes Kind ist, das erst nach dem Tode Abbys den Namen der leiblichen Mutter erfuhr (für die er sich eher schämt; sie war der Familie bekannt, wurde jedoch nie sehr geschätzt). Doch welche Rolle spielte diese De-Facto-Adoption wirklich für die Familie? Das ist mir nicht recht klar geworden. Denny, das Sorgenkind der Familie, erfährt eine Wandlung von einem sprunghaften, unzuverlässigen Menschen hin zu einer verantwortungsvollen, integren Person. Nur wodurch dieser Wandel ausgelöst wurde, hat sich mir leider nicht erschlossen.

Zu erwähnen bleibt die wunderschöne Aufmachung, die der Kein & Aber-Verlag zu verantworten hat: Es ist ein weißes Buch mit einem natürlich blauen Lesezeichenbändsel, dazu kommt die liebevolle Covergestaltung mit den Garnrollen. Wunderschön!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s