„… und eine Welt noch“ – Ausstellung im Kunsthaus Hamburg

Veröffentlicht: 7. Juni 2016 in Ausstellungen, Kultur, Kunst

Ausgangspunkt der Ausstellung ist das Werk von Hanne Darboven – eine Künstlerin, der ich mich bislang nie wirklich genähert habe. Ihre Werke sind überwiegend konzeptioneller Natur, und bislang stand ich vor ihren Werken immer etwas hilflos: Große Flächen von eingerahmten Blättern, die für mich rätselhaft mit Zeichnungen, handgeschriebenen (jedoch oft abgeschriebenen) Texten oder mit Ausschnitten aus Zeitschriften gefüllt sind. Das hat mich immer eher erschlagen, da die Werke so unnahbar wirken. – Oder liegt es an der Präsentation?

In dieser Ausstellung wurde ein Auszug von ca. 16 Blättern aus ihrem hunderte Blätter umfassenden Werkes  „Wende 80“ ausgestellt, was uns die Möglichkeit gab, in das Werk einzutauchen, anstatt davon erschlagen zu werden. So waren Zeichnungen zu finden, auch in doppelter, dann aber gespiegelter Art, ein Spiegel-Artikel von 1980 mit einer Interview-Gegenüberstellung zwischen Helmut Schmidt und Franz-Josef Strauß. Ihr Kommentar dazu war die Schwärzung von Strauß‘ Aussagen. Auf einem anderen Blatt hat sie aus dem Brockhaus den Eintrag zu Giorgio de Chirico, dem Vorreiter des Surrealismus, abgeschrieben. Auf anderen Blättern hat sie ihre eigenen Kompositionen aufgezeichnet; die Kompositionen sind jedoch eine Metamorphose aus einer Reihe von Quersummen oder so ähnlich, jedenfalls eine Übersetzung von Etwas in Musik. In der Harburger TU soll das komplette Werk „Wende 80“ von ihr hängen, mit beiliegenden Kopfhörern, um sich die Musik dazu anhören zu können.

In der Ausstellung ging es jedoch dann vielmehr um verschiedene Aspekte, die Hanne Darboven in ihrem Gesamtwerk untersucht hat, und die von anderen Künstlern aufgegriffen oder eben auch verarbeitet wurden, ohne sich auf Darbovens Werk zu beziehen. Nennt man das dann eine Kuratorenausstellung?
Die Werke waren rätselhaft, und ohne etwas darüber zu erfahren (es gab ein wunderbares Skript mit der Eintrittskarte, in dem die Werke erläutert wurden), war es schwer, den Gehalt der Werke zu verstehen. Doch hat man einen Zipfel davon erfasst, eröffnete sich eine ganz eigene Welt. Auch dass wir an der Führung teilgenommen haben, war eine gute Entscheidung.

So fand sich gleich schon ein interessantes Werk in der Eingangshalle von Nick Kopenhagen: „Witterungsreporte“ – hier hat der Künstler über fast drei Jahre in drei Kreisen, die er in 365 Tortenstücke unterteilt hat, das Wetter, aber auch seine eigene Befindlichkeit in Form von grafischer Umsetzung ähnlich einer Legende auf Landkarten festgehalten, was nicht nur großen ästhetischen Reiz hatte, sondern auch Aufschluss über die Zeitenwende gibt, Jahreszeiten, aber auch Reisen des Künstlers finden hier ihren Einfluss.

Ähnliches findet sich in einem Wandteppich, den Susan Morris webte: In ihm befindet sich die Dokumentation von ihrem Leben in der Form, dass sie in den Teppich verwebt hat, wann sie, bzw. die Stadt, in der sie lebt, Licht anhatte, wobei sich zudem durch die verschiedenfarbigen Schussfäden entnehmen ließ, um welchen Wochentag es sich handelte.bild_1
Daneben dann ein ganz anderes Werk, aber auch mit Zeitbezug: Auf riesigen Tischen sind alle Zeitungen Deutschlands von einem bestimmten Tag zusammengetragen worden, so dass begreiflich wird, wie viel Informationen, wieviel Geschichten, Tragödien, aber auch kleine Anekdoten an einem einzigen Tag die Menschen bewegen – eine beinahe erdrückende, auf jeden Fall aber unübersichtliche, ich finde auch überfordernde Menge an Informationen.bild_2
Ein anderer Künstler, Michael Müller, schafft aus den Buchstaben nochmal ganz eigene Zeichnungen, die einem anderen Sinn folgen könnten, als dem des benutzten Textes. Und in den ausgestellten Werken von Irma Blank werden ganze Bücher scheinbar abgeschrieben: Doch die Buchstaben sind eigentlich nicht mehr vorhanden, übrig bleibt das Schriftbild – und der Sinn? Er bleibt ein Rätsel, wie alles ein Rätsel bleibt, das nicht verstanden oder gelesen wird, weswegen es doch einen Sinn in sich trägt.bild_3

bild_5
Sigrid Sigurdsson war mit einem Werk vertreten, das im Grunde ein ähnliches Thema hat: Sie hat von den Ton-Aufzeichnungen der Zeugen und Angeklagten des Holocaust-Prozesses von 1965 alle Pausen zwischen den gesprochenen Worten zusammen geschnitten – entstanden ist ein sehr bedrückendes Zeitzeugnis, das von Dingen erzählt, die vielleicht unsagbar sind.bild_4
Ich kann ja nun nicht alle Werke hier vorstellen, habe auch gar nicht alle in mich aufnehmen können. Es war jedoch ein sehr anregender Nachmittag, der mir nicht nur Hanne Darbovens Werk, sondern zudem das von einigen zeitgenössischen Künstlern näher gebracht hat. Am 26.6. bietet das Kunsthaus Hamburg eine Exkursion nach Harburg zum dort ausgestellten Werk Hanne Darbovens an. Anschließend, nach der Rückfahrt, wird durch die Ausstellung geführt. Mal sehen, vielleicht schaffe ich es, dorthin zu gehen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s