‚Vor der Morgenröte‘ – Film von Maria Schrader

Veröffentlicht: 18. Juni 2016 in Filme, Kino, Kultur

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich von Stefan Zweig noch nie etwas gelesen habe, und auch sonst weiß ich nicht viel von ihm. Durch diesen Film, der in sechs locker verknüpften Episoden aus seinem Leben im Exil zwischen 1936 und 1942 erzählt, weiß ich nun etwas mehr. Aber in diesem Film geht es auch um etwas ganz anderes, nämlich der Heimatlosigkeit, der Überforderung, Einsamkeit, Flucht, kurz, Themen, die einen Flüchtling bewegen, und zwar ganz zeitlos gesehen.

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Filmszene aus ‚Vor der Morgenröte‘ mit Josef Hader; Bildquelle: Filmstarts.de

Stefan Zweig (brillant und gesetzt gespielt von Josef Hader) wird in den Ländern, die ihm Asyl gewähren, gefeiert, geliebt und verehrt – während in ihm drinnen ein Krieg tobt, der Krieg nämlich des schlechten Gewissens, dem Nazi-Regime entkommen zu sein, während dies Glück anderen nicht gewährt wurde. Und nun: Wie soll man, jetzt, aus der sicheren Ferne, Stellung beziehen zu den Vorkommnissen in Deutschland? Die Klappe aufreißen und Hitlers Krieg zu verurteilen, ist seine Sache nicht, zu schwer wiegen die Erinnerungen an die geliebte Heimat Österreich und den Freunden, die nun im Überlebenskampf zurück geblieben sind. Und obwohl der Druck, auch aus den Reihen der Schriftstellerkollegen, groß ist, geht Stefan Zweig abermals ins (innere) Exil – der Einsamkeit.

Und: Wie kann man helfen? Aus der Ferne? Seine Liebsten, wie seine Ex-Frau und deren erwachsene Töchter, kann er zwar retten, aber so viele wünschen sich Hilfe und Unterstützung von ihm – weil er es könnte. Aber kann er es? Die finanziellen Aufwendungen werden von den Bittstellern nicht gesehen – und kann Stefan Zweig die Entscheidung über Leben und Tod treffen, nur weil der eine Kollege schon Bücher veröffentlicht hat und sich im Exil selbst finanziell über Wasser halten könnte, während ein anderer Kollege noch nie etwas veröffentlicht hat? Wer ist er, solche Entscheidungen zu treffen?

Seine Heimat vermisst er schmerzlich – bewegend war die Szene, in der er und seine zweite Frau Lotte mitten in Südamerika von einem drittklassigen Blasorchester einen Wiener Walzer vorgespielt bekommt… Die überaus freundliche Geste reißt die Seele auf, der Schmerz ist beinahe körperlich zu spüren.

Es ist ein kluger Film, in wunderschönen Bildern werden in nicht einfach zu verstehenden Episoden Momente aus Stefans Zweigs Exil-Leben herausgegriffen, um zu beleuchten, welches Leiden so ein Exil mit sich bringen kann, selbst wenn – bzw. gerade weil – man eine berühmte Persönlichkeit ist. Es ist ein sensibler Film, der sich behutsam auf die Suche macht nach den Spuren, die letzten Endes zu dem Selbstmord 1942 führen.

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