‚Toni Erdmann‘ – Film von Maren Ade

Veröffentlicht: 25. August 2016 in Filme, Kino, Kultur

Ein wenig verkehrte Welt mag es in diesem Film ja sein, wenn die Tochter, eine intelligente, gut aussehende, karrierebeflissene junge Frau sich für ihren Vater, der zu gröberen und groben Scherzen aufgelegt ist, schämen muss. Doch wenn es der einzige Mensch ist, der sich überhaupt noch für einen zu interessieren scheint? Der merkt, dass etwas nicht stimmt, wenn die Tochter bei Verwandtenbesuch die ganze Zeit zu telefonieren vorgibt, um sich nicht als unglücklich outen zu müssen? Die von ihrer Arbeit aufgefressen wird und bis ins Intimleben hinein instrumentalisiert wird, um den Umsatz zu steigern?

Da mag der Vater doch die eine oder andere Macke haben, aber wenn er doch um das Wohlergehen seiner Tochter so besorgt ist, dass er ihr sogar ins ferne Rumänien nachreist, um zu schauen, was sie dort so treibt, so lässt das niemanden unberührt – die Tochter auf der Leinwand nicht, und nicht uns im Kinosessel.
In wenigen Tagen erfasst der Vater – wunderbar authentisch gespielt von Peter Simonischek – , dass seine Tochter nicht nur einen verheißungsvollen Job als Unternehmensberaterin innehat, der sie von Rumänien nach Shanghai zu katapultieren verheißt, sprich, eine Karrierestufe höher, sondern auch, dass dies ein Scheißjob ist, der darauf aus ist, die wenig effizienten Arbeitsabläufe in der Industrie abzuschaffen und zu rationalisieren, Outsourcing zu betreiben und mehr Menschen in Rumänien Arbeitslosigkeit zu bescheren (und gleichzeitig die Arbeitskraft der Unternehmensberaterin ebenfalls zu instrumentalisieren und mit Haut und Haaren, bis auf die Knochen, auszubeuten)….

In wenigen Tagen offenbart sich ihm das wahre Rumänien, entfernt von allen Shopping Malls, in denen sich seine Tochter als Begleiterin von Unternehmersgattinnen herumzutreiben hat, findet er Kontakte, der ihm die einfache und herzliche Wesensart der Rumänen offenbart. Etwas, was die Tochter nie entdecken konnte, denn das würde sich mit den Vorstellungen ihres Arbeitgebers einfach nicht vertragen.

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Peter Simonischek und Sandra Hüller in ‚Toni Erdmann‘; Bildquelle: Filmstarts.de

Doch darum geht es ihm gar nicht. Er liebt seine Tochter und will, dass es ihr gut geht. Und die Eskapaden, die er sich erlaubt, um dies zu zeigen, sind überaus witzig und tragisch zugleich, fesseln und berühren mich als Kinogängerin. – erst recht, als der Vater in sein komplett unmögliches alter ego ‚Toni Erdmann‘ schlüpft, das vorgibt mit seiner Sekretärin Miss Schnuck (was seine Tochter sein soll) unterwegs zu sein. Der Film ist ein eigenwilliges Stück auf und ab im Kampf um Liebe und Anerkennung, aber diesmal aus der anderen Richtung – denn es ist der Vater, der um die Anerkennung seiner Tochter buhlt mit dem Ziel, ihr seine Liebe zu zeigen.

Es ist ein wunderbarer Film, der merkwürdig ist, dabei unglaublich komisch und doch so authentisch wie es die Liebe von Vater zu Tochter nur sein kann – eine beeindruckende Berg- und Talfahrt der Gefühle, ein deutscher Film ganz und gar, und das meine ich nicht als Schimpfwort. Deshalb sage ich: Unbedingt ansehen!

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Kommentare
  1. Mindfuck sagt:

    Ich stimme dir absolut zu! Der Film hat eine wirklich trockenen Humor (und ich liebe trockenen Humor) und einen wirklich herzerwärmenden Charme. Heute habe ich erfahren, dass er auch an der Oscar-Verleihung teilnimmt 🙂 Zu recht!

  2. Morgen Luft sagt:

    Eine wirklich schöne Kritik. Mir erging es ähnlich mit dem Berg und dem Tal. Geweint, gelacht, oder sogar beides 🙂

  3. sommerdiebe sagt:

    Ja, Stimme auch zu. Ein absolut berührender lustiger, aber zugleich tragischer Film. Hab mir auch das eine oder andere mal eine Lachträne aus dem Augenwinkel gewischt und im nächsten Moment wieder eine Gänsehaut bekommen. Stark fand ich zum Beispiel die Gesangsszene. Bin gespannt, ob der Film bei den Oscars belohnt wird 🙂

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