‚Manet – Sehen. Der Blick der Moderne‘ – Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle

Veröffentlicht: 18. September 2016 in Ausstellungen, Kultur, Kunst

Zu und zu lange – bis auf den letzten Drücker – habe ich den Besuch dieser Ausstellung vor mir hergeschoben. Und bin doch so froh, kurz vor Ablauf dort gewesen zu sein…
Heute lässt sich kaum mehr nachvollziehen, dass Manets Gemälde zu Lebzeiten des Künstlers Skandale ausgelöst hat; die Menschen haben sich furchtbar über die Bilder aufgeregt. Schlecht gemalt, hieß es da, merkwürdige Motive auch, zum Teil. Dass der Impressionismus die Mal- und Ausdrucksweise revolutioniert hat, ist uns natürlich heute gar nicht neu. Doch Edouard Manet hat malerische Revolution noch ein Stück weiter getrieben, denn nicht nur die Malweise mischte die Menschen damals auf, nicht nur die Motive, die zum Teil aus halbseidenen und sonstigem bürgerlich nicht angesehenem Milieu stammten, sondern vor allem: Die Blicke. Und dies war genau das Thema in dieser Ausstellung.

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Ausschnitt aus Manet’s ‚Nana‘; Bildquelle: Hamburger Kunsthalle

Auf beinahe jedem Gemälde, das mit seinen flirrenden Farben schon ein Hochgenuss für die Augen ist, schauen Augen auf uns Betrachter herab und beginnen ungefragt einen Dialog mit uns. Und so sehen wir uns plötzlich in einem stillen und doch ganz beredten Zwiegespräch mit einer Kurtisane, einem Bettler (als Philosophen), einer Gesellschaft, die vom Balkon zwar herabblickt, aber nicht auf uns, sondern beinahe arrogant über uns hinweg – was aber ebenfalls etwas Angreifendes an sich hat… So werden wir Betrachter in das Bild hineingezogen, es bleibt nicht etwa beim voyeuristischen Blick, der zum Anschauen eines Bildes nun mal dazugehört, sondern der Blick wird beantwortet; das Bild ist nicht nur stilles Opfer von Blicken, nein, es wehrt sich mit einem Selbstbewusstsein, das zu damaliger Zeit, als Gemälde mit solchem Ausdruck noch nicht zu der Bandbreite der Sehgewohnheiten zählte, eine beinahe beängstigende Wirkung haben musste.
Heute genießen wir das, können die nonverbale Sprache vielleicht entschlüsseln, nicht jedoch die ergreifende Aura komplett erfassen, die diese Bilder ausstrahlen. Das Flirrende der Bilder, die komplett erfasste Lichtstimmung oder auch die Stimmung des Augenblicks, besonders gut eingefangen in den Gemälden von Theaterszenen,  deren Wirkung sich erst aus einiger Entfernung erschließt, umschließt uns und stellt in gewisser Weise auch unsere heutige Sehweise immer wieder in Frage. Was sehen wir? Sehen wir das Motiv oder sehen wir die Farben, sehen wir Formen oder Figuren, die mit uns zu sprechen wollen scheinen? Also, ich will gar nicht sagen, dass wir dem damaligen Publikum so viel voraus haben, vielleicht mal gerade, dass wir diese Art von Kunst mit Namen wie ‚Impressionismus‘ oder ‚Klassische Moderne‘ betiteln können. Das Erleben dieser Bilder ist aber im Grunde genommen ganz gleich geblieben.

Die Hamburger Kunsthalle hat sich – hoffentlich nicht nur – anlässlich seiner Neueröffnung jedenfalls ganz schön ins Zeug gelegt, und ich frage mich ernsthaft, wie es gelingen konnte, diese phantastischen Gemälde zum Beispiel dem Musée d’Orsay in Paris oder dem Museum in Chicago für eine Leihgabe aus dem Kreuz zu leiern. Ganz toll!

Leider komme ich noch nicht mit den neuen Gehgewohnheiten, die der Umbau der Kunsthalle mit sich brachte, zurecht. Ich verstehe sowohl die architektonischen als auch die kostensparenden Beweggründe, den alten Eingang zu aktivieren und ihn zu dem einzigen Eingang zu machen. Nun liegt dieser aber auf der vom Hauptbahnhof abgewandten Seite. Man muss also erst einmal um das alte Gebäude herumlaufen, um den Eingang zu erreichen, was mindestens 90% der Besucher tun müssen. Dies macht zusammen mit der herzlich schlechten Ausschilderung irgendwie nicht gerade Laune. Etwas mit dem Weg am Gebäude vorbei stimmt auch nicht: Er ist zugig und nervig, es ist keine Strecke, die man gerne zurücklegt – vielleicht sollte sich das mal ein Feng Shui-Experte ansehen?

Hinzu kommt, dass die Untergeschosse recht bedrückend sind, finde ich – fand ich schon immer. Natürlich macht es Sinn, laufende Ausstellungen dort unterzubringen, aber so viel Freude macht es nicht, zur hohen Kunst so tief herabsteigen zu müssen. Was man nun auch tun muss, um in den luftigen wunderbaren Kubus zu kommen. Unpraktisch und kostenintensiver ist es sicher, zwei Eingänge zu unterhalten, das verstehe ich. Diese Lösung aber, durch die Katakomben von einem Bau in den anderen zu kommen, mag ich persönlich nicht so sehr.

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