‚Greensleeves‘ – Ausstellung von Anna Guðjónsdóttir in der Drostei zu Pinneberg

Veröffentlicht: 1. Oktober 2016 in Ausstellungen, Isländisches, Kultur, Kunst

Die Kulturpreisträgerin 2014 vom Kreis Pinneberg hat die Gelegenheit genutzt, die wunderschönen Innenräume der alten Drostei, gelegen im Herzen Pinnebergs, zu gestalten. Wochenlang hat sie dafür Maß genommen und die hohen, großzügigen Räume mit den alten Kachelöfen auf sich wirken lassen, um schließlich Gemälde herzustellen, die genau für den Anlass dieser Ausstellung bestimmt sind.

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Bildquelle: siehe http://www.drostei.de

So wirken ihre riesigen Bilder wie zusätzliche Fenster, sind die doch zudem auch noch mit eigenen, gemalten Rahmen und scheinbaren Leerräumen ausgestattet, als stünde eine Vitrine vor der Aussicht. Das schafft Distanz. Distanz aber zu was? Hinter den erdachten Rahmen befindet sich großflächige Malerei, erinnernd an Wolken oder Dampf, verschleiernd das, was dahinter liegen mag. Es muss etwas ganz wunderbares sein, das sich hier verbirgt und sich nicht zeigen will. Es ist wie Aschewolken (bei den schwarzen Gemälden), oder Dämpfe, durch die hindurch sich die dahinterliegende Landschaft nicht erkennen lässt – und das hat ganz viel mit Island zu tun, dem Heimatland Annas.

Mich erinnert es genau an diese Landschaften, die ich höchstens erahnen konnte, wenn ich im winterlichen Island vor einer heißen Quelle stand und vor lauter Dampf nicht einmal Konturen der grandiosen Landschaft wahrnehmen konnte, und dennoch komplett in der Natur stand, was durch die Geräusche, die Luft, die ganze Aura der Umgebung nur allzu deutlich zu empfinden war.

Und so empfinde ich auch in Annas riesigen Bildern eine ganz enge Naturverbundenheit, die sich trotz der Trennungen durch den virtuelle Rahmen oder der verschleierten Landschaft vermittelt. Berührend ist dies; berührend auch die aufgestellten Rahmen, wie Nonsens anmutend, und dennoch geben sie den Blick nur auf die Zimmerwand preis, die an einer Stelle furchtbar schlecht tapeziert ist. Eine optische Täuschung ist das allemal, erwartet der Blick durch den Rahmen – auch wenn er nur zwei Seiten verbindet – einen gewissen Fokus auf etwas, das uns BetrachterInnen jedoch verborgen bleibt. Vielleicht ist da aber doch etwas; auch hier könnte man denken, dass solche Gedankenwürfe nur von einer Isländerin stammen können, zu deren Kultur auch der Mythos (oder die Wahrheit) vom unsichtbarem Volk zählt. Vielleicht kann man nicht alles sehen, was es gibt. Es existiert ja vielleicht dennoch? Oder am Ende sogar genau deswegen? In Island und seiner Kultur sind diese Grenzen tatsächlich verschwommen.

Anna spielt mit unserer Wahrnehmung, auch wenn man sich in den Raum begibt, in dem nichts weiter zu sehen ist, als blau angemalte Fenster. Durch verschiedene Lichtstimmungen von draußen ergibt sich aber ein ständig wechselndes Raumempfinden. Und auch hier kommt der Gedanke: Was ist die Wirklichkeit, gemessen an meiner Wahrnehmung, oder gibt es sie überhaupt?

Ein weiteres Thema mag sein, dass der Blick ohne formale, strenge Raumaufteilung diffus bleibt, beispielsweise bei der Rauminstallation, in der kleine rote Gemälde, auf besondere Weise neben- und übereinander kombiniert, sich dennoch aufeinander beziehen. Ein Blick auf Annas Skizzen eröffnet weitere Aspekte auf ihr vielseitiges Œu­v­re.

Eine anregende Ausstellung, die nur noch bis zum 16.10. andauert. Am 9. Oktober gibt es eine Führung unter der Leitung von Anna Guðjónsdóttir. Es wird sicher interessant!

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Kommentare
  1. Maren Wulf sagt:

    Danke – das hört sich verlockend an!

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