„Rasmussens letzte Reise“ – Roman von Carsten Jensen

Veröffentlicht: 1. Juli 2017 in Bücher, Kultur, Literatur

Rasmussens letzte Reise von Carsten JensenCarl Rasmussen (1841-1893) war ein dänischer Maler, der vor allem durch seine Marinebilder Ansehen und Erfolg erzielte. Seine künstlerische Karriere begann er jedoch in Grönland, wo er das ursprüngliche Leben bildnerisch erfasste. Hier war er mit sich und seiner Ästhetik im Einklang. Nach seiner Rückkehr nach Dänemark, wo er heiratete und sein Ansehen vor allem durch die maritimen Darstellungen erlang, begannen im Laufe der Jahre aber auch die Zweifel, ob er sich letztendlich nicht doch dem „Idyllischen“ heimverkaufte und somit Verrat an der Kunst – und sich selbst – verübte.

Während es Rasmussen darum ging, das Schöne – und nur das – zu malen, stößt er im Laufe seines Lebens immer wieder an die bürgerlichen Grenzen. Die Menschen wollen nicht das wahre Schöne von ihm, sondern das bürgerliche Schönheitsideal bestätigt sehen. Obwohl Carl Rasmussen diesen Wünschen versucht, zu widerstehen, fragt er sich, ob er nicht am Ende doch korrumpiert wurde.

Mit dieser Fragestellung reist er  erneut nach Grönland, um diesen Gedanken noch einmal nachzuspüren, und auch, um den Grönländer Jonas wiederzufinden, der durch seine Anteilnahme an Rasmussens Gemälden, durch seine tiefe Rührung, Rasmussens Kunst als authentisch bestätigte.

So beginnt das Buch mit dieser letzten Reise nach Grönland, und wir begleiten Carl Rasmussen dabei. In Rückblicken lässt er sein Leben an sich vorüberziehen, er sucht darin nach seinem ursprünglichen Ansatz und kann ihn so richtig nicht wiederfinden. Er hatte Erfolg – mit Bildern, von deren existentiellem Gehalt er letztendlich nicht komplett überzeugt ist. Er hatte eine Ehe – jedoch nicht mit seiner großen Liebe, seine Verlobte verstarb in Dänemark während seiner ersten Grönlandreise, sondern mit deren Schwester, die ihm eine gute, treue Ehefrau war und mit der er eine Menge Kinder bekam. Woran er auch immer in seinem Leben denkt, zweifelt er doch an der Wahrhaftigkeit seiner Gefühle und seiner Kunst.

Carsten Jensen hat sehr kunstfertig diese Schiffsreise und den Aufenthalt in Grönland beschrieben, die doch gleichzeitig eine innere Reise darstellte, hat interessante Parallelen geschaffen, durch die Rasmussens Konflikt deutlich zutage tritt, und dabei eindringliche Bilder entworfen. Gleichzeitig aber wurde im Roman dieser Maler auch als ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse geschildert, und das mit manchmal karikaturesken Zügen, wie ich finde.
Was ich problematisch finde, ist, dass nicht sicher ist, ob sich Carl Rasmussen wirklich mit diesen Selbstzweifeln herumgeschlagen hat. Denn im Anschluss des Romans steht, dass „seine Gedanken, inneren Konflikte und sein persönliches Dilemma“ die Erfindung des Autors seien. Es stört mich, dass dem Maler Carl Rasmussen diese Selbstzweifel unterstellt werden, und während ich einige Stellen, in denen Carl Rasmussen tragikomische Züge verleiht werden, für sich genommen witzig finden kann, so tue ich mich doch schwer damit, dass eine Person, die wirklich gelebt hat, damit in Verbindung gebracht wird. Dies schmälert mir die Freude an dem Roman, auch wenn ich die Gedanken darin ansonsten existenziell und berührend fand.

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